Freiheit und reine Luft schnuppern

Danzig und Bremen haben eine der schönsten deutsch-polnischen Geschichten geschrieben. Es ist eine Geschichte über den Aufbau eines Dialogs in Zeiten des Monologs, über das Praktizieren von Freundschaft trotz empfohlener Feindseligkeit und darüber, ein solches „Wir“ zu schaffen, welches, um zu entstehen, nicht die Ablehnung des Anderen braucht.

Eine treffendere Definition von Europäertum kann es kaum geben. Das bedeutet, dass diese Städte zwei Geschichten geschrieben haben beziehungsweise schreiben: eine bilaterale und eine gemeinschaftliche. Und es ist vielleicht nur ein Versäumnis, wenn ihre legendären Autoren noch nicht zu den „Erneuerungsvätern“ der Europäischen Union gezählt werden. Denn die Union ringt heute dringend um Sauerstoff, Inspiration und einen breiteren Identitätshorizont. Und ein Gefühl der Verantwortung in einem weiteren Sinne, über die Grenzen des Kontinents hinaus.

Die Union könnte viele Impulse aus der Arbeit des langjährigen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnick schöpfen. So wie der Brief der polnischen Bischöfe von 1965 und die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland zu einem Symbol für den Aufbau einer Wertegemeinschaft in Ermangelung politischer Rahmenbedingungen wurden, so eröffnete Koschnick einen ähnlichen Raum in der Städtepartnerschaft. Die 1976 unterzeichnete Partnerschaft zwischen Bremen und Danzig war das Ergebnis mühsamer Verhandlungen mit den polnischen kommunistischen Behörden und erforderte die Überwindung von Widerständen in vielen deutschen Kreisen. Koschnick blieb hartnäckig und erreichte, was er wollte, indem er in seiner Eigenschaft als Bürgermeister einer Stadt, die zugleich ein Stadtstaat ist, seine eigene Außenpolitik betrieb. Zusammen mit seinem sozialdemokratischen Mentor Willy Brandt wurde er zu einer Ikone der deutschen Entspannungspolitik und der Durchlöcherung der Mauer zwischen Ost und West. Viele Jahre später sagte er anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig: „Die Beziehungen zwischen den städtischen Behörden mögen angespannt gewesen sein, aber das Band zwischen den Menschen hat allen Stürmen und Angriffen standgehalten.“

Außerdem, und das ist besonders wichtig, hat Hans Koschnick in den 1980er Jahren keine Haarspalterei betrieben und im Gegensatz zu vielen seiner SPD-Parteikollegen sofort daran geglaubt, dass die Menschen Geschichte machen können, dass die Gesellschaft den Sturz eines unterdrückenden Systems herbeiführen kann. Und er unterstützte die polnische Solidarność-Bewegung mit all seiner Kraft. Dies gilt umso mehr, als alles im befreundeten Danzig begann. Ihm ist es zu verdanken, dass, ohne auf das wütende Gemurmel im kommunistischen Warschau zurückzublicken, in Bremen das Institut für Oststudien gegründet wurde, das Publikationen der Untergrundblätter vertrieb. Zudem wurde in Bremen das Auslandsbüro der Solidarność eröffnet. Er rief zu humanitärer Hilfe auf, die insbesondere während des Kriegsrechts enorme Ausmaße annahm. Es besteht kein Zweifel: Die Partnerschaft Bremen-Danzig, die ihrer Zeit voraus war, resultierte vor allem aus der Entschlossenheit dieses Mannes. Und zugleich aus seiner Überzeugung, man müsse oft gegen den Strom schwimmen, wenn man kühne Projekte umsetzen und die Realität verändern wolle. Immerhin werde Europa auf diese Weise geboren.

Heute sollten wir ebenfalls die europäischen Aspekte des Vermächtnisses von Paweł Adamowicz, dem vor zwei Jahren auf tragische Weise verstorbenen Oberbürgermeister von Danzig, aufmerksam lesen. Im August 2020 feierten wir den 40. Jahrestag der Gründung der Solidarność, ein Ereignis, das die Werte untermauert, die wir in Warschau „Danziger“ Werte  nennen. Denn heute ist Danzig die beste Stadt in Polen, wenn es darum geht, eine Gemeinschaft zu schaffen, Offenheit und Toleranz zu verteidigen und Vielfalt zu respektieren. Sie ist in der Lage, sich selbst kritisch zu betrachten, und setzt bereitwillig die Brille ihrer Nachbarn auf. Mit anderen Worten: Danzig hat heute das Gesicht von Paweł Adamowicz. Er entwickelte das erste Programm für die Integration von Einwanderern in unserem Land und ein Modell für Gleichbehandlung. Wie es in Danzig Tradition ist, hat die amtierende Oberbürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz diese August-Feierlichkeiten denjenigen gewidmet, die sich unterdrückt fühlen und Unterstützung brauchen – das heißt unserer Solidarität. Im Jahr 2020 waren dies die Demonstranten in Belarus und die LGBT-Gemeinschaft in Polen.

