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Europa in Danzig – Danzig in Europa

Wer etwas über die europäischen Verbindungen des alten Danzig erfahren möchte, könnte damit beginnen, das berühmte Deckengemälde im Rechtsstädtischen Rathaus genauer zu studieren, die 1607/08 geschaffene „Apotheose Danzigs“. Aufschlussreich die Kleidung der hier abgebildeten Bürger und Besucher Danzigs: Die Danziger Kaufherren tragen breite, aus den Niederlanden importierte Hüte und feine Kragen aus Brüsseler Spitzen, während ihre Frauen in italienische Seide gekleidet sind und ihre Haare nach florentinischer Mode in der Stirn ausrasiert haben; die adligen Handelspartner und Gäste der Stadt zeigen ihre auf der Krim hergestellten seidenen Bauchbinden und Waffen; ein jüdischer Kaufmann ist in portugiesischer Tracht dargestellt. Danzigs Handel veranschaulichen die Schiffe auf der Mottlau und in der Weichselmündung – neben den Getreide führenden Flussbarken und Küstenschonern die großen Seeschiffe für den Gütertransport über die Ostsee zu den Häfen an der Nordsee oder an der westeuropäischen Atlantikküste. Die Entstehungsgeschichte des Deckengemäldes selbst war eine zutiefst europäische: Die Danziger Räte gaben es in Auftrag, nachdem sie sich von Paolo Veroneses Werk „Der Triumpf der Stadt Venedig“ im venezianischen Dogenpalast hatten beeindrucken lassen, und sie vertrauten die Arbeit dem einer flämischen Künstlerfamilie entstammenden Maler Izaak van den Blocke an. So stilisiert, politisch  und religiös überhöht das prächtige Deckengemälde die Stadt als „auserwählte Christengemeinde“ präsentierte, entsprechend dem stolzen Selbstverständnis der protestantischen (calvinistischen) Patrizier und Ratsherren – die Figuren und Gegenstände, aus denen van den Blocke in sein Bild komponierte, waren doch der Realität entnommen.

Europa in Danzig

Tatsächlich kann die Suche nach den historischen Spuren der Europäizität des alten Danzig durchaus in der Welt der Dinge beginnen. Dabei zählen keineswegs nur die importierten Luxus-Accessoirs, welche die Reichen und Mächtigen zur Schau stellten, wie zum Beispiel die erwähnten Brüsseler Spitzen oder italienischen Seidenstoffe. Genauso wichtig sind vielmehr die vielfältigen Güter, die entweder durch den Strom des Danziger Fernhandels aus allen möglichen Teilen Europas in die Stadt gelangten, oder aber aufgrund der dichten Handelsbeziehungen in Danzig selbst produziert wurden, sozusagen als „Antwort“ auf eine durch Europa wie durch die Stadtgesellschaft selbst generierte Nachfrage. Zur ersten Gruppe gehörten Weine, hochwertige Tuche, venezianische (oder nach venezianischer Art hergestellte) Glaswaren und Spiegel, Möbel und Spielwaren aus Nürnberg, niederländisches Porzellan oder Gold- und Silberschmiedeprodukte verschiedensten europäischen und außereuropäischen Ursprungs, sogar Olivenöl. Komplizierter verhielt es sich mit der zweiten Gruppe. Je mehr die lokale Nachfrage nach hochwertigen europäischen Waren wuchs, desto stärker wurde auch der Anreiz, diese auch vor Ort zu erzeugen – in Nachahmung durch örtliche Produzenten oder auch durch zugezogene fremde Handwerker, angelockt durch die großen Chancen, welche die Ostseemetropole als freies (freieres) Betätigungsfeld und als Absatzort bot. So konnte sich das Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten hochwertiger Güter zum Teil auch umkehren. In Danzig gefertigte kunstvolle Möbel oder Produkte der Danziger Goldeschmiedekunst fanden nicht nur lokalen Absatz, sondern gingen sozusagen auch wieder in die europäische Welt. Nicht zuletzt: Was an „besseren“, kunstvolleren Produkten im alten Danzig um und nach 1600 verfügbar wurde, fand, wenn auch sicher in begrenztem Umfang, seinen Weg nicht zuletzt auch in niedrigere soziale Schichten in Stadt und Umland, die Familien kleiner Handwerker und Händler, sogar in die der reicheren Bauern im Weichseldelta oder auf der Danziger Nehrung. In materieller Hinsicht war die Europäisierung Danzigs in seiner Blütezeit jedenfalls nicht nur ein Elitenphänomen.

