Diplomatie der Städte

45 Jahre Partnerschaft zwischen Danzig und Bremen

Bürgermeister sind die politischen Führungspersönlichkeiten des 21. Jahrhunderts. Viele Metropolen kooperieren heute weltweit miteinander, die Städte sind zu wichtigen Akteuren der internationalen Politik geworden. Ihr gemeinsames Handeln kann sich positiv auf die Bewältigung globaler Herausforderungen auswirken. Dies sind Thesen des amerikanischen Politikwissenschaftlers Benjamin Barber, die er in seinem Buch „Wenn Bürgermeister die Welt regierten“ dargelegt und in dem er die wachsende Rolle von Metropolen in Zeiten der Globalisierung beschrieben hat. Der 2017 verstorbene Barber war der Auffassung, dass Nationalstaaten nicht in der Lage seien, globale Probleme zu lösen, da sie oftmals nur über beschränkte Kulturkompetenzen verfügten und durch komplizierte Politikmechanismen gebremst würden. Die Zeit der großen, multikulturellen Städte sei gekommen, in denen alle Probleme der modernen Welt zusammentreffen. Für Barber waren die Bürgermeister der Metropolen erfahrene Manager beim Umgang mit lokalen, aber auch universellen Problemen. Die Großstädte  sollten Partnerschaften untereinander aufbauen – nicht um Politik gegen die Nationalstaaten, sondern im Namen höherer Ziele zu betreiben. Indem sie gemeinsam und solidarisch handeln, könnten die multikulturellen Metropolen die Demokratien stärken.

Im heutigen Mitteleuropa, wo wir nach dem Zerfall der zentralistischen Strukturen des Kommunismus einen Dezentralisierungsprozess des Staates durchlaufen haben und wo Oberbürgermeister zu einflussreichen Politikern avancierten, sind Barbers Thesen von großer Bedeutung. Es wird heute viel von einer Diplomatie der Städte gesprochen, der sogenannten Urban Diplomacy. In Zeiten des antiliberalen Nationalismus sind die Oberbürgermeister solcher Städte wie Istanbul, Budapest, Berlin, Leipzig, Warschau, Danzig oder Breslau zu Hoffnungsträgern geworden, die die Demokratie und universellen Menschenrechte über die Staatsgrenzen hinaus verteidigen. Politische Strategien der Städte sind zu wichtigen Orientierungspunkten auf dem europäischen Kontinent geworden.

Europäische Avantgarde der 1970er Jahre

Vor 45 Jahren, als Europa durch den Eisernen Vorhang getrennt war und die ersten partnerschaftlichen Beziehungen zwischen dem demokratischen Bremen und dem von Kommunisten regierten Danzig aufgebaut wurden, war die Umsetzung der Vision der Diplomatie der Städte ein Novum, sie wirkte gar etwas naiv und exzentrisch. Die politischen Umstände waren für solch eine Vision ungünstig. Danzig und Bremen waren damals nicht nur durch zwei Staatsgrenzen voneinander getrennt – die innerdeute sowie die Oder-Neiße-Grenze zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR ­–, sondern auch im Hinblick auf ihre politischen Systeme. 1976 war Bremen eine demokratisch regierte Stadt und zugleich ein Bundesland, was mit überregionaler politischer Bedeutung einhergeht.

Basil Kerski: Diplomatie der Städte. 45 Jahre Partnerschaft zwischen Danzig und Bremen

Links die Bremer Stadtmusikanten und rechts der Danziger Neptunbrunnen

Mitte der 1970er Jahre sah die politische Realität in Danzig ganz anders aus. Die Stadt wurde von einer autoritären kommunistischen Partei regiert. Erst mit dem Untergang des Kommunismus nach 1989 eröffnete sich die Chance für eine Wiedergeburt der modernen Kommunalverwaltung. Dieser Prozess hat eine neue politische Kultur hervorgebracht, die nicht nur lokal geprägt blieb, sondern auf einer unabhängigen Stadtpolitik, einer kollektiven Identität fußte. Die Danziger Oberbürgermeister, allen voran Paweł Adamowicz, wurden zu einflussreichen Akteuren der polnischen Politik.

