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Die Ukraine: Ansichten und Einsichten

Die Ausstellung „Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“ im Krakauer Internationalen Kulturzentrum (Międzynarodowe Centrum Kultury, MCK) und ihre Begleitpublikation liefern eine der seltenen Gelegenheiten, die Vorstellungen und Mythen kennenzulernen, die gegenwärtig die Identität des Landes bestimmen.

2021 beging die Ukraine den dreißigsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Dies bot die Gelegenheit, sich an einer Bilanz von dreißig Jahren staatlicher Souveränität wie auch der polnisch-ukrainischen Beziehungen zu versuchen, die von wechselnden Regierungen als für Polen und seine Sicherheit besonders wichtig erachtet wurden. Diese drei Jahrzehnte waren phasenweise von guten politischen, vor allem aber von engen sozialen und kulturellen Beziehungen geprägt. Die besonders für polnisch-ukrainischen Dialog und Zusammenarbeit engagierte Iza Chruślińska veröffentlichte bei der Batory-Stiftung ihren Text „Polen und die Ukraine: eine asymmetrische Nachbarschaft“. Darin hält sie fest: „Die Polen einschließlich ihrer Intellektuellen wissen fast nichts von den geistigen und mentalen Veränderungen in der Ukraine, die sich seit der Revolution der Würde vollzogen haben. Die für Geist, Kultur und Geschichte der Ukraine ausschlaggebenden Persönlichkeiten sind ihnen unbekannt.“

2021 erschien auch der Bericht „Polen und Ukrainer in der alltäglichen Begegnung“, der von vier Einrichtungen erstellt worden war: dem Jan-Nowak-Jeziorański-Kollegium für Osteuropa in Breslau, dem Rat für Außenpolitik „Ukrainian Prism“ in Kiew sowie dem Warschauer und dem Kiewer Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Bericht legt dar, wie Polen die Ukraine und die Ukrainer Polen wahrnehmen. Nadija Kowal, Iwona Reichardt und Laurynas Vaičiūnas, die Autoren des Berichts, schreiben daneben über die politische und wirtschaftliche Asymmetrie zwischen beiden Ländern, die jeweils für Unterschiede in der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung des Nachbarn sorgt. Der Bericht verdeutlicht ebenso die wechselseitige Unkenntnis: „Viele Ukrainer verstehen die polnische Kultur immer noch in aus sowjetischen Zeiten stammenden Begriffen. […] Einige Polen bringen nach wie vor Ukraine und Russland durcheinander, und viele gestehen ein, wie wenig Ahnung sie von der ukrainischen Kultur haben.“

Doch der Bericht spricht auch von einer neuen Epoche der polnisch-ukrainischen Beziehungen, von der fortschreitenden, eigentümlichen Demokratisierung des Verhältnisses und ihrer Verschiedenartigkeit. Von den Veränderungen infolge der immer enger werdenden Kontakte. Das polnische Hauptamt für Statistik (GUS) hielt in dem 2020 veröffentlichten ersten Bericht zu Migranten in Polen fest, dass 2019 1.351.418 ukrainische Staatsangehörige im Land lebten. Das ist etwas ganz Neues und kann nicht ohne Folgen für die wechselseitige Wahrnehmung bleiben.

Das Image des Nachbarn

Wie die Kuratoren der Ausstellung darlegen, liefert „Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“ einen Ansatz für eine beidseitige Analyse der kulturellen und historischen Narrative, der „ukrainischen Mythen“, ihrer Fortdauer und Bedeutung für die Gegenwart. Am Anfang der Ausstellung gibt es eine Übersicht über vergangene und gegenwärtige Wahrnehmungen der Ukraine und Polens. Über Vorstellungen von der Ukraine als starke Frau, als Mutter, Heldin, aber auch als „jüngere Schwester“ Russlands. Das spektakulärste Beispiel dafür ist die monumentale Mutter-Heimat-Statue, die 1981 in Kiew enthüllt wurde; die Figur allein misst 62 Meter, zusammen mit dem Sockel ist das Denkmal 102 Meter hoch.

