Schlesisch ist trendy

Fragt man einen Polen, was er mit Schlesien verbindet, kommt ganz bestimmt: Kohle, Industrie, Bergarbeiter, Schmutz, zerstörte Natur. Eventuell werden auch kulinarische Assoziationen wie Schlesische Grützwurst (krupniok), schlesische Rouladen (rolada), schlesische Kartoffelklöße (kluski) oder Saure Mehlsuppe (żur) aufgezählt. Und dann noch die seltsame Sprache, die etwa in der polnischen Komödienserie Święta wojna (Heiliger Krieg) zum Markenzeichen wurde oder auch die schlesische Folklore wie aus dem Freilichtmuseum. In der Region schämte man sich jahrelang für die schlesische Mundart und das Kultivieren schlesischer Traditionen. Noch zu meiner Kindheit (Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre) wurde der schlesische Dialekt sorgfältig vermieden. Wer ausschließlich schlesische Mundart sprach, galt als peinlich und wurde ausgelacht.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden die Millennials nicht nur erwachsen und beginnen, eigene Firmen zu gründen, sondern bekommen ein immer stärkeres Bewusstsein für den Ort, an dem sie leben – für seine Vergangenheit, seine Tradition, seine Sprache und Vorzüge. Sie fangen an, stolz auf die Region zu sein. Geschickt verbinden sie das eine mit dem anderen und führen nun Unternehmen, die Schlesien und das Schlesiertum, die schlesische Mundart und für sie wichtige Traditionen, Symbole und Orte in der Region promoten. Für das Image Schlesiens haben sie in den letzten zehn Jahren mehr getan als alle Behörden zusammen. Sie haben gezeigt, dass man das Schlesiertum wunderbar verbinden kann mit gutem, modernem Design, das auch junge Menschen anspricht, die sich nicht mehr für ihre Herkunft schämen.

Ein schmuckes Geschäft (Gryfny gyszeft)

Vor genau zehn Jahren hat das Ehepaar Klaudia und Krzysztof Roksel aus Katowice die Fanpage gryfnie eingerichtet, auf der es die schlesische Mundart und Kultur unter jungen Menschen verbreitet. Später entstand auch eine Internetseite und ein Onlineshop. Im Angebot von gryfnie (was „hübsch“, „schmuck“ bedeutet) finden wir massenweise tolles Design, das die schlesische Mundart bewirbt, aber auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Attraktionen Oberschlesiens, wie zum Beispiel die Arena Spodek in Katowice oder den Schacht Krystyna (Szyb Krystyna) in Bytom. Im Geschäft gryfnie kann man Kleidung für Damen, Herren und Kinder, Accessoires wie Taschen, Socken, Schürzen, Mützen und Gadgets wie Magnete, Plakate oder Anstecker kaufen. Der Shop bietet auch ein breites Angebot an Spielen auf Schlesisch (für Kinder und Erwachsene) und Bücher. Das Buchangebot besteht aus ganz unterschiedlichen Titeln: Bücher auf Schlesisch, Bücher über Schlesien und Bücher, die von Schlesiern geschrieben wurden (Szczepan Twardoch, Zbigniew Rokita), aber vor allem schlesische Übersetzungen von Weltliteratur (unter anderem Der kleine Prinz und Pu der Bär).

Doch gryfnie ist nicht nur ein Geschäft mit Designklamotten und Nippes, gryfnie ist ein Lebensstil. Die Internetseite ist auf Schlesisch, und außer dem geschäftlichen Teil finden wir hier viele Rubriken zu Lifestyle-Themen, aber auch zur Kultur und dem Erbe Oberschlesiens. Hierzu gehören kulinarische Rezepte, Interviews mit interessanten Schlesiern, Schlesischunterricht und kulturelle Ereignisse sowie fantastisch aufbereitete Inhalte zur schlesischen Tradition, zur Küche und zu Elementen der Garderobe. Gryfnie hat nicht nur Internetshops, sondern auch vier echte Geschäfte in Katowice, Gliwice, Chorzów und Rybnik. Wenn ihr also bei eurem nächsten Besuch in Schlesien interessante Souvenirs oder Mitbringsel für eure Lieben sucht, wisst ihr jetzt, wo ihr sie findet.

