Nicht nur Artushof und Neptunbrunnen. Alternativer Stadtführer durch Danzig

Wenn wir bei Google die Begriffe „Sehenswürdigkeiten in Danzig“ eingeben, tauchen vor unseren Augen der Lange Markt, die Marienkirche, der Neptunbrunnen, die Langgasse, das Grüne- und das Langgasser Tor sowie der Artushof auf. Jeder dieser historischen Orte ist zweifellos sehenswert, und trotzdem erzeugt das Abrufen von Internet-Stadtführern eine eigenartige Dissonanz: Nun sind wir im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts angekommen, und dennoch kommt es einem so vor, als ob wir die gleiche Auflistung wie aus einem Baedeker aus den 1950er Jahren gefunden hätten. Bedeutet das etwa, Danzig würde sich überhaupt nicht verändern?

Nichts könnte irreführender sein. Danzig ist heute – oder war es zumindest, bevor die Pandemie unser Leben verändert hatte – eine faszinierende und pulsierende Stadt, voller Orte mit einzigartiger Atmosphäre, an denen man mit großem Vergnügen seine Freizeit verbringen kann. Um aber zu diesen Orten zu gelangen, sollte man sowohl die vor Jahrzehnten herausgegebenen Stadtführer, als auch die Aufstellungen im Internet beiseitelassen – denn das Herz von Danzig schlägt heute weder im Artushof noch in der Marienkirche. Stellen wir uns also für einen Augenblick vor, es gäbe keine Corona-Einschränkungen: Wir unternehmen einen Stadtrundgang zu den – von heutiger Sicht aus betrachtet – außergewöhnlichsten Orten der Stadt, um die dort stattfindenden Veranstaltungen zu besuchen, die den Charakter Danzigs zu Anfang des 21. Jahrhunderts prägen.

Die Werft 2.0

Die erste Station scheint selbstverständlich: Es ist die Danziger Werft, eines der bedeutendsten Areale auf dem Stadtplan, der Ort, an dem es in der Volksrepublik Polen Streiks gegen die Machthaber stattfanden und wo im Jahre 1980 die Augustabkommen unterzeichnet wurden. Heute besuchen die Touristen vor allem den Platz mit dem Drei- Kreuze-Denkmal und das 2014 eröffnete, monumentale Europäische Solidarność-Zentrum (ECS). Das ECS dokumentiert unter anderem den Weg zur Freiheit, die Geschichte, die eben in Danzig ihren Anfang nahm.

Es lohnt jedoch, etwas weiter nach Norden zu gehen und die Księdza-Popiełuszki-Straße zu überqueren. Jenseits der Straße, zwischen der vor kurzem gebauten Überführung und der Toten Weichsel, erstreckt sich ein größtenteils unsaniertes Gelände, das manchmal einen verlassenen Eindruck macht. Nach dem Fall der zentral gesteuerten Wirtschaft, als die Werft in immer größere finanzielle Not geriet, wurde aus ihrem Vermögen (und dem von nahegelegenen „Elmor“, einem Betrieb für Elektromaschinen) ein riesiges Areal abgetrennt, auf dem die „Junge Stadt“ entstehen sollte: moderne Lebensorte mit Wohn-, Handels-, Dienstleistungs- und Unterhaltungsbereichen. Obwohl ein Großteil dieser Pläne noch darauf wartet, verwirklicht zu werden, und die „Junge Stadt“ heute eine unter mehrere Bauherren aufgeteilte Zone ist, kann man das Gelände nicht als tot bezeichnen. Jeden Sommer füllen sich nämlich die Hüllen der postindustriellen Bauten mit Tausenden junger Menschen.

Den Weg geebnet hatte in diesem Fall vor allem B90, ein großer Konzertclub, der nördlich von der Droga-Technologiczna- und der Elektryków-Straße liegt. Zu Anfang des vergangenen Jahrzehnts wurde die Industriehalle entsprechend vorbereitet und an die Bedürfnisse der Unterhaltungsbranche angepasst, wobei ihr industrieller Charakter beibehalten wurde. In den letzten acht Jahren spielten hier die Berühmtheiten nicht nur aus der polnischen, sondern auch der internationalen Musikszene, unter anderem Tangerine Dream, Dropkick Murphys, Riverside, Gogol Bordello oder die umstrittene Band Behemoth. Und die Karten waren oft schon weg, ehe alle Interessierten welche kaufen konnten.

