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Unsere Arche und ihre Luftabwehr

Heute ist Sonntag, und ich habe mir erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erlaubt, einen Spaziergang durch meine Heimatstadt zu machen. Ich ging nicht zum Zentrum für humanitäre Hilfe, um Hilfslieferungen in die vorderen Linien zu schicken, eilte

nicht zum Bahnhof, um Freunde und Unbekannte abzuholen, die der Hölle entkommen sind. Ich verlangsamte nicht meine Schritte und las mir keine schrecklichen Nachrichten auf dem Telefon durch. Stille oder auch ein kurzes und wenig beruhigendes „alles in Ordnung“ – solche Nachrichten sind es meist, die ich von Freunden aus den am heißesten umkämpften Orten erhalte.

Heute bin ich einfach hinausgegangen, habe mir Lemberg angeschaut, gespürt, wie verletzlich die Stadt ist, und mich deshalb angestrengt, sie meinem Gedächtnis einzuprägen. Für alle Fälle.

Auch ihr Polen liebt Lemberg, deshalb werde ich euch von ihm erzählen, denn offenbar macht ihr euch Sorgen, wie es ihm jetzt ergeht.

Vor einigen Tagen feuerten die Russen sechs Lenkraketen auf Lemberg. Zwei davon wurden von der ukrainischen Luftabwehr abgeschossen. Vier schlugen in der Stadt ein, aber in den Vororten, so dass bisher keines der Bauwerke, die ihr kennt und liebt, gelitten hat.

Ihr erinnert euch doch an unseren großen Marktplatz? Alle Brunnen dort, der Neptun und die Diana, der Adonis und die Amphitrite, sind jetzt von Metallgerüsten geschützt, verhüllt und sorgfältig mit Sandsäcken abgedeckt.

Im Rathaus wird gearbeitet, und in den Kellern darunter, wo sich das Stadtmuseum befindet, sind jetzt auch Schutzräume gegen die russischen Bomben. Wenn der Luftalarm ertönt, suchen die Leute hier Schutz, wie auch sonst überall im Untergrund von Lemberg. Ich gehe ehrlich gesagt nicht in den Keller, solange ich keine Explosionen höre. Das ist natürlich falsch, macht das nicht, wenn in den polnischen Städten auch die Sirenen ertönen.

Und erinnert ihr euch an die Lateinische Kathedrale? Sie heißt auch die Metropolbasilika der Himmelfahrt der Allerheiligsten Jungfrau Maria. Aber wir nennen sie ganz einfach nur die Kathedrale. Früher mochte ich es, sonntags hineinzugehen und die Messe in polnischer Sprache zu hören.

Ihr müsst wissen, dass wir uns um die Kathedrale kümmern, ihre Fenster sind jetzt mit Metallplatten zugedeckt, damit keine Splitter der russischen Raketen die Glasmalereien beschädigen können. Sandsäcke sind auch am Ort. Wir haben sie herbeigeschleppt und ringsum aufgeschichtet, damit die Kathedrale und alle ihre Statuen erhalten bleiben. Ich hörte, dass Polen hilft, den Schutz der Baudenkmäler von Lemberg zu finanzieren, aber leider habe ich keine Zeit, diese Information zu überprüfen. Überhaupt habt ihr, denke ich, mehr Nachrichten aus der Ukraine als ich. Wir sind hier manchmal wie die Soldaten, die vom Krieg über ihren Schützengraben hinaus nichts mitbekommen.

In Lemberg halten sich viele Flüchtlinge aus dem ganzen Land auf. Viele Menschen aus dem Osten der Ukraine sind erstmals hierher gelangt. Ich bin sicher, dass sie sich trotz der ausgesprochen widrigen Umstände in unsere Stadt verlieben werden. Lemberg ist eine Arche, schön und sonnig.

Trotz der Gefahr, trotz der Sirenen und der Überfüllung der Stadt, die für die Ukraine zu einer Arche geworden ist, ist es auf den Straßen sauber. Die Hausmeister machen ihre Arbeit, wie wir alle.

Am Anfang, nach den ersten Raketenangriffen auf andere Städte, schlossen die Lemberger ihre wunderbaren Cafés und Geschäfte. Aber das Leben passt sich an und erneuert sich, jetzt ist alles offen. Vor dem Krieg war ich in einem Kosmetiksalon registriert, sie haben mir eine SMS geschickt, dass sie wieder aufgemacht haben und ich kommen kann. Ich werde nicht hingehen. Aber es ist schön zu wissen, das ganz in der Nähe so etwas Normales und Sorgloses besteht wie ein Schönheitssalon.

Nur die Öffnungszeiten haben sich bei allen Geschäften geändert, weil sich alle an die Sperrstunde halten müssen. Wenn du bis spät arbeitest, hast du daher am Abend keine Zeit mehr, noch einzukaufen.