Zoff im All alias Star Wars

Qdizajn – sprich Design auf Schlesisch – ist der zweite beliebte und größte Shop und Produzent von Schlesischem Design. Die Gründerin der Firma heißt Monika Kudełko und stammt aus Ruda Śląska. Ihr Abenteuer mit Qdizajn begann damit, dass sie eine schlesische Version von Filmplakaten erstellte. Dafür hat sie nicht nur die größten Titel der Popkultur ins Schlesische übersetzt, sondern auch Werbeplakate entworfen, die sich auf die Region beziehen. So entstanden unter anderem „Luftmysza hop“ (Luftmaus Hopp = Batman), „Haja we kosmosie“ (Zoff im All = Star Wars), „Hołdy majom ślypia“ (Hügel der blutigen Augen) und viele andere. Kudełko hat von Anfang an klar gesagt, dass sie das Image der schlesischen Mundart aufbessern will.

© https://qdizajn.pl

Nach den Plakaten kam ein Online-Shop, der nicht nur die schlesische Mundart promotet, sondern auch gutes modernes schlesisches Design mit hervorragend gestalteten Kleiderkollektionen für Frauen, Männer und Kinder. Enormer Beliebtheit erfreuen sich Kleidungsstücke mit Schriftzügen wie „Niy strzimia” („Ich ertrage es nicht“) oder „Jeżech gryfno bo ze Śląska” („Ich bin hübsch, weil ich aus Schlesien bin“). Darüber hinaus bietet Qdizajn massenweise Accessoires an wie Taschen, Socken, Karten zu verschiedenen Anlässen, Magnete, Anhänger und sogar das Brettspiel „Ślonsko Grajfka”, das „Monopoly“ nachgeahmt ist, nur dass man hier mit schlesischen Sehenswürdigkeiten handelt. Es lohnt sich auch, Qdizajn in den sozialen Medien zu besuchen, wo man dank der erdachten Figur der Ślonsko Muter (der Urtyp der Schlesischen Mutter) nicht nur Schlesisch lernen, sondern sich auch mit den Gepflogenheiten und Traditionen Oberschlesiens vertraut machen kann.

Seife wie Kohle (Mydło choby wongiel)

Obwohl die Woiwodschaft Schlesien zu 32 Prozent aus Wald besteht (der Landesdurchschnitt liegt bei 28 Prozent), wird Schlesien noch immer vor allem mit Kohle verbunden. Mit diesem Stereotyp spielt die Firma Sadza Soap (sadza = Ruß), die 2012 von Marta Frank gegründet wurde. Sie stellt natürliche Kosmetik aus Aktivkohle her – das wohl stärkste natürliche Detox-Mittel.

© Sadza Soap

„Mit meiner Kosmetik aus Kohle habe ich das stereotype Denken über Schlesien durchbrochen, das als verschmutzt und industriell wahrgenommen wurde. Ich habe Kosmetik aus Kohle erfunden und nutze darin die einzigartigen Eigenschaften der Aktivkohle“, erzählt Marta Frank, die Urheberin und Eigentümerin der Marke. Ihr erstes Produkt war eine Seife in Form eines Kohleklumpens, der einem echten Kohleklumpen, den Marta Frank gewissenhaft ausgesucht hat, genau nachgeahmt ist.

Heute ist die Seife von Sadza Soap bereits eine Kultware, die nicht nur als Hygieneprodukt gekauft wird, sondern auch als Souvenir aus Schlesien. Die Seife wird in verschiedenen Formen hergestellt: als (anatomisches) Herz, als Granate oder als Diamant. Im Angebot finden wir auch Shampoo, Körperpeeling und Duschgel – alle ohne chemische Konservierungsstoffe, ohne Parabene und andere künstliche Substanzen. Die Produkte von Sadza Soap haben Preise in vielen prestigeträchtigen Wettbewerben gewonnen (unter anderem: Śląska Rzecz, Najlepsza Marka, GLAMMIES, Śląski design w .KTW) und 2014 war die Seife offizielles Produkt der Berliner Ausstellung Design it. In Silesia.

