Die Rettung Europas

Europa besteht als Idee. Noch bevor die Staaten und Nationen, seine verspäteten und launischen Kinder, das Licht der Welt erblickten, war die westliche Zivilisation schon längst geboren und herangereift, hatte sich entfaltet und war mit anderen Zivilisationen in Kontakt getreten. Bei der Gelegenheit lernte sie viel, weil sie mit ihnen einen Austausch von Errungenschaften pflegte. Infolge dieser Begegnungen, aber in gleichem Maße auch infolge weniger auffälligerer Veränderungen im Innern unterlag sie zahlreichen Metamorphosen, die vom Palast von Knossos bis zum Schloss von Versailles, von Troja bis Stalingrad, vom römischen Senat bis zum Senat der Vereinigten Staaten reichten.

Mindestens seit den Anfängen und der großen Zeit des griechischen Hexameters war die schöne Literatur Trägerin der europäischen Idee. Homer und Hesiod sind die ersten heute noch bekannten großen Dichter unseres Kulturkreises, die Fackel reichten sie weiter an die griechischen Philosophen und Tragödienschreiber, die Gelehrten aus dem Alexandria und dem Pergamon der hellenistischen Zeit, die römischen Dichter und Historiker, dann die Mönche und Scholastiker, die Chronisten, Vitenschreiber und Epiker des Mittelalters, die Dramatiker, allen voran Shakespeare, die Denker und Meister des Wortes der Aufklärung, die großen Barden der Romantik, die Romanautoren des 19. und 20. Jahrhunderts, die Realisten und Avantgardisten bis zu den vielfältigen Schöpfern der Hoch‑ und Populärkultur unserer Zeit.

Auch wenn wir nicht allzu oft darüber nachdenken, bauen wir doch seit Jahrtausenden unablässig an Europa und seiner größten Hervorbringung, dem Westen; daher sind uns diese Jahrtausende gewissermaßen immer noch zeitgenössisch. Es ist deshalb keine Übertreibung, wenn wir uns damit identifizieren, was wir als Erbe vergangener Jahrhunderte betrachten, solange es sich nicht um eine naive Art der Identifikation mit weißem Marmor, alten Büchern und der Weisheit der Antike handelt.

Die europäische Idee

Als er einmal gefragt wurde, wie seine Standbilder entstünden, soll Michelangelo geantwortet haben, er entferne mittels des Meißels einfach nur alles aus dem Marmorkörper, was nicht zur Skulptur gehöre. Ähnlich ließe sich die Idee von Europa oder die europäische Idee beschreiben: Während sich nämlich Europa als geographisches oder politisches Gebilde in eine Definition zwängen ließe, so ist Europa als Idee doch weitaus schwieriger zu fassen, ohne dabei auf eine sich abgegriffener Metaphern bedienende Rhetorik zurückzugreifen. Im Anschluss an die Ideengeschichte und die Philosophie ließe sich versuchen, jene Stücke zu benennen, welche nicht zum europäischen Körper gehören, beispielsweise uns fremde Konzepte von Zeit, Göttlichkeit und Jenseits, Macht und Staat, Rechten und Pflichten des Individuums usw. Das ist jedoch nur um den Preis starker Vereinfachung zu haben: Je anders war das Europa des Agamemnon und des Achilles, des Perikles, des Cicero, das Europa Karls des Großen, Voltaires, Bismarcks, und wieder anders das des Stanisław Vincenz und der Gründergestalten der Europäischen Union. Zentralisierende und separatistische Bewegungen, aufbauende und destruktive – all das ist Europa.

Ist der Mensch des Westens, der Europäer des 21. Jahrhunderts, die heutige Verkörperung des Menschen der griechischen Antike, des mittelalterlichen Gottesnarren, des Renaissancemenschen oder der Erbe der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts? Vielleicht eine zusammengewürfelte Mischung von allen diesen? Oder doch eine ganz neue Inkarnation? Wie auch immer, Grieche, Römer, Wikinger, Deutscher und Pole haben ein gemeinsames Genom.

