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Unsere Großmütter, unsere Großväter

Immer weniger Augenzeugen des Zweiten Weltkrieges weilen unter uns. Deshalb ist es umso wichtiger genau hinzuhören, was sie über die Geschichte, die Polen und Deutsche noch immer spaltet, zu sagen haben.

 

„Wir erwarten von Berlin Vorschläge zur Wiedergutmachung“, sagte der polnische Außenminister Radosław Sikorski am 25. April. Damit stellte er im Sejm die außenpolitischen Leitlinien vor. Die derzeitige polnische Regierung verzichtet darauf, von Berlin Kriegsreparationen im juristischen Sinne dieses Wortes zu fordern. Gleichzeitig zeigt sie, dass die Rechnungen aus der Kriegszeit noch immer nicht beglichen sind.

Deutschland hat in den letzten Jahren die polnischen Forderungen diesbezüglich ignoriert. Auch heute ist unklar, ob und wie es auf den Aufruf der Regierung von Donald Tusk reagieren wird. Vielleicht ist das Berlins politisches Kalkül. Vielleicht aber versteht Berlin nicht, wie wichtig und weiterhin aktuell dieses Thema für die Polen ist.

I

Meine erste Geschichtslehrerin war meine Großmutter Selma. Immer wenn ich in den Sommerferien wochenlang bei ihr in Siemianowice Śląskie (Siemanowitz) war, machte sie mit mir Spaziergänge durch den Schlesischen Park. Ziel unserer Wanderungen war das Planetarium. Vor uns eröffnete sich immer ein leeres Gelände und ganz hinten befand sich eine breite Treppe, die in ein Gebäude mit einer charakteristischen Kuppel führte. In meinen Erinnerungen hat dieser Ort etwas von einem Amphitheater.

Ich setzte mich immer auf eine kleine Mauer. Großmutter holte schlesischen Streuselkuchen und Trinkkompott aus ihrem Beutel. Während ich den frischen Kuchen mit den knusprigen Streuseln genoss, stellte sich Selma vor mich hin – sie setzte sich ohnehin selten – und spielte mir Szenen aus der Vergangenheit vor.

Erste Szene. Selma zertrampelt polnische Wappen und Porträts von Anführern der schlesischen Aufstände, so wie es schlesische Volksdeutsche in den ersten Kriegstagen vor ihren Augen getan hatten. Die Gefolgsleute der Nationalsozialisten hatten die Bilder von den Wänden in der Schule gerissen, in der Großmutters Vater als Hauswart arbeitete.

Zweite Szene: Selma steht mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern an der Wand. Sie hebt die Hände. „Bitte nicht schießen“, fleht sie die bewaffneten Männer an. Ihre Mutter verliert nicht einmal in dieser Situation ihre Verwegenheit. Sie schreit den Volksdeutschen, der mit einem Gewehr auf sie zielt, an: „Was bist du für ein widerlicher Deutscher, der mit polnischem Brot gefüttert wurde!?“ Die Hinrichtung wird durch die Ankunft eines deutschen Militärs verhindert.

Dritte Szene: Es ist spät abends. Selmas Mutter hört ein leises Klopfen. Sie öffnet die Tür einen Spalt breit. In der Dunkelheit sieht sie einen abgemagerten Mann in Häftlingskleidung. Das ist Herr Kornfeld, der vor dem Krieg in Siemianowice ein Geschäft hatte. Die Aussteuer für Selmas zwei ältere Schwestern stammte von ihm. Die Deutschen haben Kornfeld eingesperrt und zur Zwangsarbeit in das nahegelegene Hüttenwerk „Laurahütte“ geschickt.

Der Mann weiß, dass ihm wegen seiner jüdischen Herkunft der Tod im Konzentrationslager droht. Er bittet um Unterschlupf. Selmas Mutter macht eilig etwas Platz im Kohlekeller. Die Häftlingskleidung verbrennt sie im Ofen. Sie fürchtet, dass die Deutschen mit Hunden kommen könnten, die den Flüchtling am Geruch aufspüren würden. Kornfeld wäscht sich und bekommt frische Kleidung. Er verbringt die Nacht in dem Versteck. Am Morgen ist er verschwunden. Selma weiß nicht, wie es ihm weiter ergangen ist.

