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Kreativer Kampf ums Wasser. Polens Flussschwestern

Flüsse waren immer schon bedeutend für Polen, vor allem die Weichsel, die mit einer Länge von über 1.000 Kilometern der größte und längste Fluss des Landes ist. Eine andere Bezeichnung für Polen ist kraj nad Wisłą, das Weichselland, und das Logo des 1921 gegründeten Bundes der Polen in Deutschland zeigt den stilisierten Verlauf der Weichsel auf rotem Grund. Polens Nationalfluss ist ein wichtiger europäischer Strom, der für viele hier längst zum verbindenden Band zwischen dem boomenden Westen und dem wirtschaftlich schwächeren Osten geworden ist. Wenn man der Presse und den Verlautbarungen der Regierung glauben kann, dann setzen die Menschen an ihrem Lauf auch auf den Fluss als Transportmittel der Zukunft. Die Weichsel ist ab Oświęcim schiffbar und gerade von Warschau bis Danzig stark befahren. Nun soll der Fluss mit neuen Staustufen und Dämmen noch mehr begradigt und kontrolliert werden mit dem Ziel, dass Containerschiffe im Rahmen der geplanten internationalen Wasserstraßen E40 von der Ostsee zum Schwarzen Meer zuverlässig vom Süden des Landes in den Norden fahren können.

Aber wem gehört der Fluss überhaupt, und ist die reine Nutzung als Wasserstraße und Ressource überhaupt noch angebracht angesichts des Klimawandels? Wie können wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz hier miteinander vereinbart werden? Wie die jüngsten Flutkatastrophen in Deutschland, Österreich und Belgien gezeigt haben, können die vielen Eingriffe der Menschen in ganz Europa in Flussläufe, Auenlandschaften und Feuchtgebiete direkte und teils schreckliche Auswirkungen für jeden, der an ihren Ufern wohnt, nach sich ziehen; in anderen Gegenden wiederum wird das Wasser zunehmend knapp und Dürre nimmt zu. Und während andere wichtige europäische Ströme wie der Rhein zunehmend renaturiert und zurückgebaut werden, ist das offiziell noch kein Thema in Polen.

Flüsse machen zwar ein Drittel der Süßwasserressourcen Polens aus, verfügen ohne Begradigungen über effiziente natürliche Reinigungsmechanismen und die jährlichen Überschwemmungen sind ein natürlicher Düngungsprozess, der die Artenvielfalt der Ökosysteme entlang des Flusslaufes sichert. Während des Kommunismus allerdings wurden in Polen ganze Sümpfe und Moore ausgetrocknet, um sie für die Landwirtschaft urbar zu machen, die Flüsse des Landes zunehmend als reine Wasserstraßen und einfache Möglichkeit der Abwasserentsorgung betrachtet und in Betonrinnen gezwängt. Das Wassermanagement hat sich in den Jahrzehnten nach 1989 allerdings nicht wirklich verbessert: Fast alle demokratischen polnischen Landesregierungen haben das Thema größtenteils vernachlässigt, erst in den letzten Jahren ist Dank EU-Umweltstandards und -Geldern etwas Bewegung entstanden.

Viele Menschen am Ufer der Weichsel befürchten, dass sich diese Vernachlässigung auch beim Ausbau der E40 zeigen wird: Wie viele andere hochtrabende Bauprojekte der Vergangenheit ist auch dieses Projekt mit großen Einschnitten in die Natur verbunden – so würde die Wasserstraße zum Beispiel Polesien, Europas größtes Feuchtgebiet, durchschneiden und Teile komplett trockenlegen. Hinzu kommt, dass bei zunehmender Hitze die Weichsel gar nicht mehr befahrbar sein wird: Im Juli 2019 zum Beispiel hatte der Fluss bei Warschau nur noch einen Stand von 40 Zentimetern.

Dass es auch andere Formen der Nutzung von Flüssen gibt und dass gerade diese dabei helfen können, die Schäden von Klimakatastrophen in der Zukunft abzumildern, dafür kämpfen in Polen die Siostry Rzeki, die Flussschwestern. 2018 von der Krakauer Künstlerin Cecylia Malik gegründet, macht diese lose Gruppe von Künstlerinnen und Aktivistinnen durch kreative Aktionen auf das Wasserproblem in Polen und ganz Europa aufmerksam. Die Flussschwestern veranstalten Konzerte, Workshops mit Schülerinnen und Rentnern, führen Ausstellungen und Demonstrationen durch, planen Modenschauen und haben eine eigene Bademodenkollektion, die sogar im Frühstücksfernsehen des Regierungssenders TVP2 gezeigt wurde – wobei die Moderatoren allerdings versuchten, das Thema Umweltschutz gar nicht zu erwähnen. Alle Aktionen der Flussschwestern erfolgen immer in Namen der Flüsse Polens: Jede Aktivistin repräsentiert dabei einen der Ströme des Landes, die Weichsel, Oder, Wisłoka, den Weißen Dunajec, den Bug und viele mehr. Die blauen Plakate mit weißer Schrift und Wellensymbolen, die die Flussschwestern dabei immer verwenden, sind mittlerweile in ganz Polen zum Markenzeichen geworden. Ebenso dezentral wie die Wasserläufe in Polen tritt auch die Gruppe auf, die im ganzen Land umherreist, um auf gefährdete Flüsse und kontroverse Bauvorhaben aufmerksam zu machen.

