Frank bedeutet Fremder: „Die Jakobsbücher“ auf der Bühne

Ewelina Marciniak inszenierte am Thalia Theater Hamburg „Die Jakobsbücher” in Anlehnung an den Roman von Olga Tokarczuk. Die Regisseurin überzeugt damit das deutsche Publikum von ihrer Kunst, die durchaus schwierige polnische Gegenwartsliteratur in eine universelle Sprache zu übertragen.

Man kann die Behauptung wagen, dass es eine europäische Sprache ist, die Polen zu Europa gehören lässt, weil „Die Jakobsbücher” in der Interpretation von Marciniak eben ein Stück über Europa sind – über ihre Kultur, Geschichte, Religion und über Völkerwanderungen, also auch über das Schicksal von Flüchtlingen. Obwohl die Rzeczpospolita, wie die Polnisch-Litauische Union genannt wird, im 18. Jahrhundert einen sehr großen Teil des Kontinents einnahm, war es innerhalb dieses kulturellen und religiösen Schmelztiegels schwer zu unterscheiden, wo sich welche Grenzen befinden – wer ist wer und warum. Tokarczuk bringt das Ethos eines Landes, das auf seine Toleranz, Multikulturalität, auf das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben stolz war, wie ein Kartenhaus zum Einsturz.

Immer wieder sprechen die Schauspieler der Inszenierung am Thalia Theater den Namen „Rzeczpospolita” mit deutschem Akzent aus und erinnern an das Land, in dem die Handlung stattfindet. Dabei erinnert das Bühnenbild von Mirek Kaczmarek keineswegs an polnische Landschaften. Die Drehbühne ist mal mit Spiegeln gefüllt, ein anderes Mal befinden sich dort antike Säulen oder es fällt ein Vorhang mit Blumenmuster nieder. Weder der Ort noch die Zeit (das 18. Jahrhundert) sind hier von Bedeutung, es geht um Fragen zu Religion, zur Existenz oder Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Darauf weist die Dramaturgin des Hamburger Theaters, Susanne Meister, in ihrer Einführung hin.

„Die Jakobsbücher” in der Bearbeitung von Jarosław Murawski und Ewelina Marciniak bestehen aus einigen Szenen, die aus dem über tausend Seiten umfassenden Werk von Olga Tokarczuk ausgewählt wurden. In dem Roman steht die historische Figur des Jakob Frank im Zentrum – ein Philosoph, Mystiker, Reformator, Gründer der nach ihm benannten Sekte der Frankisten. Die Ereignisse aus dem Buch werden auf der Bühne nicht chronologisch dargestellt.

Das Stück beginnt mit dem Besuch von Jakob Frank am Hof von Maria Theresia in Wien, als er sich auf der Höhe seines Erfolgs befindet. Anschließend werden wir Zeugen religiöser Auseinandersetzungen zwischen einem Rabbi und einem Bischof. Wir lernen die Liebesgeschichte zwischen Jakob Frank und Chana kennen, die für den charismatischen Anführer und Ehemann zuerst ihre Heimat und später auch ihre Religion verlässt. Im Laufe der Zeit wird sie allerdings immer mehr von all dem, was polnisch ist, und schließlich auch von sich selbst angewidert.

Wir werden Zeugen der Begegnung des Priesters Benedykt Chmielowski mit der Kastellanin Katarzyna Kossakowska und der Dichterin Elżbieta Drużbacka. In weiteren Szenen versucht Jakob Frank, das Publikum zu verführen und streitet sich mit seinem treuen Freund Nachman. Wir lernen das Leben der jüdischen Gemeinschaft kennen, in der Frank als Guru zu sexueller Freiheit aufruft, die für alle, außer seiner Frau Chana, gelten soll.

