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„Wir haben uns nicht verirrt!“ Ein polnischer Film auf der Berlinale

Der einzige polnische abendfüllende Spielfilm, der in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt wird, ist ein Film von Anna und Wilhelm Sasnal, zwei Filmemachern, die sich abseits von Glamour und Mainstream halten. „Wir haben uns nicht verirrt“ („Nie zgubiliśmy drogi“, engl. Verleihtitel: „We Haven’t Lost Our Way“, Polen 2022) verbindet Poesie mit Dokumentarfilm und Malerei, ein filmisches Experiment, das sehr zurecht die Aufmerksamkeit der Festivalveranstalter auf sich gezogen hat und das im Rahmen der Sektion „Forum“ gezeigt wird.

Die diesjährige Berlinale steht, wie so viele andere bedeutende Filmfestivals, einmal mehr ganz unter den Vorzeichen der Pandemie. Nach Stand vom 14. Februar waren mehr als 100.000 Eintrittskarten verkauft, die Filmvorführungen fanden nach strengen Hygieneregeln statt, und jeder zweite Sitzplatz im Kinosaal blieb frei. Die Besucher konnten sich vor der Vorführung einem Test unterziehen, trotzdem wurde die Filmmesse zum Festival bereits abgesagt, und vor Ort sind gerade einmal 1400 Journalisten, während es 2019 noch 3500 waren. Vielleicht war es daher für die Berliner diesmal leichter, Eintrittskarten zu erwerben, dafür aber schwerer, Filmstars zu Gesicht zu bekommen. Die erneut wegen Covid verkürzte Berlinale wurde allüberall von Plakaten angekündigt, doch hielt sich der Enthusiasmus in der pandemiegeplagten Stadt in Grenzen. Das war kaum verwunderlich, wo doch selbst die große Film‑ und Theaterschauspielerin Isabelle Huppert, der das diesjährige Filmfestival gewidmet war, wegen einer Coviderkrankung nicht nach Berlin kommen konnte.

Bei der diesjährigen Berlinale wurde nur ein einziger polnischer Film gezeigt, und gerade deshalb lohnt es sich, ihn anzuschauen. Die Regie führte Anna Sasnal, die Kameraführung hatte ihr Mann Wilhelm Sasnal. „Wir haben uns nicht verirrt“ hatte seine Premiere bei der Berlinale; er wurde in der Sektion „Forum“ gezeigt, die reserviert ist für aktuelle, oft experimentelle, in diesem Jahr nicht zuletzt dem Leben in Pandemiezeiten gewidmeten Filmen. Der Film der Sasnals erfüllt diese Kriterien gewiss.

Das Filmemacherpaar hat sich in Berlin bereits einen Namen gemacht. 2013 hatte „Huba“, ein weiterer gemeinsam gedrehter Film, bei der Berlinale Premiere. Die Sasnals drehen gesellschaftlich und politisch engagierte Spiel‑ und Dokumentarfilme. Sie kritisieren in ihren Filmen polnischen Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und die Rolle der Kirche in Polen. Sie haben berührende Filme gedreht: „Von weitem ist der Anblick schön“ („Z daleka widok jest piękny“, 2011), „Aleksander“ (2013), „Die Sonne, die Sonne hat mich geblendet“ („Słońce, to słońce mnie oślepiło“, 2016). In der Regel übernimmt Anka Sasnal Drehbuch und Regie, ihr Mann unterstützt sie und macht die Kameraarbeit. Wilhelm Sasnal ist aber vor allem als Maler und Illustrator bekannt; seine Bilder befassen sich kritisch mit der Massenkultur. Seine Arbeiten befinden sich in aller Welt in bedeutenden Kunstsammlungen, so in der Tate Modern in London, im Centre Pompidou in Paris, im Museum of Modern Art (MoMa) in New York, um nur einige zu nennen. Er gilt als einer der bedeutendsten lebenden polnischen Maler. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Shoa, den von den Polen nicht aufgearbeiteten Traumata und dem polnisch-jüdischen Verhältnis. Im vergangenen Jahr wurde seine Ausstellung „Solch eine Landschaft“ („Taki pejzaż“) im Museum der Geschichte der Polnischen Juden „Polin“ in Warschau gezeigt und trotz der Pandemie von über 75.000 Menschen besucht.