Bremer Politiker, die in den 1970er und 1980er Jahren auf eine Zusammenarbeit mit Danzig setzten, zählten zur europäischen Avantgarde. Sie schufen neue Verbindungen im systemgeteilten Europa. Trotz großer politischer Einschränkungen seitens der kommunistischen Machthaber mutierte die Zusammenarbeit zwischen Danzig und Bremen zum Vorboten der sich anbahnenden epochalen Umbrüche in Europa von 1989. Die Städtepartnerschaft schuf eines der ersten internationalen Formate, das Begegnungen zwischen Polen und Deutschen ermöglichte. Das damals aufgebaute Vertrauen mündete nach dem Zerfall des Ostblocks in einer realen Städtepartnerschaft. Bremen und Danzig wurden zu Katalysatoren fundamentaler Veränderungen in den deutsch-polnischen Beziehungen.

Als die Vertreter Bremens und Danzigs 1976 ihre Zusammenarbeit initiierten, war der von Bundeskanzler Willy Brandt und Polens Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz im Dezember 1970 in Warschau unterzeichnete „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen“ (Warschauer Vertrag), den der Bundestag nach intensiven Auseinandersetzungen erst 1972 ratifizierte, bereits in Kraft getreten. Für hitzige Debatten in der Bundesrepublik sorgte dabei nicht nur die Tatsache, dass ein demokratischer Staat die Zusammenarbeit mit einem autoritären kommunistischen Regime aufnahm, sondern auch der Inhalt des Abkommens, nämlich die politische Anerkennung der polnischen Westgrenze (obschon noch nicht völkerrechtlich legitimiert).

Der Warschauer Vertrag war ein Abkommen von gesamteuropäischer Bedeutung. Er leitete nicht nur ein neues Kapitel in den offiziellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem kommunistischen Polen auf höchster diplomatischer Ebene ein, sondern trug auch zur Entspannung der Beziehungen zwischen beiden Völkern bei. Und die persönliche, spontane Geste von Bundeskanzler Brandt, des einstigen politischen Flüchtlings und Gegner Hitlers, der im Dezember 1970 vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstandes niederkniete, war eine aufrichtige Willensbekundung zur Versöhnung zwischen den Nationen.

Der Visionär Hans Koschnick

Ohne das Wirken von solch politischen Visionären wie Bundeskanzler Willy Brandt, dem Breslauer Erzbischof Bronisław Kominek, dem Verfasser des Briefes der polnischen Bischöfe, oder auch Jerzy Giedroyc, dem Chefredakteur der in Paris erscheinenden polnischen Exilzeitschrift „Kultura“, wäre es nicht zu einer Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen. Dem Visionär Hans Koschnick, der in den Jahren 1967-1985 Präsident des Bremer Senats war, verdanken wir maßgeblich die Partnerschaft zwischen Danzig und Bremen. In Anlehnung an Benjamin Barbers Thesen über die globale Rolle von Bürgermeistern sei an dieser Stelle betont, dass sowohl Brandt als auch Koschnick es vermocht haben, in Zeiten des Kalten Krieges weit über die Grenzen ihrer Städte politisch zu wirken. Beide zählten in ihrer Generation zu den einflussreichsten Akteuren der deutschen Politik. Gemeinsam führten sie die SPD: Brandt als ihr charismatischer Vorsitzender und Koschnick als sein langjähriger Stellvertreter.