Ein anderer Teil der Ausstellung ist dem Kosaken-Mythos gewidmet, der für die moderne ukrainische Identität grundlegend ist und eine ähnliche Rolle spielt wie der Sarmaten-Mythos in Polen, wie er nunmehr von den rechtskonservativen Kräften (darunter der Regierung) als zentral für das moderne Polentum begriffen wird. Ersterer wird in der Ausstellung von Gemälden bekannter Meister des 19. Jahrhunderts repräsentiert, nämlich Józef Brandt, Ilja Repin und Sergej Wasilkowskij. Diese Bilder zeigen, wie populär der Kosaken-Mythos nicht allein in der ukrainischen, sondern auch in der polnischen und russischen Kultur war und ist.

Der Kosaken-Mythos, der den Ukrainern eine Abstammung von den Chasaren zuschreibt, nahm im Laufe der Zeit Züge an, die der polnischen Sarmaten-Legende nicht unähnlich sind, nach der die polnische Adelsnation auf das antike Volk der Sarmaten zurückzuführen sei. Die ist nur eines von vielen Beispielen wechselseitiger Bezüge, Einflüsse und Übernahmen, die trotz aller Konflikte erfolgten. Darüber hinaus vollzog die Ukraine durch polnische Vermittlung im 16. und 17. Jahrhundert einen Verwestlichungsprozess und rezipierte die lateinische Kultur. Ein Beispiel dafür war das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Grabmal des Fürsten Konstanty Ostrogski in der Uspenskij-Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters, ein von der italienischen Renaissance geprägtes Werk, das sich im für die ukrainische Orthodoxie wichtigsten Heiligtum befand.

Die Ausstellung zeigt daneben ein volkstümliches, anonymes Gemälde mit dem Titel „Gespräch des Kosaken mit dem Ljachen“ [d.h. mit dem Polen; A.d.Ü.] aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Bild erinnert an eine andere Wahrnehmung der Wechselbeziehungen. Der die Bandura [ukrainisches Zupfinstrument; A.d.Ü.] spielende Kosake sitzt dem karikierten, im Gehrock gewandeten Lech gegenüber, der den Polen repräsentiert. Dieser schenkt dem Kosaken ein Glas Vodka ein. In diesem einzigen Werk verdichten sich alle nur erdenklichen Stereotype, die für die wechselseitige Wahrnehmung bestimmend waren, nämlich das polnische Herrentum und die ukrainische Volkstümlichkeit. Ein System von Herrschaft, Unterwerfung und Ausbeutung. Und wie Natalija Jakowenko betont, Historikerin der neueren ukrainischen Geschichte, gibt es in der polnischen Literatur zwei Ukrainerstereotype, nämlich das des „guten“ und das des „bösen“ Ukrainers, in der ukrainischen Literatur dagegen gibt es nur den „bösen“ Polen. Diese Vorstellungen wurden auch von der russischen Kultur beeinflusst, die einen weiteren Kontext der Ausstellung bildet.

Diese thematisiert die polnischen, ukrainischen und auch die russischen Stereotype, die im östlichen Europa umlaufen. In der Begleitpublikation verweist Mykola Rjabtschuk auf das diesen Stereotypen innewohnende Paradox. Er schreibt von der „unsichtbaren Nation“, der Nichtwahrnehmung der Ukrainer als gesonderter Gemeinschaft, mit den beiden Ausnahmen Polen und Russland, die über ein „imperiales Verständnis“ verfügen. Doch zugleich besitze die Ukraine „einen einzigartigen Stellenwert im polnischen wie russischen kollektiven Bewusstsein, nicht zu vergleichen mit dem Stellenwert, den sie bei anderen Nationen hat – oder eben nicht“.

Doch geht es in der Ausstellung nicht um polnisch-ukrainische Wahrnehmungen, sondern vor allem um ukrainische Selbstbilder. Polen bildet dafür lediglich einen wenn auch wichtigen Kontext. Deshalb sind Exposition und Publikation des Internationalen Kulturzentrums nicht nur für den polnischen Rezipienten wichtig. Erstmals wird in diesem Umfang gezeigt, wie Ukrainerinnen und Ukrainer sich selbst und ihre Vergangenheit nach dreißig Jahren staatlicher Unabhängigkeit wahrnehmen.

Das Andere und das Gemeinsame

Es ist sehr aufschlussreich, einmal die Titel der Ausstellung in den verschiedenen Sprachen zu vergleichen. Auf polnisch lautet er „Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“, dagegen auf Ukrainisch „Ukraïna. Inši pogljady na vzajemyny“ (Die Ukraine. Andere Blicke auf die Beziehungen). Auf Englisch dagegen heißt die Ausstellung „Ukraine. A Different Angle on Neighbourhood“, was die Besonderheiten der polnischen Sicht auf die Nachbarschaft zur Ukraine unterstreicht.