Die Welt der Dinge, der Bewegung von Waren, war natürlich aufs engste verknüpft mit der Bewegung von Menschen, mit der Welt der Migration. Wie jede aufstrebende Wirtschaftsmetropole in Europa zog auch Danzig Menschen mit handwerklichen Fähigkeiten und mit Kapital an, auch schon lange vor 1600. Die Akten des Rats über die Verleihung des Bürgerrechts an Zuwanderer zeugen davon. Sie zeigen auch, wie die Wege der Zuwanderung aussahen: In großer Zahl kamen Handwerker und Kaufleute aus deutschssprachigen Städten nach Danzig, den Routen ihrer Handelsbeziehungen oder auch familiären Beziehungen zum Königlichen Preußen folgend. Der Weg der Zuwanderung konnte aber auch über die königlichen Städte in Polen und Litauen oder über andere europäische Städte führen; entscheidend war, ob die Zuwanderer sich durch ihre Fähigkeiten, ihr Vermögen und ihren „guten Leumund“ für das Privileg qualifizierten, in die Bürgergemeinde aufgenommen zu werden. Von diesem Privileg grundsätzlich ausgeschlossen waren freilich die Juden, und doch konnten auch sie sich im städtischen Umland niederlassen und langfristig am Danziger Wirtschaftsleben teilhaben.

Andere als wirtschaftliche Gründe hatte eine zweite, für das kulturelle Profil des alten Danzig aber ähnlich wichtige Migrationsbewegung: die Zuwanderung von Protestanten aus verschiedenen Teilen Europas seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie begann damit, dass die Stadt bei ihrem Übergang zum Augsburgischen Bekenntnis im Jahr 1557 die städtische Kirche praktisch völlig neu aufbauen musste und dabei auf die Anwerbung von Geistlichen aus den bereits protestantischen Orten und Territorien angewiesen war. Sie kamen in großer Zahl zunächst aus den „Hochburgen“ der deutschen Reformation, besonders Sachsen, Brandenburg oder auch den lutherischen Hansestädten – nicht zuletzt deshalb, weil es dort bald einen „Überschuss“ an protestantischen Geistlichen gab, die anderorts ein Auskommen suchten. In späteren Jahrzehnten änderte sich das Muster der konfessionellen Migration aber grundlegend. Mit ihrer pro-calvinistischen Kirchenpolitik entfernte (und entfremdete) sich die Stadt zunehmend von den lutherischen Milieus in Deutschland, wurde stattdessen aber zum Magnet für Calvinisten/Reformierte, die anderswo in Euopa bedrängt waren – Niederländer, Schotten, Böhmische Brüder, Polnische Calvinisten, reformierte Dissidenten aus den deutsch-lutherischen Territorien, Mennoniten. Wurde Danzig damit also zu einem Ort der konfessionellen Toleranz, Zuflucht für alle Glaubensflüchtlinge? Nein. Konfessionelle Toleranz, sei es gegenüber Katholiken, sei es gegenüber orthodoxen Lutheranern, lag den Danzigern durchaus fern, von der strikten Ausgrenzung der Juden zu schweigen. Dafür aber entwickelte sich die Stadt zu einem der wichtigen Knotenpunkte im europäischen Netzwerk des Reformiertentums – ein religiös strikt begrenztes, dafür geographisch enorm weitreichendes Netzwerk. Vieles davon sollte auch bleiben, nachdem Danzig offiziell wieder lutherisch geworden war; es blieben die Schotten, die Mennoniten.

Die Frauengasse in Danzig.