Brandt und Koschnick waren Politiker, die das von Benjamin Barber entworfene zeitgenössische Bild vom Bürgermeister als transregionalen und transnationalen Führungspersönlichkeiten bestens widerspiegelten. Brandt als Regierender Bürgermeister von Westberlin (1957-1966), einer vom kommunistischen Meer umgebenen freien Insel, sowie Koschnick als Bürgermeister Bremens gelang es, jenseits der Kommunalpolitik großen Einfluss zu gewinnen und der Bundespolitik den Takt vorzugeben. Im Westen schuf Brandt globale Bündnisse für den Kampf gegen den Kommunismus und zur Verteidigung der Demokratie. Nach dem Berliner Mauerbau von 1961 war er um eine Entspannung der Beziehungen mit dem Ostblock bemüht, um der isolierten Stadt das Überleben zu sichern und den Konflikt der beiden politischen Systeme abzumildern. Brandt nutzte seine Berliner Erfahrungen nach 1966 als Bundesaußenminister der großen Koalition in Bonn und nach 1969 als Bundeskanzler für seine internationale Entspannungspolitik, für die er 1971 den Friedensnobelpreis erhielt. Hans Koschnick wiederum, als Bremer Bürgermeister und Regierungschef des kleinen Bundeslandes, der Hafenstadt, die vielfältige Handelskontakte mit der ganzen Welt hatte, entschied sich dafür, enge Verbindungen zu zwei Nationen aufzubauen: zu Polen und Israel. Er initiierte gleichzeitig die Städtepartnerschaft Bremens mit Danzig und Haifa und unterstützte damit die Entspannungspolitik der sozialdemokratischen Bundesregierung.

Brandt und Koschnick haben seit den 1960er Jahren die westdeutsche Öffentlichkeit immer wieder darauf hingewiesen, dass Grenzänderungen im Nachkriegseuropa nicht möglich seien und die Deutschen in ihre verlorenen Ostgebiete nicht mehr zurückkehren würden. Jegliche Überlegungen in Sachen Grenzrevision trügen nur dazu bei, Konflikte in Europa zu schüren. Die Mehrheit junger Deutscher unterstützte diese pragmatische und konziliante Haltung gegenüber Polen.

Mit Hans Koschnick verband den charismatischen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt eine politische Freundschaft. Als Vorstandsmitglied der SPD unterstützte Koschnick aktiv Brandts mutige Versöhnungspolitik mit den deutschen Nachbarn und Opfern des Nationalsozialismus. Beide waren Antifaschisten. Nach Hitlers Machtergreifung floh Brandt zunächst nach Norwegen, später nach Schweden. Nach dem Krieg kehrte er als norwegischer Diplomat nach Deutschland zurück. Er verzichtete jedoch auf eine Karriere im norwegischen diplomatischen Dienst und ging in die Berliner Politik, um die deutsche Demokratie mitzugestalten.

Koschnick stammte aus einer Familie, die sich Hitler offen widersetzt hatte. Sein Vater war Gewerkschafter und verbrachte fünf Jahre im Konzentrationslager Sachsenhausen. Koschnicks Mutter war Kurierin im antifaschistischen Untergrund. Als Jugendlicher wurde er kurz vor Kriegsende in die Wehrmacht eingezogen. Koschnick hatte Glück und geriet in britische Gefangenschaft. Die Briten ließen ihn allerdings wieder schnell frei als sie merkten, dass Koschnick kein Nationalsozialist war. Bald darauf schloss er sich der SPD an, der ältesten demokratischen Partei in der deutschen Geschichte, die offen antikommunistisch und antinationalsozialistisch war und deren führende Köpfe nun aus dem Exil zurückgekehrt waren. Koschnick trat auch den Gewerkschaften bei. Er zählte zu jener Generation, die das zerstörte Bremen wiederaufbauten. 1955, mit gerade einmal 26 Jahren, wurde er Mitglied in der Bremischen Bürgerschaft, acht Jahre später rückte er in die Landesregierung, den Senat, auf und wurde zum Senator für Inneres gewählt. 1967 folgte dann die Wahl zum Präsidenten des Bremer Senats. Von diesem Amt trat er 1985 zurück.

