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Die Kirche und die Causa Polen

Laut Papst Franziskus soll einer der möglichen Gründe für den russischen Überfall auf die Ukraine und Putins Haltung das „Bellen der NATO an Russlands Tür“ gewesen sein. Diese Worte haben die polnische Öffentlichkeit dermaßen empört, dass nun viele Menschen erklären, aus der Kirche austreten und ihre Kinder aus dem Religionsunterricht nehmen zu wollen. Welche Folgen können die Äußerungen von Papst Franziskus über den Krieg in der Ukraine für die Katholiken in Polen nach sich ziehen? Es werden sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden, so Experten. Dies sei ein langjähriger, aber unaufhaltsamer Prozess.

Seit einigen Jahren sind in Polen verstärkt Spannungen zu spüren, die durch die Abneigung gegen den Klerus verursacht werden. Papst Franziskus, der vom polnischen Klerus weder gemocht noch geschätzt wird, war für viele Katholiken das letzte Bollwerk einer Kirche, für die das Geistliche zählt, und nicht das Geld. In der polnischen Öffentlichkeit, insbesondere in den sozialen Medien, wird die gesamte Kirche mit boshaften Kommentaren bedacht, es werden wichtige Probleme aufgegriffen, die die Kirche unter den Teppich kehrt. Hochgekommen ist wieder das „Dilemma“ pädophiler Priester, mit denen die Kirche nicht aufräumt, denn anstatt diese unverzüglich aus dem Priesterstand zu entlassen und vor Gericht zu bringen, werden sie von einer Pfarrei in die andere versetzt. „Die Kinder provozieren die Priester zu Vergewaltigungen“ – dieser Satz von Erzbischof Józef Michalik vor wenigen Wochen hat in der Gesellschaft erneut einen Aufschrei ausgelöst. Er findet Ausdruck in Memes und in hemmungslosen Scherzen sowie in Spöttereien über die Kirche. Diese sei mittlerweile zu einer echten geistigen Führung unfähig und verfolge nur noch ihre eigenen politischen Interessen. Scheinheiligkeit und die Not von Opfern ausnutzen, um sich zu bereichern – das sind die Hauptvorwürfe an kirchliche Institutionen. Papst Franziskus hat nun Öl ins Feuer gegossen, indem er sich nicht eindeutig auf die Seite der von Putin überfallenen Ukrainer gestellt hat. Da helfen auch die Erklärungen polnischer Publizisten nicht, die den Papst damit zu rechtfertigen versuchen, dass er Osteuropa nicht verstehen würde. Das Internet ist zum großen Schauplatz für Wutäußerungen gegen Franziskus geworden: Er relativiere den Alptraum in der Ukraine und solle von seinem Amt zurücktreten, wenn er nicht verstehe, welche Rolle ein Kirchenoberhaupt in solchen Situationen einzunehmen habe.

Gott hat mit denen nichts zu tun

„Schluss damit, ich verlasse die Kirche, ich beantrage den Austritt“ – solche Erklärungen gab es in den vergangenen Wochen hundertfach. Die Zahl der Austrittsanträge war schon innerhalb der letzten Jahre sprunghaft gestiegen. Doch nicht alle Austrittsanträge bedeuten, dass die Menschen vom Glauben abgefallen sind. Ein Teil von ihnen möchte lediglich aus der katholischen Kirchengemeinschaft austreten. Wer seine Mitgliedschaft in der katholischen Kirche aufgibt, kann nicht mehr Taufpate werden, kann nicht mehr kirchlich heiraten und auch nicht kirchlich beerdigt werden.

„Gott hat nichts mit diesen verkommenen Kerlen zu tun“, kommentieren Internetuser und bekräftigen, ihre Kinder aus dem Religionsunterricht zu nehmen, aber weiterhin gläubig zu bleiben, nur eben ohne Mittler, die der Funktion als Seelsorger nicht würdig seien. Denn mit ihren Standpunkten würden sie beweisen, dass sie für den modernen Menschen und dessen Probleme absolut kein Verständnis hätten und darüber hinaus nicht in der Lage seien, ganz real zur Verbesserung der Welt beizutragen, die vor unseren Augen zu einer Welt wird, die nicht mehr zu retten ist.

Laut Professor Michał Wróblewski, Soziologe und Philosoph von der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń, hat im polnischen öffentlichen Diskurs einst die Unterscheidung in „offene Kirche“ und „geschlossene Kirche“ funktioniert. Erstere soll Ausdruck progressiver Tendenzen in der katholischen Kirche gewesen sein, während letztere die konservative Linie vertreten haben soll. Papst Franziskus verbinden viele polnische Katholiken mit der Idee von der offenen Kirche, was ihm sowohl Sympathien bei den einen als auch Kritik und regelrechte Feindseligkeit bei den anderen eingebracht hat.