Und noch eine weitere Dimension der Migration und damit der Europäisierung des alten Danzig verdient Beachtung: die Bildungsmigration nach Danzig. Auch hier ging es ursprünglich um eine konfessionelle Initiative. Es ging darum, dass die seit den 1550er Jahren protestantischen Städte des Königlichen Preußen den Ehrgeiz hatten, eigene Stätten akademischer Bildung zu schaffen, zunächst auch und vor allem, um hier das geistliche Personal für ihre eigenen Kirchen auszubilden. Schon 1558 richtete der reformierte Humanist Achatz Curaeus, mit anfänglich nur drei weiteren Professoren, in dem aufgelösten Franziskanerkloster das Danziger Akademische Gymnasium ein und dieses sollte schnell wachsen und sich bald zu einem überregional bedeutenden Bildungszentrum entwickeln – innerhalb des Netzwerks des europäischen Calvinismus. Von außen kamen daher zunächst vor allem Studierende aus calvinistischen Familien, die anderswo keine ihrer Konfession entsprechende höhere Bildung erhalten konnten, aus Schlesien oder dem Herzoglichen Preußen, aus der Krone Polen, Litauen, Böhmen oder Ungarn. Allmählich aber wurde das hohe akademische Niveau der europäisch renommierten Danziger Schule wichtiger als deren ursprüngliches konfessionelles Profil. Das Danziger Gymnasium hatte herausragende Professoren, wie etwa den Philosophen Bartholomäus Keckermann (1572-1609); es bildete große Wissenschaftler wie den Astronomen Jan Heweliusz (1611-1687) oder den Juristen und Staatstheoretiker Gottfried Lengnich (1689-1774) aus; seine wichtigsten Bildungserfahrungen machte hier der aus Schlesien stammende Dichter Andreas Gryphius. Mit jährlich etwa 400 Studierenden aus vielen Ländern war das Danziger Gymnasium im 17. Jahrhundert kaum etwas Geringeres als eine europäische Universität.

Wie hat die Europäisierung Danzigs in der Frühen Neuzeit die Stadtgesellschaft geprägt? Für die kommerziellen und akademischen Eliten der Stadt liegt dies auf der Hand. Sie selbst waren sozusagen „Weltbürger“, internationale Akteure, oft weit gereist, mit ständigen Kontakten – kommerziellen, gesellschaftlichen, diplomatischen, akademischen, zum Teil auch familiären – zu den Europäern in Danzig. Aber auch einfache Danziger, der sogenannte „gemeine Mann“, musste den Fremden jeden Standes sozusagen auf Schritt und Tritt begegnet sein. Die Händler und Handwerker verkehrten mit ihnen als Kunden. Alle, die vom Waren- und Schiffsverkehr lebten, bis hinunter zu den Scheuerleuten und Handlangern am Hafen, begegneten ihnen täglich. Für viele Danziger – Stadtbürger und auch Bewohner des Umlands – waren Menschen, die fremde Sprachen sprachen oder einen anderen Glauben als sie hatten, direkte Nachbarn, auf Dauer. So scheint es denn auch auf absurde Weise anachronistisch, nach der „nationalen“ Identität der Bewohner des alten Danzigs zu fragen. Das alte Danzig war einerseits ein ganz eigenes kulturelles Biotop und andererseits ein europäischer Mikrokosmos.

Danzig in Europa

Was war Europa in der Erfahrungswelt und in der Wahrnehmung des alten Danzig? Was haben die Danziger von Europa gesehen oder darüber erfahren? Und was bedeutete ihnen diese Welt? Eindeutig kann man diese Fragen nicht beantworten, denn immer hatten und haben einzelne Gruppen, ja jeder Einzelne ganz unterschiedliche Erfahrungen und Bilder von der Geographie ihrer Umwelt. So endete für viele Bewohner des alten Danzig das eigene „Vaterland“ an den Grenzen des städtischen Territioriums; jenseits davon lebten „Fremde“, auch wenn diese dieselbe Sprache sprachen und ihre Heimat nur wenige Kilometer entfernt lag. Anders, weiter, war natürlich der Horizont der politischen Eliten, des patrizischen Rats: Sie betrachteten Danzig, wie ein offizielles Dokument des Rats aus dem Jahr 1595 erklärte, als „Teil des Landes Preußen und damit der Krone Polen“ – als, wie es in einem anderen Dokument heißt, als membrum Reipublicae; sie waren Bürger sowohl ihrer eigenen städtischen Republik als auch der großen polnischen-litauischen Republik, deren aristokratischer Oberschicht sie sich selbst zurechneten. Und noch einmal wesentlich weiter war der Raum, der durch Danzigs europäischen Handel abgesteckt wurde. Er reichte, wenn man die Routen des Danziger Seehandels nachverfolgt, von Norwegen und Schweden über die Niederlande, England und Frankreich bis nach Spanien und Portugal, zeitweise sogar bis ins Mittelmeer. Außerdem waren Danziger Handelskompanien und auch einzelne Danziger Kaufleute beteiligt an den Handelsbeziehungen Polens und Litauens mit den deutschen und habsburgischen Ländern, dem Großfürstentum Moskau, den Fürstentümern Moldau und Walachei und sogar dem Osmanischen Reich. Viel erfährt man davon in der um 1605 verfassten (inzwischen gedruckten) Autobiographie des Danziger Kaufmannssohns und späteren Dominikanermönchs Martin Gruneweg, einem für die Zeit ganz ungewöhnlichen persönlichen Zeugnis. Gruneweg stand in Diensten verschiedener Kaufherren, erst in Danzig, dann in Warschau und Lemberg, und seine Reisen, über die er anschaulich berichtet, führten in bis nach Moskau und Istanbul.