Diese Abweichungen im Titel sind kaum zufällig. „Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“ zeigt übrigens eine bedeutende Veränderung, die in der bilateralen Zusammenarbeit stattgefunden hat und an der die Krakauer Einrichtung nicht ganz unbeteiligt war. Nach dem Fall des Kommunismus erweiterten sich die Kontakte zwischen Museen und Galerien in beiden Ländern rasch. Doch beschränkten sie sich zumeist auf die Ausleihe bestimmter Exponate, manchmal sogar ganzer Ausstellungen mit Werken aus ukrainischen Beständen, wobei es sich fast ausschließlich um polnische Kunst handelte. Das Internationale Kulturzentrum gehörte zu den wenigen Institutionen, die gemeinsame polnisch-ukrainische Ausstellungen projektierten und zu diesem Zweck Kuratoren und die Einrichtungen als solche einluden. Darüber hinaus stellte die Krakauer Einrichtung schon seit langem ukrainische Themen vor. Um nur die besonders wichtigen Ausstellungen des vergangenen Jahrzehnts zu nennen: „Mythos Galizien“ 2014; „Lemberg, 24. Juni 1937. Stadt, Architektur, Moderne“ 2017.

Diese Form der polnisch-ukrainischen Zusammenarbeit ist deswegen so wichtig, weil sie nicht allein institutionelle und persönliche Beziehungen zwischen beiden Ländern aufbaut, sondern auch ukrainische Einrichtungen und Kuratoren in das aktuelle Geschehen im europäischen Umfeld einbezieht; so wurde beispielsweise „Mythos Galizien“ auch in Wien gezeigt. „Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“ wurde gemeinsam mit dem Nationalmuseum der Ukrainischen Kunst (NAMU) in Kiew organisiert, einem der wichtigsten Museen des Landes, und auch aus anderen ukrainischen Einrichtungen wurden dazu Werke entliehen, so etwa aus dem als nationales Kultur‑ und Geschichtsdenkmal ausgewiesenen Kiewer Höhlenkloster. Als Kuratorinnen fungieren Oksana Barschynowa, stellvertretende Direktorin des NAMU, und Żanna Komar, eine polnische Kunsthistorikerin, die seit Jahren gemeinsame Ausstellungen mit dem Internationalen Kulturzentrum organisiert.

Wieso wird also für den polnischen Besucher und Leser beim Blick auf die Ukraine diese Wechselseitigkeit hervorgehoben? Wieso übergeht der polnische Titel Unterschiede und Diversität? Vielleicht liefert die Tatsache eine Antwort, dass zeitgenössische polnische Kunst ebenfalls gezeigt wird. Die Arbeiten dienen quasi als Kommentar zur Art und Weise, wie die Ukraine von den eigenen Bewohnern gesehen wird. Die nach Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten suchen anstatt historischen Konflikten, an denen es in der polnisch-ukrainischen Geschichte natürlich nicht mangelt.

Ähnlich wie ihre Gegenparts auf der ukrainischen Seite lenken sie den aktuellen Blick auf frühere Vorstellungen von der eigenen Nation, ergänzen ihn, sprechen darüber hinaus von der ukrainischen Erfahrung mit der staatlichen Unabhängigkeit. Die Ausstellung wird eröffnet von Wolodymyr Kostyrkas merkwürdigem Bild „Ajnkajzer, ajnrajch, ajnfolk“ [verballhornt für „Ein Kaiser, ein Reich, ein Volk“; A.d.Ü.] aus dem Jahr 2002. Dies ist ein Porträt von Pawlo Skoropadskyj, einem ukrainischen Politiker und Militär, der 1918 für einige Monate als „Hetman“ ukrainisches Staatsoberhaupt war. Neben ihm zeigt das Bild den Prinzen Wilhelm von Habsburg, genannt der „Bestickte Wasyl“ [weil er als Ukrainophiler gerne nach ukrainischer Art bestickte Hemden trug; A.d.Ü.], der sich gleichfalls für den Aufbau eines ukrainischen Staats einsetzte. Diese beiden lässt der Lemberger Künstler, der für seinen verspielten Umgang mit alten Malstilen bekannt ist, in Krönungsgewändern aus dem 17. und 18. Jahrhundert posieren. So als wolle er die ukrainische Vorstellungswelt um ein in die westliche Welt eingetauchtes, fehlendes Element ergänzen. Daneben sind Zeichnungen von Wlada Ralko aus dem Zyklus „Kiewer Tagebücher“ von 2013 bis 2015 zu sehen, ihre persönlichen, sehr intimen Aufzeichnungen von den Ereignissen des Euromajdan. Diese kleinformatigen Arbeiten auf Papier zeigen eine düstere Welt voller Angst und Leiden. Wehrlose Menschen, insbesondere Frauen, vereinzelt und in Extremsituationen.