I coal you

Aus Kohle entsteht in Oberschlesien auch Schmuck. Unter anderem stellt die Firma I COAL YOU solchen Schmuck her; sie wurde 2014 von Katarzyna Depa, die zum Studium nach Schlesien gekommen war, gegründet. Nach dem Studium blieb Depa in Katowice und stieg immer tiefer ein in die lokale Gemeinschaft, wobei sie deren zärtliche Beziehung zu dem Rohstoff Kohle entdeckte. Ihr Abenteuer mit Kohle begann eigentlich durch einen Zufall: Noch während ihres Studiums beschloss sie, ein Etui für ihren Computer herzustellen, das den Charakter des Ortes, an dem sie lebte, wiedergeben würde. Und dann lief es wie von allein. Sie entwarf Schmuck aus Kohle für sich und ihre Freundinnen, dann kamen Profile in sozialen Medien und schließlich der Laden.

Heute verkauft Katarzyna Depa mit I coal you Produkte für Damen und für Herren: Armbänder, Ohrringe, Ringe, Halsketten, Manschettenknöpfe und Krawattennadeln. Über ihren Weg sagt sie: „Ich habe 2014 mit Steinkohle angefangen, heute ist I coal you Schmuck aus verschiedensten Kohlesorten. Steinkohle, Sedimentgestein pflanzlicher Herkunft, aber auch Kohle, reine Kohle, Kohlenstoff – das Hauptelement von Diamanten.“

Jo je Beyonce (Ich bin Beyoncé)

Im Jahr 2015 gründet Mateusz Ledwig – damals Mitarbeiter einer Werbeagentur, der sich für die barocke Pracht der Malerei von Peter Paul Rubens begeistert – auf Facebook die Fanpage Roobens / Rubens był z Bytomia [Rubens war aus Bytom]. Darauf veröffentlichte er Memes mit Gemälden von Rubens und einem damit interagierenden Kommentar auf Schlesisch zur aktuellen Realität und der Situation auf dem Bild. Die humorvollen, von Intelligenz sprühenden und ein bisschen boshaften Bilder eroberten schnell das Internet. Der Autor greift darin sowohl wichtige gesellschaftliche Fragen auf (in letzter Zeit die Rechte von Frauen und LGBTQ+-Gemeinschaften), Fragen der menschlichen Natur und Beziehungsprobleme als auch zum Beispiel das Thema Sommerhitze.

Im neusten Interview erzählt er, warum die Schlesier ihn an die Gestalten von Rubens erinnern: „Wir sind sehr expressiv, sehr konkret und dadurch haben wir etwas mit den flämischen Gestalten gemeinsam. Ihr Blick und ihre Mimik drücken genau das aus, was ich in Gesichtern der Menschen in Schlesien gesehen habe und sehe, und was ich auch im Spiegel sehe, wenn ich Lust habe, jemandem etwas ganz klar zu sagen.“ In seinen Memes verbreitet er nicht nur die Malerei, sondern vor allem die Schlesische Mundart. Er macht das im großen Stil (seine Fanpage und sein Profil auf Instagram haben insgesamt 200.000 Follower) und sehr erfolgreich, was man in den Kommentaren derer sehen kann, die beschlossen haben, Schlesisch zu lernen, um Roobens‘ Memes besser zu verstehen. Manche von ihnen sind zum Kult geworden: „Jo je Beyonce“ [Ich bin Beyoncé], „Pić, zryć, nynać“ [Trinken, fressen, schlafen] oder „Bydzie haja“ [Es gibt Zoff]. Andere Bilder haben tausende Likes, und die Fans warten voller Vorfreude auf neue Werke von Roobens.

Es war der natürliche Lauf der Dinge, mit den Memes das Internet zu verlassen und in die sogenannte „reale Welt“ zu gehen. So begann Roobens, auch materielle Gegenstände mit seiner Kunst zu produzieren. Anfangs waren das Taschen, Tassen und Plakate. Der nächste Schritt war eine Kleiderkollektion für Erwachsene, dann kam eine Kollektion für Kinder und Schmuck unter anderem mit Kultsprüchen seiner Memes.