II

Weitere Szenen, die mir bei verschiedenen Gelegenheiten erzählt wurden, fügen sich zu einer Geschichte über ein junges Mädchen zusammen, das in die Kriegswirren hineingezogen wurde. Die deutschen Behörden verweigern Selma das Recht auf Bildung. Die Zwölfjährige muss auf dem Gutshof einer deutschen Familie arbeiten. Sie sieht sich bewegende Skelette, das sind Häftlinge auf dem Todesmarsch. Sie flieht vor sowjetischen Soldaten in den Wald. Als sie schließlich nach Hause zurückkehrt erfährt sie, wer umgekommen ist und wer überlebt hat. Ihre Geschichten stecken bis heute in mir. Sie sind intensiver als viele meiner eigenen Erlebnisse.

Großmutter spricht immer wieder, beinahe zwanghaft, von ihren Kriegserinnerungen. Reden aber wollten nicht alle. Großvater Edmund besaß ein blau-weiß-gestreiftes Tuch mit dem Buchstaben „P“, mit dem in deutschen Konzentrationslagern gefangene Polen gekennzeichnet waren. Er erklärte nicht, warum er dieses Tuch besaß. Er erzählte uns nicht von dem Todesurteil für seine Tätigkeit im polnischen Untergrund. Auch nicht, dass er nur wegen des sowjetischen Angriffs überlebt hat. Er bestand einfach darauf, für gemeinsame Fotos mit seinen Enkeln dieses Tuch um den Hals zu tragen.

Manche konnten nicht mehr reden. Der Bruder meines Urgroßvaters, Franek Kolasa, konnte seine Geschichte den kommenden Generationen nicht erzählen. Er kam am 20. Februar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz um. Auch Oma Selmas Brüder verstummten für immer – sie fielen im Krieg.

III

Ich wuchs in den schwierigen neunziger Jahren in Bielsko-Biała im Süden von Polen auf. Niemand hat uns beigebracht, dass vor dem Krieg in unserer Heimatstadt Polen, Deutsche und Juden nebeneinander gelebt haben. Es gab keinen zusätzlichen Unterricht in Ortsgeschichte oder Workshops zur Toleranz, die erst nach dem Beitritt Polens zur Europäische Union in die Schulen kamen. Auf den Schulfluren war stattdessen der beliebte Reim zu hören: „Guten Morgen, butem w mordę“ [Guten Morgen, mit dem Schuh in die Fresse].

Nach der Schule setzten mein Bruder und ich uns an den Computer. Lange spielten wir das damals bekannte Ego-Shooter-Spiel Wolfenstein 3D. Wir schlüpften in die Rolle von William Blazkowicz, eines Soldaten mit polnisch-jüdischen Wurzeln. Mit der Waffe in der Hand durchquerten wir Labyrinthe, in denen Hakenkreuze und Porträts von Adolf Hitler hingen, und töteten Wehrmachtssoldaten.

An den Wochenenden schauten wir amerikanische Kriegsfilmklassiker wie „Das dreckige Dutzend“, „Agenten sterben einsam“ und „Die Brücke von Arnheim“. Nach der Vorstellung spielten wir die Szenen mit Freunden auf dem Hof nach. Wer Pech beim Losen hatte, musste den Deutschen spielen. „Halt, Achtung“, rief derjenige und rannte auf uns zu. Wir taten so, als würden wir mit Stöckern auf ihn schießen.

Die Tatsache, dass es ein Land gibt wie das zeitgenössische reale Deutschland, ist wirklich lange nicht bei mir angekommen. Für Auslandsreisen hatte in den neunziger Jahren in Polen eigentlich fast keiner Geld, und wer welches gehabt hätte, hätte sich wohl kaum das Land auf der anderen Seite der Oder ausgesucht.

