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Kunst der Reaktion. Was man im Exil tun kann

Belarusische Aktivisten, die in Polen wohnen, lernen, wie man sich innerhalb eines demokratischen Systems bewegt. Sie hoffen, dass sie diese Erfahrungen irgendwann in ihrem Land anwenden können. Obwohl sich die polnische Demokratie in einem zunehmend schlechteren Zustand befindet, bleibt sie für die Aktivisten ein wertvoller Erfahrungsgewinn. 

Diana Ignatkova vom Studentischen Kunstverein SOI ist Anfang 2021 nach Warschau gezogen. Der von Studenten dreier belarusischer Kunsthochschulen gegründeten Bewegung ist sie noch in Belarus, im März, nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen, beigetreten. Die Studenten von SOI sprachen laut darüber, dass sie von Zensur und Unterdrückung unabhängige Kunst schaffen wollen, weshalb viele von ihnen exmatrikuliert wurden. Fast die Hälfte ist bereits ausgereist.

Diana Ignatkova erzählt: „In Belarus hatten wir keinen Ort, an dem wir uns verwirklichen konnten, keine Mittel, wir wussten nicht, wie Förderungen zu beantragen seien. Erst im Ausland haben wir gesehen, welche Möglichkeiten es in einem demokratischen Staat gibt. Uns wurde schwindelig und wir begannen, Projekte zu realisieren, obwohl es nicht einfach war, weil wir die Sprache nicht gut sprechen. Es ist toll, dass wir das machen können, schade nur, dass es nicht in Belarus möglich war.“

Diana erzählt vom künstlerischen Aktivismus der Belarusen im Warschauer Atelier „Großes Wohnzimmer“ anlässlich der Ausstellung eines der bekanntesten belarusischen Graphiker – Vladimir Tsesler – „Mit der Kunst gegen das Regime”. Gegen das Regime gerichtete Werke bilden eine Kulisse für Begegnungen mit belarusischen Künstlern und Aktivisten. Eine davon, an der auch Diana teilgenommen hatte, hieß „Kunst der Reaktion”, während der darüber diskutiert wurde, wie man angesichts der Ausschöpfung aller Mittel der Druckausübung vor Ort weiterhin Widerstand leisten könne.

Aktivismus im Exil ist ein Weg, sich im internationalen Raum Gehör zu verschaffen sowie sich auf aktive Maßnahmen in der Heimat vorzubereiten, wenn die Zeit dafür reif ist. „Nun können wir das lernen, was wir in Belarus nicht lernen konnten“, meint Diana. „Wir können Wissen erwerben und dieses dann in Belarus anwenden, um dort die Kultur aus den Trümmern zu heben.“

Stasja Glinnik von dem in Warschau aktiven Verein Belarusischer Jugendhub erzählt, wie die Aktivisten im letzten Jahr den Emigranten halfen, in Polen Fuß zu fassen. Sie beraten, helfen materiell, veranstalten Belarusischunterricht für Erwachsene und Kinder.

Es ist mehr als reine Überlebenshilfe. „Diese Menschen haben ihren Kampf nicht aufgegeben, als sie nach Polen gezogen sind“ meint Stasja. Sie setzen sich dafür ein, dass Polen und andere Staaten aufhören, Geschäftsbeziehungen mit Lukaschenka zu unterhalten, also keinen Handel mit belarusischen Unternehmen betreiben, dass die Interpol aufhört, Belarusen steckbrieflich zu suchen. Polen unterstützt das Regime nicht, aber, wie Stasja Glinnik feststellt, sehen die Immigranten in den Läden belarusische Erzeugnisse. „An den Straßenbahnen in Warschau ist Werbung für Türen aus Belarus zu sehen, es fahren Busse mit Werbebannern belarusischer Firmen. Sie verbreiten Angst unter den Belarusen, denn aus solchen Bussen sprangen OMON-Milizbeamte heraus, um die Menschen zu inhaftieren“, meint sie.

