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Saturnin

„Es ist ein unglaubliches Gefühl zu wissen, dass Leser in anderen Ländern deine Bücher über Worte kennenlernen, die du nicht einmal aussprechen kannst“ – mit dem Schriftsteller Jakub Małecki spricht Natalia Prüfer.

 

Natalia Prüfer: Ich fange mit den Gratulationen an. Gerade ist die deutsche Ausgabe Ihres Romans Saturnin in der Übersetzung von Renate Schmidgall im Berliner Verlag Secession erschienen. Sie ist einfach wunderschön, wahrscheinlich schöner als die polnische Ausgabe!

Jakub Małecki: Vielen Dank. Ich freue mich riesig und kann es noch immer nicht glauben, dass das alles wahr ist. Ich finde auch, dass diese Ausgabe wirklich schön ist. Als ich von meinem ersten Roman Rost das erste Exemplar der deutschen Ausgabe per Post erhalten habe, habe ich dem Verleger geschrieben, dass das von allen meinen Büchern wohl das schönste ist. Jetzt, wo ich ein Jahr später Saturnin in den Händen halte, empfinde ich das gleiche.

Saturnin ist der Vorname des Hauptprotagonisten. In Polen ist das ein seltener Name. Warum haben Sie ihrer Hauptfigur diesen Namen gegeben?

Als ich anfing, das Buch zu schreiben, war ich oft in der Nationalbibliothek in Warschau und habe dort nach allen möglichen Informationen über das Regiment gesucht, in dem der Bruder meiner Großmutter gedient hat, und das auch im Buch vorkommt. Ich sah verschiedene militärische Unterlagen durch und fand eine Namensliste von Soldaten. Einer von ihnen hieß Saturnin. Ich kannte diesen Namen vorher nicht, er kam mir geheimnisvoll und magisch vor, ein bisschen wie nicht von dieser Welt. Und da dachte ich, dass eine meiner Figuren diesen Namen tragen könnte. Erst später, im Zuge des Schreibens, zeigte sich, dass dieser Vorname in der ganzen Geschichte eine größere Rolle spielen würde, als ich anfangs gedacht hatte, deshalb habe ich ihn auch zum Titel gemacht.

Saturnin ist ein alleinstehender junger Mann. Er träumt von einer Sportkarriere, doch gesundheitliche Probleme zerstören diesen Traum unwiederbringlich. Statt zu trainieren, arbeitet er in einem Geschäft. Er hat keine besonders enge Bindung zu seiner Mutter und seinem Großvater, aber als klar wird, dass der Großvater verschwunden ist, kündigt er seine Arbeit und kehrt in sein Elternhaus zurück, um sich mit seiner Kindheit auseinanderzusetzen. Die Rückkehr in das Elternhaus und die familiären Beziehungen sind auch in Ihren anderen Büchern ein wichtiges Thema. Warum sind die familiären Bindungen und die einander weitergegebenen Geschichten in Ihrer Literatur von solcher Bedeutung?

Ehrlich gesagt war es mir bis vor kurzem gar nicht klar, dass ich in meinen Büchern dieses Thema so oft aufgreife. Aber Sie haben recht, das ist etwas, was in meinen Romanen immer wiederkehrt und in einem gewissen Sinne vielleicht den gemeinsamen Nenner bildet. Das kommt wahrscheinlich von meinen eigenen privaten Erlebnissen und Erfahrungen, daher, dass ich eben so konstruiert bin. Ich habe den Eindruck, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr von mir selbst in meine Bücher lege, und deshalb werden sie immer persönlicher und erzählen von Dingen, die für mich einfach wichtig sind. Dazu gehören offensichtlich familiäre Bindungen und Geschichten, die einander übermittelt werden.

Saturnin, seine Mutter, sein Vater und sein Großvater sind eine schweigsame Familie. Obwohl sie sich selten sehen, reden sie nicht viel miteinander. Kann Schweigen eine therapeutische Wirkung haben?

Ich glaube, ich versuche gar nicht, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Mir scheint, dass das Schweigen der Protagonisten in Saturnin auf meine Beobachtungen zurückzuführen ist, ich habe den Eindruck, dass die Menschen wenig miteinander reden, das heißt wenig über die Dinge, über die sie reden sollten. Ich glaube, unter uns gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben lang viel reden, aber niemals darüber, was für sie wirklich wichtig ist. Grund dafür können Angst oder Scham sein, alles Mögliche. Ich sehe das leider auch bei mir.

Deshalb erfahren wir von den Problemen der Protagonisten nicht aus der Handlung und aus Gesprächen, sondern aus ihren Notizen, Briefen und Tagebüchern. Es ist ihnen lieber, auf diese Weise zu erzählen, was sie denken und fühlen. Ich habe den Eindruck, dass auch Sie keine Gespräche und Interviews mögen. Sie bevorzugen das geschriebene Wort, habe ich recht?

