Wer hat ein Problem mit Deutschland?

Gutnachbarschaftliche Beziehungen zu Deutschland sind in Polen derzeit nicht „en vogue“. Seit längerer Zeit beobachten wir nicht so sehr kritische, als vielmehr unwahre und verletzende Aussagen über Deutschland und die Deutschen. Einmal mehr wird versucht, durch das Schüren von Ressentiments und Misstrauen politisches Kapital zu schlagen. Das Hauptforum für solche Äußerungen sind natürlich die sozialen Medien, obwohl auch einige der traditionellen Medien gerne auf antideutsche Rhetorik zurückgreifen.

Trolle im Anmarsch

Im Internet tummeln sich Horden von Trollen, die solche Stimmungen schüren und sogar die Kommentare der Internetnutzer in ihre Richtung lenken. Natürlich sind anonyme Pseudo-Publizistinnen oder Pseudo-Kommentatoren hier die Regel.

Unter Pseudonym werden oft manipulierte Informationen geliefert, die völlig unwahr sind und häufig von nationalem Chauvinismus genährt werden. Sie bringen uns einander in einer Diskussion über die Unterschiede und Probleme, die es natürlich gibt und die in den Beziehungen zwischen zwei Ländern und zwei Völkern völlig normal sind, nicht näher. Sie dienen eher dazu, die Atmosphäre aufzuheizen, uns in angeblich historisch definierten Gräben verschanzen.

Twitter-Eintrag des Botschafters

Es gibt eine Menge Beispiele dafür. Ich möchte eines der jüngsten nennen. Der deutsche Botschafter in Polen, Arndt Freytag von Loringhoven, twitterte aus Anlass des Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung: „Zum 31. Mal jährt sich heute der Tag der Deutschen Einheit. Die deutsche Wiedervereinigung ist eines der glücklichsten Ereignisse in der deutschen Geschichte. Auch Polen leistete einen wichtigen Beitrag zur Wiedervereinigung. Ohne die polnische ,Solidarność‘ wäre das nicht möglich gewesen.“

Der Botschafter wies auf eine Tatsache hin, die zu würdigen wir von den Deutschen ständig verlangen. Er betonte die Rolle Polens bei der Wiedervereinigung seines Landes nach mehr als 40 Jahren der Teilung. Ohne die „friedliche Revolution der Solidarność“ und ihren Beitrag zur Selbstauflösung des Ostblocks (Dominoeffekt) hätten Generationen von Deutschen noch lange davon geträumt.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass bis Ende der 1980er Jahre die Möglichkeit der Wiedervereinigung in Deutschland bezweifelt und der Status Quo teilweise akzeptiert wurde. Der Eintrag des deutschen Botschafters ist daher als Bekräftigung der polnischen Interpretation der jüngsten Geschichte zu interpretieren.

Reaktionen im Internet

Und wie reagierten die Internetnutzer darauf? Es herrschten negative Meinungen vor, die von Abneigung und nicht selten von Verachtung geprägt waren. Den Deutschen wurde einfach die Existenzberechtigung abgesprochen, jegliche Errungenschaften beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft wurden infrage gestellt.

„Für das, was Deutschland während des Zweiten Weltkrieges getan hat, sollte es überhaupt nicht existieren. Dieses Geschwätz darüber, wie die Polen zur Wiedervereinigung Deutschlands beigetragen haben, sollte mit Verlaub den Kindern im Kindergarten erzählen werden, vielleicht wird ihnen diese rührselige Story zu Herzen gehen.“

Der Sinn der Wiedervereinigung wurde angezweifelt. Das angebliche Scheitern dieses Prozesses wurde hervorgehoben (als ob sich in Polen niemand mehr daran erinnern würde, welche Probleme die Zweite Polnische Republik nach 1918 mit der Zusammenführung der drei Teilungsgebiete hatte).

„Im Osten gewinnt die AfD. Ihr behandelt die Ossis als minderwertig. Aber natürlich belehrt ihr uns alle und drängt auf eine weitere ,Vereinigung‘ des Ostens. Kauf ein Geschichtsbuch, aber ein ordentliches. Du wirst dort nachlesen können, dass dies mit uns Polen nicht klappt.“ Und schließlich wurde vorgeschlagen, sich zu verdrücken: „Pfoten weg von Polen, hört auf, uns als euer Eigentum zu behandeln, (…) zahlt gefälligst für den Krieg. Und dann könnt ihr euch verpis…“

Um die Schlussfolgerung dieser Aussage zu veranschaulichen, wurde die Stilistik der Solidaryca (der charakteristische Schriftzug im Logo der Gewerkschaft NSZZ Solidarność) paradoxerweise mit einem Wort kombiniert, das aus den jüngsten Massenprotesten in Polen gegen die polnischen Behörden bekannt ist [gemeint sind die Proteste des sog. „Frauenstreiks“ gegen das verschärfte Abtreibungsverbot in Polen, bei dem Plakate mit der Aufschrift „wypierdalać“ (deutsch: verpisst euch) verwendet wurden].

Aktive Gegenmaßnahmen

Man könnte jede Menge Aussagen mit ähnlicher Wortwahl anführen. Ich frage mich, was der Grund dafür ist, solch eine feindselige Haltung anzunehmen. Warum ist es so leicht, nicht nur Frustration und Unzufriedenheit, sondern sogar Hass gegenüber unserem Nachbarn zu empfinden? Oder ist es einfach der „Charme“ des Internets?

Sollten solche Aussagen bagatellisiert werden? Schließlich wurden ähnliche Sätze, die als „Hassrede“ gelten, über Ukrainer, Juden und in letzter Zeit auch über Tschechen und andere geschrieben. Sollten wir uns nicht gerade deshalb mit dem Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit im Internet befassen und anfangen, ihr aktiver entgegenzuwirken?

Selbst wenn wir die meisten dieser hasserfüllten Beiträge bezahlten Trollen zuschreiben, sollten wir darauf achten, wie viele zustimmende Reaktionen sie hervorrufen: Likes, Weiterleitungen, lange Twitter-Threads…

Was können sachkundige Germanisten, Historiker, Literaturwissenschaftler, Soziologen machen? Wahrscheinlich tun sie – abgesehen von der Verurteilung und Widerlegung dieser Art von Unterstellungen – in erster Linie das, was sie am besten können: kompetent und auf zugängliche Weise einen leicht verständlichen Wissensbestand schaffen. Es geht nicht so sehr darum, die Autoren der oben genannten Beiträge „aufzuklären“, sondern ihre Leserinnen und Leser mit Wissen auszustatten, das es ihnen ermöglicht, eine kritische Haltung zu bewahren, falsche und aufrührerische Inhalte abzulehnen.

 

Ausschnitt aus einer Rede anlässlich der Präsentation des „Historischen Leitfadens“ der Wochenzeitung Polityka mit dem Titel „Die Geschichte der Deutschen. Nur allzu reiche Historie“, die am 4. Oktober 2021 in Wrocław im Oratorium Marianum der Universität Wrocław stattfand. Der Beitrag erschien zuerst unter: https://krzysztofruchniewicz.eu/

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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