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Wie Polens Literaten Leichen aus dem Keller holen

Immer stärker reagiert die polnische Literatur auf die politische Gehirnwäsche durch das Regierungslager. Themen wie die Lage von Frauen und Geflüchteten sowie Regierungsskandale werden von polnischen Autoren aufgegriffen und gewinnen an Beliebtheit. Vor allem in den sozialen Medien. Sie schreiben dynamisch, revolutionär und ungeniert. Und dafür werden sie ausgezeichnet. Damit wird die Literatur zu einem Gegengift gegen die Propaganda, die aus den Massenmedien sickert.

Ich bin in Świnoujście (Swinemünde) aufgewachsen und hatte dort als junger Mensch einen Bekannten, der als Intellektueller gelten wollte. Das waren die neunziger Jahre. Einmal war ich bei ihm zu Hause und er zeigte mir seine beachtliche Bibliothek. Die Bücher standen geordnet in einem Regal mit Glastür. Stolz auf seine Sammlung sagte er selbstzufrieden: „Meine Großeltern hatten kein einziges Buch zuhause. Meine Eltern nur die Schullektüre. Ich habe eine ganze Armee.“ Später stellte sich heraus, dass er die meisten nie gelesen hatte, und in über einem Dutzend der Regale standen gar keine literarischen Werke, sondern Attrappen. Was aber zählte, waren seine Bestrebungen und das Samenkorn, das jemand in ihm gesät hatte. Lesen ist wichtig und gehört zum guten Ton. Ich weiß nicht, wie es ihm später im Leben ergangen ist, aber ich kann mit voller Verantwortung sagen, dass das ein Typ Mensch war, von denen es in Polen viele gibt: ein Pole, der sich durch Negation weiterentwickelt. Was denn, ich und nicht lesen? Hier, bitte schön, ein Kilo Bücher. Leute wie er haben bestimmt die Worte der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk bei einem Literaturfestival in den falschen Hals bekommen: „Literatur ist nichts für Idioten.“ Natürlich sind diese Worte – aus dem Kontext gerissen – Nährboden für alle Heuchler in den polnischen sozialen Medien, die die Schriftstellerin kritisiert haben. Man warf ihr vor, die intellektuell und finanziell Ärmeren auszuschließen. Sie sei überheblich und begreife die polnische Armut nicht. Dabei hat Tokarczuk mit einer gewissen Vereinfachung lediglich gesagt, dass man fürs Lesen bestimmte kulturelle Kompetenzen haben muss, und auf jeden Fall den Wunsch zu lesen und einen offenen Kopf. Armut schließt Lesen nicht aus, weil es Bibliotheken gibt, die kostenlos sind. Lediglich der fehlende Wille verhindert das Lesen, und im Falle Polens auch der böse Wille. Polnische Minister aus den Reihen der Vereinigten Rechten geben schamlos zu, dass sie keine wichtigen Bücher lesen, weil sie sich davon gelangweilt fühlen. Diese Worte werden ins Landesinnere getragen und führen dazu, dass sich Wähler von PiS und verbündeten Parteien von der Lektüre, die Politiker – ohne sie gelesen zu haben – negativ bewerten, entbunden fühlen.

Es herrscht die Göttin der Angst

Trotzdem kommt die polnische Literatur, die die Gehirnwäsche anprangert, unter der PiS-Regierung sehr gut zurecht. Tokarczuks Bücher verkaufen sich ausgezeichnet. Ihr neuestes Buch Empuzjon, das man als Bezug auf die tragische Lage der Frauen (die PiS-Regierung hat 2021 auch die Abtreibung im ersten Trimester ausnahmslos verboten) verstehen kann, wird massenweise gelesen und in den sozialen Medien und der Presse kommentiert. Empusa ist die Göttin der Angst. Der Titel selbst verrät schon die Intention der Autorin und ihren Umgang mit dem Problem des heutigen Polen. Wir haben Angst, deshalb sind wir an einem toten Punkt und stecken fest. Das Patriarchat nährt sich von der Not der Frauen, und gestärkt von der Regierung der Populisten lässt es keine Chance auf den Wandel von einem Land, das in der Vergangenheit versunken ist, hin zu einem Land, das in die Zukunft schaut.

