Die schwindende Asymmetrie

Die Euphorie, die viele Polen 1989 im Zuge des Endes des kommunistischen Regimes ergriff, wurde angesichts der schweren Aufgaben des Postsozialismus insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialpolitik bald von gesellschaftlicher Nervosität und kollektiver Unsicherheit überlagert. Dies verband sich allerdings nicht nur mit dem innenpolitischen Geschehen des demokratischen Wandels, sondern betraf auch den internationalen Kontext, vor allem aber die europäische Dimension vom Ende des Kalten Kriegs. So sorgte denn die Aufhebung der deutschen Teilung im Laufe nur knapp eines Jahres zwischen Mauerfall und Wieder- bzw. Neuvereinigung 1989/1990 für eine vorläufige Zuspitzung der immerhin bereits seit den siebziger Jahren abebbenden Ängste in Bezug auf Deutschland, deren Quelle in erster Linie in der tatsächlichen und als solche auch perzipierten Verstärkung der Asymmetrie im deutsch-polnischen Verhältnis zu finden waren.

Zwar ging die deutsche Einheit zusammen mit der endgültigen deutschen Anerkennung der polnischen Nachkriegsgrenze sowie der ebenso vertraglich abgesegneten Ankündigung guter nachbarschaftlicher Beziehungen einher, doch für ein überschuldetes, vor den Herausforderungen des Systemwechsels stehendes Polen auf der Suche nach neuen außenpolitischen Koordinaten betonte die (Wieder-)Entstehung des großen Akteurs an seiner westlichen Grenze wieder die historisch herangewachsene asymmetrische Relation, die in erster Linie im wirtschaftlichen Bereich zur Geltung kam. Der Alpdruck der kommunistischen Entscheidungsträger im Polen der Nachkriegszeit – dem sie durch einen beschleunigten, wenn auch in mancher Hinsicht anachronischen Industrialisierungsprozess entgegen zu wirken versuchten – nämlich Polen zum Hinterland der deutschen Wirtschaft werden zu lassen (egal, ob vonseiten der Bundesrepublik oder der DDR!), drohte, sich nach 1990 im nunmehr postkommunistischen Kontext zu realisieren: Die Führung der Volksrepublik Polen hatte ab den siebziger Jahren durch westliche Kredite wiederholt und immer massiver versucht, Zeit zu gewinnen bzw. zu kaufen; das junge demokratische Polen sah später infolge dessen in Deutschland seinen Hauptgläubiger. Auch die Struktur der Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern wies bis weit in die neunziger Jahre hinein eine tiefe Diskrepanz zwischen dem jeweils deutschen und polnischen Angebot auf. In der deutschen Wahrnehmung vom östlichen Nachbarn wirkte auch die Realität der sogenannten „Polenmärkte“ in Berlin als Symbol für den polnischen Nachholbedarf noch lange Jahre weiter.

Auf der Ebene der alltäglichen Kontakte zwischen Polen und Deutschen blieb insbesondere das Einkommensgefälle sichtbar, das im asymmetrischen Zugang zu verschiedensten Konsumgütern und Technologien zum Ausdruck kam. Selbst wenn Polens Marktwirtschaft ab den späten 1990er und noch mehr nach dem EU-Beitritt 2004 aufgrund beachtlichen Wachstums den Graben nach und nach zuschüttete, bleibt der Unterschied bis heute markant. Allerdings hat sich die Realität in Polen schneller zum besseren geändert, als es der durchschnittliche deutsche Bürger ohne besonderen Polen-Bezug im Laufe der Jahre wahrgenommen hat. Nicht wenige junge Polinnen und Polen, die als Studierende, Au-Pair-Mädchen, Praktikantinnen und Praktikanten usw. nach Deutschland (aber auch in andere westeuropäische Länder) kamen, mussten noch bis in die 2000er Jahre hinein mitunter die unangenehme Erfahrung machen, dass sich jemand daran machte, ihnen – bald wohlwollend, bald herablassend – zu erklären, wie ein moderner Kühlschrank oder die Klospülung funktionierte. Das Bild der sozialistischen Mangelwirtschaft in Zeiten des Kriegsrechts blieb im deutschen kollektiven Bewusstsein noch lange präsent, sowohl aufgrund der damaligen Paketaktionen aus der Bundesrepublik zur Unterstützung von Solidarność als auch aus späterem mangelndem Interesse am tiefen Systemwandel, der nach 1989 in Polen in Gang gesetzt wurde.

