Anna Banout – eine polnisch-syrische Künstlerin in Deutschland

Was, wenn Design die Welt von morgen vorausdenken könnte? Wenn Zukunftsvisionen plötzlich heute schon Form annähmen? Spekulatives Design heißt die experimentelle Strömung, die fragt, was sein könnte und damit auf aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen reagiert.

Die polnisch-syrische Designerin Anna Banout schafft mit den Mitteln des spekulativen Designs künstlerische Arbeiten, die poetisch und amüsant sind, manchmal auch traurig, auf jeden Fall aber zum Nachdenken anregen.

Bislang dachte ich, Designer entwerfen zum Beispiel Tassen, aus denen man trinken kann. Meist ja. Allerdings gibt es eine Richtung innerhalb moderner Designkunst, die das nicht tut. Spekulatives Design stemmt sich gegen die aktuelle Überproduktion in unserer Massen- und Wegwerfgesellschaft, fragt nach Lösungen für drängende Probleme. Diese Lösungen müssen aber nicht zwangsläufig in die Gestaltung eines Objekts münden. Eine Lösung für ein gesellschaftliches Problem könnte auch ein Gedicht sein. Oder eine weitere offene Frage.

Anna Banout © Andrea Richter

Ich treffe Anna Banout zum ersten Mal im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg für ein Radiointerview. Die Designerin, die 1993 in Polen als Tochter einer polnischen Mutter und eines syrischen Vaters zur Welt kam, zeigt hier ihre Arbeiten unter dem Titel Syria 2087. Über sich selbst sagt sie: „Ich bin beides, syrisch und polnisch. Ich sage das auch so. Nicht, ,Ich bin halb syrisch halb polnisch‘, das klingt, als wäre ich jeweils eine halbe Person. Ich bin in Polen aufgewachsen, hatte aber auch immer eine starke Beziehung zu Syrien.“

Ihre Kindheit verbringt die heute 28-Jährige in Pszów, einem kleinen Dorf nicht weit von Kattowitz, zwei Stunden von Krakau entfernt, mit 14.000 Einwohnern und einer Wallfahrtskirche: die spätbarocke Basilika der Geburt der Heiligen Jungfrau Maria. Sie sei behütet aufgewachsen, mit zwei Schwestern, unbeschwert und glücklich. Die Eltern, beide Ärzte, fördern Annas musisches Talent. Sie malt, singt und tanzt, lernt Geige spielen. In den Sommerferien fahren sie nach Syrien, Verwandte des Vaters besuchen. Sie erzählt, dass sie dort, im Alter von fünf oder sechs Jahren, aus leeren Pistazienschalen eine Ameisenfalle gebaut habe. Einen ganzen Tag lang habe sie daran getüftelt. Das sei wohl ihr erstes Designobjekt gewesen.

Dann kommt der Krieg. Die Besuche bei der Familie in Syrien enden.

Wegen herausragender schulischer Leistungen überspringt sie eine Klasse und beginnt mit 18 Jahren ein Studium an der Pädagogischen Universität Krakau, der ältesten und größten pädagogischen Hochschule Polens. In der Familie ist sie die erste, die Künstlerin werden will. Die Eltern bestärken sie. Das Studium vor zehn Jahren erlebt sie als einzige Person of Color. Diskriminierung habe sie keine gespürt, aber eine Verpflichtung, gewisse Diskussionen anzustoßen. „Es war einfach niemand da“, sagt sie, „der aus einer persönlichen Situation heraus über Rassismus oder ähnliches hätte sprechen können.“ Also beginnt sie sich in ihren Semesterarbeiten mit Themen wie Appropriation Art auseinanderzusetzen. Sie sehe sich jedoch nicht als Aktivistin in einem Kampf für Gerechtigkeit. Aber weil sie betroffen sei, verspüre sie das Bedürfnis, gewisse Dinge zu thematisieren, so wie sie über Feminismus spreche, als Frau.

Ihr Ziel sei es nie gewesen, mit ihrer Arbeit politische Kommentare zu formulieren. Es habe sich ergeben. Die derzeitige politische Situation in Polen sieht sie kritisch. Da sei so viel Hass auf ethnische Minderheiten, die Abtreibungsfrage, LGBTQI, vieles, was eigentlich über die Menschenrechte gedeckt sei, würde von Teilen der Gesellschaft in Frage gestellt. Der Einfluss der katholischen Kirche im formal säkularen Staat sei mächtig.

Während des Studiums kommt sie das erste Mal mit dem Konzept des Spekulativen Designs in Berührung. Geprägt wurde der Begriff von den britischen Designern Anthony Dunne und Fiona Raby. 2013 veröffentlichen die beiden, die heute in New York als Professoren unterrichten, das Buch „Speculative Everything: Design, Fiction and Social Dreaming.“ Darin überlegen sie, was uns als Menschheit in Zukunft beschäftigen wird und welche technologischen Antworten darauf nötig sein werden. Die Publikation der beiden gilt bis heute als Standardwerk.

