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Russland, die Ukraine und das Wanken des Westens

Die jüngste Phase der bereits seit 2014 fortdauernden russischen Aggression gegen die Ukraine, die mit der groß angelegten Offensive vom 24. Februar 2022 initiiert wurde, rückte plötzlich die bisherigen Analysen, Interpretationen und Prognosen vieler Europäer in Bezug auf Russland und dessen Verhältnis zum Westen in ein neues, grelles Licht. Insbesondere westeuropäische Entscheidungsträger machten diesbezüglich eine Schocktherapie durch – verbunden mit der peinlichen Feststellung, dass sich wesentliche Aspekte ihrer bisherigen Sicht auf Russlands Pläne für seinen ehemaligen imperialen Raum nunmehr als Fehleinschätzungen erwiesen. Als solche betracht(et)en sie überwiegend auch Experten und Politiker aus ostmitteleuropäischen Staaten, allen voran aus Polen und dem Baltikum. Diese Reaktionen waren auch Ausdruck verschiedenster kollektiver Emotionen in Bezug auf einige führende westeuropäische Staaten, die bislang nahezu uneingeschränkt über die Definitionsmacht dessen, was Europa sei bzw. sein sollte, verfügt hatten – in erster Linie Frankreich und Deutschland.

Selbstverständlich lag die Diskrepanz zwischen westlicher und ostmitteleuropäischer Perspektive größtenteils an den unterschiedlichen Erfahrungen der einen und anderen Akteure mit Russland und dem russischen Imperialismus. Diesbezüglich war die Geschichte der Wechselbeziehungen etwa zwischen Polen und Russland bzw. der Sowjetunion ausschlaggebend. Das „Zeitalter der Extreme“, wie Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert nannte, war gerade im östlichen Europa am stärksten ausgeprägt; neben der von Nazideutschland ausgehenden Verheerung fand ein wesentlicher Teil der kollektiv organisierten Gewalt seinen Ursprung in der Expansionspolitik des Kremls, der den ostmitteleuropäischen Raum und dessen mehrheitlich slawische Nationen bis zum Kollaps der UdSSR (1991) imperial, und unter der Präsidentschaft Wladimir Putins nunmehr neoimperial als Einflussgebiet bzw. Interessensphäre wahrnahm. Der über Generationen hinweg immer wieder ausgetragene Verteidigungskampf gegen die Realisierung des russischen kulturellen Selbstverständnisses, als Hegemonialmacht dazu legitimiert zu sein, eine geografisch ad libitum ausdehnbare „russische Welt“ (Russkiy mir, Русский мир) unter ihre Herrschaft zu bringen, führte in Ostmitteleuropa zur Entwicklung einer besonderen politischen wie auch gesellschaftlichen Sensibilität, die zwischen nachwirkenden Traumata (z.B. dem sowjetischen Massenmord von Katyn 1940 gegen die polnische Intelligenz oder auch den Zwangsaussiedlungen aus den baltischen Staaten) und erfahrungsbedingter Einsicht die Beziehungen der Polen, Tschechen, Esten u.a.m. zu Moskau dauerhaft, ja strukturell misstrauisch stimmten.

