Begegnung mit Władysław Bartoszewski

Es gibt ein Bartoszewski-Denkmal und eine Bartoszewski-Ausstellung, eine Bartoszewski-Briefmarke, eine Bartoszewski-Initiative und eine Bartoszewski-Straße. Und demnächst vielleicht eine Bartoszewski-Brücke. Bedeutung und Verdienste dieses großen, christlich bestimmten Humanisten und Europäers sind zuverlässig, zutreffend und angemessen historisch eingeordnet.

Was hat es jedoch bedeutet, Władysław Bartoszewski als Gegenüber zu erleben, als Vertreter einer anderen Regierung, mit ihm zusammen zu arbeiten? Wie sind wir uns in jenen Jahren begegnet, als ich 2010 – 2014 deutscher Botschafter in Polen war?  Ich werfe einen Blick zurück in die Praxis, in den Maschinenraum der Diplomatie sozusagen.

Um es vorwegzunehmen: Władysław Bartoszewski als wichtigsten Ansprechpartner in der polnischen Regierung zu haben, war für mich der denkbar größte Glücksfall – und es war zugleich ein sehr besonderes Miteinander.

Schon die Grundkonstellation war ungewöhnlich: Die Beziehungen zweier Länder werden im Normalbetrieb von den Außenministerien unterhalten. Ab und an ziehen die Regierungschefs oder die Präsidenten die Dinge an sich, weil besonders weitreichende Entscheidungen zu treffen sind, weil ein Verhältnis besonders krisenhaft ist, weil die Beziehungen das symbolhafte Handeln oberster Staatsspitzen verlangen. Aber das Alltagsgeschäft wird zwischen den Außenämtern erledigt beziehungsweise zwischen den Botschaften und den Außenministerien.

Ganz anders im Warschau des Jahres 2010, als ich dort meinen Dienst antrat. Natürlich verfügt die Republik Polen über vorzügliche Diplomaten, insbesondere auch über Deutschlandkenner. Aber es war eine eigentümliche Resignation, die die für Deutschland zuständige Abteilung im MSZ, dem polnischen Außenministerium, damals ausstrahlte. Der Grund war leicht herauszufinden. Um es salopp zu formulieren: Gegen den alten Herrn im Amt des Ministerpräsidenten, gegen Władysław Bartoszewski, kam man nicht an. Das rührte nicht allein daher, dass er ausdrücklich Donald Tusks Mandat hatte, sich um die Beziehungen zu Deutschland – und zu Israel – zu kümmern: Es hatte in erster Linie mit seiner persönlichen Autorität zu tun. Und er besaß ein untrügliches Gespür dafür, was in unseren Beziehungen gerade möglich war und wohin sie gelenkt werden konnten.

Natürlich hat die deutsche Botschaft in jener Zeit viele praktische Fragen im Verkehr mit dem MSZ erledigen und viele gute Initiativen mit diesem voranbringen können. Aber sobald es irgendwie politisch oder wirklich wichtig wurde, so war es, als verwiese uns eine unsichtbare Hand aus dem MSZ über die Straße hinweg in die Ujazdowski-Allee, ins Amt des Ministerpräsidenten und an den alten Herrn dort.

Erst ganz gegen Ende meiner Zeit in Warschau, das ich Anfang 2014 verließ, begann sich dies zu ändern. Ein ebenso begabter wie aber eben auch machtbewusster und ehrgeiziger Außenminister, Radek Sikorski, konnte und wollte die Beziehungen zu diesem für Polen so wichtigen Nachbarn nicht anderen überlassen. Eine neue Zeit zog herauf. Der Geist der Aussöhnung wurde durch den Geist strategischer Überlegung ersetzt – es ist stark vereinfachend und verkürzend es so zu formulieren: aber ein wenig war es so. Und heute merken wir schmerzlich, wie uns der Geist von Ausgleich und Verständigung fehlt – und manchmal auch strategischer Überlegung.

Władysław Bartoszewski lebte die Aussöhnung und das Bemühen um Ausgleich mit jeder Faser seines Herzens. Er war das gelebte Beispiel dafür, dass Politik am Ende dann besonders erfolgreich sein kann, wenn auch das Herz bei der Sache ist.