Diese Beiträge der zeitgenössischen Kunst sind übrigens die vernehmlichste Stimme in der Ausstellung. Sie führt die Möglichkeiten vor Augen, über die die zeitgenössische Kunst verfügt. Diese vermag es, Geschichte zu thematisieren, alte Werke zu aktualisieren, neue Kontexte zu erstellen, das hervorzuheben, was in alten Werken unbeachtet blieb oder aus unterschiedlichen Gründen übergangen wurde. Allerdings wagen nicht nur polnische Museen immer noch nur in Ausnahmefällen, solche Dinge direkt miteinander zu konfrontieren.

Mit eigener Stimme

Es sei noch einmal gesagt: Diese Ausstellung zeigt vor allem ukrainische Vorstellungen von der eigenen Nation, dem eigenen Staat, der eigenen Gemeinschaft. Doch sollte sie ebenso wie der Begleitband neu durchdacht werden. Denn sie zeigt den grundlegenden Wandel, der sich in der Ukraine in den letzten zehn Jahren vollzogen hat. Einen Wandel, der nicht nur in Polen praktisch unbemerkt geblieben ist.

Zur Zeit der Perestrojka, nämlich 1988, veröffentlichte der Schriftsteller und Redakteur Iwan Dsjuba, einer der führenden ukrainischen Intellektuellen und Führungspersönlichkeiten der schistdesjatnyky, der Generation der sechziger Jahre, die sich der Wiedergeburt ihrer Sprache und Kultur annahm, in der Zeitschrift „Kultura i schyttja“ (Kultur und Leben) den Beitrag „Nehmen wir die nationale Kultur als Ganzes wahr?“ Er schrieb, die ukrainische Sprache erfülle nicht alle ihre „sozialen und kulturellen Funktionen, wo doch die Nationalsprache die Wirbelsäule der Nationalkultur ist und sogar die nichtverbale Kunst, die ohne das Wort auskommt, über Vermittlung einiger Zwischenstufen mit der Sprache zusammenhängt“.

Noch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung wurde dieser Text immer wieder zitiert und kommentiert. Beispielsweise verwies Mykola Rjabtschuk auf seine Aktualität in seinem „Bericht über den Zustand der Kultur und die NGOs in der Ukraine“ von 2012, die ukrainische Kultur sei „im Hinblick auf ihren sozialen Status selbst über die Jahre der Unabhängigkeit nicht zur einer Kultur einer souveränen Nation geworden, das heißt zu einer Kultur, die auf dem gesamten nationalen Gebiet besteht, bis zu einem gewissen Grade die gesamte Bevölkerung umfasst, sich auf für die meisten verständliche kulturelle Codes stützt und auf eine ganz selbstverständlich im Alltag gebrauchte Sprache“.

Am 24. November des folgenden Jahres protestierten auf dem Kiewer Majdan 100.000 Menschen gegen die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union durch Präsident Wiktor Janukowytsch. Dies war der Beginn der Ereignisse, die später als „Revolution der Würde“ bezeichnet werden sollten. Wie der ukrainische Historiker Jaroslaw Hryzak in einem Interview für die polnische Monatszeitschrift „Znak“ sagte, hätten die Geschehnisse auf dem Majdan eine andere Ukraine gezeigt, die sich von der für gewöhnlich imaginierten unterscheide. Eine Ukraine, deren „Identität nicht so sehr von Sprache oder Kultur abhängt, sondern von anderen politischen Traditionen und Werten als denen, die in Russland vorherrschen“. So waren es nicht Sprache und Kultur, sondern politische Vorbilder, welche die ukrainische Gemeinschaft zusammenführten.

Am 26. Februar 2014 begann die russische Aggression gegen die Ukraine. Russland besetzte die Krim, und im April folgte die Proklamierung der abtrünnigen Republiken Don und Lugansk. Und doch bestand die Ukraine als unabhängiger Staat fort. Mehr noch, sie vermochte es, eine Armee aufzubauen, die das Land wirksam verteidigen konnte.