Dieser Schritt bedeutete keineswegs das Ende seiner politischen Karriere, sondern den Beginn einer neuen Etappe, in der er sich auf die internationale Friedenspolitik konzentrieren konnte. In den Jahren 1987-1994 war er Mitglied des Deutschen Bundestags. Während der Wiedervereinigung Deutschlands, als nach dem Untergang des Kommunismus die Fundamente einer neuen politischen Ordnung in Europa gelegt wurden, war Koschnick stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Nach Beendigung seiner Tätigkeit im Bundestag war er von 1994 bis 1996 als EU-Administrator für den Wiederaufbau der während des jugoslawischen Bürgerkriegs zerstörten Stadt Mostar zuständig. Koschnick spielte eine gewichtige Rolle beim Wiederaufbauprozess von Bosnien und Herzegowina, weswegen er zweifach zum Ziel von terroristischen Anschlägen kroatischer Nationalisten wurde. Nach Beendigung seiner Mission in Mostar war er als Berater für die Bundesregierung im Bereich der Westbalkanpolitik tätig. Von der europäischen Öffentlichkeit wurde Hans Koschnick nicht nur mit der Bremer Politik in Verbindung gebracht, sondern auch mit der internationalen Friedenspolitik. Er war im Westen ein prominenter Interessensvertreter der Balkanstaaten. Am Ende seiner politischen Tätigkeit wandte er sich erneut Polen zu und übernahm im Jahr 2000 für fünf Jahre das Amt des Präsidenten des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt.

Mitte der 1970er Jahre war es für Hans Koschnick ein persönliches Anliegen, die Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Danzig aufzubauen. Dank der Unterstützung der Bundesregierung gelang es ihm die Entscheidungsträger der Volksrepublik Polen dazu zu bewegen, Danzig als Partnerstadt zu bestimmen. Zeitgleich hatte auf Koschnicks Initiative hin Bremen 1976 ein Abkommen mit der israelischen Stadt Haifa unterzeichnet. Die Zusammenarbeit mit einer israelischen und polnischen Stadt war eine symbolische Versöhnungsgeste mit zwei Völkern, die am stärksten unter der deutschen Politik im 20. Jahrhundert gelitten haben.

Als die Vereinbarung zwischen Bremen und Danzig unterzeichnet wurde, galt es, viele Hürden zu meistern, etwa die fehlenden staatlichen Vereinbarungen zur Umsetzung einer freien, vom kommunistischen Regime unabhängigen Zusammenarbeit der Bürger oder die ideologische, antideutsche Atmosphäre in der Volksrepublik Polen, die einer deutsch-polnischen Verständigung im Wege stand. Die Anfänge waren aber nicht nur aufgrund der politischen Situation in Polen schwer. 1976 reagierte die Öffentlichkeit in Bremen auf die Idee einer Städtepartnerschaft mit Danzig und Haifa mit Distanz. Es herrschte die Meinung vor, Bremen sei eine internationale Hafenstadt und müsse sich nicht auf besondere, privilegierte Partnerschaften konzentrieren.

Auch auf offizieller polnischer Seite fehlte es an Begeisterung für die Zusammenarbeit zwischen Danzig und Bremen. Die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) war zwar am internationalen Prestigegewinn interessiert, der aus solch einer Städtepartnerschaft hervorging, auch wurden die möglichen wirtschaftlichen Vorteile positiv bewertet. Doch die kommunistischen Politiker wollten den gesellschaftlichen Austausch keineswegs fördern. Die Volksrepublik Polen nach außen hin an guten Beziehungen interessiert, aber nicht an einer Annäherung zwischen beiden Völkern. Ganz nach der Devise: viel positive offizielle Rhetorik, doch in der Realität möglichst wenig Konkretes umsetzten.

Hans Koschnick war sich dieses Widerspruchs zwischen Friedenspropaganda und realer politischer Blockade im Realsozialismus bewusst. Er ahnte, wie erschwerend die politische Wirklichkeit sein könnte, doch er hoffte, dass trotz der beschränkten Möglichkeiten eine Verständigung von den Danzigern und Bremern zur Knüpfung authentischer Kontakte genutzt würde könnte. Es war insbesondere die gesellschaftliche Dimension, es waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, die der Partnerschaft zwischen Danzig und Bremen eine solch lange und schwierige Zeit überdauern ließen.

