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Militärische Lehren aus Russlands Überfall auf die Ukraine

Russlands Überfall auf die Ukraine zwingt dazu, sich genauer anzusehen, ob die strategischen und taktischen Vorannahmen der Russlandpolitik der NATO noch aktuell sind. Denn selbst wenn das Risiko einer Kriegsausweitung auf die NATO-Staaten offenbar gering ist, so lässt sich eine solche Entwicklung doch nicht ganz ausschließen. Daher sind zwei Fragen zu beantworten: Erstens, wie ist ein solcher Krieg zu vermeiden; zweitens, wie wäre er zu gewinnen, wenn er doch ausbrechen sollte.

Die erste grundlegende Erkenntnis in militärischer wie politischer Hinsicht ist, dass Russland eine völlig irrationale Handlungsweise zuzutrauen ist. Wladimir Putins Entscheidung für die Invasion der Ukraine hatte keinen Sinn und bedeutet die Annullierung von allem, was der russische Präsident je erreicht hat. Aus militärischer Sicht war der Angriff schlecht vorbereitet, politisch war er eine Katastrophe. Dem Anschein zuwider belegt er aber weder einen Anfall von Wahnsinn noch eine psychische Erkrankung Putins, vielmehr zeigt er, dass dieser sich von einer Logik und Rationalität leiten lässt, die sich von unserer vollkommen unterscheiden.

Die Strategie zur Eindämmung Russlands ging bisher davon aus, dass zwar die Ostflanke der NATO gestärkt werden müsse, doch nur bis zu einem gewissen Grade, da Russland als außenpolitisch rationaler Akteur mit absoluter Sicherheit kein Mitgliedsland der NATO angreifen werde. Erstens fürchte Russland Sanktionen, zweitens sorgte bereits eine begrenzte und rein symbolische Stationierung westlicher Truppen in Lettland, Estland, Litauen, Polen und Rumänien dafür, dass die Russen bei einem Angriff den sofortigen Konflikt mit allen Mitgliedsstaaten des Verteidigungsbündnisses befürchten müssten. Diese Annahme ging ganz von unserem westlichen Verständnis von Rationalität aus und ließ unberücksichtigt, Territorialgewinne könnten für Russland einen solch unschätzbaren Wert besitzen, dass ihm selbst eine langjährige Wirtschaftskrise als vergleichsweise geringfügiger Preis erscheinen würde. Russland könnte annehmen, imstande zu sein, zum Beispiel einen Teil eines der baltischen Länder einzunehmen, ohne dass seine Streitkräfte auf die dort stationierten US-Truppen treffen würden. Die russische Politik unterscheidet sich von der sowjetischen nämlich dadurch, tollkühn und zu außerordentlichen Risiken bereit zu sein.

Die Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffs auf ein Mitgliedsland des nordatlantischen Bündnisses ist natürlich weiterhin sehr gering, doch ändert das nichts an der Tatsache, dass es unvernünftig ist, davon auszugehen, Russland werde sich stets unserem Verständnis nach rational verhalten. Die erste wichtige Schlussfolgerung aus dem Krieg in der Ukraine ist daher, die Ostflanke der NATO unbedingt deutlich zu verstärken.

Russland muss begreifen, dass es sich bei einem Angriff auf ein NATO-Mitglied automatisch im Kriegszustand mit dem gesamten Westen befindet. Der Erfinder der amerikanischen containment-Politik George F. Kennan schrieb in seinem berühmten „Langen Telegramm“ 1946, die Sowjetmacht sei „unzugänglich für Verstandeslogik, aber höchst empfänglich für Machtlogik“. Kennan argumentierte, die Sowjets würden in Konfrontation mit Macht prinzipiell nicht angreifen, sondern nachgeben. Wenn dem so ist, dann sollten wir auf Kennans Ratschläge hören. Anders und völlig irrtümlich verhalten sich die Befürworter des Appeasements, die „Russlandversteher“ und die verstockt dümmlichen Pazifisten, die Pazifismus mit Nachgiebigkeit gegenüber dem Aggressor gleichsetzen; denn eine Machtdemonstration der NATO verringert die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts.

