Der ukrainische Weg zur Unabhängigkeit

Mit dem Historiker Piotr Tyma, dem ehemaligen Vorsitzenden des Verbandes der Ukrainer in Polen (2006 bis 2021) sprach Iza Chruślińska.

 

Iza Chruślińska: Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger war in der Ukraine eine Zeit der turbulenten Veränderungen. Du hattest damals die Gelegenheit, die Vorgänge aus der Nähe zu beobachten. Mich interessiert vor allem die Atmosphäre, mit der du damals in der ukrainischen Gesellschaft in Berührung gekommen bist.

Piotr Tyma: Ein Aha-Erlebnis war für mich meine erste Reise nach Lemberg (Lwiw) und in das nahe gelegene Morschyn, zu einem Treffen von Gründungsmitgliedern der (größten ukrainischen) Pfadfinderorganisation Plast im Oktober 1990, also bereits während der Umwälzungen in der Ukraine. Seit Ende der achtziger Jahre war die Gesellschaft im Begriff aufzuwachen, es entstanden zahlreiche unabhängige Organisationen, es erschienen viele neue unabhängige Presseprodukte, es kam zu Streiks und Demonstrationen mit mehreren Tausend Menschen, der Beginn der nationalen Wiedergeburt war sichtbar. Wir, die Ukrainer aus Polen, hatten das Gefühl, dass die Ukraine aufwacht, aber wir warteten noch ab, was daraus folgen würde.

Auf dieser Reise lief ich durch die Straßen von Lemberg, und auf dem heutigen Freiheitsprospekt wurde gerade vor dem Operngebäude das Lenin-Denkmal abgerissen. Bis heute sehe ich dieses Bild vor mir: Ein riesiges Loch im Boden an der Stelle, an der das Denkmal gestanden hatte. Der Freiheitsprospekt selbst wurde zu einem riesigen Hyde Park, voller Ständen mit Büchern, die zuvor verboten und in Selbstverlagen erschienen waren. Das war der Zeitpunkt, als die Lemberger Studenten in Hungerstreik gingen, aber noch vor dem Beginn der Revolution auf Granit (studentische Proteste 1990, die über zwei Wochen dauerten und unter anderem zur Abdankung des damaligen Vorsitzenden des Ministerrates der Ukrainischen SSR Witalij Massol führten). Die Studenten trugen weiße Armbinden mit der Aufschrift ja holoduju (ich hungere).

Für mich war das eine starke Erfahrung, überall waren blau-gelbe Flaggen zu sehen und es herrschte eine feierliche Atmosphäre. Im Fernsehen und im Radio wurden erstmals in der Geschichte der USSR die Sitzungen der Werchowna Rada (Oberster Rat der Ukraine, das Parlament) übertragen. Es war zu sehen, dass das sowjetische System auseinanderbricht. Aber es war auch zu sehen, wie diese beiden Welten, die neu erwachende und die alte, sich übereinanderschoben, wie sie noch koexistierten. An der polnisch-ukrainischen Grenze trug der ukrainische Grenzschutz noch sowjetische Uniformen und Mützen mit Sternen, aber die meisten trugen auch irgendein Element, mit dem sie zeigten, dass das schon die freie Ukraine war (z.B. Ledergürtel mit dem Dreizack-Wappen auf der Schnalle). Damals galt in der Westukraine eine andere Zeit als im Rest der USSR, damit wollte man zeigen, dass die Westukraine nicht mehr Teil des Sowjetgebietes ist, zwischen Lemberg und Kiew gab es eine Zeitverschiebung von einer Stunde. In Lemberg hatte man das starke Gefühl, sich im Epizentrum bedeutender Veränderungen und Ereignisse zu befinden.

Und was hat dich in Kiew, in der Ostukraine, damals am stärksten beeindruckt?

Als ich Anfang August 1991 nach Kiew fuhr, war das eine andere Stadt als die, die ich drei Jahre zuvor besucht hatte. Es war der Wind of Change zu spüren, obwohl am Bahnhof in Kiew und an vielen Gebäuden und in Grünanlagen noch Sowjetsymbole störten. Aber auf den Straßen hingen Plakate der Volksbewegung der Ukraine (die Bewegung wurde 1989 gegründet, ein wesentlicher Teil der ukrainischen Dissidenten trat ihr bei), die Fußgänger trugen Dreizack-Anstecker oder blau-gelbe Schleifen. Auf dem Weg nach Kiew fuhren wir durch Lemberg und hielten uns dort für ein paar Tage auf, weil es Probleme beim Kauf der Fahrkarten für den Zug nach Kiew gab. Damlas war gerade der Präsident der Vereinigten Staaten, Georg H. W. Bush, in Kiew zu Besuch. Im Fernsehen hörte ich seine berühmte Rede, in der er den ukrainischen Parlamentariern nahelegte, in der Sowjetunion zu verbleiben. Während dieser Rede, saß ich mit meinen Kollegen von ukrainischen unabhängigen Organisationen im Büro der Studentenverbindung. Ich erinnere mich an die Reaktionen der Kollegen, als sie Bushs Worte hörten, sie widersprachen und waren empört. Sie hatten erwartet, dass die USA die demokratischen Veränderungen und Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer unterstützen würden, aber nun hörten sie aus dem Mund von Präsident Bush die „seltsame“ Ermunterung, in der UdSSR zu verbleiben.