Die europäische Idee ist nicht abstrakt, sie kann es nicht sein; sie ist kein ausgeklügeltes Konzept, über das lebensfremde Intellektuelle in ihren Elfenbeintürmen nachgrübeln. Besonders heute, am Vorabend des großen Treffens der Kulturen aus West und Ost, erscheint eine solche Selbstfindung nicht mehr als Privileg besonders nachdenklicher Individuen, sondern als individuelle und kollektive Verpflichtung unser aller.

Die Frage, die sich jedem einzelnen stellt, lautet: Wer ist der, der dem Ankömmling aus dem Fernen Osten von Angesicht zu Angesicht begegnet? Eine einfache Antwort darauf gibt es natürlich nicht; eine Antwort muss die Form der großen Erzählung über unsere Geschichte annehmen, konkreter: der großen Erzählung über unseren Geist, die sich seit Jahrhunderten gleichsam von selbst erzählt. Was nicht heißt, dass wir nicht dazu beitrügen.

Die Welt der Spätantike

Noch bis unlängst betrachteten wir die am weitesten zurückliegende Vergangenheit so, wie sie uns von der Aufklärung und Romantik beschrieben wurde, also in Zeiten, in denen Wille und Vorstellung mehr wogen als Fakten und greifbare Beweise. Das 19. Jahrhundert brachte die archäologische Revolution, das 20. die der Geschichtsschreibung. Edward Gibbons phantasiebegabter „Verfall und Untergang des Römischen Imperiums“ [engl. Erstausgabe in sechs Bänden, 1776–1788; A.d.Ü.] ist so wie ähnliche historische Synthesen völlig überholt, obwohl wir uns leider nie gänzlich davon befreit haben, Zivilisationen als Organismen zu sehen, die geboren werden, an Kraft gewinnen, in Siechtum verfallen und sterben (ich selbst benutze sogar in diesem Beitrag diese gängige Metaphorik). Wie viele herausragende Denker des 20. Jahrhunderts gezeigt haben, ist aber die Geschichte eine sehr viel komplexere Materie, die sich in solchen Kategorien nicht beschreiben lässt, insoweit das überhaupt möglich ist.

Der britische Historiker Peter Brown veröffentlichte 1971 sein bahnbrechendes „The World of Late Antiquity, in dem er – in Anknüpfung an bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgestellte Thesen – darlegte, dass die antike Welt nicht in einem konkreten Augenblick zuendeging, in dem mit einem Male das Mittelalter begann, sondern dass das zweite bis siebte Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die Epoche von Marcus Aurelius bis Mohammed, Europa seine ganz eigene, reiche und faszinierende Kultur gaben, die keineswegs bloß ein schwacher Abklatsch dessen war, was uns Griechenland und Rom hinterlassen hatten. Diese Epoche brachte eine eigene Philosophie und Theologie hervor, eigene Ideen und Denkkonzepte, eigene Kunst, Theorien und Praktiken, von den erhabensten Dingen bis zu den mehr irdischen, prosaischen, den Gebräuchen und Gewohnheiten. In vielerlei Hinsicht war die Zeit vom zweiten bis zum siebten Jahrhundert und insbesondere die ab dem vierten Jahrhundert für Europa zentral und bestimmend: Welche Eigenarten seine geistige Kultur hatte, das nahm damals Formen an, vermittelt durch die Schriften der Theologen wie auch durch die Konzile, aber auch durch die Alltagspraktiken; Heiligen‑ und Reliquienkult sind die sichtbarsten Hinterlassenschaften dieser Epoche.

Daran ist ständig zu erinnern, denn sooft von der Vergangenheit die Rede ist, neigen wir zu Vereinfachung. Doch so wie es niemals ein einziges Griechenland gab, da doch gleichzeitig viele poleis nebeneinander bestanden, so gab es auch kein einziges Rom, dessen Territorium immerhin von Gibraltar bis Syrien, von Britannien bis Ägypten reichte und jede dieser Provinzen sich völlig von den übrigen unterschied. Es ist auch daran zu erinnern, dass der Transfer der antiken, der griechisch-römischen Kultur, keineswegs selbstverständlich war. Zwar gehört es zum Wesen von Tradition, dass sie gewissermaßen subkutan andauert. Doch ohne die ungeheure Anstrengung vieler, meist anonymer Helden wäre nicht auszudenken, was aus der antiken Kultur geworden wäre.

