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Das besetzte Haus. Ukrainische Kunst als Antwort auf die russische Invasion

„In diesem gegenwärtigen Kampf sehe ich auf der Seite der Faschisten nur die veralteten und überholten Kräfte, und auf der anderen Seite das Volk mit seinen immensen schöpferischen Ressourcen, die Spanien eine Macht verleihen werden, die die ganze Welt in Erstaunen versetzen wird.“

Joan Miró, 1937[1]

 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass eine künstlerische Reaktion auf Kriege, insbesondere Kriege des 20. Jahrhunderts, in der Wahrnehmung des Mainstreams immer erst im Nachhinein möglich ist und bewertet werden kann. Erst, wenn das Sterben vorbei und wenn eine Flut von Geschichtsbüchern es uns ermöglicht, Geschehnisse und Taten in den vermeintlich richtigen Kontext zu stellen, können wir Kunst als Reaktion auf Krieg verstehen. Vor allem, wenn dabei Kritiker in ihrer Analyse eines Werkes auf Interviews und Aussagen der Künstler aus den Jahren nach dem Krieg zugreifen können und vermeintlich jeden einzelnen Gedanken und jeden Aspekts der Komposition erfassen können, der in die Schaffung eines Kunstwerks eingeflossen ist.

Es scheint jedoch, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine in der Art und Weise, wie wir als Außenstehende ihn miterleben können, die etablierte Wahrnehmung von Kunst als Reaktion auf Krieg, auch als Propaganda, über den Haufen wirft: Von zahllosen Cartoons und Sketchen basierend auf den Videos mutiger ukrainischer Bauern, die russische Militärausrüstung im Wert von Milliarden Dollar wegschleppen, über Briefmarken und Kunstwerke, die den mittlerweile legendären Slogan „Russisches Kriegsschiff, f** dich…!“ aufgreifen, bis hin zu Lesungen und öffentlichen Diskussionen, die aus Bunkern gestreamt werden und Dozenten, die von der Front aus online unterrichten.

Die Kunst der Ukraine ist Ausdruck der Zivilgesellschaft, in all ihrer Zersplitterung, aber auch Ausdruck von Solidarität, Unabhängigkeit und Widerstand gegen die völkerrechtswidrige Invasion Russlands. Ein beeindruckender Aspekt davon war kürzlich in der Alten Münze in Berlin zu sehen, einer ehemaligen preußischen Münzprägeanstalt, die heute Kunstraum und interdisziplinäres kreativen Zentrum ist. Im dunklen, bunkerartigen Kellergeschoss zeigte die Wanderausstellung „Das besetzte Haus / The Captured House“ eine unmittelbare Reaktion auf den Krieg. Organisiert von der ukrainischen Kunstagentur PORT, kuratiert von Kato Taylor und unterstützt vom ukrainischen Ministerium für Kultur und Informationspolitik sowie dem Außenministerium der Ukraine, versammelte sich hier eine Gruppe von 50 ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern, die 200 Arbeiten von dort beisteuerten, wo sie sich gerade aufhielten: von Orten in ganz Europa, die als Geflüchtete erreicht wurden, bis hin zu Frontpositionen in der Ukraine selbst. Fast Dreiviertel der Werke wurde in den letzten Monaten und Wochen, während des Krieges, geschaffen.

Der dunkle, verwinkelte und labyrinthartige Ausstellungsraum verstärkte den Effekt von Verwirrung und Schmerz, den die Ausstellung als ernsten Eindruck vermittelt: Um die Bilder von Fotograf Andril Bashtovyi zu sehen, die Bürger zeigen, die sich vor russischem Beschuss in der Charkiwer U-Bahn verstecken, mussten sich die Ausstellungsbesucher in eine Nische bücken, über der eine bedrohlich-dicke Betonplatte schwebte. Eine Licht- und Klanginstallation, in der Reden von Wolodymyr Selenskyj geremixt wurden, befand sich in einem großen Raum, der mit einem Baugerüst und Hunderten von Metallstreben gefüllt war. Unklar blieb, ob diese Schwindelgefühle auslösende Einrichtung schon vorher da war oder eigens hier installiert wurde. Alle Kunstwerke wurden von Texten begleitet, in denen die Künstler darüber sprechen, wo „der Krieg sie gefunden hat“ und warum sie auf diese besondere Weise reagiert haben. Im Text von Alexandra Krolikowska heißt es zum Beispiel: „Ich verließ Kiew als die russische Invasion begann – in der Nacht zum 25. Februar. Für mich war es das dritte Mal, dass ich aufgrund der russischen Aggression meine Heimat verlor, denn ich bin in Donezk geboren und lebte vor 2014 auf der Krim.“ Und es gibt einen weiteren Aspekt, der die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges zeigt – den Tod von Künstlern. Teil der Ausstellung sind Bilder des Fotografen Maks Levin, der Mitte März 2022 während seiner Arbeit als Pressefotograf von russischen Truppen erschossen wurde. Levins Werk und sein Schicksal scheinen in Deutschland insgesamt eine große Resonanz zu finden. Eine Woche vor der Berliner Ausstellung besuchte ich eine Ausstellung seiner Werke im Zentrum für verfolgte Künste im nordrhein-westfälischen Solingen, die mit den Augen des Fotografen und seinen Bildern den Weg der unabhängigen und demokratischen Ukraine von den Euromaidan-Protesten 2014 über den Krieg im Donbass bis hin zu Bildern von der russischen Invasion zeigte, fast bis zu dem Tag, an dem Maks getötet wurde.