Den ersten Kontakt mit der Ostukraine hatte ich ein Jahr später. Ich war 1992 bei der Weltkonferenz der Ukrainischen Jugendorganisationen in Charkiw. Charkiw war zum damaligen Zeitpunkt eine typisch sowjetische Stadt und lediglich formell ukrainisch. Alle Sphären des Lebens waren russischsprachig, im Stadtzentrum ragte ein Lenin-Denkmal über allem (es wurde erst 2014 während der Revolution der Würde abgerissen). Überall war der Einfluss der sowjetisierten Gesellschaft zu spüren. Selbst junge Menschen und Aktivisten unabhängiger ukrainischer Organisationen in der Stadt haben manchmal Ansichten von sich gegeben, die für uns seltsam waren, zum Beispiel über die slawische Bruderschaft, über die Vorteile der UdSSR-Zeit. Für mich war das eine große Überraschung, obwohl es wie überall in der Ukraine Kontraste gab. Ich war zum Beispiel Zeuge von Feierlichkeiten vor einem Taras-Schewtschenko-Denkmal in Charkiw. Daran nahm eine Delegation aus Westeuropa teil, der Gouverneur von Charkiw begann seine Rede auf Russisch, aber plötzlich ging er mittendrin ins Ukrainische über. Neben uns standen zwei junge Menschen, die, als sie die ukrainischen Worte des Gouverneurs hörten, plötzlich mir nichts dir nichts Werke von Schewtschenko zu rezitieren begannen. Für uns war das die Fortsetzung der Gegensätze zweier Welten und der ukrainischen Paradoxien.

Die Besuche in der Ukraine – wo auch immer ich war – haben mir die Gelegenheit gegeben, die lebendige Ukraine zu erleben. Einmal war ich in Kiew bei einem Leseabend, bei dem Jurij Andruchowytsch, Oksana Sabuschko und Taras Chubay auftraten. Und in diesem, weiterhin russifizierten Kiew, war der Saal im IwanFranko-Schauspielhaus voller junger Menschen. Die Autoren, die ich nur wenig gelesen, über die ich aber viel gehört hatte, trugen live ihre Werke vor, und Taras Chubay sang zur Gitarre. Das war für mich ein lebendiger Kontakt mit der jungen ukrainischen Kultur. Das war etwas vollkommen anderes, voller Leben und feierlicher Ästhetik, das waren interessante und sich natürlich verhaltende Künstler. Nach solchen Abenden war man so euphorisch, dass man das Gefühl hatte, ein paar Meter über der Erde zu schweben.

Wie hast du die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine im August 1991 erlebt?

Ich bin damals viel durch Polen und die Ukraine gereist. Als das passierte, war ich gerade unterwegs und mir ist kein Gefühl in Erinnerung geblieben. Aber es war keine Überraschung, denn die Prozesse, die seit Ende der achtziger Jahre in der Ukraine in Bewegung gekommen waren, hatten darauf hingesteuert. Betrachtet man die wichtigsten Ereignisse der damaligen Zeit in der Ukraine, sieht man dieses schnelle Abschütteln der sowjetischen Fesseln deutlich. Um die Jahreswende 1988/89 löste der Fund von Massengräbern mit Opfern des NKWD in Bykiwnja in der ukrainischen Gesellschaft einen Schock aus. Die Angelegenheit wurde in der gesamten Presse der UdSSR ausführlich besprochen.

Im März 1989 verabschiedete das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine ein Gesetz zur Beseitigung der „weißen Flecken“ aus der Geschichte der UdSSR. Zur gleichen Zeit fanden die Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten der Sowjetunion statt. Das aktivierte die Einwohner der Ukraine, insbesondere die westlichen Oblaste und Kiew. Viele kommunistische Würdenträger der Partei wurden nicht in den Kongress gewählt. Ende April, zum Jahrestag der Katastrophe in Tschernobyl, fanden in vielen Städten illegale Kundgebungen statt. Zu der größten, in Kiew, kamen 40.000 Menschen.