Der lateinische Westen

So wie ich mich vor Wendungen wie „Fall des Imperium Romanum“, „Ende der Antike“ usw. hüte, so ist andererseits doch zuzugeben, dass in einem bestimmten Augenblick, ob dieser nun im sechsten Jahrhundert oder später gelegen hat, ein Abbruch wenn nicht der Kontinuität eintrat (davon kann kaum die Rede sein), so doch eine spürbare Abkehr vom Modell des römischen Staates im Westen, so dass selbst die Zeitgenossen, doch zumindest die großen Denker unter ihnen, sich dieses historischen Zeitensprungs bewusst waren. Wir bemerken hier einen Moment der Selbstreflexion: Eine bestimmte Welt ist vergangen, und wir haben eine wichtige Aufgabe: Nicht zuzulassen, dass sie unwiederbringlich verloren ist.

Eine wichtige Rolle spielten dabei der Philosoph Boëthius und der Gelehrte Cassiodor, die beide in einer Zeit lebten, da Europa sich aus dem der Römer in das der Goten verwandelte. Beide machten sich eine Mission zu eigen: für zukünftige Generationen das geistige und literarische Erbe der Antike zu bewahren. Sie übersetzten, kommentierten, edierten und propagierten Schriften, die uns ohne ihr Zutun vielleicht nicht bekannt wären. Sie wurden nicht müde in ihren Bemühungen, zukünftigen Jahrhunderten die Errungenschaften der Mathematiker, Astronomen, Philosophen und Naturgelehrten bekannt zu machen, wie auch der Theoretiker von Musik, Kunst und des Militärwesens; kurzum, sie bemühten sich, alles zu erhalten. Cassiodor gründete das Kloster Vivarium und stellte die Arbeit der Skribenten in dessen Mittelpunkt; als er sich seiner eigenen historischen Bedeutung gewahr wurde, soll er seinen Schutzbefohlenen gesagt haben: „Lasst uns heute neue Schriftrollen nehmen, Brüder, wir fangen von vorn an!“

Wie die nächsten Jahrhunderte erwiesen, fiel den Klöstern parallel zum Niedergang einiger kultureller Zentren und zum völligen Verfall noch anderer für lange Zeit eine außerordentliche Rolle zu. Denn dort, in der Abgeschiedenheit und Stille hinter dicken Mauern, unter den Augen des gestrengen Abts, verwandten die Mönche im Geiste der Ordensregeln des Benedikt von Nursia, des „ora et labora“ (bete und arbeite), manchmal ihre gesamte Lebenszeit darauf, die Bücher der antiken griechischen und römischen Autoren abzuschreiben. Zum einen, weil sie die Weisheit und den Stil der Alten bewunderten, zum andern, weil sie ganz im Gegenteil Beweismaterial dafür sammeln wollten, wie verworfen doch jene Zeiten gewesen waren.

Wir wissen heute, dass die Scheiterhaufen, auf denen im Mittelalter (und in noch größerem Umfang in der Reformationszeit) Bücher verbrannt wurden, häufiger aus Schriften der Häretiker bestanden; antike Werke dagegen, die sich offen gegen die christliche Doktrin richteten, wurden eher dem Vergessen überantwortet, indem man sie in den dunkelsten Gewölben versteckte. Als Beispiel sei die Geschichte angeführt, die sich Umberto Eco im „Namen der Rose“ ausdachte. Denn der eigentliche Held des Romans ist doch die „Poetik“ des Aristoteles, und zwar das Buch, das von der Komödie und dem Lachen handelt.

Es lässt sich natürlich heute unmöglich sagen, wie viele der Werke antiker Autoren uns die Mönche aus Italien, Frankreich und aus dem auf diesem Gebiet besonders verdienten Irland erhalten haben, indem sie Homer, die Tragiker, Plutarch und die Philosophen, Sappho und andere abschrieben, und wie viele Werke sie uns vorenthielten, weil sie der damnatio memoriae anheimfielen. Ich möchte glauben, dass unter den bekannten, das heißt den lesenden und schreibenden Christen der Spätantike noch mehr so wie Hieronymus von Stridon und Augustin waren, welche die Bibel ebenso wie die griechisch-römische Überlieferung zur Lektüre wählten. Ich möchte auch glauben, dass noch heute so manches Kloster in manchem entlegenen Winkel Europas in seiner alten Bibliothek Werke bewahrt hat, die als verschollen gelten; und dass noch so mancher Codex irgendwann einmal ans Licht kommen wird, der unser Wissen über die griechisch-römische Antike bereichert.

