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„Transhumanismus“, christlicher Fundamentalismus und Verschwörungstheorien

Um aus verschiedenen Milieus von Kritikern der liberalen Demokratie eine schlagkräftige Antisystemgruppe zu formen, bedarf es gemeinsamer Erzählungen. Die begriffliche Verdichtung solcher Leitmotive bezeichnet man als Narrativ. Um die begrifflichen Formeln herum bildet sich dann ein Sinnhorizont, der für die angesprochenen Rezipienten eine identitätsstiftende Bedeutung einnimmt. Gelingt es, aus einem Begriff oder einer Formel ein Narrativ zu machen, reicht dann oft die bloße Nennung aus. Die sinnstiftende Erzählung schwingt immer mit. Politik, egal ob in demokratischer oder undemokratischer Absicht, wird also immer auch mit Narrativen betrieben. Sie vereinfachen und führen zusammen.

Die verschwörungsideologischen Narrative „Great Reset“ und „Großer Austausch“

Übergreifende positive Narrative, die über bestimmte Zielgruppen hinausgehen, sind gemeinhin schwer zu finden, weshalb sie oft wie Leerformeln anmuten. Dagegen-Erzählungen können hingegen höchst unterschiedliche ideologische Lager offensiver ansprechen und geteilte Emotionen wecken. Deshalb spielen sie gerade bei der populistischen und oft antidemokratischen Agitation eine große Rolle. Schließlich geht es ja gegen „die Elite“, der man „das Volk“ als vermeintlich betrogene Einheit gegenüberstellen möchte. Trumps Zukunftserwartung „Make America Great Again“ wäre nichts ohne die dahinterstehenden Geschichten von den angeblichen – wie er etwa 2017 auf Twitter schrieb – „Fake News Medien“ und „Feinden des amerikanischen Volkes“.

Extremisten und Verschwörungstheoretiker greifen deshalb gerne auf negative Narrative zurück, also auf Abgrenzungsbegriffe, hinter denen die eigene positive Agenda zurücksteht. Die Warnungen vor einem „Great Reset“ oder einem „Großen Austausch“ bezeichnen solche Abgrenzungsnarrative. „Covid-19: The Great Reset“ war ein Buchtitel des WEF-Chefs Klaus Schwab und seines Co-Autors Thierry Malleret. Fälschlicherweise wird Schwab unterstellt, zusammen mit anderen „globalen Eliten“ die Corona-Pandemie inszeniert zu haben, um die Menschheit zu verarmen und zu unterdrücken. Die Formulierung „Großer Austausch“ stammt von dem französischen Autor Renaud Camus. Angeblich, so die darauf basierende Verschwörungstheorie, will „die liberale Elite“ die weiße Bevölkerungsmehrheit in der westlichen Welt durch Einwanderer austauschen – warum auch immer.

Beide Anti-Narrative, das vom „Great Reset“ und das vom „Großen Austausch“, sind nicht nur Humbug, sie haben auch agitatorische Schwächen. Es ist doch recht offensichtlich, dass die Vertreter beider Verschwörungstheorien ein geschlossenes Elitenzentrum unterstellen, welches angeblich einem geheimen Plan folgt. Der weltpolitische Pluralismus wird dabei völlig ignoriert. Wer richtigerweise von einer relativen Komplexität politischer Machtstrukturen ausgeht, kann mit solchen Großtheorien also wenig anfangen. Die Narrative vom „Great Reset“ und vom „Großen Austausch“ sind für sich alleine nicht mehrheitsfähig.

Außerdem schwindet der Ruf einer Verschwörungstheorie mit jedem Anschlag, der in ihrem Namen verübt wurde. Nachdem schon der Attentäter im neuseeländischen Christchurch im Jahr 2019 sein Manifest „The Great Replacement“ betitelte, handelte auch der Attentäter, der im Mai 2022 im amerikanischen Buffalo zehn Menschen erschoss, im Namen der rassistischen „Austauschtheorie“, wie sein Bekennerschreiben zeigt. Die „Great-Reset“-These vermeidet zumindest den offensichtlichen Rassismus und ist deshalb auch für Linksradikale und vergleichsweise „gemäßigtere“ Irrationale vermittelbar. Trotzdem müssen ihr für mehr Glaubwürdigkeit konkretere inhaltliche Aspekte beigemischt werden, denn das Klaus Schwab die Welt im Geheimen beherrscht, seinen Plan dann aber für alle lesbar in einem dünnen und günstigen Buch aufschreibt, ist für manche möglichen Rezipienten doch zu widersprüchlich.