Foto: Krafft Angerer

Am eindrücklichsten ist jedoch die Szene der Taufe von Frank und seinen Anhängern. Der Religionswechsel bedeutet nur eine äußerliche, oberflächliche Änderung der Identität. In diesen Änderungen und in einer fremden Umgebung fühlt sich Frank am besten und am sichersten. Auf die anderen, für die der Religionswechsel einen Identitätsverlust bedeutet, der mit starken Gewissensbissen und mit großen Leid verbunden ist, achtet er nicht. Franks Gruppe ändert ihre Namen in polnische Namen, die Frauen tragen nun zwar dicke Pelze, aber im Inneren fühlen sie sich verloren, einsam und unglücklich.

Jakob Frank ist die zentrale Figur. Er erscheint auf der Bühne und verschwindet. Wir wissen nicht, ob er ein Schamane, Usurpator oder der Messias ist. André Szymanski, der ihn verkörpert, gibt mit seiner Rolle ebenfalls keine Antwort darauf. Er zeigt die Vielschichtigkeit Franks, der wie ein Chamäleon seine Gestalt ändert. Ist er ein gewöhnlicher Betrüger, ein Trickser? „Frank bedeutet Fremder” – wiederholen seine Gefährten und solch einen Eindruck hat man bis zum Schluss der dreistündigen Aufführung. Frank ist ein Fremder, obwohl er ein Ziel hat und dieses gnadenlos verfolgt.

Seine Frau Chana (wunderbar gespielt von Rosa Thormeyer) ist aus Liebe zu ihm zu allem bereit, doch als sie als Hofdame verkleidet ist, wirft sie ihre Perücke weg und hört auf, sich etwas vorzumachen. Sie stirbt beinahe vor Sehnsucht nach ihrem alten Leben, sie hasst Polen, Pierogi, Kohl und Pilze. Eine weitere wichtige Figur ist Katarzyna Kossakowska, gespielt von Rosa Thormeyers Mutter Oda Thormeyer. Die Schauspielerin verbindet auf geniale Art komische Situationen mit dem Kalkül einer Katholikin, die bereit ist, die Taufe von Frank um jeden Preis durchzusetzen. Katarzyna ist eine strenge, kluge Frau, die stark unter Menstruationsbeschwerden leidet.

Die Figuren des Priesters Benedykt Chmielowski (Julian Greis) und Elżbieta Drużbacka (Lisa-Maria Sommerfeld) bringen etwas Leichtigkeit und Witz in die Handlung. Sie reden zwar über Gott und Literatur, aber wahrscheinlich spielt sich in ihrem Kopf etwas anderes, viel „menschlicheres“ ab. Außerdem gibt es noch die Erzählerin und Großmutter von Jakob – Jenta, die alles sieht, mit Gesang kommentiert, summt und schreit. Diese Gestalt wird von der ukrainischen Schauspielerin Mariana Sadowska verkörpert.

Die hervorragende Besetzung mit einem Dutzend Schauspielern ist eine große Stärke des Stücks. Die Darsteller füllen die Bühne mit großer Energie (hierzu trägt auch die sehr abwechslungsreiche und interessante Choreografie von Dominika Knapik und die Musik von Jan Duszyński bei) und sprühen vor Spielfreude, die auf das Publikum übergeht. Es sollte auch erwähnt werden, dass die Vorbereitungen für die Premiere ein ganzes Jahr in Anspruch genommen haben, während des Lockdowns probten die Schauspieler online. Dennoch musste die Premiere verschoben werden. Im September 2020 fand sogar ein Treffen des Ensembles mit Olga Tokarczuk statt. So konnten die Schauspieler mit der Autorin über die von ihnen verkörperten Gestalten reden.