In der unabhängigen Ukraine bestanden nicht miteinander zu vereinbarende historische Narrative: das von UdSSR-Nostalgie durchtränkte postsowjetische und ein Narrativ, das sich auf das ukrainische Streben nach Unabhängigkeit beruft. Es gab kein „ganzheitliches“ Narrativ, und wer an der Regierung war, betrieb sein Spiel mit den unterschiedlichen Narrativen, gab mal diesem, mal jenem den Vorzug. Die Erinnerung war kein Werkzeug zur Herstellung einer modernen politischen Gemeinschaft, sondern schrieb einen Zustand der Unbestimmtheit fort. Die Revolution der Würde und der seit 2014 anhaltende Konflikt mit Russland haben die Ukraine verändert. Mit diesen Geschehnissen gingen wichtige Prozesse in der Wahrnehmung der Vergangenheit und auch in der Art einher, wie sich die ukrainische Identität heute konstituiert.

Wie lassen sich aber Vergangenheit und die für die eigene Identität wichtigen Mythen in ein ganzheitliches Narrativ einbringen? Den Kunstschaffenden fällt bei diesem kritischen Narrativ eine wichtige Aufgabe zu. Das hängt damit zusammen, dass sie ihre eigene Rolle anders wahrnehmen und sich nunmehr eine staatsbürgerliche Pflicht auferlegen. Diese Veränderung war schon lang vor der Revolution der Würde eingetreten. Nikita Kadan, einer der Gründer der Gruppe R.E.P. (Rewolucyjnyj Eksperymentalnyj Prostir – Revolutionärer Experimentierraum), eine der interessantesten Künstlergruppen nicht nur in der Ukraine nach dem Jahr 2000, sagte im Gespräch mit Kurator Björn Geldhof, infolge der Orangenen Revolution von 2004 hätten sich die Situation des Staatsbürgers, des normalen Bürger, und diejenige des Kunstschaffenden stark angenähert. „Ein bewusster Staatsbürger zu sein bedeutet jetzt, ein gesellschaftlich und politisch engagierter Künstler zu sein.“ Die Künstler hätten aus dieser Erkenntnis Schlüsse für ihre praktische Tätigkeit gezogen.

Hütte, Brot, Landschaft…

Die Ausstellungsmacher betrachten die ukrainischen Mythen unter dem Gesichtspunkt der jüngsten Entwicklungen. Die ältere politische Geschichte wie ganz besonders die Zeit der Saporoger Kosaken sind nur eine Quelle der ukrainischen Mythologie. Ähnlich wie die Bestrebungen zur Gründung eines eigenen Staates nach dem Fall des Zaren in Russland. Übrigens werden andere, bisher an den Rand gedrängte politische Erzählstränge der Ukraine wieder in Erinnerung gerufen, etwa Nestor Machno und der ukrainische Anarchismus. Dagegen wird die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) [der ukrainisch-nationalistische bewaffnete Untergrund, der im Zweiten Weltkrieg einen Dreifrontenkrieg gegen UdSSR, Polen und die deutschen Besatzer führte; A.d.Ü.] in der Ausstellung bezeichnenderweise gar nicht thematisiert.

Die Ausstellung selbst ist um eine Auswahl von Schlüsselwörtern herum aufgebaut, welche die ukrainische Vorstellungswelt strukturieren. Diese Wörter sind etwa „Staat“, aber auch „Landschaft“, „Brot“ oder „Hütte“. Mit jedem dieser Wörter wird eine Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart vorgenommen. So ist im Internationalen Kulturzentrum etwa Taras Schewtschenkos Radierung von 1844 „Die Gaben in Tschehryn“ zu sehen; oft vergessen wir, dass der ukrainische Nationaldichter Schewtschenko auch Maler und Graphiker war. Das Bild zeigt die polnischen, moskowitischen und osmanischen Gesandten, wie sie auf ihren Empfang durch Hetman Bohdan Chmelnyzkyj warten. Dies ist der Augenblick vor der Entscheidung, welche das weitere Schicksal nicht allein der Ukraine, sondern des gesamten östlichen Europas bestimmen wird. Schließlich nimmt der Hetman die Gaben des Zaren entgegen und verbindet seine Nation damit auf Jahrhunderte mit Russland.