Interessant ist, dass Paweł Adamowicz immer wieder betonte, wie sehr ihn die Kontakte mit seinen Bremer Partnern „als Politiker geprägt hatten“. Angesichts wachsender autoritärer Tendenzen erkannte er die besondere Rolle der Kommunen, die, um ihnen wirksam entgegenzutreten, nach dem Fundus demokratischer Werte greifen sollten, der das Erbe aller Gemeinschaften und – wie sonst – „das Fundament des Bremer Republikanismus“ sei. Auffallend war seine Konsequenz beim Aufbau einer kollektiven Identität durch Offenheit und Interesse an anderen, auch an religiösen Vereinigungen in der Stadt. Er hat erkannt, wie wichtig es ist, diese Identität in den Beziehungen zu den Nachbarn aufzubauen, indem man sich bemüht, sie besser kennen und verstehen zu lernen. Adamowicz wusste sehr wohl, wozu ein „Wir“ führen kann, welches durch die Verleugnung des Andersseins und die Abschottung entsteht. Er hat verstanden, dass es aus  kollektiven Identitäten, die sich aus nationalem Narzissmus speisen, sicherlich nicht möglich sei, Europa zusammenzuschweißen.

Koschnick und Adamowicz haben uns gezeigt, wie man Europa wirkungsvoll zusammenbringen kann: empfindliche Saiten aufziehen und Brücken zwischen Gemeinschaften schlagen. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson argumentierte, jede Gemeinschaft sei von Natur aus abstrakt oder vorgestellt. Das heißt, damit sie entstehen und sich festigen kann, braucht sie so etwas wie ein imaginäres Band. Nämlich eine mit aller inneren Selbstverständlichkeit akzeptierte Nähe, die zu einer Quelle der Sinnstiftung wird und das Verhalten der Menschen beeinflusst. Diese Verpflichtungen können nicht nur historisch sein.

Die Partnerschaft zwischen Danzig und Bremen enthält viele Beispiele dafür. Hans-Dietrich Paschmeyer, Chirurg an der Roland-Klinik in Bremen, organisierte in den 1990er Jahren sieben kostenlose Operationen für die Schwerstverletzten des Danziger Werftbrandes – und das ist nur ein Bruchteil seines langjährigen Engagements für das Gesundheitswesen und das soziale Leben. Die Liste der Menschen, die sich in den schwierigen Zeiten um Danzig verdient gemacht haben, ist lang, um nur den langjährigen Parlamentspräsidenten Christian Weber, die Bürgermeister Henning Scherf und Carsten Sieling, die Mitglieder der weithin sichtbaren Deutsch-Polnischen Gesellschaft, Reinhold Stiering oder Rainer Nalazek zu nennen. Ich hatte die Ehre, viele von ihnen im Rahmen meines diplomatischen Dienstes in Deutschland kennenzulernen. Ich war noch nie anlässlich von Feierlichkeiten oder wichtigeren Ereignissen in Danzig, ohne auch eine zahlreiche Gruppe des von Senatspräsident Andreas Bovenschulte geleiteten Senats zu treffen, die zufällig weitere bilaterale Projekte besprach.

Danzig ist eine stolze Stadt und eine Stadt, die sich ihrer besonderen Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit und der jüngsten Geschichte bewusst ist. Sie hat viele prominente Fans und Einwohner. Bundeskanzlerin Angela Merkel erzählte mir einmal von einer nächtlichen Zugfahrt mit einer Gruppe von Studenten von Berlin nach Danzig in den 1980er Jahren, um Andrzej Wajdas Film „Der Mann aus Eisen“ zu sehen. Wie sie sagte, „reisten die Menschen damals aus Ostdeutschland nach Danzig, um Freiheit zu schnuppern“. Die Bundeskanzlerin hat also erfolgreich eine schlaflose Nacht in die deutsch-polnischen Beziehungen investiert.

Der in der Dreistadt lebende Donald Tusk war unser Delegierter in Brüssel, um „Bindegewebe herzustellen“, die europäische Einheit zu bewahren und die Probleme der östlichen EU-Mitglieder zu vermitteln. Dies war wichtig für ein Europa, das dabei war, die Gräben zwischen Reich und Arm zu überwinden. Für ein Europa, in dem Polen als Bindeglied zwischen diesen Gruppen fungierte, einschließlich der Länder der Eurozone und den restlichen Mitgliedsländern. Indem Polen seine eigenen Interessen verfolgte, tat es etwas Wichtiges für die Gemeinschaft als Ganzes und sorgte für ihren Zusammenhalt. Polen gehörte zur Koalition der Gestalter, nicht zur Koalition der Zerstörer. Aus diesem Grund konnte es zeitweise über seiner Gewichtsklasse boxen.