Die den bilateralen Umgang bezeichnende Asymmetrie zuungunsten Polens war schon 1989/1990 beiden Partnern bewusst. Deutschland war auch bemüht, dem polnischen Gefühl einer potenziellen deutschen Bedrohung möglichst entgegen zu wirken, indem es auf europäischer Ebene auf Multilateralismus setzte. Ein zumindest im Zeitraum 1991-2004 weitgehend erfolgreiches Format war im Rückblick betrachtet das Weimarer Dreieck, in dem Frankreich den Dritten im Bunde stellte. Die engere Zusammenarbeit der drei Länder trug dazu bei, die polnische Position insbesondere qualitativ zu stärken, indem sich das Dreieck dafür einsetzte Polens EU-Beitritt zu unterstützen. Dieser neu erlangte Status stellte für Staat und Gesellschaft einen Meilenstein dar auf dem Weg zur Verringerung nicht nur der deutsch-polnischen Asymmetrie, sondern breiter betrachtet des europäischen Ost-West-Unterschieds, wobei dem Zufluss von EU-Geldern eine große Bedeutung zukam.

Über Jahre hinweg schrieb Polen wirtschaftlich schwarze Zahlen, ja die polnische Wachstumsrate gehörte zu den höchsten in der ostmitteleuropäischen Makroregion und knickte sogar während der internationalen Finanzkrise von 2008 nicht ein, so dass selbst das geflügelte Wort von der „polnischen Wirtschaft“ nach und nach umgedeutet werden konnte: Aus dem einstigen Inbegriff der Improvisierung und kreativen Desorganisation wurde ein Schlagwort, das vielmehr die zahlreichen Erfolge Polens in dem Bereich zu thematisieren vermochte und die Position des Landes und seiner Fachkräfte aufwertete. Polen hat im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich die Position eines der Haupthandelspartner Deutschlands erreicht, sowohl in Hinblick auf den Export als auch angesichts des zunehmenden deutschen Imports aus Polen. 2021 war Polen nah daran, Frankreich als ersten Handelspartner Deutschlands zu überholen. Auch qualitativ betrachtet tendiert die Struktur der Handelsbilanz zwischen den beiden Nachbarn zur Verringerung des traditionellen Ungleichgewichts: Polen ist bei weitem nicht mehr Nettoexporteur von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten und der polnische Innovationsgeist wird in der deutschen Industrie zunehmend geschätzt. Zwar geraten polnische Firmen nach wie vor ins Kielwasser deutscher oder anderer westeuropäischer Konzerne, doch Unternehmen wie der Autobushersteller Solaris oder der Schienenfahrzeugproduzent Pesa haben sich inzwischen auch in Deutschland einen Namen verschafft.

© Zygmunt Januszewski

Besonders in den deutsch-polnischen Grenzregionen profilieren sich die polnischen Akteure immer öfter als diejenigen, die mit Initiativen versuchen, die Attraktivität dieser in beiden Ländern oft als peripher wahrgenommenen Gebiete zu steigern. Stettin etwa wächst seit Jahren zu einer wichtigen Metropole heran, deren wirtschaftliches und kulturelles Angebot von den Einwohnern des Einzugsgebiets auf beiden Seiten der Grenze hochgeschätzt wird. Projekte zur Vernetzung der Deutschen und Polen entlang der Oder und Neiße, wie etwa der schon vor Jahrzehnten in Erwägung gezogene, doch erst jetzt – allerdings äußerst zügig – von Polen realisierte Bau eines Tunnels unter der Swine bei Świnoujście/Swinemünde, oder auch die Modernisierung des (trans-)regionalen Eisenbahn- und Schnellbahnnetzes führen vor Augen, dass die an der Grenze liegenden Wojewodschaften tatsächlich sehr engagiert und dynamisch vorgehen. Die deutschen Kreise und Bundesländer entlang der Grenze gelten wiederum – am deutschen Durchschnitt gemessen – zwar nicht als arm, doch sie gehören zumindest zu den wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen in Deutschland. Im Vergleich zu den in Polen herrschenden Preis-Lohn-Verhältnissen erweist es sich als günstiger für polnische Anrainer, sich auf deutscher Seite in unmittelbarer Nähe der Grenze niederzulassen und Immobilien zu erwerben. Dies gilt vor allem für den auch diesbezüglich grenzübergreifend funktionierenden Stettiner Raum.

