Die fremde Erinnerung

Spuren des deutsch-französischen Kriegs von 1870 im heutigen Polen

Vor 150 Jahren kam es mit dem Ausbruch des deutsch- bzw. preußisch-französischen Kriegs zum Urknall, der einen mehr als drei Generationen andauernden Zyklus zugespitzter Feindschaft zwischen diesen beiden großen europäischen Nachbarstaaten einleitete. So positiv sich die schon am 4. September 1870 – gleich nach der Niederlage des Second Empire bei Sedan – in Paris ausgerufene Dritte Republik aus späterer und heutiger Perspektive für die Entwicklung Frankreichs und seine internationale Stellung erwies, so tief saß lange Zeit das Trauma der Franzosen, im militärischen Zusammenstoß mit Preußen so schnell und schmählich – mit dem schmerzhaftem Gebietsverlust vom Elsass und eines Teils Lothringens an das ausgerechnet in Versailles proklamierte II. Deutsche Reich – unterlegen zu sein. Die Geburt der bislang längsten republikanischen Ordnung in der französischen Geschichte (1870–1940), die vom Krieg und dem dunklen Kapitel des Vichy-Regimes unterbrochen (1940–1944), nach zweijähriger Übergangsregierung (1944–1946) mit der Vierten Republik (1946–1958) wieder aufgenommen und anschließend von der Fünften Republik (seit 1958) bestätigt und gestärkt wurde, nahm der französische Staatspräsident Emmanuel Macron dieses Jahr zwar zum Anlass, um Sinn und Werte der Republik zu unterstreichen; die Wehen, in denen die Republik das Kaiserreich ersetzte und sich nach innen und außen durchzusetzen hatte, blieben dabei jedoch weitgehend unterbeleuchtet.

Es bestehen selbstverständlich heute noch zahlreiche Kriegsdenkmäler und Gedenktafeln in ganz Frankreich, die an die damals Gefallenen erinnern, doch deren Geschichte wurde später weitgehend von den Namen derer überschattet, die nach den beiden Weltkriegen hinzukamen. Die Spuren des Kriegs von 1870 (la guerre de soixante-dix) werden kaum noch wahrgenommen, und das einst abgetretene Elsass ist in der Zwischenzeit zurückerlangt (1918), erneut verloren (1940) und schließlich wieder einverleibt worden (1945). Ein beachtliches Moment der Niederlage wurde allerdings schon damals, 1870/1871, bald aus dem französischen Bewusstsein ausgeblendet, nämlich die rund 400.000 Kriegsgefangenen, die Richtung Deutschland transportiert wurden und von denen fast 5% umkamen. Auch weit im Osten des neugegründeten Deutschen Reichs, in Pommern, fristeten Zigtausende von ihnen mehrere Monate lang ein immer noch wenig vermitteltes Dasein in deutscher Gefangenschaft, wo manche infolge von Kriegsverwundungen, dürftigen Aufenthaltsbedingungen und Seuchen verstarben. Dort lag deren Sterberate mitunter auch zwei bis drei Mal höher als im Durchschnitt. Zu deren Ausscheiden aus dem kollektiven und kulturellen Gedächtnis der Franzosen trugen nicht zuletzt die neuen Grenzziehungen von 1945 bei. Mit Deutschlands Verlust seiner bislang östlichen Regionen jenseits von Oder und Neiße gelangten zahlreiche Erinnerungsorte und damit ein Teil deutsch-französischer Beziehungsgeschichte in polnisches Hoheitsgebiet (Ähnliches gilt übrigens auch für zahlreiche Gefangenenlager aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.)

