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Liegt Polen noch am Mittelmeer?

Den Titel entlehne ich von Jan Parandowski, der 1939 den Abriss „Polska leży nad Morzem Śródziemnym“ [Polen liegt am Mittelmeer] verfasste. Doch der Anlass, das Wort zu diesem Thema zu ergreifen, das für Überlegungen zur Verfassung des heutigen und morgigen Europas von fundamentaler Bedeutung ist, , war ein anderer Text eines Großmeisters der polnischen Essayistik über die Antike, eines unermüdlichen Denkers in der Beweisführung, dass das Polentum und die Mittelmeer-Identität schon immer unzertrennlich miteinander verbunden waren. Die Rede ist von dem Text „Obecność tradycji antycznej“ [Die Anwesenheit der antiken Tradition] von Zygmunt Kubiak.

Dieser Text erschien vor fast genau dreißig Jahren, nämlich im Januar 1992, in der Monatszeitschrift Znak. Darin finden sich zwei Thesen, von denen eine es verdient hat, weitergedacht und aktualisiert zu werden. Die zweite These hingegen muss, so befürchte ich, gänzlich vernachlässigt werden, jedenfalls in der Zeit und in der Realität, in der ich diese Worte schreibe. Bevor ich aber dazu übergehe, möchte ich mit Kubiak das sagen, womit ich absolut einverstanden bin und was sowohl die Wissenschaft als auch der gesunde Menschenverstand als sicher annehmen: „Unser klassisches Erbe ist jüdisch-griechisch-römisch.“ Kubiak stellt drei Relationen heraus, die das definieren, was später Europa geworden ist: zwischen Griechenland und Rom, zwischen dem griechisch-römischen Kulturkreis und dem biblischen Kulturkreis und schließlich zwischen dem Heidentum und dem Christentum. Es ist wirklich schwierig, Argumente dagegen zu finden, denn obwohl jedes Schema von Natur aus eine Vereinfachung ist, schließen diese „drei Wechselbeziehungen“ alles ein, was die Kultur des alten Kontinents begründet hat. (Die Vereinigten Staaten sind ein etwas anderer Westen, vermischt mit dem ursprünglichen Amerika.) Was aber nicht bedeutet, dass es in diesen „drei Wechselbeziehungen“ zu keinen weiteren Vermengungen  kam und auch weiterhin kommt, die ideell zweifelsohne ebenso inspirierend sind. Ein Beispiel dafür ist der Islam, der Europa seit mehreren Jahrhunderten durchdringt, es mitgestaltet und bereichert.

Natürlich hat es nie ein „reines“ einheitliches Polen gegeben – das ist eine Erfindung von Ideologen. Jedes Element seiner Kultur, angefangen von religiösen Ritualen und Bräuchen über die Küche und die Kleidung bis hin zur Literatur und zur Sprache, trägt Spuren der schon immer und weiterhin stattfindenden Assimilations- und Akkulturationsprozesse. „Die Muse der Poesie“, schrieb Kubiak in Die Anwesenheit der antiken Tradition, „die zu uns und anderen Europäern vom Mittelmeer gekommen ist, ist hellenisch-lateinisch-hebräisch, sie entstammt der Flöte des Theokrit, den Festmahlen des Horaz und dem Flüstern der Sulamith, die nachts nicht einschlafen konnte. In Verbindung mit der slawischen Sensibilität, mit der polnischen schwierigen und großen nationalen Geschichte und mit der Macht und dem Zauber der polnischen Sprache ist sie zu etwas geworden, ohne das wir nicht mehr leben könnten.“ Die Geschichte der Ethnien, Völker und Staaten könnte man mit einem bauchigen Gefäß vergleichen, in das jede neue Generation ihre kulturellen Inhalte hineinkippt, die eine üppiger, die andere bescheidener (nicht immer sind das unbedingt die offensichtlichsten Inhalte), und diese Inhalte mischen sich darin mit dem, was sie dort antreffen, ganz spontan – die einen langsamer, die anderen schneller, noch andere blitzartig, je nach ihren Eigenschaften. Ich glaube, dass eine Qualitätsbewertung dieser Mischung weder möglich noch notwendig ist, sicher aber ist eine Tatsache: Kultur bedeutet Vielfalt (Notabene wirft diese Analogie die Frage nach dem Fassungsvermögen des Gefäßes auf.).

„Kaum noch jemand lernt die alten Sprachen“, schrieb Kubiak 1992. „Verdrängt hat sie das Englische, das allerdings fast ausschließlich als Mittel zur Verständigung mit der Außenwelt in Technik und Handel genutzt wird.“ Schon damals war diese These unbestritten. Heute, drei Jahrzehnte später, sehen wir dieses Phänomen natürlich viel deutlicher: Dieser Prozess ist wesentlich schneller, etwa durch die Popkultur beschleunigt, aber vor allem wegen der zunehmend rasanter fortschreitenden digitalen Revolution.

