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Hoffnung auf Veränderung

Auch angesichts des Konfliktes im Osten gibt es keine Chance auf politische Einheit innerhalb der polnischen Gesellschaft. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass die Polen, wenn der Krieg in der Ukraine zu Ende ist, verändert und reifer daraus hervorgehen werden. Sie werden Politiker an die Spitze wählen, für die sie sich nicht schämen müssen.

 

Bereits vor Ausbruch des Kriegs war in Polen viel von nationaler Einheit die Rede. Dabei stand stets im Vordergrund, sich in Europa als Land mit starker Identität präsentieren zu können. Als Monolith, dem eine Wiederholung der Geschichte und den drei Teilungen des Landes nicht mehr droht. Doch das lief immer mehr aus der Bahn. Wer sich in der polnischen Innenpolitik auskannte, sprach schließlich gar in vollem Ernst die Warnung aus, wenn es so weitergehe, würden sich die Polen am Ende selbst teilen. Auf solche Warnhinweise reagierte das von „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) geführte Regierungslager damit, den Maulkorb noch enger anzulegen. Bei so gut wie jeder Streitfrage mahnte die Regierung an, über Trennlinien hinweg eine Verständigung zu suchen. Doch schuf sie selbst keine Voraussetzungen für Konsens, weil sie sich dogmatisch verhielt und jede Diskussion über Vielfalt abwürgte. Radikale Reform des Gerichtswesens, völliges Abtreibungsverbot, Einschwörung von Schulen und Wissenschaft auf die nationale Rhetorik von PiS und nicht zuletzt strikte Regierungskontrolle über die Medien ließen in Polen nicht einfach zwei Lager aufkommen, also ein PiS‑ und ein Anti-PiS-Lager, sondern Polen spaltete sich in viele Teile. Das dritte Polen war das völlig desinteressierte und agierte nach dem Motto „der Pole hat einfach von allem die Nase voll“. Das vierte Polen hatte die Hoffnung verloren, es könne einmal besser werden, doch würde es sich gern einer Kraft anschließen, die einfach das ganze Pack aus dem Sejm fegt. Das fünfte Polen engagiert sich politisch soweit möglich, gehört aber nicht zum PiS-Lager. Es besteht aus dem kleinen Prozentsatz an Polen, die ohne vorgefasste Meinung durchs Leben gehen, zeitgenössische Weltliteratur lesen und sich für globale Veränderungen interessieren. Diese Menschen müssen nicht erst überzeugt werden, dass die globale Erwärmung ein echtes Problem ist und eine herablassende Kritik an Jarosław Kaczyńskis Partei diese nur weiter an der Macht hält. Sie sehen keinen Unterschied zwischen einem Flüchtling aus der Ukraine und aus Syrien, doch wissen sie, dass die Öffentlichkeit von der PiS-Regierung kaum etwas vom Leiden des Syrers erfahren wird.

 

Geeint gegen das pure Böse

Dieses tribalistische, vielfach gespaltene Polen, dessen Lager einander so gut wie nichts mehr zu sagen haben, wurde vom Krieg in der Ukraine überrascht. Die allgemeine Mobilisierung der Gesellschaft zur Unterstützung der Kriegsflüchtlinge wiederbelebte alte Hoffnungen. Sollte doch eine nationale Einheit möglich sein, obwohl keine moderne Gesellschaft sich völlig einig ist? Wir konnten den Flüchtlingen aus dem Wald an der Grenze zu Belarus nicht helfen, weil die Regierung den Grenzübergang sperrte, also setzen wir jetzt voll bei der Unterstützung für die Flüchtlinge aus der Ukraine ein. Die politische Einheit wurde in der Absage an brutale Gewalt und dem Einsatz für den östlichen Nachbarn Realität. So konnten Polinnen und Polen sich erst einmal von dem bedrückenden Gefühl befreien, das heutige Polen sei unter PiS noch rassistischer, fremdenfeindlicher und ängstlicher gegenüber dem „Anderen“ geworden. Die Bewunderung für die gegen das pure Böse kämpfenden Ukrainer und ihren Präsidenten, der es ausschlug, sich von den Amerikanern evakuieren zu lassen, hat den polnischen Altruismus und den Wunsch beflügelt, auf die eigene Nation stolz sein zu können. Und auch den Wunsch, die Welt, die in den letzten Jahren das PiS-regierte Polen immer kritischer sah, möge den Heroismus der einfachen Menschen zur Kenntnis nehmen, wenn sie bei der Flüchtlingshilfe Aufgaben übernehmen, die eigentlich Sache der Regierung sein sollten. So nähern sich die Polen den europäischen Werten wieder an, als wollten sie der Welt beweisen: Die Regierung, das sind nicht wir.