So bereiste ein Teil der Gruppe im Sommer 2019 von Krakau aus mit einem Floß die Weichsel bis zur Mündung in die Ostsee und protestierte bei Siarzewo in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern gegen einen geplanten Wasserkraftdamm. Die polnische Regierung plant hier, eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzipierte Idee einer unteren Weichselkaskade als Teil der E40 wieder aufleben zu lassen, und zwar durch den Bau einer riesigen neuen Staustufe. Der bereits bestehende Włocławek-Staudamm, der 1970 gebaut wurde, war der erste Schritt zur Erschließung dieser Kaskade. Die neue Staustufe in Siarzewo würde die Verbindung mit der Weichsel und ihren Nebenflüssen unterbrechen und stellt neben einem Eingriff in die Wasserversorgung der unteren Weichsel auch eine echte Bedrohung für wandernde Fische dar. Wie Cecylia in einem Interview mit dem Magazin Przekrój erzählt:

„Die Politiker hoffen auf den Deal ihres Lebens, und es ist ihnen egal, wie viele Ökosysteme beim Bau dieser Anlagen und Dämme zerstört werden. Für sie hat die Wildnis kein Wert. Nein, sie finden sogar, dass ein Flussufer aus Beton elegant aussieht. Während sie sich Träume aus kommunistischen Zeiten erfüllen, entgeht ihnen, dass England, Frankreich, Schweden oder Slowenien gerade ihre Flüsse renaturieren.“

Die Reise und den Protest hat Cecylia Malik auch zu einem Dokumentarfilm verarbeitet, der in diesem Jahr erschienen und gerade auf vielen Filmfestivals zu sehen ist (Trailer). Das erklärte Ziel der Flussschwestern ist, dass jeder Mensch Zugang zu sauberem Wasser, Fischen und Wildtieren und einer natürlichen Landschaft hat und dadurch besser versteht, wie die natürlichen Prozesse eines Flusses dabei helfen können, die Folgen der Klimakrise zu bekämpfen. Und nicht nur dank der Flussschwestern nimmt das öffentliche Bewusstsein für die Vorzüge wilder Flüsse in Polen zu. Die Gruppe ist Teil eines landesweiten Umweltbündnisses und arbeitet mit so unterschiedlichen Gruppen wie der Polnischen Gesellschaft für Vogelschutz (OTOP), dem WWF, der Stiftung Greenmind und der Ashoka Foundation zusammen. Die Flussschwestern sind ebenso Teil der Koalicji Ratujmy Rzeki, der Koalition zur Rettung der Flüsse, in der sich Wissenschaftler, Aktivisten und Kunstschaffende zusammengefunden haben, um für eine nachhaltige Nutzung der Flüsse Polens zu kämpfen.

Der Streit um die Weichsel steht für ein erwachendes Umweltbewusstsein im ganzen Land, insbesondere in der Generation der jungen Polinnen und Polen. Die Flussschwestern sind wiederum Inspiration für andere Künstlerinnen, die ihre Ideen und Botschaften weitertragen: Sie waren die Inspiration für das gleichnamige Album des polnischen Folktrios Sutari aus dem Jahr 2020. Der Kampf um die Flüsse bricht sich so immer neue kreative Bahnen. Europaweit stellt sich die Frage nach dem Umgang mit unseren Strömen. Die Aktionen der Flussschwestern zeigen, wie wichtig unsere Flüsse für uns alle sind, und dass wir gut daran tun, sie sanfter und nachhaltiger zu behandeln als wir das bis jetzt getan haben.

 

 

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Marcel Krueger

Marcel Krueger ist Schriftsteller und Übersetzer. 2019 hat er als offizieller Stadtschreiber von Allenstein/Olsztyn im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Kulturforums östliches Europa über das Leben in Ermland-Masuren berichtet. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Von Ostpreußen in den Gulag“ (2019).

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