Sternstunde des Gewissens und die Geburt der Freiheit

Gerade in einer Zeit, in der das Denken öffentlich in immer engeren Bahnen verläuft, die Begriffe „Verschwörungstheorie“ oder „Rechtsruck“ allzu schnell fallen, eine Kanzlerin ihre Politik für alternativlos hält, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit der linksextremistischen Antifa im Mittelmeer unter einer Flagge fährt, in einer Zeit, in der die Frage nach den Grenzen des Föderalismus wieder laut wird, ist es umso wichtiger, sich an Martin Luthers Auftritt in Worms zu erinnern, der vor 500 Jahren sich ereignet hat. Luther bestand vor Kaiser und Reichsständen auf dem Gewissen, trat für die Freiheit eines Christenmenschen, für die deutsche Patria und den Föderalismus ein, der damals den Namen „deutsche Libertet“ trug. Die deutsche Freiheit ist die Freiheit der Deutschen im Föderalismus.

Unstrittig dürfte zwischen Protestanten und Katholiken sein, dass die verweltlichte und völlig politisierte Kirche im Spätmittelalter dringend einer Reform bedurfte. Ob es gleich eine Reformation werden musste samt langwierigen Streit über die Rechtfertigungslehre (der erst 1999 beigelegt wurde), darüber dürfte weiterhin Dissens bestehen. Doch auch die katholische Kirche reformierte sich, und zwar in Trient, weshalb ich den Begriff „Gegenreformation“ für falsch halte, sondern von der katholischen Reform spreche.

Doch was war in Worms konkret geschehen? Nachdem der Trierer Offizial Johannes von der Ecken Martin Luther am 17. April 1521 vor Kaiser und Reichsständen dadurch überraschte, dass er keine Erklärungen, wie abgesprochen, sondern von Luther den Widerruf seiner Lehren forderte, bat sich der derart Überrumpelte Bedenkzeit aus. So kam es am 18. April 1521 gegen 18 Uhr zu Luthers legendärem Auftritt. Johannes von der Ecken stellte die unbeantwortete Frage vom Vortag erneut: „Willst Du die von Dir anerkannten Bücher alle verteidigen oder etwas widerrufen?“ In dieser Frage steckte die Möglichkeit des Teilwiderspruchs. Man baute Luther also immerhin eine schmale Brücke und kam der Forderung der Reichsstände entgegen, dass ein Teilwiderruf genüge.

Martin Luther erklärte selbstbewusst, dass seine Schriften nicht von gleicher Art wären . Unter ihnen befänden sich Bücher, die nach evangelischer Tradition von Glauben und Frömmigkeit handelten und die nicht vom Papst beanstandet wurden. Diese könne er nicht widerrufen, weil er damit das Bekenntnis aller, die damit übereinstimmten, in Frage stellte. Eine zweite Gruppe von Büchern gingen in der Tat mit dem Papsttum ins Gericht, weil „doch ganz offenbar“ ist, „dass die Gewissen der Gläubigen durch die päpstlichen Gesetze und die menschlichen Lehren ganz jämmerlich verstrickt, geplagt und gemartert werden, auch der Besitz und das Vermögen, zumal in dieser großartigen deutschen Nation, durch eine unglaubliche Tyrannei verschlungen werden“.

Wenn aber Martin Luther diese Schriften, die genau das anprangern, widerrufen würde, dann würde er eine Stütze für die Tyrannei aufrichten und dieser großen Gottlosigkeit nicht nur die Fenster, sondern auch die Tore auftun, so dass sie viel weiter und freier als bisher loslegen würde, und so würde durch das Zeugnis seines Widerrufes ihre Herrschaft dem armen Volk ganz unerträglich und dennoch gestützt und gefestigt werden. Ein wie großer Schanddeckel, lieber Gott, der Leichtfertigkeit und der Tyrannei würde er dann werden?