Anka und Wilhelm Sasnal machen Filme, die in der polnischen Kultur, Sprache und Geschichte verankert sind und die immer wieder die dunklen Seiten der polnischen Gesellschaft illustrieren. Als sie vor einigen Jahren nach ihrer kritischen Einstellung zu Polen und zur Regierungspartei PiS gefragt wurde, antwortete die Regisseurin: „Wir könnten ausreisen, aber ich würde das nicht ertragen. Ich muss Polen in Reichweite haben, um mich an etwas festkrallen zu können, um den Schorf abzureißen. Hier spielt sich mein ganzes Leben ab. Hier ist diese unglückselige Sprache, in der ich so tief verwurzelt bin, dass ich ohne sie nicht leben kann. […] Ich kranke an Polen, und davon bin ich schwer zu heilen. Manchmal fiebere ich vor Scham.“ Das ist die wohl beste Beschreibung der Filme des Künstlerpaars.

Die Handlung eines Films lässt sich nur schwer ohne Frage nach der Abfolge von Ursachen und Wirkungen wiedergeben. So bekommt der Zuschauer nur in wenigen Szenen konkrete Hinweise darauf, was den Protagonisten zustößt, den Rest muss er sich dazudenken, seine eigene Interpretation finden und nach Assoziationen und Sinngebungen suchen. Die Hauptfigur ist der Universitätsdozent Eryk (gespielt von Andrzej Konopka), der seine Stelle wegen illegaler Geldsammlungen verliert. Er will den Notleidenden helfen, ist aber in seinem Umfeld unbeliebt, ist unsympathisch, aggressiv, anders. Er beschließt, in eine Utopie zu fliehen, an den Brennenden See, der in Wirklichkeit ein im Wald stehendes Haus seiner Familie ist. Die Mieter sind von Eryks Besuch wenig begeistert, lassen sich jedoch nichts anmerken, erlauben ihm, gemeinsam mit einem Freund dazubleiben und auszuruhen. Eryk schickt sein Notizbuch an Ewa (Agnieszka Żulewska), die Übersetzerin ist und ab und an eine alte Dame betreut. Sie liest ihr Bücher vor, hilft ihr, mit ihren Enkeln zu sprechen, die in Kanada leben und kein Polnisch verstehen. Wir wissen nicht, was Eryk und Ewa verbindet oder verband, beide sind schweigsam, still, so wie die Welt um sie herum. Sie sind introvertiert, sie ersticken an Konventionen, fühlen sich in der Stadt und unter Menschen unwohl. Ihr Leben ist eine einzige große Krise, vielleicht sind sie depressiv, aber beide ringen, sind auf dem Weg, versuchen, ihr Leben irgendwie zu verändern.

Das Drehbuch beruht auf einer Romanvorlage des schwedischen Autors Per Christian Jersild „Do cieplejszych krajów“ (In wärmere Länder, poln. Ausgabe 1973, schwed. Till varmare länder, 1961). Es entstand kurz vor Ausbruch der Pandemie, doch finden wir in Anka Sasnals Film wieder, was wir seit mehr als zwei Jahren selbst erfahren, das Gefühl ewigen Eingeschlossenseins, die Klaustrophobie, die Flucht in die Natur, Ruhe und Frieden als Rettung, wie sie nur in der Natur zu finden ist. Das Leben im Haus im Wald ist das Paradies: Weit weg von Lärm und Schmutz der Stadt, mit einem Glas Wein in der Hand und umgeben von Grün, Musik und Gesellschaftsspielen im Garten. Diese Flucht mag nur eine kurze Pause auf der Weiterreise sein, doch gewährt sie Linderung, ist ein Impfstoff gegen die Depression.

Anka Sasnals Film ist experimentell: Die Dialoge sind auf ein Minimum beschränkt, Bilder und Ton sind wichtiger als die Handlung. Einige Szenen ziehen sich und irritieren, denn anscheinend führen sie zu nichts, doch der Zuschauer hat viele Fragen. Der Zuschauer versinkt in einer Welt, in der nichts klar ist, kein Dialogsatz ohne weiteres verständlich. Jedes Wort hat, wie in der Dichtung, einen verborgenen Sinn und mag von uns, den Zuschauern, interpretiert werden. Auch die Aufgabe der Darsteller fällt aus der Reihe, denn sie agieren anders als professionelle Schauspieler. Ihr Spiel ist sparsam, manchmal schleichen sich sogar Fehler in den Dialog, es gibt keine Maske, Nahaufnahmen zeigen ihre Unvollkommenheiten. Und darum geht es. Diesem Film geht es darum, eine poetische Dokumentation zu sein, aber es wird nicht ganz deutlich, ob ein solches Genre überhaupt möglich ist.

„Wir haben uns nicht verirrt“ ist am Ende ein Film, der bedrückt, der Einsamkeit zeigt, der zwar auffordert, die Reise fortzusetzen, aber keine Antworten gibt. Es ist kein depressiver Film, sondern einer, der gebietet, selbst nach Sinn und Antwort zu suchen. Und der sehr viele Fragen stellt.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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