Es ist jedoch erfreulich, dass die antiken Schriften die Klosterbibliotheken im Laufe der Jahrhunderte verlassen haben und an die Universitäten gelangt sind, deren Entwicklung ohne sie gar nicht möglich gewesen wäre, ohne Reflexion über die Geschichte Europas wie über die Geschichte seines Denkens und seiner Werke; dass sie heute an öffentlichen Schulen und für jedermann zugänglich sind.

Der griechische Osten

In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, als das Oströmische Reich (auf griechisch: Basileia ton Romaion, das heißt „Königreich der Römer“) auf seinem Höhepunkt stand, umfasste jenes Weltreich mit Konstantinopel, der damals größten Metropole als Hauptstadt, Griechenland und den heutigen Balkan, die Türkei, Armenien und Krim sowie einen Teil Syriens und im Westen ein gutes Stück von Italien. Da es bereits seit der Spätantike mit den slawischen Siedlungsgebieten in Berührung gekommen war, hatte das Byzantinische Reich im Mittelalter bestimmenden und direkten Einfluss auf die Entstehung von Herrschaftsgebieten und die christliche Mission in diesen Gebieten, die wir heute Osteuropa oder Intermarium nennen.

Osteuropa war immer schon griechisch: Ob in den archaischen Zeiten, während der Perserkriege oder später, als dort der Form nach der römische Kaiser herrschte, oder noch später, als Byzanz seinen Einfluss auf das Gebiet ausübte.

Das Nachdenken über das eigene Erbe war den Griechen fast von Anfang an zu eigen, aber in hellenistischer Zeit, die vom Tod Alexanders des Großen bis zur Eroberung des griechischen Ägypten durch Rom reicht, entwickelten sich die Wissenschaften besonders dynamisch und vielseitig. In Alexandria und Pergamon, in Athen und auf Rhodos bestanden Zentren der Wissenschaft, an denen Werke gesammelt und bearbeitet wurden und damit auch die Philologie ihren Anfang nahm. Diese Einrichtungen bestanden in römischer Zeit fort und erfreuten sich offenbar eines großen Rufes, weil sie Wissbegierige aus der ganzen damals bekannten Welt anzogen, darunter junge Männer aus reichen und mächtigen römischen Familien, die später Senatoren, Konsuln und Kaiser wurden.

Das ältere Osteuropa, wie es sich zur Zeit des frühen Byzanz darstellte, bestand, so merkwürdig das auch klingen mag, aus Alexandria, Antiochia, Beirut und Konstantinopel. Denn in diesen Zentren wurden die antiken Hinterlassenschaften gepflegt, die Literatur und das griechische Erbe; dort erblühten die neue Wissenschaft und Kunst. Im Verlauf der Jahrhunderte gewann nicht zuletzt infolge von schwindender Macht und Einfluss der Griechen (das heißt der Byzantiner) die Arbeit der syrischen, armenischen und arabischen Autoren große Bedeutung.

Auch im Osten übernahmen die Geistlichen eine Führungsrolle bei der Überlieferung der antiken Autoren, so etwa Photios und seine „Bibliothek“ und sein „Lexikon“, daneben aber auch die als Mäzene in Erscheinung tretenden Kaiser, so Konstantin VII. Porphyrogennetos. In den wichtigsten Städten Byzanz’ wurden umfassende Studien der Vergangenheit betrieben, darunter zu Literatur und Sprache der alten Griechen, insbesondere zu dem Ahnherrn aller Dichtung, Homer, gewissermaßen parallel und unabhängig von den Forschungen an den westlichen Zentren.