Unterstützung für den demokratischen Wandel

Erst die Geburt der Solidarność-Bewegung im Jahr 1980 hat eine intensive Zusammenarbeit zwischen Danzig und Bremen ermöglicht. Die Solidarność-Revolution zeigte, dass Koschnick mit seinem Plan, eine Politik jenseits der Grenzen der politischen Systeme aufzubauen, richtig lag. Es begann die zweite Phase in der Geschichte dieser Städtepartnerschaft. In dieser Zeit blühte die Zusammenarbeit auf und nahm einen neuen symbolischen, gar europäischen Kooperationscharakter zwischen zwei freien Städten an. Bremen konnte stolz auf eine Partnerschaft mit einer Stadt blicken, die weltweit zum Symbol der Solidarität und Freiheit, zum Symbol der friedlichen antikommunistischen Revolution wurde.

Die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen hat diese Kooperation zwar eingefroren, doch es gelang den kommunistischen Machthabern nicht, die aufgebauten Verbindungen zu erschüttern. Im Gegenteil: das Kriegsrecht schränkte zwar die Kontakte stark ein, doch rief es zugleich eine große Welle der humanitären Hilfe hervor. Bremer Bürger und politisch einflussreiche Kreise der Stadt unterstützten intensiv die Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen (DPG Bremen), die seit Beginn der Städtepartnerschaft bestand. Eine der Hauptaufgaben der DPG Bremen und anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen Bremens in den 1980er Jahren war die humanitäre Hilfe für Polen, insbesondere für Danzig. In erster Linie ging es um den Transport von Medikamenten, Nahrungsmitteln, Bekleidung und medizinischen Geräten. Die westdeutsche Unterstützung für Polen ist bis heute eine der größten humanitären Hilfsinitiativen in der Geschichte der Bundesrepublik. Es war zugleich eine authentische Solidaritätsbekundung, die zur Stärkung bestehender Kontakte beitrug und zahlreiche Freundschaften entstehen ließ, die die Zeit der Teilung Europas überdauern sollten.

Es sei auch daran erinnert, dass sich am Tage der Ausrufung des Kriegsrechts eine Delegation des unabhängigen Gewerkschaftsbundes „Solidarność“ in Bremen befand. Dank Unterstützung von Lokalpolitikern konnten die polnischen Flüchtlinge 1982 in der Stadt das erste offizielle Büro der in Polen für illegal erklärten Solidarność im Westen eröffnen – noch vor Entstehung der legendären Vertretung in Brüssel. Während des Kriegsrechts gründeten Bremen und die Universität Bremen eines der wichtigsten Einrichtungen zur Erforschung der unabhängigen Kultur im kommunistischen Raum: die Forschungsstelle Osteuropa. Bremen wurde damals zu einem wichtigen Zentrum, in dem die Aktivitäten der demokratischen Opposition im gesamten Ostblock analysiert und in einem einzigartigen Archiv dokumentiert wurden.

Sieg der Solidarność-Revolution

Die Ereignisse des Jahres 1989 haben Koschnicks Vision bestätigt. Die Kraft der Zivilgesellschaft hatte die kommunistische Ordnung gestürzt. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat viel Energie für eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen freigesetzt. Der Sieg der Solidarność-Revolution über den Kommunismus leitete das dritte Kapitel in der Beziehungsgeschichte zwischen Bremen und Danzig ein. Im Mai 1990 wurden die ersten gänzlich freien Wahlen – die Selbstverwaltungswahlen – in Polen abgehalten. Und es war im Mai 1990, als eine Bremer Delegation an der ersten Sitzung des neugewählten Danziger Stadtrats teilnahm. Der Delegation stand Dieter Klink vor, damaliger Präsident der Bremischen Bürgerschaft, neben Hans Koschnick der zweite wichtige Akteur in den ersten Jahrzehnten der Städtepartnerschaft. Klink stammte aus Oberschlesien und interessierte sich daher auch aus familiären Gründen für Polen. Er engagierte sich mit großer Leidenschaft für die europäische Integration und die deutsch-polnische Versöhnung. Über zwei Jahrzehnte lang – von 1971 bis 1995 – war er Präsident der Bremischen Bürgerschaft und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Politiker der Stadt. Erinnert sei auch an Klinks Nachfolger, den aus Niederschlesien stammenden Christian Weber, der von 1999 bis 2019 das Amt des Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft innehatte.