Die dritte Gruppe umfassten Polemiken, die er gegen einzelne Personen verfasst habe. Aber auch diese Polemiken könne er nicht widerrufen, denn er habe in ihnen nicht für seine Person, sondern für Christus gestritten. Damit wandte er sich im Gestus des bedingungslos Glaubenden, der sich ganz in die Nachfolge Christi stellt, an den Kaiser: „Eure Allerdurchlauchtigste Majestät, Durchlauchtigste Fürsten … Aus diesem allen, glaub ich, geht klar hervor, dass ich mich genügend bedacht und die Not und Gefahr, die Parteiungen und die Streitigkeiten erwogen habe, die aus Anlass meiner Lehre auf der Erde erweckt wurden, woran ich gestern schwer und stark erinnert worden bin. Mir ist jene Gestalt dieser Dinge durchaus die allererfreulichste, dass um des Wortes Gottes willen Parteiungen und Streit geschieht. Denn das ist des Wortes Gottes Lauf, Art und Ereignis, wie er sagt: ›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen wider seinen Vater zu erregen“. Damit warnte er den Kaiser unmissverständlich, die falsche Partei zu ergreifen und dadurch zum „Pharao“ zu werden und Schaden an seiner Seele zu nehmen.  Die von Martin Luther zitierte Stelle stand in Verbindung mit der Mission, mit der Aussendung der zwölf Jünger, um das Evangelium zu verbreiten, mit der Mission, von der die ergrünte EKD nichts mehr wissen möchte. Das Himmelreich würde anbrechen, wenn der Antichrist besiegt war – mit der Reform der Kirche.

Wenn er nun diese Forderung, die Reform der Kirche in Angriff zu nehmen, an den Kaiser richtete, so argumentierte Luther ganz auf der Linie seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation und von des christlichen Standes Besserung“. Im Grunde drehte Luther den Spieß um. Nicht er hatte zu widerrufen, sondern der Kaiser hatte seinen christlichen Auftrag anzunehmen, gegen Rom zu ziehen und die Reform der Kirche einzuleiten, auch dafür hatte er, wenn es nottat, und das tat es, von Christus das Schwert bekommen. Tags zuvor hatte er sich vor dem Kaiser mit Matthäus 10,32 darauf berufen, Gott mehr zu fürchten als die Menschen und zur Mission ausgesandt worden zu sein: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will auch ich verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“

Bei seinem Entschluss, nach Worms zu gehen, hatte die Hoffnung mitgespielt, in der Disputation, die ihm verwehrt wurde, den Kaiser von der Pflicht, die Kirche zu reformieren, zu überzeugen. So schloss er seine Rede folgerichtig mit der Erklärung, dass er aus Verantwortung dem Vaterland gegenüber seine Sache vertrete, die er nun dem Schutz des Kaisers und der Stände übergebe. Seine Sache aber sei die Reform der Kirche und des Vaterlandes, die von der weltlichen Obrigkeit in Angriff zu nehmen sei.

Luthers Rede, vor allem dessen Appell an den Kaiser, überraschte Johannes von der Ecken. Wenn er einen reumütigen Mönch erwartet hatte, so sah er sich nun einem selbstbewussten streitbaren Mann gegenüber. Nach einer kurzen Unterbrechung und Beratung forderte der Trierer Offizial: „Widerrufst du jetzt? Oder widerrufst du nicht. Ja oder nein? Dazwischen gibt es nichts. Ja oder nein?“ Jetzt war es so weit. Ruhe senkte sich in Martin Luther, da er meinte, Gott zu spüren. Er wusste, was er zu sagen hatte. Was danach geschehen würde, wusste er hingegen nicht:

Wenn also Euer Allerdurchlauchtigste Majestät und Eure Fürstlichkeiten eine einfache Antwort fordern, will ich sie weder gehörnt noch gezähnt folgendermaßen geben! Wenn ich nicht überwunden werde durch die Zeugnisse der Schrift oder durch die evidenten Vernunftgründe (denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil feststeht, dass sie sich oft geirrt und selbst widersprochen haben), bin ich durch die von mir herangezogenen Schriftstellen besiegt, und das Gewissen ist im Wort Gottes gefangen, und ich kann und will nicht irgend etwas widerrufen, weil es weder gefahrlos noch heilsam ist, gegen das Gewissen zu handeln. Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“

