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Bei uns ist schon seit acht Jahren Krieg, und ihr fragt, wann er ausbricht

Als ich von der Ukrainischen Presseakademie eingeladen wurde, mich einer Gruppe internationaler Journalisten anzuschließen, um gemeinsam die Ostukraine zu erkunden, überschlugen sich gerade die Nachrichtenmeldungen über Putins Massenmobilisierung an der russisch-ukrainischen Grenze und diplomatische Spannungen auf höchster Ebene. Experten, die sich mit Fragen zu dieser Region Europas befassen, äußerten sich 24 Stunden am Tag zu diesen Meldungen und waren in den traditionellen als auch den sozialen Medien omnipräsent. Die Anzahl der Informationen, die sie mit uns teilen, ist derart groß, dass es schwierig ist, den Überblick zu behalten. Wer hat sich bereits mit Wladimir Putin getroffen und wer wird sich demnächst mit ihm treffen? Es braucht auch nicht zu verwundern, denn die Liste derer, die bereit sind, mit dem Präsidenten der Russischen Föderation zu sprechen, ist lang und wird ständig aktualisiert. Eine Botschaft der Medien ist jedoch eindeutig: Das Gespenst des Krieges schwebt über der Ukraine. Vielleicht nicht nur über der Ukraine, aber alles wird mit der Ukraine beginnen. Nicht umsonst strömen Scharen von Journalisten nach Kiew, nicht nur aus Polen.

Von Warschau aus fliege ich gemeinsam mit Vertretern des französischen Fernsehens, die ich später noch auf der Treppe des Hotels Ukraina wiedersehen werde. Von hier aus hat man den besten Blick auf den Maidan, und das Hotel ist seit Jahren als „Unterkunftsort“ für Journalisten bekannt, die in entscheidenden Momenten, etwa einer Revolution oder einem Krieg, in Scharen nach Kiew kommen. Auch in der Hotellobby und im Frühstücksraum traf ich wieder eine ganze Reihe von Medienvertretern.

Piotr Andrusieczko, den wir in Sjewjerodonezk treffen, einer postindustriellen Stadt im Donezbecken, die gegenwärtig die Hauptstadt der Region Luhansk ist, erzählt mir auch von der großen Zahl von Journalisten in der Ostukraine. Piotr hat hier hervorragende Kontakte (er informiert die polnischen Leser seit 2014 über den Krieg in der Region) und eine militärische Presseakkreditierung, die es ihm auch erlaubt, an die Front zu gehen. Doch auch er schafft es nicht immer, ein zuvor geplantes Interview zu führen. Viele Treffen, so sagt er, werden verschoben, und es gibt zu viele gesprächswillige Personen. In solchen Fällen haben die größten Namen in der Regel Vorrang.

Die Armee und die lokalen Behörden wissen um die wichtige Rolle der westlichen Medien für die Ukraine, doch müssen sie ihre Anstrengungen in erster Linie auf die Verteidigung ihres Territoriums und ihrer lokalen Gemeinschaft konzentrieren. Sie wissen auch, dass der Krieg, anders als für die Medienkonzerne, ihrem Land keine materiellen Vorteile bringt. Er führt zu Zerstörung und Tod. Und zur Massenabwanderung der eigenen Bevölkerung.

Seit 2014 haben rund eine halbe Million Menschen die Region Donezk und mehr als 100.000 die Region Luhansk verlassen. Viele von ihnen werden nie mehr zurückkehren, auch wenn die Modernisierungsprozesse an Fahrt gewinnen. Sie werden nicht nur dank der Bemühungen der Behörden in Kiew durchgeführt, sondern auch mit der enormen Unterstützung internationaler Geber, die in diesen Regionen nicht nur in Straßen und Infrastruktur, sondern auch in eine Reihe von Sozialprogrammen investieren. Allein in der Region Lugansk wurden seit 2019 mehr als 11 Milliarden Griwna für den Wiederaufbau von Kriegsschäden bereitgestellt. Mit diesen Mitteln wurden bereits 460 km Straßen wiederaufgebaut (weitere 560 km sollen in diesem Jahr von den Behörden wiederaufgebaut werden), 10 Schulen, neue Kindergärten und Sportvereine wurden in Betrieb genommen. Außerdem gibt es ein Schwimmbad, ein neues Krankenhaus und Sozialwohnungen für diejenigen, die durch den Krieg ihr Zuhause verloren haben. Diese Projekte werden auch mit deutschen Hilfsgeldern finanziert, was meine Gesprächspartner mehrfach betonten. Polen hingegen wird im Zusammenhang mit medizinischer Hilfe für Menschen in den durch Kriegshandlungen im Jahr 2014 verwüsteten Gebieten genannt.