Professor Magdalena Szpunar, Soziologin an der Schlesischen Universität Kattowitz, wundert sich nicht über diesen plötzlichen Ausbruch an Hilfsbereitschaft, denn schließlich kann man diejenigen nur bewundern, die sich heldenhaft dem puren Bösen entgegenstellen. Rein verstandesmäßig haben die Ukrainer anscheinend keine Chance im Kampf gegen das übermächtige Russland. Doch die Erfahrung zeigt, im Kampf kommt es nicht so sehr auf die militärische Ausrüstung als auf die Moral an, auf die Überzeugung, für etwas Wertvolles zu kämpfen. Die Kampfmoral der russischen Soldaten ist gering. Die Behauptung, sie würden als Befreier in einem von Nazis unterdrückten Land mit Blumen empfangen, hat sich als Propaganda erwiesen. Die ukrainische Armee besteht zur Zeit zu schätzungsweise zwanzig Prozent aus Frauen. Das zeigt, wie die ganze Nation sich dem Kampf gegen den Aggressor angeschlossen hat.

„Vor dem Krieg genoss Selenskyj die Zustimmung höchstens eines Drittels der Gesellschaft, jetzt sind es mehr als neunzig Prozent“, meint Magdalena Szpunar. „Selenskyjs Vergangenheit als Komiker und Fernsehstar hat dafür gesorgt, dass ohne Ende abgeschmackte Witze über ihn gemacht wurden, Kompetenz und politische Versiertheit wurden ihm abgesprochen. Lange Zeit sahen viele in ihm nur den Komiker ohne die Qualitäten eines Staatsmanns. Nach Kriegsausbrauch hat sich Selenskyj als Mensch von außerordentlicher Willenskraft bewiesen, der unbeugsam auf seinem Posten ausharrt. Er zeigt, dass er in den dunkelsten Augenblicken an der Seite seiner Nation steht. Er widersetzt sich mutig und entschlossen der russischen Aggression, ersucht in allen erdenklichen Gremien um Hilfe für sein Land und wirkt dabei authentisch und wahrhaftig. Seine Sensibilität für die Belange der Menschen zeigt sich in seinen Spitalbesuchen, er demonstriert, in den düstersten Momenten bei den Bürgern sein zu wollen, nicht nur bei den Soldaten, sondern gewöhnlichen Menschen, die Leidtragende einer barbarischen Invasion sind.“

 

Auch die Polen sehnen sich nach einem starken Präsidenten

Nach Auffassung Magdalena Szpunars zeigt der Krieg in der Ukraine, welche wichtige Funktion der Präsident als Vorbild und Leitmodell besitzt, indem er sich für Freiheit, Identität und nationale Einheit einsetzt. Besonders in Krisen und Extremsituationen erwartet die Gesellschaft ein Staatsoberhaupt, das ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf die eigene Person zu seiner Nation steht. Selenskyj hat nicht den leichten Weg gewählt, hat sich nicht ins Ausland abgesetzt, sondern ist bei den Menschen im Land geblieben. Es verdient Hochachtung, wie er, noch unlängst als inkompetenter Komiker verspottet, sich zu einem wahren Staatsmann, ja einem Nationalhelden gewandelt hat.