Doch noch gab der Offizial nicht auf, auch wenn er deutlich sah, dass sich das Ziel immer weiter entfernte. Er konnte nicht glauben, dass der Mönch den Widerruf verweigerte. Fast bittend drang er in ihn: „Martin, lass dein Gewissen fahren, wie du verpflichtet bist.“ Weil sich sein Gewissen im Irrtum befinde und nur der Widerruf sicher sei. Verzweifelt rief er: „Die Konzile haben nicht geirrt, zumindest nicht in Glaubensfragen.“ Damit aber durfte man Martin Luther nicht kommen, denn er wollte und er konnte beweisen, dass Konzile sich geirrt hatten – auch in Glaubensfragen.

In diesem Moment sah es kurz so aus, als bekomme Luther doch noch seine Disputation. Karl V. aber brach höchst enerviert die Sitzung ab, Tumult und Chaos entstanden. Luthers Anhänger rissen – wie bei einem Sieg im Turnier – die Arme hoch. Zwei Diener führten den Mönch aus dem Saal – ein Anblick, der die Frage von Umstehenden provozierte, ob Luther nun verhaftet sei. Doch die Diener beschwichtigten, es bestehe keine Gefahr. Die spanischen Gardisten brüllten: „Ins Feuer mit dem Ketzer. Ins Feuer mit ihm!“ Doch tun konnten sie nichts, gegen die Eskorte der Reichsritter hatten sie keine Chance. Durch ein Menschenmeer kämpften sich die Männer zu Luthers Herberge. Als er den Johanniterhof betrat, fiel aller Druck von ihm. Befreit reckte er die Arme in die Höhe und rief aus vollstem Herzen: „Ich bin hindurch! Ich bin hindurch!“ Mochte folgen, was wollte.

Eigentlich sollte es auf dem Wormser Reichstag, der erste des jungen Kaisers Karl V., um die Reform des Reiches gehen, denn die Frage wie das Reich regiert, wem in Deutschland wie und in welchem Ausmaß die Administration zukam, zumal, wenn sich der Kaiser in Spanien befand, das er ebenfalls regierte, musste geklärt werden. Es ging also auch um die Machtverteilung im Reich, darum, dass die Deutschen nicht länger die Zahlmeister Roms sein wollten – und deshalb die Gravamina der deutschen Nation aufgestellt hatten. In Luthers Rede trafen sich die christliche, die individuelle und die Freiheit der deutschen Nation, die nicht zentralstaatlich, sondern föderal definiert war.

Martin Luther legte vor 500 Jahren mit seinem Auftritt in Rom den Grundstein für unsere moderne Auffassung vom Individuum, von der bürgerlichen Freiheit und in der Zwei-Regimenten-Lehre vom religionsneutralen Staat. Ohne die Entdeckung des Individuums, auf dem unsere Bürgergesellschaft beruht, wären weder Rationalismus, noch Aufklärung, noch die grandiose Entwicklung in Wissenschaft, Technik, Kultur und Kunst nicht denkbar. In dem Satz „Hier stehe ich“ findet sich bereits die erste Wendung in Richtung des Konzepts des mündigen Bürgers von Immanuel Kant. So könnte das Jubiläum vor allem zu einem Fest der Demokratie und der Freiheit werden.

Ausgerechnet auf den 18. April 2021 legt jedoch der Bundespräsident seinen Gedenktag der  Coronatoten. Es ist allen bekannt, dass der April 30 Tage, davon vier Sonntage hat. Da dieser 18. April seit langem im evangelischen Festkalender einen herausragenden Eintrag darstellt, kann er dem Protestanten Steinmeier nicht unbekannt sein. Unverständlich ist daher, dass der Bundespräsident sich der Pflicht, zu dieser Sternstunde des Gewissens, zum 500. Jubiläum der großen Freiheitsrede am 18. April 2021 zu sprechen, entzieht. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so.


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Klaus-Rüdiger Mai

Klaus-Rüdiger Mai, Dr. phil, geboren 1963, Schriftsteller und Publizist, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, veröffentlichte Biographien, historische Sachbücher, Essays, Rezensionen, politische Feuilletons und Romane.

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