Ruine des Krankenhauses von Slowjansk

Der örtliche Gouverneur, Aleksij Smirnow, rühmt sich, dass die Region Luhansk dank dieser Investitionen nicht nur existiert, sondern sogar wiederbelebt wird. Im vergangenen Jahr belegte sie den dritten Platz in der Rangliste der sich am besten entwickelnden Regionen der Ukraine.  Er schließt seine Erzählung über den Fortschritt der Modernisierung mit einer angeblich belauschten Aussage einer Person, die aus dem besetzten Teil weggezogen ist und gesagt haben soll: „Hier ist die Zivilisation“.

Die positiven Veränderungen sind tatsächlich mit bloßem Auge sichtbar, vielleicht sogar vom Kreml aus. Dort  werden sie sicherlich nicht mit Freude aufgenommen, führen vielleicht sogar zu Frust. Die Ukraine wird sich nicht so leicht davon überzeugen lassen, dass die östliche Richtung besser für sie ist. Und dieses Denken setzt sich langsam in den Regionen durch, in denen die pro-russische Stimmung immer schon am stärksten war. Dieser Trend wird durch soziologische Studien bestätigt, wonach drei Viertel der Bevölkerung die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO und der EU unterstützen.  Das Konzept der Integration hat also eine klar definierte geografische Ausrichtung. Und es ist sicherlich nicht der Osten.

Die pro-ukrainische und pro-westliche Integrationsbotschaft wird von den lokalen Behörden auch denjenigen vermittelt, die in den besetzten Gebieten, in den so genannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, geblieben sind. Das für sie geschaffene System von Sozial- und Verwaltungsdiensten erinnert an die sogenannte Sonnenscheinpolitik Südkoreas, die durch wirtschaftliche und soziale Interaktion die Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten ermöglichen sollte. Diese sanfte „Anziehungskraft“ des ukrainischen Staates in den Regionen Donezk und Luhansk besteht unter anderem darin, dass er den Bewohnern der selbsternannten Republiken ständig infrastrukturelle Dienstleistungen zur Verfügung stellt, ihnen Renten aus der ukrainischen Staatskasse zahlt und neuerdings auch medizinische Unterstützung an den so genannten Checkpoints anbietet, wo kostenlose PCR-Tests und Impfungen gegen COVID-19 angeboten werden.

Wenn ich die Ukraine verlasse, weiß ich nach vielen Gesprächen nicht, in welcher Form und wann es zu einer Eskalation kommen wird. Die Frage nach letzterem, also wann es zu einem Krieg kommen wird, scheint unsere Gesprächspartner zu ermüden, obwohl sie natürlich verstehen, dass inzwischen fast der ganze Westen von Warschau bis San Francisco sich diese Frage stellt. Für die Menschen im Donbass dauert der Krieg jedoch schon seit acht Jahren an. Sie haben gelernt, damit zu leben, auch wenn noch nicht alle das Trauma von 2014 verarbeitet haben, und trotz des Dröhnens der Granaten, das sie nachts aufwecken kann.

„Je näher man der Grenze kommt, desto weniger Angst gibt es“, sagte uns am Ende unseres Treffens Oleskij Babtschenko, der an den Kämpfen um den Donezker Flughafen im Jahr 2014 teilnahm und jetzt die militärisch-zivile Verwaltung der Stadt Hirske leitet, deren Gebiet in direktem Kontakt mit dem besetzten Teil der Region Luhansk steht. Und in der Tat: Die beiden Mädchen im Teenageralter, die wir vor einem Dorfladen trafen, waren mehr über ein Interview mit unserer internationalen Journalistengruppe aufgeregt, durch dass sie sich große Bekanntheit erhoffen, als über die Frage, welchen Plan ihre Eltern für den Kriegsfall haben.

 

 

 

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Iwona Reichardt

Iwona Reichardt ist stellvertretende Redakteurin der Zeitschrift New Eastern Europe und Universitätsdozentin. Zu ihren Kernthemen zählt die internationale Politik. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Frauenrechte.

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