„Die Ukraine. Wechselseitige Blicke“ zeigt eine kulturell, religiös, aber auch in soziale Klassen gespaltene Ukraine. Immer wieder unternommene Versuche, ihre Unabhängigkeit herzustellen und das Land visuell zu präsentieren; in gelungener Form, wie bei dem 1918 von Heorhij Narbut geschaffenen Entwurf für ein ukrainisches Staatswappen; wie das Bild von Oleksij Kulakow und Natalija Papirna „Staatlichkeit“, das im Jahrzehnt nach der Erlangung der ukrainischen Unabhängigkeit entstand und in misslungener, ja karikierender Form auf die akademische Malerei des 19. Jahrhunderts rekurriert.

Die Ausstellung zeigt ein Narrativ der ukrainischen Landschaft. Der mythisierten Steppe, wie sie eines der Archetypen der ukrainischen Vorstellungswelt darstellt. Der Landschaft, die auch Menschen aus anderen Ländern faszinierte; so etwa Jan Stanisławski, einen bekannten polnischen Maler der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der die Steppe zum Gegenstand vieler seiner Bilder machte. Es gibt noch andere in der ukrainischen Vorstellungswelt mythisierte Räume, wie die Karpaten mit den dort ansässigen Huzulen, die eine besonders interessante Kultur besitzen, die auch polnische Künstler faszinierten. Diese oft idealisierten Abbildungen werden der Gegenwart entgegengestellt: den postindustriellen Räumen und der Kommerzialisierung, auch dem Raum, wie in der ausgezeichneten Videoarbeit der Gruppe R.E.P. „Ukrainisches Land“ von 2010, in der auf idyllische Landschaften, welche die Naturschönheit des Landes zeigen, Kaufangebote folgen. Alles ist dem Kommerz unterworfen und kann zu einem bestimmten Kaufpreis erworben werden.

Ein weiterer mythischer Raum ist die oft in der ukrainischen Literatur beschriebene und in der Kunst abgebildete „Hütte“, das weißgetünchte, mit gelbem Stroh bedachte und von Gärten umgebene Dorfhaus. Die Ausstellung zeigt ein Bild des berühmten russischen Malers Ilja Repin von 1880. Zur Bauernhütte gehört aber stets ein dramatischer Verlust, woran eine Arbeit der Lemberger Open Group „Hinterhof“ von 2015 erinnert, zu der zwei Modelle bestimmter Häuser gehören, das der Filomena Kurjaty und der Switlana Sysojewa. Beide Frauen verloren ihre Häuser; die erste im Zweiten Weltkrieg, die zweite bei der russischen Intervention in der Ostukraine.

Ilja Repin, Ukrainische Chata (Hütte), 1880

Während das Thema Stadt in der Ausstellung auffällig abwesend bleibt, gehört zum Dorf noch ein anderes mythenumranktes Wort: das Brot. Das ukrainische Schwarzerdegebiet mit seinem besonders ertragreichen Boden war eine Quelle des Wohlstands und blieb lange Zeit für die Wirtschaft der Region bestimmend. In sowjetischen Zeiten machte die Ukraine schwere Hungersnöte durch, die Folge geplanter Regierungsmaßnahmen waren; die Hungerkatastrophe von 1932/33, bekannt als Holodomor [Genozid durch Hunger; A.d.Ü.], war die schwerste dieser Hungersnöte. Sie verursachte den Tod von sechs bis zehn Millionen Menschen, davon allein mindestens 3,3 Millionen in der Ukraine und hinterließ tiefe Spuren in Gesellschaft und Kultur. Der Holodomor ist heute für die Ukrainerinnen und Ukrainer ein zentraler Erinnerungsort. Doch ist er außerhalb der Ukraine immer noch kaum bekannt, ja er wurde im Westen lange Zeit buchstäblich bestritten. Die Ausstellung zeigt Aufnahmen des Österreichers Alexander Wienerberg, die wahrscheinlich das einzige fotografische Zeugnis des Holodomor sind, aber auch eine Untersuchung von Tetjana Jablonska zu dem bekannten Bild „Chleb“ (Brot) von 1949, eine der Ikonen des sowjetischen Realismus, die den Kontrast zwischen Realität und ihrer offiziösen Darstellung herausstellt; das Bild entstand nach einer weiteren Hungersnot in den Jahren 1946/47.