In meiner Lieblingsbuchhandlung in der Galizischen Straße sammelten sie anfangs Kleidung und Spielzeug für die Flüchtlinge aus den zerbombten Städten. Und jetzt sammeln sie ukrainische Bücher für die Kinder, die vorübergehend zu euch nach Polen evakuiert wurden.

Wir sind euch übrigens unendlich dankbar. Wir wissen, dass ihr, die Bürger Polens, euch als unsere wahren Freunde, Schwestern und Brüder erwiesen habt. Und wenn wir den Sieg über das Böse aus Russland feiern werden, werdet ihr mit uns feiern. Solche Gedanken an den Sieg helfen uns hier sehr. Mögen sie auch euch helfen, allen denjenigen, die trotz großer Erschöpfung weiter als Freiwillige der Ukraine helfen.

Heute habe ich mir gestattet, durch Lemberg zu gehen. Ich sah viele glückliche Kinder, die noch nicht verstehen, was mit ihnen passiert ist, und sich einfach an der schönen Stadt erfreuen. Ich hörte Straßenmusiker auf dem Kathedralenplatz. Aber während ich so über die Straßen meiner Heimatstadt ging, schaute ich sie mir genau an, jedes Basrelief und jede Fassadenwölbung, jedes Tor und jedes Fenster mit einem alten Rahmen. Was, wenn sie das alles zerstören? Was wenn… Was werden wir und ihr dann tun?

Sie haben schon unser Mariupol bis auf die Grundmauern zerstört. Sie bombardieren die Sumska-Straße in Charkiw. Sie haben das Museum in Iwankiw niedergebrannt. Museen, Kirchen, Theater. Außer Menschen vernichten die Russen unsere und eure europäische Kultur, alles, was unsere Region ausmacht, alles, was uns zu dem macht, was wir sind.

Und wenn eine Lenkrakete die Kirche trifft, die „polnische Kathedrale“, die armenische Kathedrale, die St.-Andreaskirche, das Metropolit-Scheptyzkyj-Museum, das Potocki-Palais, das Haus, in dem Stanisław Lem aufwuchs, dann werden selbstverständlich Sandsäcke sie nicht retten. Wenn ich daran denke, treten mir Tränen in die Augen, und ich schäme mich dafür. Denn weinen muss man um Menschen, um die tausenden umgekommenen Zivilisten und um unsere ukrainischen Helden, und ich weine jetzt um die Häuser meiner Heimatstadt.

Ich komme zu dem Waffengeschäft am Ende der Krakauer Straße und wundere mich, dass es keine Schlange gibt. Hier gab es seit Kriegsbeginn jeden Tag eine lange Warteschlange. Wer nicht in die Armee eingezogen worden war, ältere Männer und Frauen, kaufte sich Gewehre, um Lemberg zu verteidigen. Wieso ist niemand da, wundere ich mich. Gibt es etwa diese hartnäckigen Verteidiger von Lemberg nicht mehr? Dabei ist doch einfach nur Sonntag. Jeder kennt seine Nummer in der Warteschlange (mein Freund sagte mir unlängst, er sei schon Nr. 159). Und am Montag wird sich am Waffengeschäft auf der Krakauer Straße wieder die stille und konzentrierte Menge von Lembergern und Lembergerinnen versammeln, die bereit sind, ihre Stadt bis zum Ende nicht aufzugeben.

Dabei können die Russen selbst die kleinen Städte im Osten und Süden nicht einnehmen, wie dann Kiew oder Lemberg? Sie können uns nur aus dem Himmel vernichten. Zusammen mit unseren Häusern, unseren Archiven und den bemalten Kirchenfenstern.

Aber auf unserer Seite steht die ukrainische Luftabwehr, die vor kurzem zwei von sechs Raketen abgeschossen hat. Auf unserer Seite sind die Bewaffneten Streitkräfte der Ukraine und die Sonne über Lemberg, und Gott, dem sie hier in den Kirchen auf ukrainisch und in der Kathedrale auf polnisch dienen. Und es wäre natürlich gut, wenn sich Gott und den ukrainischen Streitkräften auch noch die NATO anschlösse, seid so gut und sagt ihnen das.

 

Aus dem Ukrainischen von Andreas R. Hofmann


Dieser Beitrag ist im Rahmen eines gemeinsamen Projektes zwischen der polnischen Zeitschrift ZNAK und dem DIALOG FORUM entstanden. Das Projekt wurde durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert. Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit

 

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Victoria Amelina

Victoria Amelina ist Romanschriftstellerin, Kinderbuchautorin und Programmiererin. Sie lebt in Lemberg.

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