Noch bis vor kurzem litt ich unter regelrecht lähmender Angst davor, mich vor Publikum äußern zu müssen. Ich war nie ein „brillanter“ Schüler, im Studium konnte ich kein einziges Referat halten, anfangs habe ich auch konsequent meine Teilnahme an jeglichen Autorengesprächen und Interviews verweigert. Ich wusste einfach, dass ich das nicht kann. Ich bin nicht geschaffen für öffentliche Auftritte und habe mich damit abgefunden. Dass ich nun seit einiger Zeit jährlich an mehreren Dutzend Treffen mit Lesern teilnehme, sowohl in Polen als auch im Ausland, ist für mich eine Leistung, die ich noch bis vor kurzem als absolut irreal empfunden habe.

Sie beschreiben oft einsame Menschen mit Behinderungen. Saturnin ist so jemand, aber auch der vom Krieg in Afghanistan traumatisierte Maniek (Ihr Buch Horyzont [Horizont]) oder Nastka mit einer Zerebralparese (in Ihrem Buch Święto ognia [Das Feuerfest]). Woher kommt das Bedürfnis, über Menschen zu schreiben, die wir als Gesellschaft oft vergessen, über die man nicht spricht? Ihre Sensibilität für deren Schicksale ist einmalig. Und die Sichtweise der Protagonisten mittels zum Beispiel ihrer eigenen Erzählung zu zeigen, ist sehr lehrreich und bewegend.

Ich habe viel darüber nachgedacht. Tatsächlich ist es so, dass Menschen, die im Leben auf einem Standstreifen zurückbleiben, Menschen, die anders sind, die behindert sind, die ernste Erfahrungen gemacht haben, eigentlich in jedem meiner Bücher vorkommen, aber ich kann das nicht logisch erklären. Neulich saß ich in einem Café neben einem jungen Mann mit einem schrecklich deformiertem Gesicht, und obwohl er sich normal verhielt und mit einem Freund sprach, konnte ich nicht atmen und verspürte das Bedürfnis, bis an mein Lebensende nur noch Bücher über ihn zu schreiben, über diesen jungen Mann. Aber warum es mir so ergeht, weiß ich nicht. Das lässt sich in keiner Weise mit meinem Lebenslauf oder mit meiner Kindheit erklären. Vielleicht bin ich einfach innerlich so gebaut.

Am Ende des Buches erfahren wir, dass die erzählte Geschichte nicht vollständig fiktiv ist, sondern in gewisser Weise Ihre eigene Familie betrifft. Wie und wann haben Sie zum ersten Mal vom Leben ihrer Großeltern erfahren und wie sah Ihre Recherche aus, die Sie dann für die Beschreibung ihrer Erlebnisse gemacht haben? Sie haben bereits erwähnt, dass Sie in der Nationalbibliothek nach Informationen gesucht haben. Haben Sie mit nahestehenden Menschen gesprochen?

Ich kannte diese Geschichte schon immer, aber sie kam mir ganz normal vor, weil ich sie eben schon immer kannte. Erst vor ein paar Jahren ist mir bewusst geworden, was das für eine schreckliche Lage ist: Dein Bruder verlässt das Haus, schließt die Tür und verschwindet für immer, du hörst nie wieder etwas von ihm, du weißt nicht, ob er lebt oder ob er gestorben ist, und wenn er gestorben ist, weißt du nicht wo. Die Figur des verschwindenden Tadeusz hat mich lange verfolgt, bis sie schließlich ihren Platz in dem Buch gefunden hat. Leider existiert der erwachsene Tadeusz nur dort, im wahren Leben hatte der Bruder meiner Großmutter nicht die Gelegenheit, ein erwachsener Mann zu werden.

Der Krieg ist ein wichtiges Motiv in ihrer Literatur: der Zweite Weltkrieg, der Krieg in Afghanistan. Heute ist es kaum möglich, in einem Gespräch nicht auf einen anderen Krieg zu sprechen zu kommen, der gleich hinter der polnischen Grenze tobt, nämlich der in der Ukraine. Wie finden Sie sich in der Kriegswirklichkeit zurecht, in der wir uns plötzlich befinden? Verfolgen Sie aufmerksam den Verlauf? Spüren Sie Auswirkungen? Hat der Krieg direkten Einfluss auf Ihr Leben?

Ehrlich gesagt komme ich damit nicht zurecht. Ich kann es nicht begreifen, dass Menschen von anderen Menschen ermordet werden aus politischen, ökonomischen oder überhaupt aus irgendwelchen Gründen. Ich verfolge die Geschehnisse, versuche zu helfen, soweit ich kann, und alle neuen Nachrichten bereiten mir großen Kummer – ja, das schreckliche Leid der Nachbarn beeinflusst natürlich mein Leben.