„Die Polen haben in einer lang nicht mehr dagewesenen Weise den Ukrainern in ihrem Unglück große Solidarität bezeigt“, sagt Szpunar. „Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass das Land in den letzten Wochen zu einer einzigen Nichtregierungsorganisation geworden ist und auf jede nur erdenkliche Weise hilft. Es ist nicht zu übersehen, wieviel Arbeit von unten, von den einfachen Bürgern getan wird, die sehr viel wirksamer Hilfe leisten als der schwerfällige Regierungsapparat. Diese Hilfsbereitschaft, Empathie und Sensibilität sind inspirierend und berührend. Doch bleibt die Frage, wie lang der Elan vorhalten wird.“

Sicher würde der Elan lange vorhalten, würden Regierung und Präsident Andrzej Duda mehr Unterstützung leisten. Für die einfachen Polen, unabhängig von ihren politischen Präferenzen, ebenso wie für die Europäische Union. In der aktuellen Lage müssten sie damit aufhören, den Krieg für PR-Zwecke zu nutzen, sie müssten die öffentliche Rhetorik ändern, aber auch der EU beweisen, dass sie Polen der europäischen Gemeinschaft erhalten wollen. Unterdessen ist die Auflösung der Disziplinarkammer des Obersten Gerichts ein immer noch uneingelöstes Versprechen Jarosław Kaczyńskis, während Polen weiterhin für die Verschleppungstaktik der Regierung Strafgebühren an die EU zahlt.

Professor Lech Witkowski, Philosoph an der Pommerschen Akademie in Stolp, bringt in Erinnerung, dass die Polen den Heroismus der ukrainischen Nation anerkennen, weil sie Sinn und Zweck des Kampfes verstehen, weil in der polnischen Geschichte oft nicht die Erfolgschancen den Ausschlag gaben, sondern ein wertvolles Anliegen, das Selbstaufopferung und Mut verlangte.

„Moralische Kraft verlangt dann ein symbolisches Beispiel, eine Verkörperung als Beweis, dass man sich nicht unterkriegen lässt, sondern seiner Würde und seinen Symbolen Ausdruck verschafft, die persönliche und kollektive Identität zusammenschweißen“, sagt Witkowski. „Die Kultur lebt von Symbolen, die den Wert von Widerstand und Eigenart beweisen, besonders in Grenzsituationen, in denen das Leben auf dem Spiel steht. In Zeiten der äußersten Prüfung bilden Symbole eine Quelle moralischer Kraft für Widerstand und Ausdauer. Der Anführer wird zur Autorität, welche die Gemeinschaft im Gefühl für höheren Wert und Aufopferung für die Gesamtheit vereint. Dann löschen selbst Todesgefahr und Niederlage nicht das Bewusstsein eigener Würde aus. Eine solche Prüfung wird zum Gründungsmythos der Gemeinschaft und schafft eine neue Qualität von Identität durch kollektive Anstrengung. Diese konzentriert Verantwortung und gibt dem Leben der Individuen Sinn, indem sie um ein bedrohtes Wertesystem kämpfen. Dies ist Bedingung für die Verteidigung der Zukunft der Nachgeborenen, Überdauern und Erinnerung an vergangene Generationen. Die Polen empfinden hier eine Gemeinschaft von Geist und Schicksal mit den Ukrainern und achten nicht auf die Kosten, denn hier trifft sich das Schicksal der ,beiden Nationen‘ [Anspielung auf die „Republik der Beiden Nationen“, das heißt die alte Adelsrepublik; diese bezog sich allerdings auf Polen und Litauen und überging die Ukraine als eigenständige Nation; A.d.Ü.]. Das kann unsere Geschichte der beiderseitigen Beziehungen und die menschliche Sensibilität in jedem von uns verändern.“