Inzwischen steht den Roobens-Memes eine Ausstellung im Schlesischen Theater in Katowice bevor (im Rahmen des Katowicer Komödien-Festivals), und Coca Cola hat angefangen, mit Roobens zusammenzuarbeiten, denn die Marke will in Oberschlesien eine Werbekampagne auf Schlesisch machen. Roobens neueste Projekte sind eine Imagekampagne für die Katowicer Spodek-Arena zu deren 50. Geburtstag und das Buch GODEJ. Potoczny słowniczek polsko-śląskich zwrotów ułatwiających życie [SPRICH. Kleines umgangssprachliches polnisch-schlesisches Wörterbuch für das Leben vereinfachende Redewendungen].

Stolz auf die kleine Heimat

Noch vor zwanzig, dreißig Jahren wurde das Schlesiertum verborgen, galt als peinlich und blamabel. Das im offiziellen Diskurs funktionierende Image Schlesiens war im besten Falle schlicht, meistens aber negativ; Schlesiern wurde mit Überheblichkeit und Verachtung begegnet. Zum Glück gehört das der Vergangenheit an.

„Der Oberschlesien-Boom hat begonnen, als die Menschen spürten, dass sie sich nicht einreden lassen dürfen, der Ort, an dem sie leben, sei schrecklich. Nach und nach hörten sie auf, sich für ihre Mundart und ihre Vergangenheit zu schämen. Sie begannen plötzlich zu zeigen, wie viele gute Dinge es hier gibt, und fingen damit an, mit den bekannten Symbolen ein neues Image aufzubauen“, sagt Dominik Tokarski, Inhaber der Kult-Kneipe in Katowice KATO, in einem Gespräch mit Zbigniew Rokita, das in der Reportage Kajś. Opowieść o Górnym Śląsku [Irgendwo. Eine Erzählung über Oberschlesien] erschienen ist und jüngst mit den polnischen Literaturpreis Nike ausgezeichnet wurde.

Die Oberschlesier sind stolz auf ihre kleine Heimat, sie verheimlichen ihren Herkunfts- und Wohnort nicht mehr, sondern gehen immer offener damit um, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit Designerklamotten oder Krimskrams. Es wird immer mehr über unsere Identität, unsere Zugehörigkeit und über unsere Sprache im polenweiten Kontext gesprochen. Bei der Nationalen Volkszählung im Jahr 2002 erklärten 173.000 Menschen, Schlesischer Nationalität zu sein, bei der Volkszählung 2011 waren es schon 847.000.

Etwas ist in den Menschen in Bewegung gekommen, es ist eine neue, gute Energie entstanden. Und daran ändern weder Regierungspolitiker etwas, indem sie die Schlesier als „getarnte deutsche Option“ bezeichnen, und Schlesien eine Region, in der „die Pathologie-Dichte sehr hoch ist“ (Jarosław Kaczyński, 2011 und 2014), noch das Innenministerium, das kürzlich eine absurde Erklärung abgab. Auf einen neuen Entwurf zur Änderung des Gesetzes für nationale und ethnische Minderheiten, das die schlesische Sprache als regionale Sprache anerkennen würde, war aus dem Ministerium zu hören, durch ein solches Vorhaben die polnische Sprache geschwächt würde und es dazu führen könnte, dass die Polen aufhören würden, Polnisch zu sprechen (2021). Das Schlesische liegt im Trend und – frei nach dem polnischen Renaissance-Dichter Mikołaj Rej – wir Schlesier sind keine Gänse, wir haben unsere eigene Sprache. Und denjenigen, die immer noch hartnäckig der Meinung sind, dass Schlesien langweilig und schmutzig ist, sage ich: „niy nerwujcie hanysów!“ [Verärgert die Schlesier nicht!]

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

Schlagwörter:
nv-author-image

Anna Wróblowska

Kulturwissenschaftlerin, Ausstellungskuratorin und Theatermanagerin, von 2010 bis 2013 leitete sie das Schlesische Tanztheater, von 2014 bis 2019 war sie Programmleiterin des Theaters ROZBRAK.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.