Kennan legte besonderen Wert darauf, eine Situation zu vermeiden, in der die in Prestigefragen ungemein heiklen Sowjets sich zurückgesetzt fühlen könnten. Dieser Ansatz ist in Polen heftig umstritten, wo man sich über den französischen Präsidenten Emmanuel Macron empört, weil dieser verlangt hatte, es müsse Putin ein Weg zur Gesichtswahrung offengehalten werden. Nur haben weder die Polen recht, denn sie verstehen nicht, dass nur so tatsächlich der Frieden wieder hergestellt werden könnte, und pflegen stattdessen immer noch ein romantisches Politikverständnis, noch liegen die Franzosen richtig, weil sie übersehen, dass Kennan ausdrücklich feststellte, dass die Sowjets nur dann ihr Prestige bewahren können, wenn sie mit Stärke konfrontiert werden und dadurch ihre aggressiven Absichten erst gar nicht in die Tat umsetzen. Die Frage stellt sich, ob Frankreich vor Kriegsausbruch entschlossene Signale Richtung Moskau gesendet hat oder im Gegenteil ganz so wie Deutschland annahm, die Ukraine werde den Krieg in wenigen Tagen verlieren und daher Signale sandte, die den Kreml noch mehr in seiner Angriffsabsicht bestärkten. Falls letzteres zutrifft, tragen Paris und Berlin die Verantwortung dafür, dass Wladimir Putin bestenfalls noch darauf hoffen kann, sein Gesicht nicht ganz und gar zu verlieren.

Bekanntlich hat die Ukraine den Krieg nicht nur nicht in wenigen Tagen verloren, sondern die russischen Truppen erst vor Kiew und dann vor Charkiw zurückgeworfen. Die Lage im Donbas und im Süden ist natürlich schlechter, aber auch dort sind die russischen Kräfte steckengeblieben, während die Kämpfe immer mehr zum Stellungskrieg mutieren. Wie sehr sich die Entwicklung an der Front von allen Vorhersagen unterscheidet, lässt westliche Regierungen, Denkfabriken und Geheimdienste ziemlich schlecht aussehen. Es könnte aber auch den Schluss nahelegen, dass die ukrainische Armeeführung etwas über Russland und die russische Armee wusste, was die meisten Experten im Westen nicht verstanden. Sollte dies zutreffen, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, wie die Ukraine kämpft und was sich von ihren Streitkräften lernen lässt.

Dislozierung

Wie wir bereits wissen, hat die Ukraine nicht einen Moment lang gezögert, ihr Territorium zu verteidigen und hat die Kontrolle selbst über nah an der russischen Grenze gelegene Städte wie Sumy und Charkiw behalten. Das veranlasst zu der ernsthaften Überlegung, wie nicht nur die NATO-Ostflanke zu verstärken, sondern wie NATO-Kräfte an der Ostflanke zu dislozieren seien. Bisher sind beispielsweise die meisten amerikanischen Truppen in Polen im Westen unweit der deutschen Grenze stationiert. Dies geht auf die Annahme zurück, eine Dislozierung nahe der Ostgrenze hätte zur Folge, dass diese Kräfte in den ersten Kriegstagen bei einer starken russischen Defensivaufstellung (A2/AD – anti access/ area denial) in Kaliningrad und in Belarus faktisch isoliert und ohne Luftunterstützung kämpfen würden.

Im Ukrainekrieg hat sich jedoch gezeigt, dass die russische Luftabwehr sehr viel schwächer als bisher vermutet ist. Die Ukrainer kämpfen erfolgreich nahe der russischen Grenze. Anders als für den polnischen Fall angenommen, bei dem de facto eine Verteidigung an der Weichsellinie geplant und das östlich davon gelegene Gebiet als Pufferzone gedacht war, zogen die Ukrainer sich keineswegs aus den nahe der russischen Grenze gelegenen Städten zurück. Das geht natürlich mit dem Risiko einher, dass eigene Einheiten eingekesselt werden könnten, worüber sich die Ukrainer völlig im Klaren sind. Wo nötig, zogen sich die ukrainischen Kräfte zurück, obwohl dies nach dem Massaker von Butscha politisch merklich schwieriger wurde. Die bislang unbeantwortete Frage ist, ob es nicht gerade der Zweck der russischen Mordtaten an Zivilisten war, die ukrainische Armee dazu zu zwingen, zum Schutz der Zivilbevölkerung auf die taktische Aufgabe von Territorium im Falle russischer Überlegenheit zu verzichten.