„Die Unterschiede zwischen den konservativen und den fortschrittlichen Katholiken wurden vom Angriff Russlands auf die Ukraine vollkommen überdeckt“, sagt Professor Wróblewski. „Für die polnische Gesellschaft, die im Schatten des russischen Imperiums lebt, ist diese Situation eindeutig. Die Worte von Papst Franziskus stoßen deshalb auf heftige Ablehnung, sowohl unter den Anhängern der offenen Kirche als auch unter denen der geschlossenen Kirche. Im polnischen Kontext sind auch die – in letzter Zeit immer hitzigeren – Debatten über die schädliche Rolle der katholischen Kirche innerhalb der polnischen Öffentlichkeit wichtig. Schon lange vor dem Krieg haben Kontroversen im Zusammenhang mit dem Anti-Abtreibungsgesetz und den Kindesmissbrauchsskandalen die Abneigung der Polen gegen die kirchlichen Institutionen vergrößert. Dies belegen öffentliche Umfragen. Das Verhältnis des Vatikans zu Russlands Krieg gegen die Ukraine hat diese Tendenzen verstärkt. Immer mehr konservative Katholiken werden die Autorität des Papstes in Frage stellen, und immer mehr progressive Katholiken werden aufhören, Gottesdienste zu besuchen. Franziskus‘ Verhalten dürfte in Polen im Prinzip alle Gläubigen empören, und dass bedeutet, dass kritische Tendenzen gegenüber der Kirche als Institution stärker werden.“

Jarosław Wojtas, Politologe der privaten Bankhochschule in Toruń, macht sich Gedanken über die Ziele der römisch-katholischen Kirche in Polen, die diese sich selbst stellt: „Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine war das ehrliche Engagement von Gläubigen für die Flüchtlingshilfe ganz deutlich zu sehen“, so Jarosław Wojtas. „Viele Gruppierungen innerhalb der Kirche leisten charitative Hilfe im Alltag, doch ein Teil der Geistlichen setzt auf die Realisierung einer anderen Mission. In der heutigen Welt kann man der Politik kaum entkommen, dennoch stellt sich die Frage: Warum ist das zentrale Interesse für so viele Geistliche vor allem die Politik? Was bewegt kirchliche Würdenträger dazu, verantwortungslose Standpunkte im Hinblick auf die Ursachen von Pädophilie zu vertreten? Wie lassen sich deren kontroverse Meinungen zu häuslicher Gewalt und offene Ablehnung von Minderheiten erklären? Solche Äußerungen haben die Öffentlichkeit oft geschockt und zu einer immer stärkeren Diskrepanz zwischen Gläubigen und deren Werten auf der einen und den kirchlichen Würdenträgern auf der anderen Seite geführt.“

Der Politologe ist der Meinung, dass Franziskus durch sein persönliches Beispiel, durch seine eindeutige Haltung, sich bei aktuellen politischen Streitigkeiten nicht einzumischen, durch seine Bescheidenheit, seine Offenheit und Authentizität, dazu beigetragen hat, dass zwar die Welle der Austrittsanträge zurückgegangen, es dafür aber zu einer weniger spektakulären, jedoch wesentlich schmerzlicheren stillen Abwendung von der Kirche gekommen ist. Was ist passiert, dass er sich bezüglich des Krieges in der Ukraine so kontrovers geäußert hat?

„Die Äußerung des Papstes zur NATO, die an der Tür Russlands gebellt haben soll, hat Verwunderung hervorgerufen, aber meiner Meinung nach ist das lediglich der Anfang, der erste Akt seiner Verhandlungen bezüglich des weiteren Kriegsverlaufes, vielleicht gar eine Einladung zu Verhandlungen im Vatikan selbst“, will Jarosław Wojtas überzeugen. „Der Papst versucht, mit einem unberechenbaren Diktator zu kommunizieren, in dessen Händen das Schicksal von Millionen von Christen liegt. Diese enorme Asymmetrie muss berücksichtigt werden. Der Papst weiß genau, was Diktatur bedeutet, weil er viele Jahre in Argentinien verbracht hat, als dieses von Jorge Videlas Regime terrorisiert wurde. Jemand, der persönlich das Leben in einem System erlebt hat, das auf blutiger Gewalt basiert, setzt auf eine Verantwortungsethik, selbst wenn die Ethik seiner eigenen Überzeugungen dahinter zurücktreten muss. Es liegt im Interesse der Kirche, es nicht dazu kommen zu lassen, dass ultrakonservative Kräfte, die Putins Weltbild teilen, die Interpretation der Worte des Papstes bestimmen, und damit dessen inklusive Agenda kompromittieren.“

Das Ende der Autorität

Die Romanautorin Anna Klejzerowicz aus Gdańsk ist der Meinung, dass Papst Franziskus seine Äußerung und deren mögliche Konsequenzen nicht überdacht hat. Aus der Sicht eines durchschnittlichen Polen, der sich wahrhaftig für die Hilfe der Ukraine eingesetzt und oft mehrere kriegsbetroffene Familien aufgenommen hat, war die Äußerung des Papstes verletzend und wirklichkeitsfremd.

