Deutsch-polnisches Kulturleben ein Jahr nach Corona

Wie das Leben in Berlin in Zeiten der Pandemie aussieht, erleben die Einwohner der deutschen Hauptstadt seit über einem Jahr am eigenen Leibe. Aber wie hat die Pandemie die deutsch-polnischen Institutionen in Berlin beeinflusst? Kann man – und wenn ja wie – in einer Zeit, in der das Reisen verboten ist, internationale Projekte organisieren? Haben die polnischen Institutionen in Berlin überhaupt überlebt? Schließlich war es nie ein Geheimnis, dass ihre Budgets bescheiden sind und in hohem Maße abhängig vom guten Willen des Berliner Senats.

In der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund spreche ich mit deren Gründer Marcin Piekoszewski. Es ist früher Nachmittag, in der Buchhandlung ist viel los. Während ich auf meinen beschäftigten Gesprächspartner warte, schaue ich mich um und nehme Veränderungen wahr: viel mehr Literatur auf Deutsch und auf Englisch, viel weniger auf Polnisch. Marcin Piekoszewski bestätigt das und erzählt, wie sich kurz vor der Pandemie das Leben im Buchbund veränderte.

Sie hatten beschlossen, mit den vielen Autorenabenden zu pausieren und sich stärker mit der Buchhandlungsarbeit zu befassen. Aus der geplanten Pause, die ein paar Monate dauern sollte, wurde mehr als ein Jahr, aber der Buchbund prosperiert derzeit als Buchhandlung viel stärker. Ist das ein Wandel zum Besseren? „Hinter uns liegen neun Jahre mit intensiven Zusammenkünften und Gesprächen. Ob sich das reaktivieren lässt? Wir sind jetzt einfach in einer anderen Phase. Die Autorenabende haben uns viel Spaß gebracht, aber jetzt arbeiten wir anders“, erzählt Piekoszewski. Als ich nach der Möglichkeit für Gespräche online frage, schüttelt er sofort den Kopf: „Online-Gespräche sind für den Buchbund keine Alternative. Uns ging es immer um den direkten Kontakt.“

Natalia Prüfer: Deutsch-Polnisches Kulturleben in Berlin nach Corona

Die Online-Angebot sind vielfältig, aber nicht für jeden attraktiv.

Die Berliner Buchhandlungen waren nur einmal und nur kurzzeitig geschlossen. Doch nicht alle Institutionen hatten so viel Glück. Im Gegenteil, denn die Schließung wurde für sie zum Überlebenskampf. So erging es dem Club der Polnischen Versager (CPV), der de facto seit März 2020 geschlossen ist. Es gab eine Zeit, da man dort ernsthaft überlegte, ob das das Ende des legendären Clubs bedeutet. Darüber spreche ich mit dem Gründungsmitglied Adam Gusowski. Seit einem Jahr hat keine der Möglichkeiten, den Club etwa durch Fördergelder für eigene Projekte oder durch Vermietung zu finanzieren, Einkünfte eingebracht. Bis auf die erste Tranche der Soforthilfe von der Stadt hatte der CPV keinerlei Anrechte auf ein Hilfsprogramm, die Ersparnisse schmolzen zusammen, die Spenden von Club-Fans reichten nicht für die Miete.

„Wir haben schon darüber nachgedacht, wie wir den Club schließen, wem wir ihn übergeben, was wir mit den Sachen machen. Die Lage war dramatisch. Dann haben wir beschlossen, doch noch an Klaus Lederer im Berliner Senat zu schreiben, mit der direkten Bitte um Hilfe. Seine Mitarbeiter haben Kontakt zu uns aufgenommen und geholfen, indem sie extra für uns Fördermöglichkeiten entwickelt haben. Dabei geht es darum, aus dieser Notlage herauszukommen und um die Clubarbeit nach der Pandemie.“ Der Club erhielt finanzielle Absicherung bis Juni 2021, die Eigentümer arbeiten an neuen Ideen: Events auf dem Hof, mobile Präsentationen, Ausstellungen und Online-Formate. Adam Gusowski sagt: „Wir haben die Räume gerettet, aber wir haben viele Jahre verloren, in denen wir uns für Nachbarschaftsstrukturen eingesetzt haben – die sind leider kaputtgegangen und wir werden Jahre brauchen, um sie wieder aufzubauen. Wir haben den Kontakt zu den Menschen verloren, die sich für uns interessiert haben. Es wird dauern, bis sie zu uns zurückkommen.“