Dieses Europa ist jedoch im Wandel begriffen, die Konvergenz bleibt wichtig, aber jetzt geht es vor allem um das Überleben, um eine gründliche Erneuerung des Wirtschaftsmodells. Um weiterhin in vollem Umfang von der Mitgliedschaft in der Union profitieren zu können, müssen wir unsere eigenen Modernisierungspläne in die Logik dieses Wandels einbeziehen. Bevorzugt werden vor allem Projekte, die mit diesem Wandel zusammenhängen. Dies ist eine große Herausforderung für Polen.

Es ist genauso eine Herausforderung für die deutsch-polnischen Beziehungen, die notwendigerweise auf das Konvergenzziel der EU und unsere Strategie des Aufholens gegenüber dem Westen ausgerichtet waren. Jetzt geht es darum, mit dem Westen auf Augenhöhe zu konkurrieren und gemeinsam die Realität zu verändern. Polen ist eines der Länder mit den größten ökologischen Problemen, aber im Gegensatz zu vielen dieser Länder könnte es näher an das Entscheidungszentrum der EU heranrücken, da unsere Partner im Weimarer Dreieck den größten Einfluss zum Beispiel auf die grüne Transformation haben werden. Das Dreieck könnte heute die Schutzmechanismen des Green Deals erheblich unterstützen, um das Risiko einer gesellschaftspolitischen Destabilisierung zu verringern, die dieses ehrgeizige Projekt verursachen könnte. Natürlich hat Polen nur dann eine Chance, hier eine für sich Rolle zu finden, wenn es sich der „Gestaltungskoalition“ in der Union anschließt.

Jede Generation sollte ihre eigene Geschichte über Europa erzählen. Vielleicht ist es an der Zeit, ein neues deutsch-polnisches Imaginativ aufzubauen, denn junge Polen und Deutsche haben andere Dinge im Kopf als ihre Großeltern und Eltern. Obgleich sie ebenfalls „Freiheit schnuppern“ wollen, werden sie diese anders definieren: als Verbesserung der Luftqualität, als Begrenzung der Allmacht digitaler Giganten, als Wahrung der Rechtsstaatlichkeit, als Achtung der Grundsätze des fairen Wettbewerbs, als Abkehr von der einseitigen Wachstumslogik, als Abbau der Ungleichheit oder als Schutz der Minderheitenrechte. Die europäische Zusammenarbeit wird nicht nur daran gemessen werden, ob jeder sein Stück vom Kuchen abbekommt, sondern daran, ob jeder beim Backen mitmachen kann. Um in der Bäckerei bleiben zu können, müssen sie sich natürlich an die Gesetze und Verhaltensregeln der Bäckerei halten.

Ich stelle mir vor, dass in diesem neuen Imaginativ die Beziehungen zwischen den Selbstverwaltungen und den Nichtregierungsorganisationen beider Länder eine viel größere Rolle spielen sollten. In ihnen steckt eine pro-europäische Energie, die wir nicht genug zum Nutzen der bilateralen Beziehungen einsetzen. Heute sind die offiziellen Kontakte Berlins mit der polnischen Regierung keine Kontakte mit einem Polen, das offen und auf eine Vertiefung der Integration ausgerichtet ist. Die Selbstverwaltungen und die Zivilgesellschaft in dieser Situation außen vor zu lassen, würde bedeuten, wir würden nicht nur einen bedeutenden Teil des pro-europäischen Potenzials der bilateralen Beziehungen verlieren, sondern ihre Marginalisierung fortsetzen. Außerdem machen wir es denjenigen im Westen leichter, die ohne Weiteres sagen, sie hätten einst Unrecht, als sie den Polen und Ungarn angeblich zu früh zum EU-Beitritt verhalfen. Umso mehr ein Grund für sie, diese Partner aufzugeben.

Wir sollten sie nicht in dem Glauben wiegen lassen, die polnische Gesellschaft sei geschlossen und illiberal und sie werde sich nicht bald ändern. Soziologische Studien und die darin festgestellten Trends zeigen nämlich das Gegenteil. Es lohnt sich für die Selbstverwaltungen, dieses Wissen mit Hilfe von Fakten ans Licht zu bringen. Heute geht es um das Schicksal des europäischen Projektes.

Hoffen wir also, dass es in den deutsch-polnischen Beziehungen möglichst viel „Danzig“ und „Bremen“, Koschnicks und Adamowicz‘ und ihre Nachfolger geben wird, die wir heute mit dankbaren Gefühlen und Hoffnungen ehren. Denn dann wird es in diesen Beziehungen auch mehr von jenem Polen geben, welches einst alle unterstützt haben. Ein Polen, das die zweite Lunge Europas wiederherstellte, sich um seine Nachbarn kümmerte und an seinen Grenzen Solidarität übte.

 

Der Text ist eine Abschrift der Laudatio, die anlässlich der Verleihung des Viadrina-Preises der Europa-Universität an die Städte Bremen und Danzig am 5. Oktober 2021 gehalten wurde.

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Marek Prawda

Dr. Marek Prawda, Soziologe, Diplomat, Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Warschau, ehemaliger Botschafter Polens in Deutschland.

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