Lager für französische Soldaten befanden sich u.a. östlich und nordöstlich von Berlin. Wie auch im Falle ihrer Schicksalsgenossen, die näher zur deutsch-französischen Grenze auf eine baldige Freilassung und Rückkehr in die Heimat hofften, sind viele Notizen, Tagebücher und Erinnerungen aus der Gefangenschaft erhalten geblieben, die jedoch bis auf einige Veröffentlichungen unmittelbar nach der Heimkehr, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, kaum rezipiert worden sind und zumeist im privaten Familien- und Bekanntenkreis verblieben. Auguste C. etwa, ein bei Stettin gefangener und heimgekehrter französischer Feldwebel (sergent) aus dem 71. Regiment, hielt folgende Erfahrungen fest:

„Die Lazarette [in Altdamm bei Stettin, heute in Szczecin als dessen Stadtteil Dąbie bekannt] waren wie in Stettin aus Brettern gebaut. Ende Februar [1871] waren alle Gebäude, in denen wir in der Stadt untergebracht waren, bereits zu Hospizen geworden, so viele Kranke hatten wir zu verbuchen. Die Pocken hatten verheerende Folgen […], der Tod raffte sehr viele dahin. Der Friedhof neben der Stadt war bald überfüllt und so schuf man einen weiteren im Wald. Auf diesem wurde für dreiundsiebzig Thaler ein Grabstein aufgestellt, der von uns Kriegsgefangenen gespendet wurde und der seitdem den Ort kennzeichnet, an dem die Franzosen, die hier verstarben, ihre ewige Ruhe gefunden haben. Deren Zahl ist fürchterlich, lag doch bereits Ende März jeder Achte hier bestattet.“ (‚Campagne et captivité 1870–1871‘, unveröffentlichtes Manuskript, zitiert und übersetzt mit Genehmigung der Nachfahren: PFW).

Nachdem Frankreich und Preußen bereits 1864 die Genfer Konventionen unterzeichnet hatten, galt auch dem Feind ein völkerrechtlich abgesegneter Respekt. Die Praxis gestattete es außerdem, fremde Kriegsdenkmäler unter Denkmalschutz zu stellen bzw. in Einvernehmen mit dem jeweils anderen Staat zu pflegen. Dies geschah eben nach dem preußisch-französischen Krieg von 1870: Neben deutschen Kriegerdenkmälern wurden auch Gedenksteine oder -tafeln für verstorbene französische Kriegsgefangene aufgerichtet, und die einen wie auch die anderen wurden noch Jahrzehnte danach, vor dem Ersten Weltkrieg – zum Teil aufgrund gesellschaftlicher Initiativen – renoviert. Dem überwiegenden Teil der französischen Bevölkerung blieben diese Anstrengungen unbekannt, die Erinnerung an die immerhin eigenen, jedoch im Ausland begrabenen Soldaten blieb ihr weitgehend fremd.

Umso fremder aber musste deren Los den polnischen Neuankömmlingen sein, die nach 1945 in ehemals preußischen Regionen ansässig wurden, standen doch die Aufschriften auf den Franzosendenkmälern zumeist auf Deutsch: Im Zuge der „Entgermanisierung“ dieser laut kommunistischer Propaganda „wiedergewonnenen Gebiete“ fielen auch solche Grabsteine der Entsorgung bzw. Wiederverwendung zum Opfer, wodurch die letzten Spuren jener Grabstätten verschwanden oder verwischt wurden. Nicht selten wurden sie – wie auch verwahrloste deutsche Grabsteine – als Baumaterial in Mauern, Straßen oder Bürgersteigen wiederverwendet, was heutzutage bei Bau- und Renovierungsarbeiten immer wieder für unerwartete Funde sorgt – so beispielsweise vor ein paar Jahren bei Kostrzyn (dem in Polen verbliebenen Teil Küstrins), wo bei Straßenbauarbeiten der ganze Sockel eines Franzosendenkmals auftauchte.