Gleichzeitig lernen die Belarusen, in einem demokratischen System zu agieren, was sie nicht wussten, bevor sie nach Polen gekommen sind. Stasja Glinnik erzählt: „Für sie ist es neu, dass man eine E-Mail an einen Politiker schicken, dass man einen Antrag an die Stadtverwaltung stellen und eine Förderung erhalten kann. Deswegen errichten wir Schulen für zivilgesellschaftlichen Aktivismus, um den Menschen aktives Handeln in einer demokratischen Welt beizubringen.“

Sie sollen ihre Programme vorbereiten und polnische Aktivisten kennenlernen, die im ähnlichen Bereich tätig sind. Wenn sie sich dafür einsetzen wollen, dass Möbelhersteller aufhören, Holz aus gerodeten belarusischen Wäldern zu kaufen, können sie mit polnischen Umweltschützern in Kontakt treten. Wenn sie wegen Interpol etwas unternehmen wollen, dann können sie sich mit polnischen Menschenrechtlern austauschen.

„Bei den Protesten gegen die gefälschten Wahlen gingen wir mit dem Gefühl auf die Straße, dass uns Unrecht angetan wurde und wir das zu verteidigen hatten, was uns wichtig war“, sagt Stasja Glinnik. „Aber wir haben nicht daran gedacht, wie unser Land aussehen sollte, wenn diese Regierung einmal weg wäre. Historische Beispiele zeigen wiederum, dass die Menschen, die in ihrem Land ein Regime stürzen, wissen sollten, in welche Richtung sie gehen wollen. So soll bei unserer Aktion Der Herbst nach den Protesten das Geschehene verarbeiten und gelernt werden, wie eine Demokratie funktioniert, wie eigene Vertreter zu wählen sind und was sie verkörpern sollen.“

Die belarusischen Aktivisten planen also ihre Zukunft in ihrer Heimat, obwohl es schwerfällt angesichts der sich immer grausamer gestaltenden Wirklichkeit. Wie Olga Haradschejtschyk-Masjarska vom Institut für Belarusische Kultur bemerkt, die seit über 20 Jahren im Exil lebt, beeinflussen die Maßnahmen Lukaschenkas an der polnisch-belarusischen Grenze die Lage der belarusischen Immigranten in Polen. „Noch vor einem Jahr, vor sechs Monaten, fühlten sich die Menschen, die von Belarus nach Polen kamen, wie zu Hause, dass sie in Polen verstanden und unterstützt werden und hier für ihre Sicherheit gesorgt würde“, sagt sie. „Aber das, was an der Grenze passiert, beeinflusst nicht nur die Beziehungen zwischen beiden Ländern, sondern wirkt sich auch auf die Einstellung durchschnittlicher Menschen aus. Ihre Einstellung zu den Belarusen verschlechtert sich. Im letzten Jahr habe ich mich in erster Linie damit beschäftigt, die Ankömmlinge zu unterstützen und kenne daher ihr Schicksal. Kinder berichten, dass sie an den polnischen Schulen eine schlechtere Einstellung ihnen gegenüber erfahren. Vor einem Jahr sahen die Polen die belarusischen Immigranten als Personen an, die für die Freiheit gekämpft haben, man fühlte mit ihnen, solidarisierte sich und unterstützte sie.“

Infolge der Krise an der Grenze und der Propaganda regierungsnaher Medien und Politiker selbst wirkt der Begriff „Immigrant“ für viele abwertend, was auch auf die Belarusen übertragen wird. „Polen hat für uns sehr viel geleistet, mehr als irgendein anderer Staat“, meint Olga Haradschejtschyk-Masjarska. „Aber ich glaube, dass auch Polen davon profitieren kann, denn hier fand sich das Gros der belarusischen Intellektuellen und Künstler ein.“

Und Diana Ignatkova fügt hinzu, dass die belarusischen Künstler nicht durch das Prisma des erfahrenen Leids in ihrer Heimat und ihres Heldentums wahrgenommen werden sollten, sondern anhand ihrer Kunst.

 

Aus dem Polnischen von Leszek Król.

 

Der Text entstand im Rahmen der Projektlinie „RAZAM-RAZEM-ZUZAM” der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Förderung: Auswärtiges Amt.

Der Beitrag erschien zuerst auf der Seite des Internetmagazins Kultura Liberalna [https://kulturaliberalna.pl/]

 

 

 

 

 

 

nv-author-image

Katarzyna Skrzydłowska-Kalukin

Journalistin des polnischen Onlinemagazins Kultura Liberalna

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