Schnell stellte sich heraus, dass die Musikbühne in der Werft ein Volltreffer war. Die Stammgäste ähnlicher Veranstaltungen in anderen europäischen Ländern wissen übrigens sehr wohl, dass verlassene Industrieareale ideal für Clubs und Konzerte sind: Gerade das hatte doch die Berliner Clubs Berghain und Atonal oder das Londoner Printworks berühmt gemacht. Ein ähnliches Beispiel findet man auch in Polen. Es handelt sich um das Off Piotrkowska in Łódź, die ehemalige Fabrik von Franciszek Ramisch, wo an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Baumwollwaren hergestellt wurden. Jetzt beherbergt das Gebäude unzählige Geschäfte, Restaurants, Ateliers, Kneipen und Cafés. Im Sommer findet man dort nur schwer einen freien Tisch.

Einer ähnlichen Popularität erfreut sich das B90, nur ist der Club heute keine einsame Musikinsel auf der Werftkarte mehr. Der Besuchererfolg hatte zur Folge, dass nebenan weitere Lokale geöffnet wurden, und die ganze Elektryków-Straße – über der eine riesige, weiße Neonschrift hängt – schnell zum beliebtesten Ort für Wochenendveranstaltungen wurde. Der ganze Komplex besteht jetzt aus B90, Drizzly Grizzly (einer Kneipe, in der die Musik von Musikkassetten abgespielt wird), Plenum (einer dreitausend Quadratmeter großen Halle, die für Konzerte, Ausstellungen und Messen genutzt wird), W4 Food Squat (einer Halle mit Food Trucks) und Plener 33 (dem Gelände zwischen der Elektryków- und Monterów-Straße). Die Elektryków-Straße selbst verwandelt sich im Sommer in einen großen Club mit Freilichtbühnen und mobilen Bars. Kaum einhundert Meter weiter in westlicher Richtung, zwischen der Malarzy- und Niterów-Straße, wurde 100cznia eröffnet, ein Kulturprojekt, das von seinen Gründern als „Ökosystem“ bezeichnet wird, und dessen Gebäude aus miteinander verbundenen Seefracht-Containern gebaut ist. Hier kann man nicht nur Getränke, sondern auch Essen, sogar Kleidung und Gadgets kaufen.

Dadurch ist dieser Teil der Danziger Werft, der sich zwischen der Jana-z-Kolna-Straße und der Toten Weichsel erstreckt, kein Brachland mehr; im Sommer wird es sogar zu einem eigenen Kultur- und Unterhaltungsbezirk, der Massen von Danzigern und Touristen anzieht. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Veranstaltungen, die im städtischen Gewebe verwurzelt sind. Eine davon ist das Soundrive Fest: ein Festival breit gefasster alternativer Musik und eine interessante Möglichkeit, sich von großen, populären Open-Air-Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Open’er-Festival in Gdynia, zu erholen. Eine weitere ist das seit 2018 existierende (und vom Autor mitgestaltete) Octopus Film Festival, das alljährlich stattfindende Fest des Genrekinos. In dessen Rahmen werden die Filme unter anderem in den ehemaligen Werfthallen gezeigt.

Wiedergewinnung öffentlichen Raumes

Wenn man sich das heutige Erscheinungsbild der Werft anschaut, könnte man den Eindruck bekommen, der industrielle Raum sei gewissermaßen – ähnlich wie in Berlin oder Łódź – von der nächsten Generation zurückgewonnen, um ganz neuen Zwecken zu dienen. Obwohl sich die Schiffsmontage als unrentabel erwies, ließ es die ungewöhnliche, unnachahmliche Atmosphäre dieses Ortes nicht zu, dass er lange verlassen blieb. Es ist die Suche nach neuen Funktionen für verlassene Areale, die das Leitthema unserer Stadtexkursion sein wird. Ähnlich ist es nämlich im Falle der Wohnsiedlung Garnizon (früher Militärgebäude). Hier ist die neue Funktion für den Standort jedoch das Arbeitsergebnis eines konkreten Bauinvestors, Hossa Company, und keine gemeinsame Bottom-Up-Aktivität vieler kleinerer Träger.