Es entstehen also vor allem seit dem vergangenen Jahrzehnt lokale und regionale Konstellationen, in denen die bisher geltende Asymmetrie schwindet, manchmal gar aufgehoben wird und mitunter in die andere Richtung wirkt. Dass der polnische Nachbar, in den neunziger Jahren in der Wahrnehmung vieler Deutscher noch mit billigen Zigaretten und preiswertem Alkohol assoziiert, nach kaum dreißig Jahren in zahlreichen Branchen zum angesehenen Hersteller und Dienstleister mutierte, ist bestimmt einer der größten Erfolge Polens seit dem Ende des kommunistischen Regimes. Die COVID-19-Pandemie hat in den vergangenen zwei Jahren auch gezeigt, dass es Polen in mancher Hinsicht zustande bringt, trotz ungünstiger Ausgangslage schnell und erfolgreich seine Position in Schlüsselbereichen zu stärken. Dies betrifft in jüngster Zeit insbesondere die in vielen Ländern Europas weiterhin als Herausforderung betrachtete Digitalisierung im öffentlichen Sektor. Die zunächst vorläufige, inzwischen phasenweise immer häufiger eintretende Umstellung auf Online-Working hat gerade die Behörden im Umgang mit den Bürgern dazu genötigt, neue technologische Lösungen zu finden. Polen hatte bereits vor dem Ausbruch der Pandemie in dieser Hinsicht sowohl landesweit als auch auf lokaler Ebene große Fortschritte verbucht. Auch wenn weiterhin, beispielsweise im Schulwesen, Nachholbedarf besteht, ist das Land nach nur wenigen Jahren nun digital um Einiges besser gewappnet als zuvor. Zwar belegte Polen im Digital Economy und Society Index der Europäischen Kommission 2020 noch den bescheidenen 23. Platz, doch dies lag vor allem an der noch niedrigen Akzeptanz digitaler Technologien und dem beschränkten Zugang dazu in breiten Teilen der polnischen Gesellschaft. Die positive Dynamik ist allerdings nicht zu übersehen. Hier fällt wiederum der Vergleich mit Deutschland, wo die Digitalisierung als politisches Thema nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt, in der weiteren Umsetzung jedoch verhältnismäßig stockt, in Hinblick auf den beobachtbaren Trend eher zugunsten Polens aus.

Abgesehen von den wirtschaftlichen Tatsachen ist für das deutsch-polnische Verhältnis jedoch letztendlich die gegenseitige Wahrnehmung ausschlaggebend. Es genügt nicht, dass die Asymmetrie reduziert wird, diese positive Entwicklung muss von der polnischen Gesellschaft jenseits von weiterhin wirkenden Komplexen und bestehenden Stereotypen auch als solche perzipiert werden. Die Verbreitung dieser Success Story erfolgt seit 2015 aufgrund der neuen Machtverhältnisse in Warschau – vor allem über die stark politisierten öffentlichen Medien – immer häufiger, wobei aber eher versucht wird, das Narrativ der PiS zur Aufwertung ihrer eigenen Rolle für die vermeintliche Stärkung Polens in Europa einzutrichtern. Im Bemühen, den Zuwachs der wirtschaftlichen Bedeutung Polens für Deutschland auch (außen-)politisch zu verwerten, verfolgt die PiS jedoch im bilateralen Umgang mit Berlin eine Agenda, deren Themenwahl (etwa Kriegsreparationen) zwar einem allgemein legitimen, diffusem Verlangen nach Augenhöhe entsprechen mag, letztendlich aber kaum dazu beiträgt, dieses Ziel zu erreichen. Angesichts der Verflechtung beider Wirtschaftssysteme in Europa wäre in Warschau wohl mehr politische Umsicht geboten, zumal die zunehmend sichtbare und spürbare Inflation im Rückblick auf die jüngste Wirtschaftsgeschichte der vergangenen fünfzig Jahre gerade die polnischen Entscheidungsträger daran erinnern sollte, dass der bislang erreichte Erfolg nicht unumkehrbar ist.

 

 

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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