„Es ist schwer zu verstehen, wie man einen so schweren Fehler machen kann“, sagt Anna Klejzerowicz. „Als Politiker (denn er ist das Staatsoberhaupt des Vatikans), als Kirchenoberhaupt, und schließlich als Mensch. Ich habe den Eindruck, dass die kirchlichen Würdenträger bereits so wirklichkeitsfremd sind, dass sie die gesellschaftlichen Stimmungen nicht mehr spüren. Seit Jahrhunderten unterstützt die Kirche die Täter stärker als die Opfer – angefangen von der Familie, bis hin zur großen Politik. Doch die Welt hat sich verändert, die Opfer sind nicht mehr ohne Stimme. Es wäre angebracht, dieser Stimme mit Respekt zuzuhören und die Menschen als Subjekte zu behandeln. Das sind keine willenlosen feudalen Massen mehr, die man in seinen Berechnungen vernachlässigen kann. In Polen ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass die Autorität der Kirche abnimmt. Die Polen wenden sich von der Religion ab. Das resultiert aus der Scheinheiligkeit des Klerus, der für die Pädophilie in der Kirche nicht die Verantwortung übernimmt, und aus der Einmischung der Kirche in die Staatspolitik und in die staatliche Gesetzgebung.“

Die Schriftstellerin sagt, sie störe am meisten die Gier kirchlicher Beamter, die Skandale, die ungestraft bleiben, und die Verachtung für die Menschen. Auch die Dienstbarkeit von Politikern der Kirche gegenüber tue dieser nicht gut.

„Wie soll ein normaler Mensch, selbst ein eifriger Katholik, diese Signale verstehen?“, fragt sich Anna Klejzerowicz. „Den Krieg hat nicht der Angreifer entfesselt, sondern das ,Bellen‘ zur Verteidigung der Angegriffenen, genauso wie Opfer zu Vergewaltigung und Gewalt provozieren? Kirchliche Würdenträger verbreiten vom Sockel der Macht solche Ansichten und sie strotzen vor Gold, haben aber diesen Reichtum gar nicht selbst erarbeitet, sondern ihn von den verachteten Massen und den Opfern genommen, denen sie befehlen zu schweigen. Die Kirche verfolgt keine geistige oder moralische Mission, sondern eigene Interessen. Sie kann beim Zeitgeist mit den Gläubigen nicht mithalten. Es ist, als hätte der Klerus sich in der Epoche geirrt. Deshalb torpedieren die Polen den Klerus mit Satire, sie bekämpfen seinen Hochmut mit Lachen. Aber wo bleibt dabei Platz für den Glauben? Die Kirche tut alles, um ihren eigenen Untergang herbeizuführen.“

So schnell wird sie zwar nicht untergehen, sagen die Experten einhellig, doch sie wird als Fassade funktionieren, wird vielen Gläubigen lediglich einen Bruchteil dessen geben, was sie unwiederbringlich verloren hat – das Gefühl von Gemeinschaft, Hilfe bei psychischen und spirituellen Krisen. Heirat, Taufe, Kommunion, Firmung – die Polen wollen die Tradition erhalten, die sie mit der freudvollen Erfahrung bedeutsamer Momente in ihrem Leben in einem trägen Polen verbinden. Einem Land, das unangemessen regiert wird und keine ausreichende Sicherheit in den Bereichen Soziales, Gesundheit und Bildung bietet. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Polen den Tschechen immer ähnlicher werden. Sie wissen zwar, was gespielt wird, wollen aber auch leben. Das, was ihnen unbequem ist, reagieren sie durch schwarzen Humor ab. Denn nur so können sie zeigen, dass die Macht – sowohl die weltliche als auch die kirchliche – in ihrem Leben keine Autorität mehr genießt.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Karina Obara

Karina Obara ist Journalistin, Schriftstellerin, Dichterin, Essayistin und Malerin. Sie studierte Politikwissenschaften an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń und europäische Journalistik am College of Europe in Warschau.

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