Wie viele Danziger des 16. und 17. Jahrhunderts der Handel in die Welt geführt hat – Kaufherren und deren Gehilfen, Bedienstete der Handelskontore, städtische Diplomaten, Seeleute – lässt sich kaum schätzen. Es müssen jährlich Hunderte, wohl eher Tausende gewesen sein. Entsprechend tief werden die Nachrichten über die europäische Welt in die Stadtgesellschaft eingedrungen sein – von den Dingen, die sie mitbrachten und die von Europa zeugten, nicht zu reden.

In einer eigenen sozio-kulturellen Geographie, die sich nur teilweise mit den Räumen des Danziger Handels überschnitt, bewegten sich die aristokratischen Herren der Stadt, die Patrizier. Auch wenn das alte Danzig vor allem eine Handelsstadt war – ihre mächtige patrizische Herrenschicht bestand um und nach 1600 nicht (oder wenigstens nicht mehr) aus Kaufleuten, sondern aus Bankiers und Großgrundbesitzern, die ihren Reichtum aus internationalen Geldgeschäften sowie aus den Erträgen  ihrer Landgüter im Danziger Umland bezogen. Auch richtete sich ihr Interesse an auswärtiger Einflussnahme und überregionaler Vernetzung sicher mindestens ebenso stark auf die polnische und litauische Machtelite der Rzeczpospolita wie auf die Handelspartner im ferneren Europa. Dem entsprachen die Vorstellungen von einer idealen Bildungskarriere eines Danziger Patriziersohns: Die Ausbildung an einer oder mehreren „guten“ europäischen Universitäten, vielleicht auch eine Grande Tour, gemäß dem adligen Bildungsmodell der Zeit, gehörten dazu, ebenso aber eine Art Pagendienst an einem polnischen oder litauischen Magnatenhof und, im Idealfall, ein Aufenthalt am polnischen Hof. So lernte man das Geschäft der „großen Politik“ kennen, auch und vor allem aber die gesellschaftlichen Kreise, welche diese große Politik machten. Die Patrizier sollten die Rzeczpospolita kennen, um als deren ‘obywatele‘ agieren zu können.