Womit wir bei der bemerkenswerten Persönlichkeit von Władysław Bartoszewski sind, zumindest so wie ich sie erlebt habe. Ihm fehlte alles Berechnende, er war wie ein offenes Buch. Das machte ihn so bemerkenswert, so authentisch und so eindrucksvoll. Und das konnte Manches auch so schwierig machen, denn er war – in allem – was er tat, unbedingt leidenschaftlich. So auch in Urteilen über andere Menschen und auch in Äußerungen über diese. Es war sehr wohl zu spüren, wenn er jemanden nicht schätzte oder für nicht satisfaktionsfähig hielt. Und manchem hätten wohl die Ohren geklungen, hätten sie sein Urteil über ihn gehört. „Er kommt ja aus einer durchaus bekannten polnischen Familie“ sagte er einmal über einen wichtigen Berater. „Aber bei ihm ist die Sache leider nur in die Höhe gegangen.“ Nein, Władysław Bartoszewski verstellte sich nicht.

Aber genau das machte den Umgang mit ihm so wertvoll und so besonders. Man wusste stets genau, woran man war. Das soll nicht heißen, dass er unhöflich war – im Gegenteil. Ich vermute, dass jeder, der ihn noch erlebt hat, weiß, dass er der Ausdruck eines Kavaliers alter europäischer Schule war. „Ein reizender alter Herr, formvollendet, der stets schneller zu gehen schien als sein eigener Stock und der genauso schnell sprach“ hat meine Frau ihn in Erinnerung, die ihn bei vielen Anlässen, so auch bei uns in der Residenz, erlebt hat. „Charmant und liebenswürdig – aber ich kann mir vorstellen, dass er auch scharf werden konnte“.

Wo es ging, versuchte Władysław Bartoszewski Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Probleme zu lösen. Aber wenn er nicht wollte, konnte es auch kompliziert werden. Eines Tages hatte ich um ein Gespräch mit ihm gebeten, um ein nicht ganz angenehmes Thema zu erörtern. Auch dafür sind Botschafter eben da: Schwierigkeiten anzusprechen und versuchen, sie auszuräumen. Ich entsinne mich nicht mehr, worum es ging, doch das tut auch nichts zur Sache. Das Gesprächsthema war, wie üblich, vorher angemeldet worden und so wusste Władysław Bartoszewski an jenem Tag genau, worum es gehen würde – aber er hatte offensichtlich beschlossen, darüber einfach nicht zu reden. Nicht dass er geschwiegen hätte – das kann man sich ja gar nicht vorstellen! Nein, vielmehr begann er im besten Sinne zu filibustern. Nach einer guten halben Stunde klugen und interessanten Monologes – wer unterbricht schon eine so eindrucksvolle Person der Zeitgeschichte – schaute er auf die Uhr und meinte: „Oh, ich muss dringend aufbrechen!“ Damit war zu rechnen gewesen. Daher half auch ein schneller Satz – „Herr Minister, ich brauche nur 5 Minuten!“ – um das eigentliche Thema anzusprechen und eine Lösung auf den Weg zu bringen.

Dabei scheute Władysław Bartoszewski sich durchaus nicht, das Schwierige auszusprechen. Denken wir nur an seine große Rede 1995 im Deutschen Bundestag, als er aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sprach. Eine Rede, die selbst Geschichte war, voller Würde und großer Autorität. Und gerade in jenem Moment, der des unermesslichen Leides gedachte, das Polen von deutscher Hand erlitten haben, beklagte er auch „die Leiden von unschuldigen Deutschen, die von den Kriegsfolgen betroffen wurden und ihre Heimat verloren haben“ und „dass zu den Tätern auch Polen gehörten.“ Dies zu sagen, war ihm eine Frage der Wahrhaftigkeit und es war Władysław Bartoszewskis unbedingtem Bemühen um Aussöhnung geschuldet. Solche Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hatte auch der große Intellektuelle Jan Józef Lipski eingefordert, sein Freund, den er daher in seiner Rede mit dessen unerbittlicher und in Polen einst so heftig umstrittener Haltung zitierte: „Das Böse ist Böses und nicht Gutes, selbst wenn es ein geringeres und nicht zu vermeidendes Böses ist.“

Es fügt sich in diese Linie und Haltung, dass Władysław Bartoszewski auch schwierigen Terminen nicht auswich – im Gegenteil. Jährlich begingen wir auch in Warschau, so wie Deutsche auf der ganzen Welt, den Volkstrauertag, den Tag an dem die Deutschen aller Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft gedenken. Wir taten dies stets in einer kleinen kirchlich geprägten Feier, die sich niemandem aufdrängen sollte – und die dennoch auf öffentliche Kritik stieß. Doch Jahr um Jahr war die Republik Polen dort durch eine bedeutende und respektierte Persönlichkeit vertreten, die selbst Opfer deutscher Gewaltherrschaft geworden war: Władysław Bartoszewski. Hier wurde er deutlich, der eindrucksvolle ethische Rigorismus dieses großen Mannes.