Doch es erscheinen Bücher, die es schaffen, das Dunkel des biederen Polentums zu erhellen. Die das ans Tageslicht bringen, was jahrhundertelang Tabuthema war. Kacper Pobłocki hat in seinem Buch Chamstwo [Grobheiten] der Mehrheit der Polen ein Gesicht gegeben. Denn die Mehrheit der Polen stammt von der Bauernschaft ab. Von einer Bauernschaft, die traumatisiert, ausgebeutet und gedemütigt wurde. Es ist Pobłocki gelungen zu zeigen, wie das Patriarchat Ausbeutung organisierte und wie Ausbeutung das Patriarchat rechtfertigte. Er hat ein Bild vom einstigen Landleben voller Gewalt, Demütigung, Scham und über die Kräfte gehender Arbeit gezeichnet. Wenn dieses Buch in die Hände derer gerät, die in der PiS-Partei den Erlöser gesucht und scheinbar Anerkennung bekommen haben, könnte es ihre Perspektive vollkommen verändern. Es hat nämlich therapeutische Kraft, es lässt das gesunden, was verdrängt wurde, und das, was der aktuellen populistischen Vereinten Rechten den Weg zur Machtübernahme gebahnt hat.

Professor Adam Leszyński betrachtet in seinem Buch hingegen ein anderes Problem: Warum mögen die Polen ihr eigenes Land und andere Polen so wenig? No dno po prostu jest Polska [Polen ist einfach das Letzte] liest sich fantastisch, leicht und verständlich. Piłsudski, Dmowski, Prus, Gombrowicz – diese Polen hatten über andere Polen eine schlechte Meinung. Und wer aus Polen ausreiste, sah es dann aus der Ferne noch kritischer. Wer zurückkam, wollte es verbessern. Das klappte ein bisschen. Kleine Schritte, ein vorsichtiges Lifting der polnischen Mentalität. Doch was muss getan werden, damit Polen von einem Land, das nicht einmal seine eigenen Einwohner mögen, zu einem Land wird, in dem es sich einfach gut leben lässt? Dabei ist es gar nicht so schlimm, sondern vor allem funktioniert hier das Autostereotyp, an den die Mehrheit glaubt: dass der Pole missgünstig, faul, bösartig und unfair sei. Und das befeuert die Spirale der Aggression, der Gewalt, des Fremdenhasses und andere Eigenschaften, die wir in Polen gern ausmerzen würden. Wir haben vor allem ein Problem mit dem Glauben an uns selbst, deshalb suchen wir bei anderen nach Opfern. Diese Angst nutzen Politiker aus und regieren damit.

Gegen die Erfolgspropaganda

Auch das Theater antwortet mit starken Akzenten auf das, was in Polen geschieht. Nicht alle, denn viele Direktoren fürchten sich in den heutigen Zeiten davor, politisch zu werden. Doch das Theater Polonia, das von Krystyna Janda geleitet wird, hat keine Angst. Hier erfreut sich das Stück Policja. Noc zatracenia [Polizei. Eine Nacht des Verderbens] von Andrzej Saramonowicz besonderer Beliebtheit. Ein Diktator wird nachts von seinen Untergebenen geweckt, weil das Land, das sie – wie sie dachten – vollständig unter Kontrolle hätten, plötzlich anfängt sich aufzulösen. Ihre Bemühungen wie das Wegsperren politischer Gegner und die Erfolgspropaganda, waren völlig umsonst. Das Land dematerialisiert sich, und die Panik wächst. Das Stück ist ein künstlerischer Bezug auf Sławomir Mrożeks Drama Policja von 1959. In beiden Stücken ist es sowohl lustig als auch schrecklich. „So ist es in Polen, weil diejenigen regieren, die weder die moralische noch intellektuelle Kompetenz dafür haben“, sagt Saramonowicz.

Eine große Kraft, die Polens Gebrechen benennt, ist die Lyrik. Erst kürzlich wurde Justyna Kulikowska mit dem Preis Nagroda Literacka Gdynia für ihren Lyrikband gift. z Podlasia [das Geschenk. aus Podlasie] ausgezeichnet. Eine starke Frau, die über die polnischen Wunden, über Missbrauch und über Leichen im Keller schreibt. Genau das scheint Polen zu brauchen, nämlich um die Atmosphäre zu reinigen. Um aufzuhören zu lügen, zu verbergen, zu verdrängen und zu verfälschen. Um der Wahrheit über sich selbst ins Auge zu blicken.

