Die südkoreanische Affäre Polens

Polen und Südkorea verbindet mehr als man denkt. Nicht etwa nur das Oscar-prämierte Kino oder die gemeinsame Vorliebe für Sauerkraut (sei es als Kimchi oder Bigos).

Die wirtschaftliche Liaison der beiden Länder begann bereits in den frühen 90er Jahren, damals noch mit einer herben Enttäuschung. Nach der Überwindung des Kommunismus kaufte der südkoreanische Automobilhersteller Daewoo dem polnischen Staat den Fahrzeugbauer FSO ab. Die Insolvenz der Koreaner im Jahr 1999 läutete das Ende der stolzen polnischen Automarke ein. Bis heute schauen nicht wenige Polen neidvoll auf die Tschechen, deren Automarke Skoda als Teil des Volkswagen-Konzerns einen ungeahnten Aufstieg erlebte. Heute entstehen auf dem ehemaligen FSO-Fabrikgelände in Warschau Eigentumswohnungen. Das ikonische Werkstor soll aber erhalten bleiben.

Seit einigen Jahren sorgen Unternehmen aus Seoul an der Weichsel erneut für Aufsehen in der Automobilbranche. Diesmal aber stehen alle Zeichen auf Erfolg. Südkorea ist heute der größte asiatische Investor in Polen. Auslöser ist der Boom der Elektromobilität. Den Löwenanteil am milliardenschweren Investitionsvolumen aus Südkorea macht die Fabrik für Lithium-Ionen-Batterien der Firma LG Energy Solutions in Kobierzyce bei Breslau aus, mit deren Aufbau 2016 begonnen wurde. Das Werk mit seinen knapp 10.000 Mitarbeitern ist heute das größte seiner Art in Europa und machte Polen 2020 zum europaweit größten Batterieexporteur: Die Akkumulatoren werden unter anderem bei den E-Autos von VW, Skoda und Audi verbaut. Mit der jüngst angekündigten vierten Ausbaustufe soll diese „polnische Gigafactory“ sogar zur größten Batteriefabrik der Welt werden.

Die polnische Wirtschaftsförderungsagentur PAIH warb aktiv und mit beachtlichem Erfolg für die Ansiedlung von Zuliefererbetrieben von LG in Polen, z.B. 2019 mit einem Polnisch-Koreanischen Business-Forum in Seoul. Seit 2018 betreibt PAIH eine Wirtschaftsvertretung in Seoul; im Gegenzug befindet sich in Warschau das Korea Business Center KOTRA. Zuletzt zog auch SK Innovation, die südkoreanische Konkurrenz von LG, nach und kündigte den Bau seines bisher größten Komponentenwerks für die Batterieproduktion in Dąbrowa Górnicza in Oberschlesien an. Anfang April wandte sich der polnische Finanzminister Tadeusz Kościński in einem Interview mit der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap direkt an Unternehmen aus dem ostasiatischen Land und lud sie zu weiteren Investitionen in Polen ein.

Die E-Mobility hat die polnisch-südkoreanischen Wirtschaftsbeziehungen auf eine neue Ebene gehoben, sie ist aber bei weitem nicht deren einzige Facette. Im elegant geschwungenen Hochhausturm Warsaw Spire forscht Samsung in einem seiner größten Forschungs- und Entwicklungszentren in Europa an Themen wie 5G, Cloud und Spracherkennung. Bei Posen betreibt der Konzern seit 2010 seine europaweit größte Fertigung für Waschmaschinen und Kühlschränke. Im vergangenen Jahr kaufte die südkoreanische GS Group für 140 Mio. EUR den polnischen Holz-Modulhaus-Hersteller Danwood. Und auch südkoreanische Banken und Immobilienfonds intensivieren ihre Aktivitäten auf dem polnischen Markt.