Die Entscheidung, wo im Einzelnen die NATO-Streitkräfte an der Ostflanke zu dislozieren sind, muss selbstverständlich das genannte Risiko wie auch die Wahrscheinlichkeit in Rechnung stellen, dass die Russen ihre Luftabwehr und damit überhaupt ihre Defensivfähigkeiten verbessern könnten. Andererseits ist darüber nachzudenken, ob die bisherigen Annahmen nicht zu defensiv waren, weil sie augenscheinlich das Potential der russischen Armee überschätzten.

Stärkeverhältnis

Ein weiterer aus dem Ukrainekrieg zu ziehender Schluss ist die Notwendigkeit, die Stärke der Streitkräfte der NATO-Mitglieder zu erhöhen. Vor seinem Angriff auf die Ukraine zog Russland an deren Grenzen eine fast 250.000 Mann starke Armee zusammen, die, wie wir uns erinnern, die Ukraine aus nördlicher Richtung von belarusischem Gebiet aus angriff, vom Osten Richtung Kiew von russischem Gebiet und aus dem besetzten Donbas sowie vom Süden aus der Krim. Die Ukraine konnte sich gegen gleichzeitige Angriffe aus diesen Richtungen verteidigen, weil sie in den vergangenen Jahren den Umfang ihrer Streitkräfte sprunghaft erhöht hatte, von etwa 100.000 im Jahr 2014 auf etwa eine Viertelmillion zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns 2022.

Die im Westen seit langer Zeit vorherrschende Doktrin, die Zahlenstärke der Streitkräfte zugunsten ihrer Mobilität und Einsatzfähigkeit zu begrenzen, hätte sich in Konfrontation mit einem Gegner nicht bewährt, der über hunderttausende Soldaten und tausende von Panzern verfügt.

Alte Ausrüstung ist besser als gar keine

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Ukraine nicht nur den Mannschaftsbestand ihrer Streitkräfte erhöhte, sondern im Laufe der letzten Jahre auch eine große Menge anscheinend veralteter Panzer und anderen Materials wieder in Dienst gestellt hat. Wie sich erweist, ist alte Ausrüstung besser als gar keine oder eine zur Verteidigung nicht ausreichende Menge, ganz zu schweigen von offensiven Operationen, für die eine entsprechende Zahl von mechanisierten Einheiten mit ausreichender Feuerkraft benötigt wird.

Territorialverteidigung

Einer der unzweifelhaften Gründe für den Erfolg des ukrainischen Widerstands war der in den letzten Jahren betriebene Aufbau von bestens motivierten und gut bewaffneten Streitkräften zur Territorialverteidigung. Diese unterstützten die reguläre Armee, indem sie russische Nachschublinien und Marschkolonnen angriffen. Nachdem diese Streitkräfte durch die Ukraine selbst wie von ihren Verbündeten mit einer großen Zahl schultergestützter Panzerabwehrwaffen ausgestattet worden waren, spielten sie eine sehr wichtige Rolle beispielsweise bei den Kämpfen in der Region um Kiew.

Luftabwehr

Grundlegend ist nach wie vor, dass die Ukraine dank ihrer schlagkräftigen Luftabwehr Russland die Lufthoheit verweigern konnte. Das zwang die russische Luftwaffe zu Flügen in niedriger Höhe, so dass ihre Flugzeuge und Hubschrauber wiederum ein leichtes Ziel für schultergestützte Flugabwehrraketen wurden.

Ein Mix aus Moderne und Tradition

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass entgegen dem verbreiteten Eindruck die meisten russischen Verluste nicht durch schultergestützte Panzerabwehrwaffen verursacht werden. Höchstwahrscheinlich gehen nicht weniger als sechzig Prozent der russischen Verluste an gepanzerten Fahrzeugen auf den Beschuss durch ukrainische Artillerie.