Als Jugendlicher habe ich nur einmal einen Gleichaltrigen aus Deutschland getroffen, der im Rahmen eines deutsch-polnischen Austausches bei einem Mitschüler wohnte. Seine Eltern hatten mich und zwei andere Jungs eingeladen, sie zu besuchen. Wir setzten uns alle ins große Zimmer. Minuten vergingen mit peinlichem Lächeln, Geflüster auf Polnisch und Versuchen, Blickkontakt aufzunehmen. Dann fiel eine Entscheidung. „Wir müssen los. Bye“, sagte einer von uns zum Abschied. Draußen atmeten wir erleichtert auf. Viele Jahre später hörte ich wie Politiker versicherten, wie sehr sich durch diese Austauschfahrten die jungen Generationen von Deutschen und Polen näher gekommen seien.

IV

Zum Studieren ging ich nach Warschau. In der Hauptstadt gab es damals schon seit einigen Jahren das Museum des Warschauer Aufstandes. Ich nahm die Legende vom Aufstand und die Atmosphäre der Stadt, die auf Befehl von Adolf Hitler dem Erdboden gleichgemacht wurde, in mich auf.

Immer wieder entdeckte ich Gedenktafeln, die an die Opfer der Nationalsozialisten erinnerten, Löcher von Kugeln in Gebäudewänden und auf Bürgersteigen markierten symbolische Grenzen des jüdischen Gettos. Sowohl auf Schultern und Waden von Legia-Warschau-Fans als auch von Hipstern am Plac Zbawiciela sah ich Tattoos mit dem Symbol des Kämpfenden Polens. Auf der Tasche meines Kumpels war die englische Bezeichnung der Stadt in zwei Teile zerlegt, in „war“ und „saw“. Innerhalb der zehn Jahre, die ich in Warschau wohnte, wurde das Gedenken an den Kampf gegen den deutschen Besatzer Teil meiner Identität.

Mit diesem sehr speziellen Wissens- und Erfahrungsballast kam ich das erste Mal nach Deutschland. Es begann mit Ausflügen mit Bekannten zu Konzerten nach Berlin und Leipzig. Die Toilettentüren in besetzen Häusern waren komplett bedeckt mit antifaschistischen Aufklebern. Deutsche Besucher von Punk-Konzerten manifestierten laut ihre Abneigung gegen das eigene Land. Das gefiel mir. Erst im Laufe der Jahre verstand ich, dass die alternativen Bezirke in deutschen Metropolen wie Kreuzberg in Berlin oder Connewitz in Leipzig, nicht viel gemeinsam haben mit dem Leben und den Ansichten der meisten Deutschen.

V

Ich lebe seit 2017 in Deutschland. Seitdem habe ich das Land kreuz und quer bereist. Ich habe hier Familie, Bekannte und ein paar Freunde, mit denen ich mich ausgezeichnet verstehe. Als Journalist habe ich hunderte Interviews geführt, viele über schwierige historische Themen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich die traumatischen Erlebnisse meiner Oma und die Vorurteile, die ich mir in meiner Jugend angeeignet habe, abgelegt hätte.

Jahrelang wiederholte sich eine Situation immer wieder. Wenn meine Frau unsere Kinder bat, die Hände zu heben, um sie umzuziehen, hatte ich in dem Moment, in dem sie „Hände hoch“ sagte, sofort die 10jährige Selma mit erhobenen Händen vor Augen, die im September 1939 auf ihre Erschießung wartet.

Ähnliche Wirkung hatten andere deutsche Wörter auf mich, die ich bereits als Kind aus Familiengeschichten und Filmen kannte. Der Gesprächskontext war relativ beliebig: Sport, Kulinarisches, Autos. Es genügte, dass jemand sagte „Achtung“, „raus“, „halt“ oder „Schwein“, und schon ging in meinem Kopf ein rotes Lämpchen an, ein Kriegs-Erinnermich. Manchmal genügte es, dass jemand lauter wurde, dann tat die Melodie der deutschen Sprache allein ihre Wirkung. Solche Flashbacks passieren mir bis heute, obwohl ich gelernt habe, ihnen keine größere Aufmerksamkeit mehr zu schenken.