Władysław Bartoszewski war eben, um seine eigenen Worte zu benutzen, „ein Mensch guten Willens“.

Sein unablässiges wie unbeirrbares Bestreben, die deutsch-polnischen Beziehungen in guten Bahnen zu halten und noch bessere zu lenken, machte die Zusammenarbeit mit ihm zur Freude. Und seine Einstellung wie sein Handeln waren ein wahres Geschenk für unser Verhältnis. Das heißt beileibe nicht, dass er naiv gewesen wäre oder auf eine falsche Art harmoniesüchtig. Er war ein Mann klarer Standpunkte und fester Überzeugungen. Aber war eben, wenn man das so sagen darf, „versöhnungssüchtig“. Und er war „unbeugsam friedlich“, wie es in der Begründung für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hieß, der ihm verliehen wurde, eine der würdigsten Auszeichnungen meines Landes.

Władysław Bartoszewski hatte einen wunderbaren Humor, der den Umgang mit ihm leicht machte. Dieser konnte auch die Form des Galgenhumors annehmen. Denken wir nur an seine berühmte Sentenz: „Die Diktatoren konnten mich schlichtweg nicht leiden. Ich gestehe, das beruht auf voller Gegensätzlichkeit.“ Und es fehlt ihm ja auch nicht an Selbstbewusstsein. Als der Ausgang der Sejm-Wahlen ungewiss schien und wir uns darüber unterhielten, meinte er ganz gelassen: „Ach wissen Sie, Herr Botschafter, wenn das schief geht, dann ziehe ich eben einfach über die Straße“ – und wies mit der Hand Richtung Belweder, zum Präsidenten-Palast.

Gegen Ende meiner Warschauer Zeit fanden wieder einmal deutsch-polnische Regierungskonsultationen statt, einen ganzen Tag hatten sie gedauert. Alle Minister hatten vorgetragen, was sie in ihren Bereichen besprochen hatten und die Regierungschefs wollten die Verhandlungen beenden. Da meldete sich Władysław Bartoszewski zu Wort. Er wolle gar nicht viel sagen, meinte er und fasste sich diesmal wirklich ganz kurz. Er sei der einzige im Raum, führte er aus, der angesichts seiner Lebenserfahrung und seines Lebensalters das Recht habe zu sagen: „Noch nie in ihrer Geschichte waren die deutsch-polnischen Beziehungen so gut wie heute.“

Dass dies damals auch tatsächlich galt, war eben auch das große Verdienst von Władysław Bartoszewski. Und wie würde er heute auf Polen und Europa schauen? Verzweifeln? Wohl kaum – er würde das tun, was er sein Leben lang getan hat: – kämpfen und seinem Grundsatz treu bleiben: „jestem umiarkowanym optymistą” („ich bin ein gemäßigter Optimist“). Wobei der Satz treffender eigentlich lauten müsste: „Władysław Bartoszewski był niezłomnym optymistą” („Władysław Bartoszewski war ein ungebrochener Optimist“). Władysław Bartoszewski war – und damit trete ich gewiss keinem der bedeutenden Botschafter Polens in Deutschland zu nahe – der beste polnische Botschafter in Deutschland, den Deutschland und Polen nie gehabt haben.

 


Der Text entstand im Rahmen des Symposiums „Brücken bauen“ (November 2020), organisiert von der Bartoszewski-Initiative und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin in Kooperation mit der Europa-Universität ViadrinaKardinal-Stefan-Wyszyński-Universität WarschauKarl-Dedecius-Stiftung, dem Pan-Tadeusz-Museum, Fundacja Służby Rzeczypospolitej, dem Pilecki-Institut unter finanzieller Unterstützung durch das BKM und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

 

 

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Rüdiger von Fritsch

Rüdiger Freiherr von Fritsch ist ein deutscher Diplomat im Ruhestand. Zuletzt war er von März 2014 bis Juni 2019 Botschafter Deutschlands in Russland

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