Für die Mitglieder von Danzigs herrschende Familien war europäische Bildung ein kulturelles Muss und zugleich war die akademische Beglaubigung die notwendige Voraussetzung dafür, ein wichtiges städtisches Amt auszuüben. Aber mehr noch: In allen Schlüsselbereichen des städtischen Lebens – in Verwaltung, Justiz, Politikberatung – setzte die Danziger Obrigkeit auf hohe Professionalität, das heißt auf akademische Qualifikation, und sie entwickelte, um geignetes Personal auszubilden, ein für die Zeit wohl einmaliges System der Bildungsförderung: Besonders begabte Bürgersöhne erhielten, nachdem sie das Akademische Gymnasium absolviert hatten, großzügige Stipendien für ein Studium an den großen europäischen Universitäten. Manche der Stipendiaten genossen dieses Privileg über viele Jahre (deutlich länger als man im 21. Jahrhundert für ein Universitätsstudium veranschlagen würde!); ihre Dankbarkeit erwiesen sie der Danziger Obrigkeit dadurch, dass sie während des Studiums über Wissenswertes aus ihren Studienorten nach Danzig berichteten und nach Beendigung des Studiums ihre Fähigkeiten in den Dienst der Stadt stellten. Bemerkenswert auch die (durch die städtische Obrigkeit gewiss sorgfältig kontrollierte) Wahl der Studienorte: Wie überall im frühneuzeitlichen Europa üblich, gab es zwar eine starke Präferenz für die Bildungszentren der eigenen Konfession – im Fall Danzigs zunächst für die reformierten Universitäten in den Niederlanden, der Schweiz und Deutschlands, später für die lutherischen Universitäten, besonders Königsberg. Doch wurden die konfessionellen Grenzen auch bewusst überschritten, wenn es darum ging, die für das jeweilige Fach beste Ausbildung zu sichern. Bis ins 18. Jahrhundert sollten etliche hundert junge Danziger in Krakau studieren, mehr als 100 in Wien.

Eine für Danzig typische Karriere europäischer Bildung machte im 18. Jahrhundert auch der später berühmte Jurist und Historiker Gottfried Lengnich (1689-1774). Mit 13 Jahren wurde der Sohn eines rechtsstädtischen Kaufmanns nach Gniew geschickt, um dort Polnisch zu lernen; seine Schulbildung erwarb er in Danzig an der Pfarrschule St. Marien und später am Akademischen Gymnasium, um 1710 zum Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte nach Halle zu gehen und dort den juristischen Doktorgrad zu erwerben. Sein weiterer Karriereweg war zunächst offen – eine Professur in Halle schien zeitweise ebenso erreichbar und verlockend wie eine Stellung am polnischen Hof. Doch dann kehrte er nach Danzig zurück, um, unterstützt durch den Rat, eine glänzende Laufbahn zu beginnen, als Verfasser staatsrechtlicher und historischer Werke, Professor und Inspektor des Gymnasiums, städtischer Syndikus. Er genoss das Ansehen König Augusts III., der ihn 1739 zum Königlichen Legationsrat ernannte, aber auch des Großkanzlers Andrzej Stanislaw Zaluski und des späteren Königs Stanislaw August Poniatowski; 1737 wurde er zum Ehrenmitglied der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften ernannt, Legnich verdanken wir einige der wichtigsten historisch-staatsrechtlichen Werke des 18. Jahrhunderts über die Rzeczpospolita und das Königliche Preußen.

Praktisch jeder Ort unseres Kontinents, auch der kleinste, hat eine europäische Geschichte; überall sind irgendwann Menschen aus ferneren Gegenden angekommen und andere fortgegangen und alle haben Spuren, auch Dinge hinterlassen. Eindrucksvoll beschreibt das Olga Tokarczuk in „Dom dzienny, dom nocny“. Obgleich die Bewohner der entlegenen niederschlesischen Ortschaft wie abgeschnitten scheinen von der Welt und der Vergangenheit, ist ihr Leben doch durchzogen von der Geschichte derjenigen, die früher dort gelebt haben, von deren Spuren in den Landschaft, in den Dingen, in einer dem Ort eingeschriebenen Erinnerung. In Danzig ist die lange Geschichte einer europäischen Metropole auf Schritt und Tritt präsent, fast übermäßig sichtbar, monumental und museal. Um die der Stadt eingeschriebene europäische Erinnerung zum sprechen zu bringen, muss man mehr sichtbar machen als nur Denkmäler und Überreste – nämlich auch die Bewegungen der Menschen und der Dinge, durch welche das alte Danzig zur europäischen Metropole geworden ist.

 

 

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Michael G. Müller

Michael G. Müller ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Gründungsdirektor des Aleksander-Brückner-Zentrums für Polenstudien. Von ihm erschien u.a. „Rozbiory Polski: historia Polski i Europy XVIII. [Die Teilungen Polens und die polnische und europäische Geschichte im 18. Jahrhundert]“ (2005) und „Eine kleine Geschichte Polens“ (2000). Ihm wurde außerdem die Ehrendoktorwürde der Universität Warschau verliehen.

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