An dieser Stelle bedarf es einer Erläuterung: Die klassische Schulbildung steckt in Polen in einer Krise, weil die klassische Bildung an den Universitäten gänzlich zusammengebrochen ist. Während zum Beispiel im Fernen Osten das Interesse am griechisch-römischen Altertum sukzessiv wächst (was allerdings ein gesondertes Thema ist), gehen vor unseren Augen die heimatlichen Institute für klassische Philologie zugrunde. Und die, die es noch gibt – eine Handvoll oft großartiger Gelehrter, die aber die Welt außerhalb der Akademie nicht kennen und komplett wirklichkeitsfremd sind – bilden aussterbende Mikroorganismen, die keinerlei Wirkungskraft auf die Kultur haben. Die klassischen Philologen haben aufgehört, ihr Wissen über die gemeinsamen Wurzeln Europas zu vermitteln, sie sind nämlich damit beschäftigt, sogenannte Punkte zu sammeln, die sie für die regelmäßige Evaluierung brauchen; die Universitäten sind zu Berufsschulen oder Korporationen geworden. Dieses Problem hängt also direkt damit zusammen, dass das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl unter Akademikern zurückgeht (was ebenfalls ein gesondertes Thema ist). Aber vielleicht gibt es da noch etwas: Vielleicht haben viele einfach aufgehört, daran zu glauben?

„Die Hochburg der klassischen Tradition ist – und wird es sicherlich noch stärker werden – bei uns die katholische Kirche. Sie ist es, die die Kultur der Antike substanziell bewahrt“, so Kubiaks zweite These. „Die Katholizität Polens gibt uns die Chance, in einem modernen nationalen Staat und gleichzeitig in der Welt zu leben, Pole und gleichzeitig Weltbürger zu sein.“

Wieviel Wahres vor dreißig Jahren in diesen Worten lag, kann ich nicht sagen, aber das hat auch überhaupt keine Bedeutung, denn schließlich leben wir in einer vollkommen anderen Wirklichkeit, und zwar in fast jeder Hinsicht. Auch wenn Kubiaks Behauptungen und Prognosen mehr waren als nur die Frucht seiner Verbundenheit mit christlichen Wertvorstellungen und seiner Sympathie für Kreise der damaligen katholischen Linken, so klingen sie heute beinahe wie ein Scherz. Die klassische Bildung von Priestern (bis vor kurzem neben Ärzten und Juristen die letzten, die noch mit klassischer Gewandtheit glänzen konnten) ist de facto verschwunden, was ich unter anderem deshalb weiß, weil ab und an – von Jahr zu Jahr immer seltener –mein Lateinunterricht nur noch von eifrigeren Klerikern besucht wird, die ihre Lateinkenntnisse aufbessern wollen. Offensichtlich wird das Altgriechische – die Sprache des Neuen Testaments – in den Priesterseminaren überhaupt nicht mehr unterrichtet.

Diese Krise, die an sich schon ernst und dauerhaft ist, wird zusätzlich von Politikern vertieft, deren aktuelle offen und unüberlegt antieuropäische (sprich auch antipolnische) Ausrichtung die Wirklichkeit als heftigen Konflikt darstellt: „das katholische Polen“ gegen „das weltliche Europa“. Diese Spaltung ist natürlich künstlich und falsch, aber es besteht kein Zweifel, dass sie unerwartet stark auf die Vorstellungskraft wirkt; die Folgen dessen – die wir uns zwar schon bewusst machen – werden erst für die kommenden Generationen wirklich sichtbar werden. Wie sehr sich doch diese Wirklichkeit von der unterscheidet, die Kubiak in seinem „halb-christlichen, halb-heidnischen“ Abriss vorausgesehen hat!

Liegt Polen also noch am Mittelmeer?

Ganz bestimmt hat die klassische Tradition derzeit in Polen in keiner Institution eine reale Grundlage – weder in der Schule noch in der Universität noch in der Kirche und auch sonst nirgendwo. Die Kälte und Gleichgültigkeit, mit der in Polen die Feststellung von der Krise, dem Ende, dem Untergang und dem Zusammenbruch der Geisteswissenschaft hingenommen wird, ist nicht weniger und nicht mehr als eine Bestätigung dafür, dass dieser Zustand anhält. In Polen sind die Brunnen versiegt. Wer das Bedürfnis hat, mit diesem jüdisch-griechisch-römischen Erbe Europas in Kontakt zu treten, ist zu einsamen Reisen verurteilt (was auch Vorteile hat), die schön, aber voller Bitterkeit sind, weil sie ihm Europa näher bringen, aber von Polen entfernen.

In seinem Abriss hat Kubiak auf folgenden Aspekt des antiken Erbes hingewiesen: So wie die hellenistischen Staaten und das römische Kaiserreich beruhten auch der polnische Jagiellonen-Staat und die Habsburger Monarchie – wie alle großen politisch-administrativen Strukturen – „nicht auf einer Stammesbindung, sondern auf einer Zivilgemeinschaft“. Und deren Schirmherr war immer Homer. Wenn also die Europäische Union, das zeitgenössische Äquivalent dieser großen Strukturen in der Geschichte, tatsächlich in einer Krise steckt, und das immer häufiger von allen ausgesprochen wird, dann nicht wegen der zunehmenden Bürokratie, dem Migrantenzufluss oder der „übermäßigen“ Verbundenheit mit immer weniger gefragten demokratischen Werten, sondern in Ermangelung eines allgemeinen, einheitlichen Modells der klassischen Bildung, die nicht etwa eine Kuriosität wäre, sondern der unbestrittene und unantastbare Kern des Bildungssystems in Europa.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

 

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Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

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