Der Kontakt zwischen den Menschen, der deutsch-polnische Dialog, das Brückenbauen, die Stärkung von Bindungen – das ist das Credo von Institutionen wie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW). Beide Institutionen haben einen extremen Rückgang bei den Anträgen auf Förderung zu verzeichnen. Im Jahr 2019 hat die SdpZ über 237 Anträge positiv entschieden, 2020 waren es nur noch 163. Die Stiftung selbst durchlebt eine finanzielle Krise, hat aber beschlossen, den Fördertopf nicht zu verkleinern, sondern Institutionen von kreativen Online-Lösungen zu überzeugen. Deshalb wurde ein Wettbewerb für Internet-Projekte ausgeschrieben, für die die Stiftung bis zu 80 Prozent der Kosten abdecken könnte. Termine von für die Pandemiezeit geplanten Veranstaltungen konnten problemlos verschoben werden.

Die Stiftung ist wesentlich flexibler geworden. „Es war uns wichtig, dass der deutsch-polnische Dialog niemals in einen Stillstand gerät, dass es nicht zu einer Stagnation kommt“, erzählt Karolina Fuhrmann, Projektkoordinatorin bei der SdpZ. „Wir haben Mut gemacht, den alternativen Raum, den das Internet bietet, zu entdecken.“ Das hatte Erfolg. In diesem Jahr ist bereits über 115 Anträge positiv entschieden worden, das ist sogar mehr als 2019 in der gleichen Zeit. Online-Projekte sind außerdem preiswerter umzusetzen, denn es fallen keine Reise-, Übernachtungs- und Cateringkosten an. Stattdessen kommt es unter anderem zu Kosten für Lizenzen für verschiedene Apps, für Corona-Tests, für Mund-und-Nasenschutz oder für Desinfektionsmittel.

Zu sehr vielen Veränderungen bei der Arbeitsorganisation ist es im Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) gekommen. Schon wenn man auf die Internetseite der Institution geht, sieht man Fotos von jungen Menschen mit Mund-und-Nasenschutz und ein Angebot von Projekten, die in Zeiten der Pandemie durchgeführt werden können. Das Spektrum der Arbeit des DPJW sei erweitert worden, erzählt Małgorzata Schmidt vom Förderreferat außerschulischer Jugendaustausch. Es wurden neue Förderformate erarbeitet (unter anderem für den hybriden und den Online-Jugendaustausch), so zum Beispiel Szenarien für Jugendbegegnungen online und ein breites Angebot an Online-Seminaren für Austauschinteressierte.

In Kooperation mit anderen Institutionen wurde die Internetplattform DINA.international gegründet, auf der Tools für die Organisation und die Kommunikation bei internationalen Jugendaustausch-Projekten angeboten werden. Doch Schulen und Einrichtungen für außerschulische Arbeit führen derzeit wesentlich weniger Projekte durch; im Jahr 2020 hat das DPJW etwa 400 davon bezuschusst, zum Vergleich: In den Jahren 2018 und 2019 waren es jeweils 2.400. Diese Zurückhaltung bei der Nutzung von Online-Formaten resultiert aus der schwierigen Situation, in die Schulen und Einrichtungen für Jugendarbeit geraten sind, aber auch aus der Hoffnung, dass normale Begegnungen bald wieder möglich sein werden. Das DPJW ist dadurch viel flexibler geworden: Projekttermine lassen sich leichter verschieben, und es ist möglich, die Kostenübernahme für die Annullierung von Reservierungen zu beantragen, wenn eine geplante Veranstaltung dann doch nicht stattfinden kann. Das alles wurde gemacht, um die Antragsteller zu ermuntern und zu entlasten.