Gedenkstein an in Gefangenschaft verstorbene französische Soldaten in Frauendorf (Golęcino) © Marek Łuczak

Der vom oben zitierten Sergeant erwähnte französische Militärehrenfriedhof in Altdamm (heute Szczecin-Dąbie) zum Beispiel, auf dem anschließend auch russische Kriegsgefangene während des Ersten Weltkriegs bestattet worden waren, besteht schon lange nicht mehr: Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde er gerodet, auf dem Gelände entstand ein großer Fleischbetrieb. Nichts weist auf die frühere Geschichte dieses Ortes neben dem Altdammer Waldgebiet hin, die Erinnerung daran ist aber immerhin in Archivmaterialien und Veröffentlichungen erhalten. Allerdings kommt es heute noch, nach anderthalb Jahrhunderten, zur Wiederentdeckung bislang als verschollen geltender Spuren dieser fremden und dennoch gegenwärtigen und greifbaren, lokalen Geschichte. Dazu verhelfen manchmal der Zufall, Hinweise von Anrainern oder Spaziergängern, meistens aber solide lokalhistorische Kenntnisse, Erfahrung und Leidenschaft, über die beispielhaft – und nicht nur von Amtes wegen – Polizeikommissar Dr. Marek Łuczak, der Leiter der Abteilung für Denkmalschutz an der Wojewodschaftspolizeidienststelle in Szczecin, verfügt. Ende August 2020, nur ein paar Tage, bevor sich die französische Niederlage vom 2. September 1870 bei Sedan zum 150. Mal jährte, gelang es ihm mithilfe einiger Freiwilliger fachkundig und respektvoll die Renovierung eines erst vor kurzem auf dem Friedhof des Szczeciner Stadtteils Golęcino (ehem. Frauendorf bei Stettin) wiederentdeckten Denkmals zu Ehren 34 französischer Soldaten abzuschließen, die im damals nahgelegenen Bergquell-Krankenhaus verstorben und an dem Ort bestattet worden waren.

Der wohl bekannteste Gedenkort, an dem in Szczecin die Erinnerung an französische Kriegsgefangene wachgehalten wird, befindet sich – geradezu ironisch – nur ein paar hundert Meter vom „Deutschen Berg“ entfernt, einem künstlichen Hügel, der 1808 von Napoleons Armee in Kreckow (heute Szczecin-Krzekowo), wenige Kilometer vom damals von den Franzosen besetzten Stettin, als Aussichtspunkt aufgeschüttet worden war und nach dem Zweiten Weltkrieg auf Polnisch entsprechend in „Napoleonhöhe“ (Wzgórze Napoelona) umgetauft wurde. Dort befand sich ein großes Lager für rund 17.000 französische Kriegsgefangene. Unweit davon, in der heutigen Litewska-Straße, wurden 244 von ihnen bestattet. Ein in den 1960er Jahren zerstörtes Denkmal wurde 1997 aufgrund eines französisch-polnischen Projekts am selben Ort neuerrichtet. Bemerkenswert ist bis heute die Tatsache, dass dieser Gedenkort weiterhin – aus alter Frankophilie? – liebevoll gepflegt und regelmäßig mit frischen Blumen ausgeschmückt wird, wobei es sich um eine private Initiative handelt, also ohne offizielle französische Teilnahme: Die Kurzbesichtigung, die der französische Botschafter mit dem Militärattaché im März 2019 während eines Besuchs auf Vorschlag des französischen Konsulats in Szczecin machte, lieferte beiden neue Erkenntnisse zu diesem übersehenen Kapitel des deutsch-französischen Krieges.

Die polnische (Wieder-)Entdeckung dieser Spuren der französischen Niederlage von 1870, fernab der Schlachtfelder, deren Namen in die Geschichtsbücher eingegangen sind, erfolgte nicht unmittelbar nach 1945. Das Interesse an der vielschichtigen Geschichte der ehemals deutschen Ostgebiete ist – so wie am Fall Szczecins sichtbar – das Ergebnis eines langwierigen Aneignungsprozesses in einer erst seit 75 Jahren zu Polen gehörenden Kulturlandschaft. Es bestätigt aber den positiven Trend zur Stärkung einer offenen, lokalen und regionalen Identität in den polnischen Westgebieten.

nv-author-image

Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.