Fot.: Marcel Krueger

Auch aufgrund der Anzahl der Künstler, die im Rahmen von „Das besetzte Haus / The Captured House“ ausstellten, sind die Werke in ihrer Formensprache und Materialwahl sehr unterschiedlich. Es gibt die detaillierten und filigranen Skizzen von Alevtina Kakhidze, die Szenen aus dem Krieg darstellen, während Bogdan Tomashevsky sich dafür entschieden hat, einen Militärrucksack statt mit Munition, Verpflegung und Verbandszeug mit einer Staffelei zu füllen. Michail Ray hat auf verfremdeten Portraitfotos die Gesichter russischer Soldaten mit vernähten Wunden in Form der Buchstaben Z, O und V, den russischen Symbolen des Krieges, brachial entstellt und ihrer Individualität entraubt. In der ganzen Ausstellung gab es viele Trümmer des Krieges, von Schrapnellsplittern als Bestandteil von Werken bis hin zu einer ganzen Tür als Ausstellungsobjekt – dem einzigen, was von einem Haus in Mariupol übriggeblieben ist. Für mich als Besucher waren es die Rohheit und Unmittelbarkeit der Werke, die oft in nur wenigen Tagen oder Wochen entstanden sind, die mich am meisten berührt und ergriffen haben. Die Künstler schweben hier nicht als neutrale Beobachter über den Dingen, sondern sind im wahrsten Sinne Kriegsteilnehmer, traumatisiert, verletzt, mit knapper Not dem Tod entronnen. Die Perspektiven ihrer Verwundbarkeit und Offenheit sind aber ebenso ein Ausdruck des Trotzes, ein „Wir sind hier!“ als Antwort auf das erklärte Ziel der politischen Führung Russlands: der Auslöschung der Ukraine als Land und Kultur; eine Antwort, die in der Ausstellung schonungslos erlebbar wurde.

Es gibt natürlich ein Ungleichgewicht in der Art, wie ukrainische Künstler ihre Arbeit international präsentieren können. Während Künstlerinnen reisen können, um die Botschaft der demokratischen Ukraine zu verbreiten, können ihre männlichen Kollegen die Ukraine nur mit Sondergenehmigungen verlassen – wie kürzlich im Fall der Gewinner des Eurovision-Wettbewerbes 2022, dem Khalush Orchestra, die inzwischen in die Ukraine zurückgekehrt sind und teilweise wieder in Uniform dienen. Andere wiederum nutzen ihre Stimme und Plattform, um weiter zu schreiben und berichten, und um kontinuierliche Unterstützung für ihr Heimatland zu fordern. Die Schriftsteller Serhij Zhadan und Andrij Kurkow zum Beispiel haben sich dafür entschieden, zu bleiben und ihre Social-Media-Plattformen und publizistische Reichweite zu nutzen, um Reportagen aus der Ukraine zu verfassen, Spenden zu sammeln und diese zu verteilen. Die Schriftstellerin Yevgenia Belorusets hat ein zutiefst fesselndes Kriegstagebuch aus Kiew online veröffentlicht. Tanja Maljartschuk, deren 2016 erschienenes Buch „Blauwal der Erinnerung“ tiefe Einblicke in den ukrainischen Kampf um die nationale Identität bietet, geht offen mit ihrer Unfähigkeit um, dem Krieg künstlerisch zu begegnen.

Die Reaktion der ukrainischen Künstler auf den russischen Angriffskrieg bleibt die einer demokratischen Zivilgesellschaft: roh und fragmentiert, verletzt und verletzlich, breit gefächert und doch vereint in der Überzeugung, dass ihre junge Demokratie, so fehlerhaft und korrupt sie auch sein mag, immer noch die ihre ist und deren Existenz verteidigt werden muss. Die persönliche Ebene der Kunst transportiert die schreckliche Erfahrung der Invasion härter und deutlicher als Nachrichten und Berichte von Kriegsreportern und macht deutlich, wie geeint ukrainische Künstler in Solidarität und streben nach Unabhängigkeit sind. Gerade wir in Deutschland täten gut daran, ihnen besser zuzuhören, als wir es bisher getan haben.

 

Das besetzte Haus/The Captured House“ war bis zum 15. Mai in Berlin zu sehen und wird noch in Paris, Rom und Amsterdam gezeigt.

[1]    https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/53848

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Marcel Krueger

Marcel Krueger ist Schriftsteller und Übersetzer. 2019 hat er als offizieller Stadtschreiber von Allenstein/Olsztyn im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Kulturforums östliches Europa über das Leben in Ermland-Masuren berichtet. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Von Ostpreußen in den Gulag“ (2019).

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