Alles deutet in die Richtung, dass Polen unter dem Einfluss des Kriegs in der Ukraine die Möglichkeit gewonnen hat, sich gründlich zu verändern. Während aber gewiss einzelne diese Chance wahrnehmen, ist es nicht sicher, dass die gegenwärtige Regierung daraus Lehren für die Zukunft zieht, zumal sie im eigenen Narrativ befangen ist, das sie vermittels der kontrollierten Medien dem Land oktroyiert. In der Ukraine läuft kein Film ab, wie treffend Dr. Tomasz Marcysiak bemerkt, Soziologe an der Hochschule für Bankwesen in Bromberg. Wenn wir nach einem Film wie „Saving Private Ryan“ oder „Dunkirk“ aus dem Kino kommen, sind wir vielleicht noch ein paar Stunden lang emotional durch die Leistungen von Regie und Schauspielern aufgewühlt. Doch der in den unabhängigen Medien in Echtzeit ausgestrahlte Ukrainekrieg ist anders. Sobald wir das Haus verlassen, begegnen wir Kriegsflüchtlingen. Wir sehen sie in den Zügen, auf den Bahnhöfen und nicht zuletzt in den Häusern unserer Nachbarn, vielleicht nehmen wir sie sogar selbst in unser Heim auf. Diese Erfahrung gestattet es nicht, die Grausamkeit des Kriegs und die Notwendigkeit, den Opfern zu helfen, einfach zu verdrängen. Denn was in unserer nächsten Nachbarschaft geschieht, ist Realität.

„Diese Welle der Hilfsbereitschaft ist ohne Beispiel, das ist ein Feuer, das kein Internettroll löschen kann, der an Wolhynien, die Bandera-Leute [das heißt die ukrainischen Nationalisten unter Führung von Stepan Bandera, die insbesondere in Wolhynien 1943/44 Massaker an Polen begingen] und andere Verbrechen erinnert, die unsere beiden Nationen zerstörten“, sagt Marcysiak. „Ich bin überzeugt, dass die Begegnung mit den Ukrainern uns ändern wird. Sie macht nicht die Geschichte rückgängig, aber unsere Einstellung zur Gegenwart; sie wird einen Eckstein dafür bilden, was für jede Nation am wichtigsten ist, nämlich eine Zukunft in Frieden und Sicherheit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist eine Ikone der Friedensmission; die ganze Welt hat ihn schätzen gelernt nach seinem Satz aus den ersten Kriegstagen: ,Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit‘, womit er klarmachte, dass er Kiew, sein Land und die Ukrainer nicht im Stich lassen werde. Mit jedem Tag schafft Selenskyj weiter an seiner Legende. Zwar äußerte er sich bei seinem Auftritt vor dem US-Kongress diplomatisch, als er sagte, Joe Biden sei Oberhaupt eines großen Landes und er wünsche, Biden werde zum Oberhaupt der Welt, weil Oberhaupt der Welt zu sein bedeute, Oberhaupt des Friedens zu sein, aber heute ist Selenskyj dieses Oberhaupt, weil er nicht nur vom Frieden spricht, sondern tatsächlich um den Frieden kämpft. Mit solch einem Präsidenten wird die Ukraine nicht verlieren, die Leute gehen mit ihm durch das Feuer.“

Marcysiak stellt fest, Selenskyjs Haltung habe in vielen Polen den Glauben an einen Anführer geweckt, der es nicht nur versteht, sein Land in den schwersten Augenblicken zu einigen, sondern auch ein ausgezeichneter Diplomat und Botschafter für die Interessen seiner Nation sein wird, ein Staatsmann, der mit jedem Staatschef sprechen kann und über dessen Auftritte sich niemand lustig macht. Das gibt den Polen Hoffnung, sie könnten einmal auch einen solchen Präsidenten haben. Nur dass er sich unter anderen Umständen erweisen möge als in der Ukraine.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Karina Obara

Karina Obara ist Journalistin, Schriftstellerin, Dichterin, Essayistin und Malerin. Sie studierte Politikwissenschaften an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń und europäische Journalistik am College of Europe in Warschau.

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