Für den Master wechselt Anna Banout 2015 zum Fachbereich Design an der Akademie der Bildenden Künste Warschau. Noch während des Studiums besucht Anna Verwandte in Berlin. Es gefällt ihr und sie beschließt, nach ihrem Abschluss dorthin umzuziehen.

Spekulatives Design wird auch an der Universität der Künste in Berlin gelehrt. Dort heißt es: „Im Zeitalter ökonomischer, ökologischer und demografischer Krisen sind Imagination und Spekulation unverzichtbare Fähigkeiten. Die Krisenhaftigkeit der Gegenwart mache es unmöglich, ein vermeintlich isoliertes Gebrauchsding in eine vermeintlich neutrale Umwelt zu entwerfen, sondern nötigt das Design, mögliche Zukünfte an konkreten Modellen und deren Ausarbeitungen aufscheinen zu lassen und erfahr- und nutzbar zu machen.“ Beim Spekulativen Design ginge es somit in erster Linie nicht um den Entwurf von Utopien, sondern um kritische Interventionen, die erst einmal Aufmerksamkeit auf gegenwärtige und zu erwartende Missstände lenken.

Insofern sei das Spekulative Design als Sonderform des Critical Designs zu verstehen, „dass die Grenze von Kunst und Gestaltung verwischt, indem es Objekte entwirft, die nicht durch funktionalistische Kriterien der Nutzbarkeit bestimmt werden, dafür aber auf hintergründige, schockierende, spielerische und oft humorvolle Weise zum Nachdenken über ökologische, politische und technologische Szenarien anregen.“ Der relativ junge Begriff des Spekulativen Designs betone damit die politischen Zusammenhänge, in denen sich ein Design bewegt, dem in seiner Tätigkeit des „Weltentwerfens“ eine enorme Verantwortung zukomme.

Berlin scheint Anna auf seine Art entrückt, geografisch in Deutschland gelegen und dann aber auch wieder nicht. Es ist ein Ort, an dem viele Gegensätze aufeinandertreffen und ein Ort, an dem sie an Ideen, die sie während des Studiums begeisterten, anknüpfen kann. Sie spricht kein Deutsch, begreift aber rasch, dass man auch in Berlin leben und arbeiten kann, wenn man Englisch spricht: „Ich bin privilegiert, ich besitze einen europäischen Pass, und kann einfach die Grenzen passieren, ich brauchte in Berlin nur eine ,Anmeldung‘.“ Das sei kein Problem gewesen. Auch wenn es keine polnische Kunstdiaspora gibt, findet sie schnell Anschluss, findet ein Studio und nimmt an Gruppenausstellungen teil.

2019 fragt das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg nach einer Kooperation. Dessen altehrwürdige, vielleicht etwas angestaubte islamische Sammlung soll modernisiert werden. Eine Künstlerin, die aktuelle Bezüge herstellen kann, wird gesucht. Anna Banout und der Kurator der Sammlung, Tobias Mörike, entwerfen ein Konzept für eine Ausstellung mit Rahmenprogramm, die 2020 zu sehen sein soll: SYRIA 2087. Fossilien der Zukunft lautet der Titel.

Anna Banout beschäftigt sich hierfür mit der Frage, was wäre, wenn Syrer heute zum Mars fliegen würden. Welche Artefakte, traditionelle Objekte und Narrative würden sie auf ihrer Reise ins All begleiten?

Anna Banout: Syria 2087. Fossilien der Zukunft. Objekt #5 © Kinga Budnik/Anna Banout

Zu sehen sind in der Ausstellung, die noch bis Juni 2021 fortgeführt wird, hauptsächlich Objekte, die ihren Ursprung in syrischer Tradition und Kultur haben. Die meisten erinnern an Alltagsgegenstände, sind wunderschön, doch dysfunktional: Eine Flasche ohne Boden, zwei Tische mit aufgerauter Oberfläche, eine halbrunde Tasse, goldglänzend. Keines dieser Dinge hat einen direkten Nutzen, dafür unzählige Referenzen und Geschichten.
Die Installation gegenüber dem Eingang zu SYRIA 2087. Fossilien der Zukunft zeigt Fotos aus Syrien und vom Mars: Alles ist menschenleer, nur Spuren zerstörter Gebäude in Syrien und Spuren des Mars Rover in einer roten Geröllwüste.

Die Frage nach einer syrischen Marsmission erscheint im elften Jahr des Krieges im ersten Moment nicht nur höchst spekulativ, angesichts der 500 000 Toten und 13 Millionen Flüchtlinge beinahe zynisch.