Im Juli 1989 brachen die ersten Streiks der Bergarbeiter aus, zuerst im Kusnezker Becken, dann im Donezbecken. Die erste Massenbewegung für Reformen in der Ukraine war die Volksbewegung der Ukraine für den Umbau, umgangssprachlich „Ruch“ [die Bewegung] genannt. Sie entstand dank der Zusammenarbeit ehemaliger Dissidenten (unter anderem Lewko Lukjanenko, Wjatscheslaw Tschornowil, Mychajlo und Bohdan Horyn) mit der Kiewer Intelligenz (die meistenteils zuvor der KPdSU angehört hatte), vor allem mit Schriftstellern. Die Gründungsversammlung von „Ruch“ fand im September 1989 in Kiew statt. Dazu eingeladen waren die polnischen Oppositionellen Adam Michnik und Jacek Kuroń, letzterer war verhindert und kam erst zur nächsten Versammlung im Jahr 1990. Für die Wahlen gelang es dem Demokratischen Block trotz aller Bemühungen nicht, die Gesellschaft der Ostukraine zu mobilisieren, aber in der Westukraine bekam der Block die meisten Plätze.

Eine große Rolle beim nationalen Umwälzungsprozess spielte die Menschenkette, die Lemberg und Kiew im Januar 1990 verband – die Kette war über 500 Kilometer lang. Dieses Ereignis knüpfte an ein ähnliches an, das 1919 stattgefunden hatte, als sich die beiden ukrainischen Staaten, die Westukrainische Volksrepublik mit der Hauptstadt in Lemberg und die Ukrainische Volksrepublik mit der Hauptstadt in Kiew, verbunden hatten. An der Aktion nahmen etwa drei Millionen Menschen teil. Über die Revolution auf Granit, die mit einem Hungerstreik der Studenten zusammenhing, habe ich bereits gesprochen. Das war der erste ukrainische antikommunistische Protest, der erfolgreich ausgegangen ist. Die damaligen Machthaber trauten sich nicht, Gewalt gegen die Teilnehmer anzuwenden, und erfüllten einen Teil der studentischen Forderungen.

Der Moment, der diesen Zeitraum beendete und an den ich mich am stärksten erinnere, war der, als der Oberste Sowjet der Ukrainischen SSR am 16. Juli 1990 die Erklärung der staatlichen Souveränität beschloss. Ich erinnere mich, dass mir damals viele meiner polnischen Freunde zu diesem Erfolg der ukrainischen Opposition gratuliert haben.

Für die Ukraine war die Zeit bis Mitte der neunziger Jahre eine Phase, die an die Jahre 1988–90 in Polen erinnerte – eine Zeit der Hoffnung, der Euphorie und der nationalen Wiedergeburt.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

Der Beitrag ist ein kleiner Auszug aus einem Gespräch zwischen Iza Chruślińska und Piotr Tyma, das Ende des Jahres als Buch im Danziger Verlag słowo/obraz terytoria unter dem Titel „Wie es ist, ein Ukrainer aus Polen zu sein“ erscheinen wird.


Piotr Tyma ist ein Ukrainer aus Polen, von 2006 bis 2021 war er Vorsitzender des Verbandes der Ukrainer in Polen, er ist studierter Historiker. Seine Familiengeschichte und auch seine Biografie spiegeln das Schicksal der ukrainischen Gemeinschaft auf dem Gebiet Polens. Die Familie seiner Mutter überlebte die Umsiedlungen im Rahmen der Aktion Weichsel; die Familie seines Vaters stammt aus den Bieszczady, sie wurde im Rahmen der Umsiedlungen 1944–46 in die UdSSR deportiert. Piotr Tyma hat sich in den letzten Jahrzehnten für die Ukrainer in Polen, für die polnisch-ukrainischen Beziehungen, für die Unterstützung der Ukraine und für einen klugen Dialog eingesetzt. Er ist Autor zahlreicher Texte und gemeinsam mit Iza Chruślińska Autor von zwei Büchern zu diesem Thema. Tyma ist Vorsitzender der ukrainischen Gemeinschaft und meldet sich zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen aktiv zu Wort; im historischen Kontext ist er Hauptangriffsziel und oft Opfer von Hass aus Kreisen der polnischen Community in den ehemaligen polnischen Ostgebieten und aus dem nationalistischen Milieu in Polen.


Iza Chruslinska Autorin DIALOG FORUMIza Chruślińska ist Publizistin, Ukraine-Aktivistin. Sie hat folgende Publikationen veröffentlicht: „Ukraiński palimpsest. Rozmowy z Oksaną Zabużko“ [Ein ukrainisches Palimpsest. Gespräche mit Oksana Sabushko“] (2013) und eine Niederschrift von Gesprächen mit Yosyf Zisels unter dem Titel „Panie, to Ty otworzysz mi usta“ [Herr, Du bist es, der mir den Mund öffnet] (ukrainische Ausgabe 2017).

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