Die Regisseurin setzt das Ensemble in Bewegung wie eine Spieluhr, in der jeder Ton rhythmisch und ohne Missklang fällt. Es ist nicht verwunderlich, dass Ewelina Marciniak eine gute Verbindung zum deutschen Ensemble aufbauen kann, denn sie arbeitet bereits seit einigen Jahren in Deutschland und wird vom deutschen Publikum wie auch von der Kritik geschätzt. 2020 erhielt sie den wichtigen Theaterpreis für Regie, den sogenannten Faust-Preis. Zu den früheren Preisträgern gehörten Künstler wie Frank Castorf, Pina Bausch oder Elfriede Jelinek. Vor den „Jakobsbüchern“ brachte sie im Hamburger Thalia Theater das Stück „Der Boxer“ auf der Grundlage des Romans „Der König“ von Szczepan Twardoch auf die Bühne.

„Die Jakobsbücher” sind auch ein Mut machendes Beispiel für deutsch-polnische Theaterzusammenarbeit, an der es heute sehr mangelt. Deutsche Schauspieler nehmen in einem der besten Theater des Landes polnische Künstler (Regie, Musik, Choreografie, Bühnenbild, Dramaturgie und Kostüme) auf und interpretieren unter der Leitung einer polnischen Regisseurin das Werk einer polnischen Nobelpreisträgerin. Eine freundliche Geste gegenüber dem Publikum sind die polnischen Übertitel bei einigen der Aufführungen.

Ewelina Marciniak berührt mit ihrer Interpretation des Werkes von Tokarczuk für die deutsche Kultur sehr wichtige (und sensible) Themen: Judenhass, mangelnde Toleranz und fehlendes Verständnis für „Fremde“, das Schicksal von Menschen auf der Flucht, die ins Land kommen, um ihre Lage zu verbessern, und schließlich feministische Themen, die immer öfter Gegenstand der öffentlichen Debatte sind.

Die Rabbiner reden zwar mit den Priestern, aber dies bleibt folgenlos. Es gibt zwar einen, sogar sehr vornehmen, Dialog zwischen ihnen, aber in der Tiefe ihres Herzens fehlt jeglicher Wille zu Verständigung oder zumindest die Bereitschaft zu Toleranz gegenüber den Dogmen der anderen. Schließlich kommt es zu Verbrechen vor einem religiösen Hintergrund.

Das zweite große Thema der Aufführung ist die Rolle der Frau in der damaligen und heutigen Welt. Jenta sieht alles und weiß alles – Jakob überlegt sogar, warum eine Frau nicht der erwartete Messias sein könnte. Vielleicht ist eine Frauengestalt oder ein weibliches Element die Erzählerin in der Bibel? Jenta, Chana, Katarzyna Kossakowska – sie verfügen über eine große Kraft und Energie, die nicht unterschätzt werden darf. Die Welt gehört auch den Frauen – das wusste auch Frank.

Die Interpretation von Marciniak und Murawski kreist um religiöse und feministische Motive und öffnet den Raum für eine tiefergehende Diskussion. Die Künstler stellen viele universelle Fragen zu Europa, zu dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und – was damit verbunden ist – auch zur Religion im 21. Jahrhundert. Dieses Jahrhundert unterscheidet sich in Hinblick auf die Zivilisation stark von dem 18., doch in den fundamentalen Fragen lässt es den Menschen immer noch ohne Antworten.

 

 

Dieser Text erschien ursprünglich auf der Seite Teatr [https://teatr-pismo.pl/16996-frank-znaczy-obcy/]. Wir bedanken uns bei der Zeitschrift und bei der Autorin für die Genehmigung des Abdrucks.

 

 

 

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

2 Gedanken zu „Frank bedeutet Fremder: „Die Jakobsbücher“ auf der Bühne“

  1. Ein kleiner Fehler – aber der guten Ordnung halber:
    “Das Stück beginnt mit dem Besuch von Jakob Frank auf dem Hof von Maria Theresia in Wien im Jahr 1786, als er sich auf der Höhe seines Erfolgs befindet”.
    Da stimmt entweder die Jahreszahl oder der Name der “Kaiserin” nicht. Maria Theresia regiert von 1740 bis 1780; dann Josef II bis 1790.
    Liebe Grüße

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