Eroberungen, Opfer…

Die Ausstellung enthüllt, wie sich unter der Oberfläche schöner, sorgloser, manchmal idyllischer Vorstellungen oft eine niederschmetternde Wirklichkeit verbirgt. Davon handelt der mit „Eroberungen“ überschriebene Teil der Ausstellung. Er zeigt, wie im Grenzgebiet unterschiedliche Mächte, Kulturen und Religionen funktionieren und sich aneinander reiben. In einem Raum, in dem das moskowitische Zarentum, später das Russländische Reich, die Polnische Adelsrepublik, das Osmanische Reich und das Krimchanat miteinander konkurrierten. An einem von bewaffneten Auseinandersetzungen umgepflügten Ort, so auch von der jüngsten mit Russland. Dies ist der am stärksten betroffen machende Teil der Ausstellung. Hier sind zu sehen Nikita Kadans Zeichnungen aus einem Zyklus zu den Konflikten der dreißiger und vierziger Jahre, zu ihren Opfern. Deren Phantome sind immer noch, wie der Künstler betont, „Gegenstand verschiedener propagandistischer Manipulationen, bei denen die Wahrheit immer auf der eigenen Seite liegt, bevor noch die Tatsachen ans Licht kommen“.

Offenbar haben die Künstler den Schlüssel gefunden, wie über die ukrainische Lebenserfahrung im Kriegszustand zu erzählen ist, in einem Land, dessen Bewohner zum Teil ihre Häuser haben fluchtartig verlassen müssen, während ein anderer Teil auf der anderen Seite einer Demarkationslinie lebt, nämlich auf dem Gebiet der abtrünnigen Republiken. Sie frappieren nicht durch Gewalt, sie vermeiden es, in die Falle einer Kriegspornographie zu tappen. Sie sprechen von Schmerz und Isolation. Von der individuellen Erfahrung, wie in dem ungewöhnlichen Zyklus „Klubnik Andrijiw“ von Alewtyna Kachidse aus den Jahren 2014 bis 2021, der der Mutter der Künstlerin gewidmet ist, die „auf der anderen Seite“ zurückgeblieben ist und jahrelang bis zu ihrem Tod in der Schlange an der Kontrollstelle, wenn sie zum Abholen ihrer Rente in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet einreiste, der Tochter über das Leben unter Teilungsbedingungen erzählte.

Die ukrainische Erfahrung mit dem Leben in einem im Kriegszustand befindlichen Land bei einer ständig drohenden Eskalation des Konflikts ist in Polen wenig bekannt. Ähnlich wie diejenige, wie die Ukraine und ihre Identität sich nach der Revolution der Würde und der russischen Aggression verändert haben. Die Ausstellung endet mit Oksana Brjuchoweckas Arbeit „Die ukrainisch-polnische Fahne“ von 2018. Ihre Farben sind Mischfarben: Blau und Weiß ergaben Himmelblau, Rot und Gelb Orange. Dazu gehört die Aufschrift „has not died yet“, entnommen dem jeweils ersten Vers der ukrainischen und der polnischen Nationalhymne. Die Künstlerin hat nach Gemeinsamkeiten gesucht. Doch ohne deren Kenntnis und Verständnis der Mythen, welche die ukrainische kollektive Vorstellungswelt strukturieren, wird es nicht möglich sein, eine solche Gemeinsamkeit zu finden.

 

Ukraina. Wzajemne spojrzenia [Die Ukraine. Wechselseitige Blicke], Kraków, Międzynarodowe Centrum Kultury [Internationales Kulturzentrum], 16.09.2021–16.01.2022, kuratiert von Oksana Barszynowa und Żanna Komar. Ukraina. Wzajemne spojrzenia. Україна. Інші погляди на взаємини. Ukraine. A Different Angle on Neighbourhood, hg. v. Międzynarodowe Centrum Kultury, Kraków 2021.

Międzynarodowe Centrum Kultury (mck.krakow.pl)

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Piotr Kosiewski

Piotr Kosiewski ist Historiker, Kunstkritiker und Publizist. Er schreibt regelmäßig für die polnische Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny” und das Magazin „Szum".

Ein Gedanke zu „Die Ukraine: Ansichten und Einsichten“

  1. Dr. Knut Pfeiffer-Paehr

    Ein großartiger Artikel – kenntnisreich und überaus lesenswert! Man wünschte sich nicht nur polnische Leser, sondern -mehr noch – deutsche Leser, die mindestens ebenso ignorant sein dürften.
    K. Pfeiffer.Paehr

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