Warschau

Die südkoreanischen Investitionen erlauben es Polen, vom Knowhow eines Technologieführers in den Bereichen E-Mobility, Elektronik und IT zu profitieren und das Portfolio ausländischer Direktinvestitionen geographisch zu diversifizieren, somit krisensicherer zu machen. Aus südkoreanischer Sicht sprechen für Ansiedlungen in Polen dieselben Argumente wie für andere Standorte in Ostmitteleuropa: hervorragend ausgebildete Mitarbeiter, vergleichsweise niedrige Lohnkosten und großzügige Beihilfen für internationale Investoren. So sind südkoreanische Unternehmen auch in Polens Nachbarländern aktiv: KIA produziert Autos in der Slowakei und Modelle von Hyundai laufen in Tschechien vom Band. Die polnisch-südkoreanische Zusammenarbeit reicht aber noch weiter: Polen sieht in Südkorea einen attraktiven Partner für strategische Vorhaben in den Bereichen Verkehr, Sicherheit und Energie.

Im Februar unterzeichneten die Regierungen beider Länder ein Abkommen zur Kooperation beim Aufbau des geplanten polnischen Großflughafens CPK, der den ausgelasteten Warschauer Chopin-Flughafen ersetzen soll. Das Projekt basiert auf einem ambitionierten Konzept zur Verbindung von Schiene und Flugzeug: Anstelle des Betriebs vieler unrentabler Regionalflughäfen sollen hochmoderne Bahnverbindungen die Anreise zu Polens neuem Zentralflughafen aus allen Landesteilen innerhalb weniger Stunden ermöglichen. Zu Beginn wird mit einem Passagieraufkommen vergleichbar mit dem des Berliner BER gerechnet. Die Lage auf der grünen Wiese im Niemandsland zwischen den Großstädten Warschau und Łódź erlaubt nicht nur einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb, sondern perspektivisch auch eine Verdopplung der Kapazitäten. Als Eröffnungstermin für den Hub, der den Namen der „Solidarność“ tragen soll, ist das Jahr 2027 angesetzt. Bisher laufen die Vorbereitungen nach Plan.

Polen rechnet damit, dass nach der Pandemie der internationale Flugverkehr wieder zunimmt. Ähnlich sehen es offenbar auch die Koreaner. Als „strategischer Berater“ des polnischen Großprojekts fungiert der Incheon International Airport, Südkoreas bedeutendster Flughafen. Schon heute bietet die polnische Fluglinie LOT dorthin Direktflüge ab Warschau und Budapest an. Kim Kyung-wook, CEO des koreanischen Flughafens, schwebt eine langfristige strategische Partnerschaft vor. Der polnische Zentralflughafen soll zum interkontinentalen Drehkreuz Ostmitteleuropas werden. Seoul-Incheon strebt eine ähnliche Rolle in Ostasien an – für Polens Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki eine Verbindung von „Knowhow und Ambition, Erfahrung und Potenzial“.

Auch in Energiefragen sind die Südkoreaner als Partner hochwillkommen. Polen steht vor einer tiefgreifenden energiewirtschaftlichen Transformation. Mit einer Kombination aus Erneuerbaren Energien, besonders Offshore-Windkraft in der Ostsee, und neuen Kernkraftwerken will sich das Land von der Kohle verabschieden und Klimaneutralität erreichen. Das erste polnische Kernkraftwerk soll seinen Betrieb 2033 aufnehmen. Bis 2043 sollen sechs Reaktoren an zwei Standorten entstehen. Der südkoreanische Energiekonzern KHNP hat bereits öffentlich Interesse an der Realisierung der Milliarden-Projekte angemeldet. Konkurrierende Technologielieferanten stammen aus den USA und aus Frankreich. Der Energieriese aus Seoul kündigte außerdem an, sich auch bei Windkraft und Photovoltaik in Polen engagieren zu wollen. Derweil zieht der südkoreanische Hyundai-Konzern das Land für den Bau eines der größten Solarparks Europas in Betracht.