Das Jahr 1204 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Teilnehmer des Vierten Kreuzzugs war eine Zeitenwende; zweifellos plünderten die damals durch die Stadt ziehenden Kreuzfahrer auch zahlreiche Bibliotheken, denn bekanntlich gingen damals seltene und wertvolle Werke der Antike verloren. Aus Sicht der Literaturgeschichte ist das Datum demnach wichtiger als das Jahr 1453, als Konstantinopel fiel und die vierhundertjährige Herrschaft der Osmanen begann. Doch besteht kein Zweifel, dass das Ende von Byzanz eines jener historischen Momente war, die sich wenn schon nicht im Alltag oder in der Geistesgeschichte, so doch im historischen Gedächtnis am stärksten einprägen: Es war der Tag gekommen, an dem die Stadt Konstantins, das Zweite Rom unterging.

1453 war Sophia Palaiologa gerade einmal wenige Jahre alt. Ihre Familie, die letzte byzantinische Herrscherdynastie, hatte soeben die Macht verloren. Die kleine Prinzessin gelangte nach Rom, wo sie einige Jahre am Hof des Papstes verbrachte. Im Glauben der Ostkirche geboren, wurde sie zur Katholikin. 1469 war sie ein Mündel des Papstes Pauls II., der darauf setzte, die orthodoxe Kirche der römischen anzuschließen, indem er die junge Frau dem Großfürsten von Moskau Iwan III. aus der Dynastie der Rurikiden zur Frau gab. Sophia sollte später die Großmutter Iwans IV. („des Schrecklichen“) werden. Die Geschichte entschied jedoch anders: Nicht Rom, sondern Moskau profitierte propagandistisch von dem Heiratskontrakt; da er die letzte Paleologen-Prinzessin heiratete und das Wappen der byzantinischen Kaiser übernahm, den zweiköpfigen Adler, den Russland heute wieder benutzt, trat der Rurikidenfürst und mit ihm Moskau als „Drittes Rom“ noch ein anderes historisches Erbe an, den Anspruch auf eine große, mehrtausendjährige Tradition.

Europa und die longue durée

Europa besteht als Idee und ist anscheinend gerade daher wahrhaft unsterblich. Selbst wenn wir uns heute, am Anfang der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts, in einem kritischen Moment befinden, inmitten der Krise der liberalen Demokratie, der Rückkehr autoritärer Tendenzen, des Separatismus, so handelt es sich doch nur um einen von vielen dieser nicht mehr und nicht minder schrecklichen Momente, die unseren Kontinent wie ein Spuk heimsuchen. Gerade dadurch unterscheidet sich Europa von den Staaten, die eine gewisse Zeit lang blühen und sich entwickeln, dann aber niedergehen und vollständig von seiner Oberfläche verschwinden, kleine, mittlere wie große; denn sie alle teilen dasselbe Schicksal, dass es seine Kraft aus der ewigen Metamorphose seiner Form bezieht. Denn das, was seinen Inhalt ausmacht und was ich als europäische Idee bezeichnet habe, besteht unverändert fort.

Mit ihren Wurzeln in Griechenland und Rom erfährt die europäische Zivilisation vor unseren Augen eine tägliche Wiedergeburt; jede Veränderung rettet sie, und aus jeder geht sie in bestimmtem Sinne gestärkt hervor. Sie wurde gerettet von den Gelehrten von Alexandria und den berühmten Römern, ebenso wie von den nicht weniger eifrigen, anonymen Mönchen des Westens und Ostens. Sie wurde schließlich gerettet durch von ihr faszinierte Nichteuropäer, allen voran den Arabern. Die Heirat von Konstantinopel und Moskau erwies sich als Wiederbelebung, auf ihre Art auch als Rettung. Auch dank dieser Metamorphose dauert Europa an, wenn auch anders als im Westen. Schließlich waren unsere transozeanischen Expeditionen überaus europäisch, einschließlich des Völkermords an den Ureinwohnern Amerikas, denn leider gehört auch der Völkermord zu unserer Tradition; schließlich auch die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Deren Bestehen ist, von Architektur über Literatur bis zur Staatsidee, eine Huldigung an Griechenland und mehr noch Rom, aber das ist bereits eine ganz andere Geschichte.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

Der Beitrag erschien zuerst in: New Eastern Europe 3/2021

nv-author-image

Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.