Dem gegenüber zeichnete sich der Bezug der meisten westeuropäischen Staaten zu Russland durch ganz andere gefühlskulturelle Konstellationen aus. Zwar wirken etwa in Frankreich, Deutschland, aber auch Spanien oder Großbritannien durchaus unterschiedliche historische Begegnungen mit Russland weiter, die gerade in Hinblick auf damalige kollektive Emotionen sowie weiterhin bestehende Stereotype und Befindlichkeiten bezüglich der Russen die jeweiligen bilateralen Relationen nicht unberührt lassen. Allerdings gehören deren meisten Kontakte zu Russland – gerade die schwierigeren – einer schon ferneren, inzwischen von anderen prägenden Erfahrungen überlagerten Vergangenheit an (etwa im Falle des Napoleonischen Feldzugs von 1812) und/oder sie entstanden nicht durch unmittelbare geografische Nachbarschaft. In beiderlei Hinsicht wirkt Deutschlands jüngstes Verhältnis zu Moskau angesichts der gerade für Ostmitteleuropa verhängnisvollen Dichte des „deutsch-russischen Jahrhunderts“ (so der Titel von Stefan Creuzbergers unlängst erschienenem Buch zur Geschichte jener bilateralen Beziehungen im 20. Jahrhundert) gewissermaßen als Sonderfall. Die (zeit)historisch bedingte Zurückhaltung in der deutschen Russlandpolitik der vergangenen dreißig Jahre wurde allerdings aus Sicht der ostmitteleuropäischen Partner als ein ebenso großes Risiko eingestuft wie die Mischung aus Naivität, zum Teil verblendeter Russophilie und Business as usual, die sie etwa in Paris oder Rom feststellen mussten. Dabei eckten die sog. „Russlandversteher“ unter den westeuropäischen Entscheidungsträgern bei ihren ostmitteleuropäischen Partnern nicht nur aufgrund ihrer Bereitschaft an, Aufgeschlossenheit für die Postulate und Erwartungen des Kremls zu zeigen, sondern auch dadurch, dass sie die entsprechende Deutungshoheit nahezu ausschließlich für sich und Europa in Anspruch nahmen. Frühere Warnrufe – etwa aus Warschau oder Tallinn, aber auch aus Tbilissi – die mehr Vorsicht im Umgang mit dem Putinschen Russland forderten, wurden in Berlin und Paris meistens überhört oder untertrieben; die Misstrauischen sollten möglichst eines Besseren belehrt sein bzw. wurden einfach als russophobe Kassandren delegitimiert.

Russlands geopolitischer Paukenschlag – zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex – weckte, so könnte man es etwas überspitzt auf den Punkt bringen, viele westeuropäische Diplomaten, Entscheidungsträger und Meinungsbildner aus der selbstzufriedenen Lethargie, in die sie die dreißigjährige Überzeugung versetzt hatte, der Westen hätte sowohl den Kalten Krieg gewonnen als auch jegliche Interpretationshoheit über seine Folgen in Besitz bekommen. Über Nacht wurde die schon lange nicht mehr zeitgemäße, doch immer noch nachwirkende, einst von Francis Fukuyama gemünzte, narrative Zuversicht des siegreichen Westens erschüttert. Besonders die These, Russland ließe sich als politisches System durch Einbindung in die globalisierte Weltwirtschaft im Allgemeinen und transeuropäische Investitionsprojekte im Besonderen ‚zivilisieren‘, sprich ‚westernisieren‘ – oder ostpolitisch ausgedrückt: „Wandel durch Handel“ – erwies sich schlagartig als große Illusion: Tatsächlich wehte nach wie vor ein kalter Wind aus Moskau. Jahrelang wiederholte Versuche des Kremls, am Status quo der westlichen bzw. US-amerikanischen Dominanz in den internationalen Beziehungen in Europa und darüber hinaus zu rütteln; durchaus eindeutige Bemühungen Wladimir Putins, das geltende Narrativ zum Ende des Kalten Kriegs zu unterlaufen; systematische Anstrengungen, die ohnehin stets fragile Einheit innerhalb der Europäischen Union zu zerrütten; all diese immerhin klaren Symptome nicht geheilter postsowjetischer Phantomschmerzen nach dem Verlust des Imperiums, die sich in Russland innenpolitisch weiterhin gut verwerten ließen und lassen, waren über Jahre hinweg von westeuropäischen Politikern unterschiedlichen Formats weitgehend übersehen bzw. missinterpretiert worden.

Wie sehr das jahrzehntelange Festhalten der westeuropäischen Regierungen am Versuch, Russland als Partner an die EU zu binden, jeweils mit Fehlkalkulationen, Selbsttäuschung und Wunschdenken, aber teilweise auch mit der Bestechlichkeit führender Persönlichkeiten (allen voran, doch bei weitem nicht als einziger, Altbundeskanzler Gerhard Schröder) zu tun hatte, mag zur Diskussion stehen. Im innereuropäischen Umgang zwischen den westlichen und den östlichen Mitgliedern der EU führte sie aber zu dauerhaft schwelenden Spannungen bezüglich der Definition einer gemeinsamen Energie-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die unterschiedlichen Sicherheitskulturen, die den auseinander gehenden Einschätzungen von Russland als Risiko zugrunde lagen, prallten im Zuge des nunmehr heißen Kriegs in der Ukraine regelrecht gegen einander.