 

An die Auswanderer

mich interessiert Auswanderung nicht, obwohl ich nah

am Geländer der Neasden Bridge stand (mit einem Herzen, das wie

ein Code pulsierte, einem Pfund Sterling und einer zerbröckelten Substanz in den Taschen).

mich interessiert Auswanderung nicht, wo meine Freunde

nach wie vor flöten: oh Elisabeth, süße Elisabeth, streich

uns über die Nasen. gib uns die Staatsbürgerschaft, Demokratie oder

das Weiße einer Melone.

mich interessiert Auswanderung nicht, nach der mein Tod

zu einem Meme wird, das angepisste rechte Jungs kommentieren.

mich interessiert Auswanderung nicht, denn aus der Nachbarstadt bin ich

mit einem Gesicht zurückgekehrt, das meine Mutter nicht erkannte (die Wunde im Zahn pulsierte wie ein Schwanz oder der Kosmos)

mich interessiert Auswanderung nicht. jede festgelegte Grenze

lecke ich weg, womit? mit der Sprache

 

Krzysztof Jaworski drückt in seinem lyrischen Buch Jak pięknie [Wie schön] seine Haltung zur demütigenden polnischen Realität in dem Gedicht Ludzie wyjdą na ulice [Die Menschen gehen auf die Straße] aus. Das Gedicht besteht aus derselben Phrase, die ein gutes Dutzendmal wiederholt wird. Das ist alles. Das ist viel. Eine starke Botschaft. Eine Stimme der Verzweiflung. Ein Schrei in die Leere und die reine Erkenntnis. Denn was kann man noch sagen, wenn seit langem nur wenige die Warnungen vor dem Ende der Welt hören, die vor unseren Augen zugrunde geht. Da ist niemand, der die Populisten, Betrüger und Hochstapler aufhalten könnte, die Veränderungen versprechen und im Grunde lediglich die Dekoration wechseln, indem sie merkantil ihre eigenen Leute platzieren und mit denen teilen, die loyal gegenüber der autoritären Regierung sind. Jaworski ist ein minimalistischer Dichter, er benennt das Absurde an den Verhaltensweisen seiner Landsleute, und hofft wohl, mit seiner sparsamen Methode der Welt und den potenziellen Lesern den letzten rettenden Strohhalm zuzuwerfen.

Das gleiche macht Grzegorz Wróblewski, Dichter und visueller Künstler, der seit fast vierzig Jahren in Kopenhagen lebt. Er gesteht, Polen verlassen zu haben, weil er es nie geschafft hätte, sich hier in dem Maße zu entwickeln, wie er es sich erträumte. Er schätzt die Dänen für ihre Lockerheit, die Distanz zu jeglichem Wahnsinn und die gut organisierte Bürgergesellschaft. Dort greift die Regierung – egal, ob die Linke oder die Rechte regiert – nie in die Kultur und die Bildung ein. Im Gegensatz zu Polen, wo die Politiker stets das Recht auf Veränderungen im Rahmen der Strukturen so wichtiger Wandlungsträger wie Kunst und Wissenschaft usurpieren. Frei nach dem Prinzip: der Gewinner bekommt alles – und vertieft im Endeffekt die Krise des Schulwesens und der Kultur. Wróblewski setzt sich seit Jahren mit dem polnischen provinziellen Denken auseinander. Er lässt kein gutes Haar an diesem Polentum, nach dem man in einer Welt denken und handeln muss, die die Polen ablehnt. Seine Aufrichtigkeit und die verzweifelten Versuche, die polnische Sturheit – bei dem zu bleiben, was man kennt, und nicht vom Westen zu lernen – zu erschüttern, halten viele für rebellisch. Doch Wróblewski findet, Scham ist nichts für Schriftsteller, und die Aufgabe von Künstlern, insbesondere von denen, die ihr Land aus dem Ausland beobachten, ist es, Dummheit und hanebüchene Vernachlässigungen im eigenen Land aufzudecken.

„Die Polen hatten viele Chancen, sich zu verändern, endlich Regierungsvertreter zu wählen, die das Land dem zivilisierten Europa näherbringen“, sagt Grzegorz Wróblewski. „Sie haben alle Chancen verspielt. Eine Handvoll normaler Menschen kann nichts dagegen ausrichten, dass es massenweise Dummköpfe gibt, die nie genug Anerkennung bekommen können. Wenn dann die Komplexe und die polnische Missgunst dazu kommen, das Denken, dass es anderen besser geht, und wir Opfer sind, dann haben wir es mit Menschen zu tun, die sich trotz jahrzehntelanger Bildung und Wohlstand nicht verändern. Wo in Polen sind denn diese Bildung und der Wohlstand? In den neuen Lehrbüchern von Bildungsminister Czarnek, in denen er gegen andere Menschen hetzt? Und so lassen sie sich zum Narren halten. Sie werden sich von jeder Regierung ausbeuten lassen und ein Auge zudrücken, weil die ihnen Almosen hinwirft, und sie werden voller Dankbarkeit wieder ihr Kreuz auf dem Wahlzettel so setzen, wie ihnen ihr leeres Portemonnaie und ihr gedankenloser Kopf raten.“