Online-Projekte sind jedoch nicht für jeden ein Angebot. Dorota Kot, Vorstandsvorsitzende des Vereins Städtepartner Stettin aus Berlin berichtet offen, dass es unter den Vereinsmitgliedern verschiedene Meinungen zu Online-Treffen und zur virtuellen Durchführung des Festivals Osteuropa Tage gegeben hat. Personen, die das Internet nicht nutzen, und ältere Generationen sind Online-Angeboten gegenüber skeptisch, und mit diesem Problem hat jede Institution zu kämpfen. Die Festivalproduktion von Osteuropa Tage für 2020 war kein einfaches Unterfangen. Für den Fall, dass technische Probleme auftreten werden, waren manche Formate aufgezeichnet worden und das Team hatte die Begegnungen online „geübt“. „Dieses Festival war eine Art learning by doing“, fasst Dorota Kot zusammen. Geplant sei eine weitere Ausgabe des Festivals, und im Verein sei trotz der Pandemie sehr viel geschehen.

Ähnliche Gedanken hat Agata Koch, die Gründerin und Koordinatorin des Sprachcafé Polnisch (SCP). Viele zyklische Zusammenkünfte wurden ins Internet verlegt. Nicht stattfinden konnten jedoch Veranstaltungen für Mütter mit ganz kleinen Kindern, und an den Veranstaltungen für ältere Kinder können nicht alle Interessierten teilnehmen, weil es für die leitende Person wesentlich schwieriger ist, mit einem Kind zu arbeiten, das am Computer sitzt. Doch auch für die Online-Begegnungen (und es haben im Jahr 2020 immerhin 613 Begegnungen stattgefunden!) gab es immer interessierte Teilnehmer und alle geplanten Projekte konnten trotz der Pandemie umgesetzt werden.

„Nach den Statistiken haben wir das Jahr 2020 hervorragend überstanden, aber vielleicht werden die kommenden Jahre schwieriger. Der öffentliche Haushalt, aus dem das SCP finanziert wird, wird sehr früh geplant, deshalb war für 2020 Geld da. Jetzt ist die Rede davon, dass die öffentlichen Gelder in den kommenden Jahren anders ausgegeben werden, und das kann für unseren Verein gefährlich werden“, sagt Agata Koch und erzählt von einer Förderung der Stadt für die technische Ausstattung, die dem Café viel Flexibilität ermöglicht habe. Unabhängig von der jeweiligen Situation müsse man sowohl Live-Projekte als auch Online-Projekte und hybride Projekte planen. Doch sie wartet eigentlich darauf, dass das Café wieder öffnen kann: „Die Passanten bleiben vor unserem Zaun stehen und gucken, sie suchen nach Menschen. Wir sind per definitionem ein offener Begegnungsort – wie absurd das heute klingt.“

Es gibt Projekte, die sich nicht online durchführen lassen. Darüber spreche ich mit Natalie Wasserman. Sie ist eine der Koordinatorinnen des Kulturzuges zwischen Berlin und Wrocław. Im vergangenen Jahr wurden mehrere Livestreams statt Reisen veranstaltet; den Veranstaltern lag daran, den Kontakt zu den Partnern und zur Öffentlichkeit nicht zu verlieren. Als im Sommer 2020 der Zug wieder fahren konnte, musste die Zahl der Reisenden begrenzt werden, denn das Interesse war immer noch sehr groß. Es wurde streng auf die Hygienemaßnahmen geachtet, selbst die Bücher aus der mobilen Bibliothek kamen nach der Benutzung in Quarantäne.

Die Zeit, in der das Reisen nicht möglich war, wurde trotzdem genutzt: Es entstand ein großer zweisprachiger Katalog, in dem die bisherigen Errungenschaften des Projektes archiviert wurden, die Internetseite wird umgebaut, neue Begegnungen in Form von Städtespaziergängen (Berlin im Dialog mit Wrocław, Poznań und Szczecin) werden gedreht und im Internet veröffentlicht. Noch im Winter wurde entschieden, das Projekt um weitere zwei Jahre zu verlängern. Der Kulturzug wird also weiterhin fahren.

Auf seine Zeit wartet auch das Literaturfestival Unrast Berlin, das sich der polnischen Literatur widmet. Die Termine wurden bereits zweimal verschoben, derzeit ist die Durchführung für den 15. bis 18. November 2021 geplant. Der Festivaldirektor Martin Jankowski sagt, dass die Veranstalter sich auf Live-Begegnungen mit dem Publikum vorbereiten, sollten diese aber nicht möglich sein, werde das Festival online stattfinden.