Nachdem seit 1989 von den ostmitteleuropäischen Staaten, denen aus Berlin, Paris oder London mit dem Etikett „postkommunistisch“ weitgehend der Status einer zwar aufstrebenden, doch unmündigen Peripherie anhaftete, stets erwartet worden war, dass sie dankbar und fügsam die westeuropäische bzw. westliche Auslegung der internationalen Beziehungen akzeptierten (was sie mit der Zeit zu Recht als „Westsplaining“ rezipierten), schien nun Russlands Versuch, die europäische Ordnung durcheinander zu bringen oder gar zu zerstören, die bisherigen ostmitteleuropäischen Ängste ex post zu rechtfertigen. Es mag ja nun für Westeuropäer irritierend sein, dass sie stichhaltig auch teilweise von der falschen Seite kritisiert werden – also von notorischen EU-Skeptikern und Vertretern populistischer und nationalkonservativer Regierungen, allen voran der polnischen PiS-Partei. Hatte der französische Staatspräsident Jacques Chirac 2003 die alternative Initiative der damaligen ostmitteleuropäischen EU-Anwärterstaaten zur Irakkrise mit dem zerschmetternden Satz quittiert, jene Länder hätten „eine gute Gelegenheit verpasst, zu schweigen“, so hat sich knapp zwanzig Jahre später das Selbstbewusstsein der Polen, Tschechen, Esten u.a.m. immerhin verfestigt: Die Erfahrung und Sensibilität des östlichen Teils der EU ist zu einem Bestandteil seiner kollektiven Identität geworden, der aufgewertet wurde und sogar mitunter Grund für Stolz liefert. In die Defensive wiederum, so der Eindruck vieler ostmitteleuropäischer Politiker verschiedenster Parteien, ist die westliche Sichtweise geraten. Das vom Westen aus lange als „Zwischeneuropa“ betrachtete Ostmitteleuropa fühlt sich nun dazu berufen, zum neuen Kern einer außen-, vor allem aber ostpolitisch verklärten EU zu werden. Dabei wird der Westen für seine bisherige Haltung zu Russland wohl erstmals so unverblümt kritisiert. Allerdings sollte man diese nicht ohne Empörung vorgetragene Absage am bisherigen westeuropäischen Kurs nicht vorschnell und en bloc als „West-Bashing“ bezeichnen, das durch die Bank mit den Thesen der russischen Vertreter des sog. Eurasianismus übereinstimmen würde. Es ist bei vielen eher ein Ausdruck der Sorge, geografisch und geopolitisch dazwischen zu stehen – genährt von der historisch fundierten Angst, gegebenenfalls von den Westeuropäern erneut im Stich gelassen zu werden, die ja bereits 1939 nicht bereit waren, für Danzig zu sterben, als die Bedrohung – durch Deutschland – aus der Mitte des Kontinents kam.

Somit stellt der Krieg in der Ukraine (und um die europäische Zukunft dieses Landes) die Europäer innerhalb der EU vor die bislang größten Zerreißprobe ihrer gemeinsamen Geschichte. Sie betrifft die Selbstdefinition des Westens und das (Nicht-)Einstehen für dessen Werte, ebenso aber die Vorstellung von Russlands Platz in oder neben Europa, wobei die Suche nach einer Antwort auf diese zweite Frage nicht zuletzt in der Russischen Föderation selbst für das Aufkommen immer stärkerer zentrifugaler Tendenzen sorgt, wie das Zweite Forum der Freien Nationen Russlands gezeigt hat: Am 25. Juli 2022 wurde von dessen Teilnehmern in Prag dazu aufgerufen, an der inneren Dekolonisierung Russlands zu arbeiten. Ob eine unter dem Druck ihrer zahlreichen nicht-slawischen Minderheiten kollabierende Russische Föderation etwa einen westrussischen, proeuropäischen Teilstaat hervorbringen würde, ist aus jetziger Perspektive kaum vorstellbar, lässt sich jedoch ebenso wenig vom Tisch wischen.

Solange aber die Ukraine um ihre Existenz ringen muss, kann auch von einem gaullistischen Europa „vom Atlantik bis zum Ural“ keine Rede sein.

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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