In diese Leerstelle stößt das Abgrenzungsnarrativ vom „Transhumanismus“, welches in radikal systemkritischen und in antiliberalen Kreisen eine bemerkenswerte Bedeutung erreicht hat. Die verschiedenen Protagonisten und Medien der verschwörungsideologischen, die liberale Demokratie und ihre Institutionen grundsätzlich infrage stellenden Szene sehen im „Transhumanismus“ einen Gegenbegriff, der den imaginierten Plan derjenigen, die man ablehnt, auf den Punkt bringt. Die Transhumanismus-Vokabel wird zur Konkretisierung und Plausibilisierung der übergreifenden „Great-Reset“-These eingesetzt und macht diese greifbarer. Außerdem fungiert sie als Scharnier in etablierte Milieus, die sich Sorgen um die Humanität machen, was auch immer man darunter versteht.

Der „Trans-“ oder „Posthumanismus“ als transideologisches Narrativ

Das entscheidende am Narrativ vom drohenden „Trans-“ oder „Posthumanismus“ (beide Begriffe werden oft analog gebraucht, obwohl letzterer auf einem Kontinuum weiter reicht) ist dabei seine Verwendbarkeit über ideologische Grenzen hinweg. Mit einer Kritik am angeblichen „Transhumanismus“ können sich unterschiedliche Gruppen identifizieren, da der Begriff sehr weit ist, der darin enthaltene Terminus „Humanismus“ eine positive Konnotation besitzt und es zudem eine demokratiekompatible Kritik trans- bzw. posthumanistischer Tendenzen und Ideen gibt, etwa der 2016 erschienene Bestseller „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari.

Insofern steht das Narrativ vom drohenden Transhumanismus, so wie es von radikalen Kritikern der liberalen Demokratie verwendet wird, heute vor allem für den geschickten Versuch, durch sprachliche Repräsentation und „Wording“ eine Allianz von rechtsradikalen Ideologen, Verschwörungstheoretikern und besorgten Menschen zu schaffen. Das Narrativ soll als attraktives Angebot für einen Markt potentieller Unterstützer fungieren. Als Abgrenzungsbegriff ist der „Transhumanismus“ sozusagen transideologisch – und er besitzt empirische Anknüpfungspunkte, von der Pharmalobby bis hin zu den Bemühungen digitaler Überwachung, mit denen zum Beispiel China den „großen Sprung nach vorn“ fortschreiben möchte. Mit einem Begriff, der auf den ersten Blick eine Abkehr vom Menschlichen beschreibt, können negative Geschichten aller Art verbunden werden.

Ursprünglich bezeichnet „Transhumanismus“ die Idee, mittels Kombination von menschlichen Ressourcen und technischen Innovationen Fortschritt zu erzielen. Dabei geht es zentral um Eingriffe in den menschlichen Körper, wozu natürlich auch eine Prothese gehören kann. Es handelt sich um ein heterogenes Ideenfeld zwischen utopischem Mensch-Maschine- und Unsterblichkeits-Futurismus und bloßem Technik- und Fortschrittsoptimismus. 2002 verfasste Francis Fukuyama eine Kritik der Biotechnologie, in der er vor der Gefahr einer posthumanen Welt warnte („Our Posthuman Future“). Dabei vertrat er aber gerade keine religiös oder verschwörungstheoretisch fundierte Position, sondern argumentierte auf der Basis der Menschenwürde und der politischen Gleichheit. Fukuyama warnt vor der Entstehung einer „genetischen Superklasse“ und damit verbundenen Ungleichheiten. Differenziert unterscheidet er zwischen den begrüßenswerten Möglichkeiten der „Heilbehandlung“ und den möglichen Gefahren menschlicher „Vervollkommnung“. Sein liberal-konservatives Buch mündet in Abwägungen und in der Anmahnung institutioneller Kontrollmechanismen. In Yuval Noah Hararis „Homo Deus“ geht es ebenfalls um Gleichheit, und darüber hinaus um Gefahren in Bezug auf die Willensfreiheit des Menschen.