Die am Schnittpunkt der Bezirke Strzyża /Hochstrieß und Wrzeszcz /Langfuhr gelegene Kaserne hatte bereits im 19. Jahrhundert dem Militär gedient, als hier noch die Schwarzen Husaren (1. Leib-Husaren-Regiment), ein Truppenverband von Kaiser Wilhelm II., stationiert waren. Später war das Schicksal der Garnison untrennbar mit der Geschichte Danzigs verbunden: Die Kaserne war nacheinander Sitz der Armee des Kaiserreiches, der Polizei der Freistadt Danzig, der nationalsozialistischen Wehrmacht, der Roten Armee und bis Mitte der 1990er Jahre der Polnischen Streitkräfte. Nach der Schließung der Militärgarnison blieb das Gelände jahrelang verlassen.

Das änderte sich erst mit dem Bau einer modernen Wohnsiedlung, die auch die restaurierten Gebäude der ehemaligen Kaserne mit einbezog, unter anderem die Kommandantenvilla oder die Gebäude an der Grunwaldzka-Straße 184, 186 i 190. Aus heutiger Perspektive erscheint die Entscheidung, hier eine Siedlung zu bauen, logisch. In den letzten Jahrzehnten sind die Immobilienpreise in Wrzeszcz von Jahr zu Jahr gestiegen, und das riesige, 25 Hektar zählende Kasernengelände befindet sich in einer verkehrstechnisch traumhaften Lage: zum Verkehrsknoten des Einkaufscenters Galeria Bałtycka braucht man nur ein paar Minuten zu Fuß, die Żołnierzy-Wyklętych-Allee sichert eine schnelle Zufahrt nach Niedźwiednik und Matarnia, von Bedeutung scheint hier auch die Nähe der Danziger Wälder.

Und obwohl die Garnizon-Siedlung durch die hohen Immobilienpreise als ausgesprochen exklusiv gilt, handelt es sich um keine typische Gated Community, die nur für ihre Einwohner zugänglich wäre. Wahrscheinlich ist der Ort gerade deshalb so beliebt, denn abgesehen von Restaurants und Geschäften gibt es hier unter anderem Stary Maneż (Alte Manege), die alte Husarenreithalle, in der sich ein Restaurant und ein Konzertsaal befinden, sowie Sztuka Wyboru (Die Kunst der Wahl), eine Mischung aus Buchhandlung und Café in einem sanierten, noch aus preußischer Zeit stammenden Gebäude. Zwischen den Gebäuden erstrecken sich außerdem Grünanlagen, die für alle zugänglich sind.

Wenn wir Glücksspieler wären und vorhersagen wollten, welcher Teil von Danzig in einigen Jahren genauso gefragt sein werde, sollten wir auf Dolne Miasto /Niederstadt tippen. Es handelt sich hierbei, ähnlich wie bei der Werft, um ein postindustrielles Gelände, das vor einem Jahrhundert als Fabrikstadt bezeichnet wurde, da hier auf kleiner Fläche eine Zuckerraffinerie, eine Tabakfabrik, eine Ölmühle, eine Artilleriefabrik und noch einiges mehr konzentriert waren. Die jahrzehntelang vernachlässigte Niederstadt wurde in den letzten Jahren sukzessiv saniert, somit offenbart sie den Danzigern nun ihre schönste Seite. Die eklektischen Wohnhäuser stehen hier zwischen alten Fabriken und öffentlichen Gebäuden, in die immer mehr neue „Bewohner“ einziehen – wie das Centrum Sztuki Wspólczesnej (Zentrum für zeitgenössische Kunst) „Łaźnia“ oder Podwórko (Der Hof), ein Veranstaltungsort und kulinarische Location auf dem Gelände der ehemaligen Königlichen Gewehrfabrik.