VI

Dieser tief verwurzelte antideutsche Reflex, ist wohl nicht nur mein Problem. „Und, machst du jetzt den Hitlergruß zur Begrüßung?“, empfing mich lächelnd ein Freund, als ich nach Warschau zu Besuch kam. „Lass dich von den Goebbels dort nicht unterkriegen“, verabschiedete mich wohl scherzhaft ein anderer Bekannter, als ich mich auf den Rückweg nach Deutschland machte. Unter den mir bekannten Altersgenossen, polnischen Millennials, gibt es Tschechophile, Ukrainephile, Leute, die von den Vereinigten Staaten, dem Kaukasus oder den Balkanländern begeistert sind. Ich kenne allerdings niemanden, der von Deutschland begeistert wäre.

Die Deutschen gestehen demütig, wie wenig sie über Polen und Mittel-Osteuropa wissen. Doch schauen wir uns mal die andere Seite an. Da ist es gar nicht besser. Das Allgemeinwissen eines Polen über Deutschland lässt sich fast ausschließlich auf den Krieg herunterbrechen. Wir kennen die Namen deutscher Verbrecher, aber wie viele polnische Leser dieses Textes können wenigstens einen Namen eines zeitgenössischen deutschen Schriftstellers nennen oder zumindest eine Stadt in Deutschland, die sie als Tourist besucht haben (Berlin ausgenommen).

VII

Die politischen Eliten in Warschau und Berlin gaben in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt, dass die Zeit für deutsch-polnische Freundschaft gekommen sei. Ich zweifle nicht daran, dass für die älteren Generationen die Aufnahme normaler politischer Beziehungen und das Ende der Streitigkeiten um die Grenze wirklich ein Durchbruch waren. Aber jede Epoche und jede Generation braucht neue Symbole. Meine Generation ist mit den Erzählungen der Großeltern und mit dem stereotypen Bild von dem Deutschen als Nazi aufgewachsen und braucht eine Geste von deutscher Seite, damit Wörter wie Versöhnung, Vertrauen und Freundschaft im deutsch-polnischen Kontext mit Inhalten gefüllt werden.

Meine Oma ist hochbetagt. Vielleicht erlebt sie diese deutschen Initiativen nicht mehr. Sie ist ohnehin nicht diejenige, die sie am meisten bräuchte. Viele Male hat sie mir erzählt, dass es auch während des Krieges böse Deutsche und gute Deutsche gegeben habe. Und dass sich bis zum Krieg sowohl zu Hause als auch auf der Straße Polnisch und Deutsch natürlich miteinander gemischt hätten. Wenn wir sie besuchen, hält sie mit meiner Frau immer einen Plausch auf Deutsch. Trotz aller ihrer Kriegserfahrungen nimmt sie eine Person aus Deutschland einfach als Menschen wahr, und nicht als historische Erscheinung oder als Bündelung nationaler Stereotype. „Man selbst sein, mutig sein und keine Angst haben“, mit diesen Worten fasst sie die Lehre zusammen, die sie aus dem gezogen hat, was sie während des Krieges erlebt hat.

Ihre Lebensweisheit und Offenheit ist eine Lektion für mich und für alle, die wollen, dass aus dieser schwierigen Diskussion über die deutsche Schuld und Verantwortung gegenüber Polen etwas Gutes für uns und für die zukünftigen Generationen entsteht.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

Łukasz Grajewski

Łukasz Grajewski

Łukasz Grajewski spezialisiert sich als Journalist auf deutsch-polnische Themen. Er war Korrespondent der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna und der Polska Agencja Prasowa (Polnische Presseagentur), ist fester Mitarbeiter von Tygodnik Powszechny und der polnischen Redaktion der Deutschen Welle. Grajewski ist Träger des Maciej-Płażyński-Preises (2021) und des Deutsch-Polnischen Tadeusz Mazowiecki-Journalistenpreises (2022).

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