Die Teilnahme der Bremer Delegation an der ersten Sitzung des Danziger Stadtrats war nicht nur Ausdruck deutscher Sympathien für den demokratischen Wandel in Polen, sondern auch eines aufrichtigen Wunsches, die künftige Zusammenarbeit zu vertiefen und damit zur Schaffung einer demokratischen Ordnung in Europa beizutragen.

In den ersten Jahren der polnischen Systemtransformation war – neben der Fortführung der humanitären Hilfe und Suche nach deutschen Investoren für den Wiederaufbau von Polens freier Marktwirtschaft – die Vermittlung des politischen Knowhows der wichtigste Bereich der partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Danziger Kommunalpolitiker und Beamte fuhren nach Bremen, um sich in der Praxis ein Bild von den Funktionsweisen einer demokratischen Lokalverwaltung zu machen und zu verstehen, wie Städte im Rahmen der europäischen Integration agieren.

Wie wichtig dieser administrative Wissensaustausch über die alltäglich praktizierte Demokratie war, aber auch die Vorbereitung Danzigs auf seine Implementierung in die Strukturen der Europäischen Union, hatten die Danziger Oberbürgermeister sehr wohl verstanden. Vor allem Tomasz Posadzki und Paweł Adamowicz spürten das Bedürfnis, die Städtepartnerschaft zwischen Danzig und Bremen in diesen neuen, demokratischen Zeiten fortzuführen und zu intensivieren. Ich würde an dieser Stelle sogar die These aufstellen, dass sich Paweł Adamowicz mit den Jahren zum Hauptmotor dieser Zusammenarbeit entwickelte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahm er die gleiche führende Rolle in den Beziehungen zwischen Danzig und Bremen ein, die Hans Koschnick zu Beginn der Partnerschaft spielte.

Polens Beitritt zur Europäischen Union leitete die vierte Phase der Beziehungen zwischen Danzig und Bremen ein. Bremen war auf die neue politische Etappe der europäischen Entwicklung gut vorbereitet. Als die EU sich gen Osten erweiterte, war die DPG Bremen weiterhin sehr aktiv, die Stadt investierte viel in den Bereich der Polenkompetenz und führte Polnisch als Fremdsprache in die Schulen ein.

Dank der Öffnung nach Europa, EU-Mitteln und einer soliden Finanz- und Wirtschaftspolitik, begann sich Danzig zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ökonomischer Hinsicht sehr schnell zu entwickeln und wurde zu einem attraktiven europäischen Partner. Auf Initiative von Oberbürgermeister Paweł Adamowicz entstanden neue Kultureinrichtungen, die zu wichtigen Begegnungsorten für Danziger und Europäer wurden, darunter auch für Bremer. Die Kultureinrichtungen unterstützen die Partnerstädte bei der Aufnahme bzw. Fortführung der kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Dank solcher Institutionen wie der Danziger Günter-Grass-Galerie, des Shakespeare-Theaters oder Europäischen Solidarność-Zentrums hat Danzig sein internationales Renommee als Stadt der Solidarität und Freiheit gefestigt. Von europäischer Bedeutung sind auch das Nationale Maritime Museum und das Museum des Zweiten Weltkriegs, welches auf Initiative von Premierminister Donald Tusk entstanden ist.  Betrachtet man Danzig aus der Kulturperspektive so wird deutlich, wie sehr die Stadt – nach Jahren beschränkter Entwicklungsmöglichkeiten während des Kommunismus und der schwierigen ersten Transformationsphase nach 1989 – in den letzten Jahren zu einem attraktiven Partner für Bremen und andere Partnerstädte geworden ist.