In Berlin gibt es wohl niemanden, der nicht wieder an der Live-Kultur teilhaben möchte. Die Direktorin des Polnischen Instituts in Berlin, Marzena Kępowicz, erzählt von der intensiven Arbeit im Institut im Pandemie-Jahr, aber sie spricht auch davon, dass das Publikum sich nach einer echten Welt sehnt, und nicht nach einer virtuellen, deshalb werden außer dem Online-Angebot auch andere Formate angeboten: Ausstellungen im städtischen Raum, Plakatausstellungen und Illuminationen. Sehr viel Zuspruch bekam die Verschiebung des Filmfestivals FilmPOLSKA vom Frühjahr in den Sommer. Durch die Freilichtvorstellungen hatte das Festival 2020 hohe Besucherzahlen und wird in diesem Jahr ebenfalls Ende August/Anfang September stattfinden. „Wir hungern alle danach, unser Haus zu verlassen. Kultur bedeutet Kontakt mit lebendigen Menschen“, so Kępowicz.

Ähnliche Gedanken hat Jacek Tyblewski, Chef der polnischen Redaktion bei Radio Cosmo. Seiner Ansicht nach haben die deutsch-polnischen Kulturprojekte durch die Online-Formate an Transparenz verloren, Veranstaltungen im Internet könnten den lebendigen Kontakt nicht ersetzen, der auch für die journalistische Arbeit extrem wichtig sei. Dies habe jedoch nicht dazu geführt, dass es weniger interessante Themen gibt, die im Radio besprochen werden können. Es sind die neuen Sendungen „Serwis dla Polaków w Niemczech“ [Nachrichten für Polen in Deutschland] und „Pandemia wątpliwości“ [Die Pandemie des Zweifels] entstanden. Radio Cosmo hat außerdem viel intensivere Interaktionen mit Hörern zu verzeichnen, die die sozialen Medien nutzen.

Es sieht danach aus, dass die deutsch-polnischen Institutionen trotz der Pandemie weiterhin tätig sind. Sie nutzen den Luxus der Technologie und pflegen den Kontakt mit dem Publikum im Internet, wobei sie sich darüber im Klaren sind, dass diese nicht die perfekte Lösung ist. Sie planen die Zukunft und zeigen dabei ungewöhnliche Kreativität, arbeiten Rückstände auf (Archivierung, Design, soziale Medien), mit einem Wort: Sie sind aktiv. Die Institutionen, die deutsch-polnische Projekte unterstützen, sind flexibler geworden, sie haben sich an die neue Situation angepasst und ihren eigenen Arbeitsstil verändert.

„Die Angebote für die Zusammenarbeit mit der SdpZ und dem DPJW haben sich verbessert. Statt herumzusitzen und zu klagen, kann man tätig werden, planen und langfristig denken. Das ist besser als Projekte auf den letzten Drücker zu organisieren. Dank der Online-Formate haben wir überhaupt erst die Chance, die Möglichkeiten auszuprobieren, die uns das Internet bietet“, fasst Dorota Kot zusammen und Natalie Wasserman ergänzt: „Der Kulturaustausch zwischen beiden Ländern findet statt, das Bedürfnis ist groß, die Menschen wollen arbeiten und sind sehr kreativ beim Erfinden von neuen Formaten.“

Selbst wenn das Ende der Pandemie und die Teilhabe an Live-Kultur noch ein längerer Prozess sein werden, werden die Erfahrungen mit Sicherheit die Spuren neuer technologischer Möglichkeiten hinterlassen, die immer eine Alternative und Arbeitsoptimierung bedeuten können. Dennoch wünschen sich alle, dass diese Formate nicht mehr die einzige Möglichkeit für einen Dialog zwischen der polnischen und deutschen Kultur sind. Wichtig ist, dass wir, wenn auch gebeutelt und erschöpft, aus dieser Notlage mit Köpfen voller neuer Ideen herauskommen. Und dass wir nicht sagen, diese Zeit sei für die deutsch-polnische Kultur verloren, denn das ist einfach nicht wahr.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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