Ganz zentral für die Erfolge der ukrainischen Artillerie ist zweifelsohne, dass Kiew Unterstützung in Form von Satellitenaufklärung, funkelektronischer und konventioneller Aufklärung genießt, die von den Verbündeten und insbesondere den USA zur Verfügung gestellt werden. Das ist deswegen so wichtig, weil so selbst unterlegene Kräfte Russland große Verluste zufügen, ihre Operationen abstimmen, eine gezielte Feuerleitung vornehmen und Einkesselung vermeiden können.

Diese hochmodernen Systeme koexistieren, oder anders gesagt bilden sie nur einen Bestandteil eines Systems, dessen zweite Säule die genannte, ganz konventionelle Artillerie ist. Mit anderen Worten macht erst die Verbindung von Feuerkraft und präziser Information die richtige Mischung. Demnach dürfen bei der Modernisierung der Streitkräfte die klassischen Waffensysteme nicht vernachlässigt werden. Anders als Militärmissionen auf abgelegenen Kriegsschauplätzen werden bei der Konfrontation mit der russischen Armee nämlich nicht nur viele Überwachungs‑ und Ortungssysteme, sondern auch Rohre gebraucht.

Logistik

Die Wirksamkeit der ukrainischen Artillerie beruht auf sehr guter Aufklärung, aber auch darauf, dass es den Ukrainern nicht an den benötigten Mengen von Munition, Treibstoff und anderem Material mangelt. Umgekehrt gaben die Russen des Öfteren Panzer, Transportfahrzeuge und Lastkraftwagen einfach auf, wenn ihnen der Treibstoff ausgegangen war. Daher die Schlussfolgerung, dass nicht nur die Übermacht des Westens bei der Aufklärung und die ukrainische Kampfbereitschaft und Courage, sondern auch die Schwächen der russischen Logistik zu den russischen Niederlagen beigetragen haben.

Nachrichtenübermittlung

Der russisch-ukrainische Krieg zeigt die grundlegende Bedeutung der Nachrichtenübermittlung, die verschiedene Aspekte hat. Nämlich erstens wirksame Chiffrierung, zweitens sichere Übermittlung der chiffrierten Information, schließlich drittens Nutzung von Funkverbindungen ohne großen elektronischen Fußabdruck, der dem Gegner zum Beispiel erlauben würde, Befehlsstäbe zu orten. Bekanntlich führten die russischen Mängel in diesem Bereich dazu, dass die Ukraine ungemein erfolgreich hochrangige russische Offiziere liquidieren konnte, darunter mehr als zehn Generäle.

Sanitätswesen, Helme und Moral

Ein unterschätzter, oft ganz übergangener Teil der ukrainischen Vorbereitungen auf den Kriegsfall waren hohe Investitionen in die persönliche Ausrüstung der Soldaten; dazu gehörten moderne Helme, schusssichere Westen, praktische Uniformen und medizinische Hilfsmittel. Dadurch haben ukrainische Soldaten bei einer Verwundung wesentlich höhere Überlebenschancen als russische. Übrigens ist das Verhältnis verwundeter zu gefallenen Soldaten in der russischen Armee in den in den letzten Jahren von Russland geführten Kriegen ähnlich wie in der US-Armee, allerdings im letzteren Fall in der Zeit des Koreakriegs. Die ukrainischen Soldaten kämpfen vorrangig aus Patriotismus heldenhaft für die Verteidigung ihres Landes. Das Wissen, dass ihre Kameraden sie im Fall des Falles auf professionelle Art retten und nicht zum Verbluten liegen lassen werden oder nichts dabeihaben, um ihnen zu helfen, spielt sicher eine große Rolle.

Wie wenig Wert die Russen auf das Leben der eigenen Soldaten legen, erklärt leider auch zumindest zum Teil die russischen Kriegsverbrechen. Russland führt Krieg, so wie Krieg geführt wurde in Zeiten, als Kriegsvölkerrecht und Menschenrechte noch völlig unbekannte Begriffe waren. Umso weniger darf es Russland gestattet sein zu gewinnen. Umso mehr muss ein Krieg gegen Russland gewonnen werden.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Witold Jurasz

Journalist bei der Onlineplattform Onet.pl und der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna, Vorsitzender des Zentrums für Strategische Analysen, ehemaliger Mitarbeiter der Investitionsabteilung der NATO, Diplomat in Moskau und Chargé d’affaires der Republik Polen in Belarus.

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