Ihre Romane sind in viele Sprachen übersetzt und werden in verschiedenen Ländern herausgegeben. Wie kam es dazu, dass sich der deutsche Verlag Secession für Ihre Bücher interessiert hat, und welche Bedeutung hat für Sie Ihre Präsenz gerade auf dem deutschen Verlagsmarkt?

Das ist eine Sache, von der ich heimlich geträumt habe. Ich dachte immer, dass es ein unglaubliches Gefühl sein muss, zu wissen, dass Leser in anderen Ländern deine Bücher über Worte kennenlernen, die du selbst nicht einmal aussprechen kannst. Und es ist tatsächlich ein unglaubliches Gefühl. Die Übersetzungen ins Deutsche freuen mich riesig, besonders, weil es sehr überraschend dazu kam. Einmal ist nach einem Autorenabend in Krakau der Verlagseigentümer von Secession, Christian Ruzicska, an mich herangetreten. Er hatte an einer Konferenz des Buchinstitutes teilgenommen und war neugierig geworden auf meinen Roman Rost. Das Cover hatte ihn angesprochen. Wir redeten später den ganzen Abend miteinander, und am nächsten Tag las Christian im Flugzeug das erste Kapitel auf Englisch und schrieb mir sofort, dass er das Buch herausgeben will. Bis heute habe ich unter allen Verlegern aus anderen Ländern mit ihm die herzlichsten und freundschaftlichsten Beziehungen.

Renate Schmidgall, die sowohl Saturnin als auch Rost übersetzt hat, ist eine der bekanntesten Übersetzerinnen zeitgenössischer polnischer Literatur. Ihr ist es zu verdanken, dass die deutschen Leser Wojciech Kuczok, Jacek Dehnel, Andrzej Stasiuk oder Stefan Chwin kennenlernen konnten. Ich möchte gern wissen, wie eure Zusammenarbeit aussieht.

Eigentlich tauchen jedes Mal, wenn eines meiner Bücher übersetzt wird, Fragen auf. Sie sind ganz unterschiedlich, manchmal entstehen sie, weil es in der jeweiligen Zielsprache keine Entsprechung für ein polnisches Wort gibt, ein anderes Mal findet ein Übersetzer etwas im Buch, was er nicht versteht, es gibt auch Fragen, die mit Dialekten zusammenhängen, mit ländlichen Ausdrücken, mit Regionalismen, mit Neologismen und so weiter. Mit Renate Schmidgall war es so, dass ich davon geträumt habe, dass genau sie meine Bücher übersetzt, aber ich habe nicht daran geglaubt, dass sie zusagen würde. Und tatsächlich hat sie zuerst auf die Anfrage des Verlages geantwortet, sie sei so überarbeitet, dass sie es garantiert nicht schaffen würde. Aber Christian von Secession hat ihr noch ein paar Mal geschrieben und mein Buch hoch gelobt, und da war sie dann einverstanden, dass man ihr ein Exemplar schicken durfte. Sie meinte, sie würde entscheiden, wenn sie das Buch gelesen haben würde. Noch am selben Tag lief ich zur Post, und weil Herbst war, hob ich vom Gehsteig ein großes schönes Blatt auf und legte es in das Buch, bevor ich es abschickte. Ein paar Tage später schrieb Renate an den Verleger, dass sie das Buch nun doch übersetzen wolle. Bis heute überlege ich, inwiefern der Inhalt und inwieweit das schöne Blatt darüber entschieden haben …

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

 

Jakub Małecki Aus dem Polnischen ins Deutsche übertragen von Renate Schmidgall 268 Seiten ISBN 978-3-907336-13-7 Preis: € 25,00 (A) I € 25.70 (A)

 


Jakub Małecki ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren in Polen. Er hat unter anderem folgende Bücher verfasst: Dygot [Beben], Święto ognia [Das Feuerfest], Horyzont [Horizont]. Małecki war für den Literaturpreis Nike nominiert, für den Literaturpreis Mitteleuropas „Angelus“, für das Stanisław-Barańczak-Stipendium und für den Preis des Großbuchhändlers Empik „Odkrycia“. Er hat das Stipendium „Młoda Polska“ des Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe erhalten sowie das deutsch-polnische Albrecht-Lempp-Stipendium. Das Literaturmagazin KSIĄŻKI machte seinen Roman Horyzont 2019 zum Buch des Jahres. Ein Ausschnitt aus Historie podniebne [Himmelhohe Geschichten] wurde in dem neuen Schullehrbuch für polnische Sprache für die Mittelstufe abgedruckt. Auf der Grundlage von Horyzont entsteht ein Film unter Regie von Bodo Kox, und bei der Verfilmung von Święta ognia führt Kinga Dębska Regie.


Natalia Pruefer Autorin DIALOG FORUMNatalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

 

 

 

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