Aber, so die Künstlerin, es habe tatsächlich einen syrischen Kosmonauten gegeben, der 1987 in einem Sojus-Raumschiff zur sowjetischen Forschungsstation Mir geflogen sei. Muhammed Achmed Faris wird als syrischer Nationalheld verehrt. Heute lebe er in der Türkei, als Flüchtling. Diese Entwicklung vom Raumfahrer, der zu den Sternen fliegt und von oben auf sein Heimatland hinunterschaut, zu einem, der nicht mehr dorthin zurückkönne, habe für sie nicht nur eine metaphorische Bedeutung, sondern sage auch etwas aus über das Verschwinden syrischer Kultur im Ganzen.

Mit ihrer Arbeit SYRIA 2087. Fossilien der Zukunft würdige sie die Leistung des syrischen Forschers, frage darüber hinaus nach dem Sinn der aktuellen Marsmissionen: „Wieso einen neuen Planeten erobern und dort noch einmal ganz von vorne anfangen, wenn wir es noch nicht einmal schaffen, eine jahrtausendealte Kultur wie die syrische, vor der Zerstörung zu retten?“

In einem Zoom-Interview einige Wochen später erreiche ich sie in Pszów, wo sie gerade bei der Familie zu Besuch ist.

Das Erinnern und Bewahren kultureller Traditionen sei ein wesentlicher Aspekt ihres Designs, betont sie. Das Studium in Polen sei für sie dabei ein großes Glück gewesen. Die Hochschulen hätten vor zehn Jahren, neben modernen Techniken wie 2- und 3D Visualisierung, noch großen Wert auf die Vermittlung analoger Fähigkeiten gelegt, das Arbeiten mit Holz, Papier, Metall und Kunststoff. Es gab Werkstätten, in denen sie alle grundlegenden Techniken habe lernen können. Das habe ihr beim Start ins Berufsleben sehr geholfen, da sie dadurch wusste, welche Materialien oder Techniken sich für die Lösung bestimmter gestalterischer Fragestellungen besonders eigneten.

Während des Studiums habe sie sich auch mit den Arbeiten der polnischen Designerin Wanda Telakowska auseinandergesetzt, die 1950 das Warschauer Institut für Industriedesign gründete und dessen erste Direktorin war. Motto der erklärten Kommunistin war, polnisches Design zu revolutionieren, und zwar unter der Prämisse: „Schönheit für alle, jeden Tag“. Maler, Grafikdesigner, Kunsthandwerker lehrten am Institut und versuchten, polnische Tradition, Volkskunst und modernes Design zu verbinden.

Telakowskas Nähe zum Stalinismus wird heute kritisch gesehen, aber polnisches Design, das in den 50er und 60er Jahren entstand, hat inzwischen Sammlerwert. „Ich glaube, die Designer damals waren einfach gut darin, Probleme auf eine einfache Art zu lösen, praktisch und gleichzeitig ästhetisch“, meint Banout. „Sie konnten sich ihre Materialien nicht aussuchen. Die Grenzen waren geschlossen, alles war knapp. Sie bekamen das zugeteilt, was gerade vorrätig war und mussten dann ,aus nichts etwas machen‘. Und sie haben oft tolle Lösungen gefunden. Damalige Produkte waren nicht nur funktional, sondern auch langlebig.“

Nach dem Niedergang des Eisernen Vorhangs wurde in Polen vieles weggeworfen, was an die alten Zeiten erinnerte, Möbel, Kleidung, Geschirr: „Die Leute kauften neue Sachen, vielleicht wollten sie sich auch der Erinnerungen an schlechte Zeiten entledigen, die damit verbunden waren.“ Westliches Design überschwemmte den hiesigen Markt. „Es war billige Ramschware, oft Made in China, nichts davon hielt länger als fünf Jahre.“ Heute, so Anna Banout, würden polnische Designstücke aus den 50er und 60er Jahren als „Vintage“ zu unglaublichen Preisen gehandelt. Es gäbe sogar mehrere Enzyklopädien über polnisches Produktdesign der 50er und 60er Jahre. Manchmal habe sie Glück und finde solche Sachen auf Flohmärkten.

Insgesamt sei sie positiv gestimmt, was aktuelle Entwicklungen angehe. Sie sehe, was wir vom Design der damaligen Zeit lernen könnten: „Wir befinden uns in der Klimakrise und wir Designer produzieren immer weiter, obwohl wir schon im Überfluss leben. Klar, die Zeiten sind andere als damals, wir haben alles und können alles machen, aber ich sehe, dass ein Umdenken einsetzt, auch im Design.“

Der Trend gehe hin zu nachhaltigeren Produktionen, zu kompostierbaren Materialien, zu slow fashion, weg von der Überproduktion, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Spekulatives Design könne helfen, indem es die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stelle.

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Andrea Richter

Kulturjournalistin in Hamburg, spezialisiert auf zeitgenössische Bildende Kunst, produziert crossmedial für öffentlich-rechtliches Fernsehen, Hörfunk und Online-Medien.

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