Ein weiteres polnisch-südkoreanisches Kooperationsfeld mit Perspektive ist die Sicherheitspolitik. Das Polnische Institut für internationale Beziehungen (PISM) empfiehlt Südkorea als Partner im Bereich der Cybersecurity. Erste bilaterale Regierungskonsultationen zum Thema fanden bereits statt. Beim Ausbau des polnischen 5G-Netzes stelle Samsung eine willkommene Alternative zum in Fragen der IT-Sicherheit umstrittenen chinesischen Konzern Huawei dar. Auch in der Rüstungspolitik könne Südkorea laut PISM Polens Optionen erweitern. Angesichts der aggressiven Politik Russlands der vergangenen Jahre plant Polen eine Modernisierung seiner Panzerflotte, einer der größten, aber auch der ältesten in der NATO. Nach den bisher erfolglos verlaufenden Bemühungen, sich am Projekt eines neuen deutsch-französischen Kampfpanzers zu beteiligen, könnte eine Kooperation mit den Südkoreanern für Polen eine attraktive Alternative darstellen, so der einflussreiche Thinktank. „Die Panzer würden in Polen produziert und wir würden den polnischen Werken unsere Technologie zur Verfügung stellen“, skizzierte ein Mitarbeiter des Rüstungskonzerns Hyundai Rotem im Gespräch mit dem Branchenmagazin Defense News das Angebot der Koreaner.

Woher kommt die besondere Nähe Polens zu Südkorea? Mira Sun, die südkoreanische Botschafterin in Warschau nennt in einem Interview zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern und hebt dabei vor allem Geografie, Geschichte und Mentalität hervor. Südkorea liege zwischen China und Japan, Polen zwischen Russland und Deutschland. Diese Mittellage sei für beide Länder zum tragischen Schicksal geworden, beide Länder mussten nach Krieg und Zerstörung „wie Phönix aus der Asche“ auferstehen. Die USA waren und sind dabei für beide Länder der wichtigste Sicherheitsgarant. Seinen wirtschaftlichen Aufstieg begann Südkorea bereits in den 1970er Jahren. Dieser habe, wie bei Polen, auf Bildungsexpansion, hoher Arbeitsmoral, Technologietransfer und Industrieinvestitionen beruht. „Südkorea ist Polen also nur 15 oder 20 Jahre voraus“, so Mira Sun. Polen verfüge über alle Voraussetzungen, um dorthin zu gelangen, wo Südkorea heute stehe, es müsse nur an dem eingeschlagenen Weg festhalten.

Polen und Südkorea sind mittelgroße Länder mit dem Ehrgeiz, eine regional bedeutende Rolle zu spielen. Der Erfolg Südkoreas ist für Polen dabei Bestätigung der eigenen Ambitionen. Eine besondere Vorbildrolle spielt für Polens aktuelle Regierung die südkoreanische Wirtschaftspolitik, die den Aufstieg des Landes in der Wertschöpfungskette ermöglichte. Die als „Jaebeol“ bekannten südkoreanischen Familienkonzerne wie LG, Samsung oder Hyundai konnten dank staatlicher Schützenhilfe internationale Bedeutung erlangen. Polens Ministerpräsident Morawiecki fordert, auch in Polen „die unsichtbare Hand des Marktes durch den Staat zu unterstützen“. Als Beispiel führt Morawiecki Südkoreas Wirtschaftskraft an, die nicht allein auf Laissez-faire-Liberalismus beruhe. Auch Polen müsse nationale Champions aufbauen: Was für die Deutschen die „Deutschland AG“ sei, müsse für die Polen die „Polen AG“ werden.

Der Erfahrungsaustausch verläuft aber auch in die entgegensetzte Richtung, wenn auch in ganz anderen Sphären. Es ist der deutsch-polnische Versöhnungsprozess, der in Südkorea und Japan oft als Beispiel dafür herangezogen wird, wie historische Gräben erfolgreich überwunden werden können. Besonders der Kniefall Willy Brandts gelte in Südkorea als vorbildlich für ein symbolisches Schuldeingeständnis, wie man es sich von Japan wünsche, so die Japanologin Dr. Olga Barbasiewicz von der Jagiellonen-Universität Krakau. Akiyoshi Nishiyama, Historiker an der Universität Tokio, sieht in diesem Zusammenhang das geplante Polendenkmal in Berlin als modellhaft für ein künftiges Zwangsarbeiter-Mahnmal in Japan. Ein solcher Ort ziehe keinen „Schlussstrich“, sondern halte die Erinnerung an die dunkelsten Kapitel der gemeinsamen Geschichte wach – eine Vergangenheit, die noch immer trenne, aber gerade deshalb auch verbinden könne.

Schlagwörter:
nv-author-image

Leo Mausbach

Leo Mausbach lebt und arbeitet in Warschau. Er ist Mitgründer des Osteuropa-Netzwerks des Vereins der Altstipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.