Neue „Narracje“

Die Beliebtheit der einzelnen Orte ist nicht nur eine Folge von Investitionen, sondern auch von Kunst- und Unterhaltungsaktivitäten. Die Danziger nehmen offenbar gern an Veranstaltungen teil, die im städtischen Gewebe verwurzelt sind und ihnen erlauben, die Geschichte und Topografie der eigenen Stadt kennenzulernen. Als bestes Beispiel könnte hier Narracje (Narrative) dienen, ein vom Institut für Stadtkultur und der Danziger Städtischen Gallerie organisiertes künstlerisches Event, das jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet. Narracje schöpft aus der Idee der site specific, der ortsspezifischen Kunst, es handelt sich also um Kunstaktivitäten, die mit dem Gedanken an einen konkreten Standort vorbereitet werden. Die Installationen und Objekte werden dabei so entworfen und präsentiert, dass sie mit dem Ort, an dem sie gezeigt werden, in Verbindung treten.

Während seiner elf Auflagen (die zwölfte wurde aus epidemiologischen Gründen auf 2021 verschoben) war Narracje nicht nur in den oben beschriebenen Stadträumen zu Gast, wie in der Niederstadt oder in Langfuhr, sondern auch auf der Speicherinsel, auf Bleihof, in Langgarten, Neufahrwasser, auf dem Bischofsberg, in Brösen, Oliva oder Schidlitz. Jedes Mal wurden dabei die Bezirke und Gebiete, die in vielen Fällen kein so reichhaltiges kulturelles Angebot wie Langfuhr oder die Rechtsstadt haben, für zwei Tage von den eingeladenen Künstlern und Tausenden an den Ergebnissen von deren Arbeit interessierten Teilnehmern belebt.

Eine ähnliche Vorgabe wie Narracje hat die Idee des Octopus Film Festivals, in dessen Rahmen Filmvorführungen nicht nur in Werfthallen, sondern auch in über die ganze Stadt verstreuten, an die Atmosphäre und Thematik der präsentierten Filme angepassten Standorte dargeboten werden. Während der bisherigen drei Festivalauflagen wurden Filme unter anderem in der Jesuitenschanze in Altschottland, im ehemaligen Pfadfinderstützpunkt im Wald von Langfuhr oder im Containerterminal unweit des Strandes in Stogi /Heubude gezeigt.

Einen Schritt weiter sind die Gründer des Open House gegangen. Bei dieser Veranstaltung machen wir uns nicht nur auf den Weg in konkrete Gegenden von Danzig, sondern gehen – wortwörtlich! – in die Häuser und Ateliers ihrer Einwohner. Die erste Auflage des Architekturfestivals öffnete die Innenräume von 70 Orten innerhalb der Rechtstadt, des Bischofsberges, der Werft und der Niederstadt; dank der zweiten konnte man das Innere von Gebäuden in Langfuhr kennenlernen, und dank der dritten – in Oliwa. Genau die gleiche Initiative gibt es in Gdynia, und die Organisatoren können nicht über mangelnde Besucherzahlen klagen.

 

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Ein Großteil der heutigen Zwanzig- bis Dreißigjährigen will ihre Abende und Wochenenden nicht mehr in Klubs verbringen, die sich noch vor zehn Jahren so großer Beliebtheit erfreuten. Der Erfolg der oben kurz beschriebenen Standorte und Veranstaltungen deutet darauf hin, dass die Erforschung weniger bekannter Stadtgebiete und das Treffen von Freunden an geschichtsträchtigen, und außerdem noch in architektonischer und topografischer Hinsicht faszinierenden Orten, für sehr viele Menschen bedeutend interessanter ist, als einfach nur in Kneipen herumzusitzen. Und Danzig erscheint – aufgrund seiner Geschichte und Vielfalt – als eine Stadt, die voller solcher Möglichkeiten ist. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Eigentümer jener Lokalitäten und die Organisatoren von Kulturveranstaltungen den durch die Corona-Krise bedingten Stillstand überdauern, die Teilnehmer und Gäste möglichst schnell zur Normalität zurückfinden und so die Entwicklung weiterer interessanter Räume unterstützen werden.

 

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Deutsch-Polnischen Magazin DIALOG Nr. 134


 

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Grzegorz Fortuna Jr.

Grzegorz Fortuna Jr. ist Publizist und Doktorand an der philologischen Fakultät der Universität Danzig.

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