Ukrainische Analogien zum Polentum

Lesenswert ist auch das Buch von Professor Leszek Szaruga Ukraiński kalejdoskop [Das ukrainische Kaleidoskop], das viele Analogien zur polnischen Situation hat. Gerade in der heutigen Zeit, die das ukrainische und polnische Volk durchmachen, ist das Buch von Szaruga zum besten Ratgeber geworden, mit dem man wenigstens ein wenig diesen unsinnigen Krieg der Russen und die innere Stärke der Ukrainer und Ukrainerinnen verstehen kann. Der Autor erklärt anhand der ukrainischen Literatur, Lyrik und Kunst, worin das Staatswesen des ukrainischen Volkes besteht. Wenn du ein Land kennenlernen willst, schau dir seine Lyrik, Essayistik und die Sprachen an. Es läuft einem ein kalter Schauer über dem Rücken, wenn einem durch Szarugas Buch immer klarer wird, dass die Russen versuchen, den Ukrainern die Brüderschaft aufzuzwingen. Letztere nehmen sie nicht an, weil sie längst erkannt haben, dass die Zeit gekommen ist, sich der Anziehungskraft von Werten hinzugeben, statt sich emotional erpressen zu lassen. Sie wollen näher an Europa heranrücken, die Fenster in der Irrenanstalt weit öffnen. Und dafür zahlen sie gerade einen schrecklichen Preis. Zum Glück gilt für jedes Volk, „seit eh und je, dass du nie den Arsch mit der Peitsche versöhnen wirst“, was schon vor fast hundert Jahren der polnische humorvolle Schriftsteller Kornel Makuszyński formuliert hat. „Das, was Oleksiy Chupas Lyrik besonders macht“, schreibt Szaruga, „ist vor allem das Bewusstsein darüber, dass man sich in einem ‚Dazwischen‘ befindet, in einem Raum, der unaufhörlich im Wandel ist […].“ Und worüber schreibt Chupa? „Über gesellschaftliche Anpassung – wenn sie dich ficken, und du dabei in die Kamera lächelst.“

Professor Szaruga provoziert seine Landsleute. Als hätte er absichtlich genau die ukrainischen Beispiele herausgesucht, die für Polen eine Warnung darstellen. Auch PiS will allen Polen, die anders als die polnische Rechte denken, „Brüderschaft“ und „Selbstheit“ aufzwingen. Die polnische Normalität ist ein Traum, der schwer zu erreichen ist. So ist es seit Jahrhunderten. Vor allem dann, wenn allzu viele Claqueure der Regierung in die Kamera lächeln. Szaruga liest man in Polen also, um zu revidieren und zur Besinnung zu kommen. Schade, dass seine Essayistik nicht Schullektüre werden kann.

Doch obwohl sich die polnische Literatur und Kunst erfolgreich der Regierungspropaganda widersetzen, lässt sich kaum ein Buch finden, das den Durchbruch bringen könnte, das sowohl auf die Rechte als auch auf die Linke und auf das Zentrum wirken würde. Über so ein Werk hat Thomas Mann in Tod in Venedig geschrieben. „Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und tiefe Wirkung zu üben vermöge, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja Übereinstimmung zwischen dem persönlichen Schicksal seines Urhebers und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten.“

Vielleicht sind die Polen so unterschiedlich, dass niemals ein Buch einen gemeinsamen intellektuellen Denkprozess auslösen kann. Vielleicht besteht das Problem darin, dass es vielen leichter fällt zu glauben, weil das keine besondere Mühe erfordert und von der Verantwortung für das Land, für sich selbst und für die zukünftigen Generationen befreit. Wie in dem Gedicht von Grzegorz Wróblewski Wszystko idzie [Alles geht]: „Auch du kannst erlöst werden/Du musst dich nur registrieren./Eine Unterschrift und du wirst endlich/erlöst.“

 

 

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Karina Obara

Karina Obara ist Journalistin, Schriftstellerin, Dichterin, Essayistin und Malerin. Sie studierte Politikwissenschaften an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń und europäische Journalistik am College of Europe in Warschau.

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