Christlicher Fundamentalismus – Verschwörungstheorie – Esoterik 

Neuere Arbeiten zum Thema aus dem Bereich des christlichen Fundamentalismus nutzen die Diskussion über Trans- und Posthumanismus im Gegensatz zu Fukuyama oder Harari nicht, um einen gehaltvollen Beitrag zu ethischen Diskussionen zu leisten. Es geht den Autoren vielmehr instrumentell darum, ein archaisch-antiliberales Bild von einem angeblichen „Naturrecht“ zu postulieren. Diese Vorstellung konterkariert die Maßstäbe der individuellen Menschenwürde, der individuellen Willensfreiheit und der gleichen Rechte, steht also im Gegensatz zu den Prinzipien der Aufklärung. Beispielhaft dafür steht Grégor Puppincks 2018 auf Französisch und 2020 auf Deutsch erschienenes Buch „Der denaturierte Mensch und seine Rechte“.

Puppinck ist Direktor der christlich-fundamentalistischen Nichtregierungsorganisation „European Centre for Law and Justice“, einer Partnerorganisation der ebenfalls fundamentalistischen polnischen Juristenorganisation Ordo Iuris. Die Agenda dieser Vereinigungen, die international vernetzt mit anderen Organisationen agieren, ist offensichtlich. Es geht beispielsweise gegen die Rechte sexueller Minderheiten, gegen das Recht auf Abtreibung, gegen Partnerschaftsmodelle jenseits der klassischen Familie, gegen den Aufklärungsunterricht an Schulen, gegen Verhütung und gegen die strafrechtliche Verfolgung häuslicher Gewalt. Eine vormoderne theokratische Ordnung wird angestrebt.

Puppinck kleidet dieses Programm in eine Kritik an der angeblichen „Denaturierung“ und am vermeintlichen „Transhumanismus“, die er etwa in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte am Werk sieht. Die „individuelle Autonomie“ sei „zum Ideal der Menschenrechte und der westlichen Gesellschaft geworden“. Als Ergebnis beklagt er die Entstehung von „transhumanen Rechten“, worunter ihm zufolge die körperlichen Selbstbestimmungsrechte von Transsexuellen ebenso fallen wie das Abtreibungsrecht oder die Rechte von Homosexuellen. Puppinck spricht von der „‘widernatürlichen‘ Handlung … der homosexuellen Unzucht“. Er vertritt die Agenda eines gegen individuelle Menschenrechte gerichteten, also antiliberalen und antidemokratischen christlichen Fundamentalismus, der sich zur Tarnung auf den Begriff „unveränderliche Humanität“ stützt.

Der rechtsradikale Althistoriker David Engels ist einer jener Autoren, die das religiös-fundamentalistische Narrativ vom angeblichen „Transhumanismus“ zusätzlich mit einer verschwörungstheoretischen Konnotation aufladen, um andere Rezipienten mit anzusprechen. In einem am 03.04.2021 auf Polnisch (tysol.pl) und Deutsch (tichyseinblick.de) erschienenen Beitrag warnt er vor einem „Posthumanismus“, der angesichts der seines Erachtens nur „einen verschwindenden Bruchteil der Bevölkerung“ betreffenden Corona-Pandemie betrieben werde. Laut Engels fordern viele Politiker eine „transhumanistische Wende“, die Impfung sei deshalb ein „Dammbruch auf dem Weg zu einer ‚neuen‘, vollmedikalisierten künstlichen Menschheit“. Das „Endziel“ dieser Politiken sei, das Stichwort darf nicht fehlen, der „große Reset“. Im gleichen Artikel polemisiert der Autor gegen „LGBTQ-Bewegungen“, „die Aufnahme von Flüchtlingen“, „Gender-Gerechtigkeit“ und gegen den Klimaschutz. Es geht Engels also um die Verbindung christlich-fundamentalistischer, rechtsradikaler und verschwörungstheoretischer Positionen unter dem Dach des Oberbegriffs „Trans-“ bzw. „Posthumanismus“. Die verschwörungstheoretische Szene ist hierfür empfänglich. Auf dem vielgelesenen, von links kommenden Szeneportal „Rubikon“ heißt es am 28.05.2022: „Der Homo sapiens ergibt sich dem Transhumanismus und schafft sich stufenweise ab.“ Dabei geht es gegen die NATO, das Weltwirtschaftsforum (WEF) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) – die üblichen Verdächtigen also.