Bindungen aufbauen

Heute wächst in Europa ein Gefühl der Bedrohung, das aus den negativen Folgen der Globalisierung sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen in den europäischen Peripherien und anderen Kontinenten hervorgeht. Für Demokraten sind dies schwierige Zeiten. Nicht jeder kann einfache Lösungen für die neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anbieten. Das spüren auch die Bürger, das Vertrauen in die politischen Eliten nimmt ab. Es wächst auch die Zahl derjenigen, die die repräsentative, liberale Demokratie nicht mehr unterstützen. Losungen werden lauter, die die eigenen, engstirnigen und kurzsichtigen Interessen betonen, die europäische Politik wird immer stärker vom aggressiven, teils ethnisch begründeten, Nationalismus heimgesucht. Wir leben in Zeiten großer Widersprüche. Von den Politikern wird verlangt, sie sollten sich auf die eigenen, lokalen Interessen konzentrieren, derweil wissen alle, dass globale Herausforderungen nur mithilfe europäischer und globaler Lösungen und einer noch engeren internationalen Zusammenarbeit begegnet werden kann. Benjamin Barbers Thesen über die Schlüsselrolle von Bürgermeistern in der internationalen Politik scheinen heute eine Selbstverständlichkeit zu sein, doch sind sie nicht populär. Bürgermeistern wird nämlich häufig vorgeworfen, dass sie sich zu wenig auf die Lokalpolitik konzentrieren und zu viel Zeit für die transnationale Kooperation aufbringen. Viele Stadtpräsidenten wissen heute um diese Erwartungen seitens ihrer Wähler, doch zugleich sind sie sich der Notwendigkeit bewusst, internationale Bündnisse zu schmieden und sich international engagieren zu müssen.

So wie vor über vier Jahrzehnten, als die Städtepartnerschaft zwischen Danzig und Bremen ihren Anfang nahm, so brauchen wir auch heute mutige Politiker mit Visionen die bereit sind, über Grenzen hinweg zu denken, um den Frieden in Europa zu wahren und seinen Wohlstand zu mehren. Alles hängt wie immer von den Menschen selbst ab, und eine Partnerschaft – wie Hans Koschnick es einmal ausdrückte – bestehe vor allem aus Menschen, deren Zusammenarbeit und Freundschaft. Koschnick hatte den Kern der europäischen Politik treffend charakterisiert.

 

Aus dem Polnischen von Arkadiusz Szczepański und Basil Kerski

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Basil Kerski

Basil Kerski ist Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig, Chefredakteur des zweisprachigen Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und Vorstandsmitglied des polnischen PEN-Clubs. Er lebt in Danzig und Berlin.

2 Gedanken zu „Diplomatie der Städte“

  1. Lothar Kostrzewa-Kock

    Danke für diesen Mut machenden Artikel. Mut, sich auch für unsere kleinen Städtepartnerschaften zu engagieren und sie am Leben zu erhalten. Die Hindernisse, die sich durch die Pandemie auftuen, schränken unsere Kontakte sehr ein und erfordern das mehr Mühen, die Beziehungen aufrecht zu erhalten. Aber auch politisch trennende Wege, wie die Politik der PIS in Polen, führen hier dazu, dass sich Mitglieder der deutsch-polnischen Gesellschaften fragen, ob man die Partnerschaft so aufrechterhalten kann. Oder Leute nehmen an den Reisen der Gruppe nach Polen nicht mehr teil. Das ist genau falsch. Das Bemühen um den Kontakt auf der unteren kommunalen und der zwischenmenschlichen Ebene wird um so wichtiger. Die oben geschilderte Geschichte der Partnerschaft zwischen Bremen und Dresden ist das überzeugende Beispiel.

  2. Ein sehr inspirierender Artikel, vielen Dank dafür! Es waren auch städtepartnerschaftliche Verbindungen zwischen beiden deutschen Staaten, die den eisernen Vorhang durchgängiger gemacht haben. Ich erinnere mich da an ein Gastspiel der Dresdner Philharmonie in der Hamburger Michaeliskirche, Gustav Mahlers 2.Sinfonie stand auf dem Programm. Es war der September 1989 und jeder spürte die politische Schlagkraft dieses Konzertes und die außerordentliche Wichtigkeit dieses Auftritts. Man war vereint durch das gemeinsame kulturelle Erleben und der Zuhörer verstand die Message der ausführenden Künstler aus der DDR. Eine intensive Erfahrung, eine Brücke der Vereinigung durch die Kultur. Es ist dreißig Jahre her, doch für mich noch immer präsent. Partnerschaften im gemeinsamen kulturellen Erleben und im Bekenntnis zur eigenen Geschichte sind eine verlockende Perspektive.

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