Auch auf der anderen Seite des verschwörungstheoretischen Spektrums, beim rechtsextremen Compact-Magazin, gehört die Diagnose vom angeblichen liberalen Transhumanismus des WEF und anderer westlicher Akteure zu den Dauerthemen. Als ein Vertreter solcher Thesen publiziert dort auch der wirre Putin-Apologet Alexander Dugin. Angesichts der Publikationen, die Compact von ihm und anderen russischen Autoren zum Thema publiziert, muss davon ausgegangen werden, dass Putins Vernichtungskrieg bald noch offensiver als Kampf gegen den „Transhumanismus“ und für „traditionelle Werte“ ausgegeben wird. Wassilij A. Schipkow, laut Compact „Geopolitik-Experte des russischen Außenministers“, schreibt im Compact-Sonderheft „Das große Erwachen“: „Daher ist die Wahl zwischen Transhumanismus und traditionellen Werten keine Wahl zwischen Entwicklung und Stagnation, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es ist eine moralische Entscheidung.“ Der Krieg gegen liberale Menschenrechte verkauft sich als „Anti-Transhumanismus“ – und Verschwörungstheoretiker unterschiedlicher Couleur befeuern die Agenda.

Zum Dunstkreis der verschwörungstheoretischen Portale gehört auch die Publizistin Ulrike Guérot, die ein weiteres Rezipientenfeld des Transhumanismus-Narrativs anspricht: eine esoterisch ausgerichtete Szene, die oberflächlich auf Achtsamkeit, Innerlichkeit, Frieden und Verständigung rekurriert. In ihrem gut verkauften Buch „Wer schweigt, stimmt zu“ bezeichnet Guérot den „technologischen Transhumanismus“ als „‘Schwarze Loge‘“. Sie spricht vom „Zeitalter des digital-biometrischen Komplexes“. Man solle „diesen Krieg gegen das Leben jetzt beenden und das Leben neu beginnen“, und zwar durch „die Wiederentdeckung der Weisheit“. Mit weichgespülten Nullaussagen und reichlich Pauschalkritik wird hier Realitätsverweigerung betrieben. Dass dieses Vorgehen für das Geschäft nicht abträglich ist, hat auch der Historiker Daniele Ganser erkannt, der mit seinen antiamerikanischen Vorträgen Hallen füllt und Verschwörungstheorien verbreitet. Bei einem Auftritt mit der Astrologin Silke Schäfer im April 2022 verweist er auf seine Lieblingsbegriffe: „Menschheitsfamilie“, „Gewaltverbot“ und „Achtsamkeit“. Diese Grundsätze müssten dem „Mainstream-Narrativ“ entgegengesetzt werden, bei dem derzeit „die Einen einfach ausgeschlossen werden“ – gemeint ist wohlgemerkt die Sichtweise des Aggressors Russland im Ukraine-Krieg. Als Allheilmittel sagt Ganser seinen Zuhörern: „Wir sind mächtig“. Auf „Rubikon“ führt die Autorin Kerstin Chavent im Mai 2022 aus, dass es der „Transhumanismus“ sei, der die von Ganser besungene „Menschheitsfamilie“ spalte. So funktioniert sinnfreie Vereinfachung.

Deutlich sollte geworden sein, welche Attraktivität das verschwörungsideologische Abgrenzungsnarrativ vom „Transhumanismus“ besitzt: für radikale Ideologen, Naivlinge, Verschwörungstheoretiker und Geschäftsleute. Bei den gleichwohl dringend notwendigen Diskussionen über das Verhältnis von Mensch und Technik ist also stets zu beachten, mit welcher Intention sie geführt werden. Derzeit droht ein rein destruktiver Diskurs über „Transhumanismus“, der aus dem Begriff ein Kampfnarrativ im Dienste der Gegner von Menschenrechten und gewaltenteiliger Demokratie macht. Die Theokraten, das zeigt nicht zuletzt die Entwicklung in den USA, wissen dabei genau, was sie wollen und welche Helfer sie dafür einspannen können.

 

 

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Markus Linden

außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier, zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Theorie und Empirie der Demokratie, Parteien- und Parteiensysteme, die Neue Rechte und Rechtspopulismus.

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