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Vom Verschwinden polnischer Landwirtschaftsbetriebe und der Heuchelei der EU-Klimapolitik

Der Europäische Green Deal forciert Klimaschutz anstelle eines ganzheitlichen Umwelt‑ und Naturschutzes. Das dient den Interessen der im großen Stil wirtschaftenden Agroindustrie, welche die Umwelt zerstört und die Krise vertieft. Doch es gibt eine Alternative.

Der europäische Green Deal soll die grüne Transformation der Landwirtschaft beschleunigen, damit diese die Umwelt, die Biodiversität und das Klima weniger belastet. Wieso stößt er also auf derart viele Widerstände?

Die allermeisten konservativen Publizisten und Politiker vertreten eine absolut ablehnende Haltung und verwerfen den Green Deal in Bausch und Bogen; ihr Tonfall ist ausnahmslos ablehnend, emotional und oft von irrationaler Kritik geprägt, wie etwa bei Dariusz Matuszak in der Zeitschrift „Sieć“: „In Wirklichkeit gehört dieses Projekt in seiner Gesamtheit auf den Müllhaufen geworfen und recycelt. Das ist nichtmals zum Recyceln geeignet. Wieso? Das ist ein totalitäres Konzept, ein Alptraum zentraler Planung, es wird uns in die Armut treiben.“ Patryk Jaki bezeichnet den Green Deal als „grünen Kommunismus“. Doch solche Kritik kommt nicht nur von Konservativen und Umweltnihilisten. Auch einige Umweltschützer schlagen sich auf die Seite der protestierenden Landwirte.

Die Tatsachen sprechen: Es steht schlecht

Der verheerende Einfluss der Agroindustrie und konventionellen Landwirtschaft auf die Umwelt, den Zustand der Böden, der Gewässer und die Biodiversität ist jedoch offenkundig und wird von allen Untersuchungen bestätigt. Bis zu einem Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen in der EU ist infolge ihrer intensiven Bewirtschaftung stark verschmutzt und ausgemergelt. Die in der Tierzucht angewandten unnatürlichen Methoden haben Pathologien wie den Rinderwahnsinn, die Afrikanische Schweinepest (ASP), die Schweine‑ und die Vogelgrippe und die Dioxinbelastung von Lebensmitteln verursacht. Die unnatürlichen Bedingungen, unter denen Tiere gezüchtet werden (geschlossene Haltung), fördern Krankheiten und einen übermäßigen präventiven Gebrauch von Medikamenten wie Antibiotika in der Veterinärmedizin; in Polen werden dreimal Antibiotika mehr verwendet als im EU-Mittel. Auf dem gegenwärtigen Konsumtionsniveau verbrauchen wir 1,6 mal die Ressourcen des Planeten, das heißt wir verbrauchen sechzig Prozent mehr, als im Jahreswechsel reproduziert werden kann. Infolge der Zerstörung natürlicher Ökosysteme und Biozönosen durch den Menschen sterben täglich einige Dutzend Spezies aus, das heißt sie verschwinden mehr als einhundert Mal schneller als ohne Zutun des Menschen, und über eine Million ist vom Aussterben bedroht. Die europäischen Insektenpopulationen verringerten sich in den letzten dreißig Jahren um dreißig Prozent, wofür die massenhaft verwendeten Pestizide verantwortlich sind.

Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion ist nicht allein für die bestäubenden Insekten und die Biodiversität von Flora und Fauna tödlich, sondern trägt auch dazu bei, dass Landwirtschaftsbetriebe selbst verschwinden. Davon sind EU-weit täglich gegenwärtig etwa 800 Betriebe betroffen. In den Jahren 2010–2020 verringerte sich die Zahl der Agrarbetriebe in der EU um etwa drei Millionen; in Polen um etwa 200.000, das heißt im Schnitt 55 am Tag, also in einem besorgniserregenden Tempo. Das bedeutet aber keineswegs eine Entlastung der Umwelt, sondern eine zusätzliche Belastung, weil sich die Landwirtschaft konzentriert, intensiviert und mehr Chemikalien verwendet.

Obwohl viele Konservative damit ein Problem haben, sprechen die Tatsachen für sich. Wenn wir dem ökologischen Armageddon nicht nur tatenlos zuschauen wollen, müssen wir in Aktion treten. Wieso wird der Green Deal daher nicht allgemein enthusiastisch begrüßt?

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Der Europäische Green Deal ist ein Maßnahmenpaket, das von der Europäischen Kommission im Verlauf der letzten fünf Jahre verabschiedet wurde und die wichtigsten Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft, Energie, Bauwesen und Transport betrifft. Es gibt darunter Vorhaben, die weder bei ökologisch orientierten Konsumenten, der progressiven Politik noch bei Konservativen auf Widerspruch stoßen: Umweltschutz durch Senkung des Gebrauchs von Pestiziden, Kunstdünger und Antibiotika, Verkürzung der Lieferketten bei Lebensmitteln und Verringerung der Verschwendung derselben, Bekämpfung der Fälschung von Lebensmitteln, Bekämpfung von ernährungsbedingten Krankheiten und Schaffung geschlossener Wirtschaftskreisläufe.

Als kontroverser gelten dagegen Pläne zur Stilllegung von Ackerflächen, um diesen bestimmte ökologische Funktionen auf dem Land wiederzugeben, die durch invasive Nutzungsmethoden gestört worden sind. Die übernutzten Flächen müssen sich regenerieren können, was besonders wichtig für die Erhaltung von Populationen bestäubender Insekten und die Wiederherstellung von Biodiversität ist. Das nützt dem Biosystem und der Agrarlandschaft, in der sich Pflanzen abseits von monokulturellen Nutzflächen wieder ansiedeln können. Nach den EU-Richtlinien sollen die Brachen nur vier Prozent der bestellten Flächen und nur Landwirtschaftsbetriebe mit mehr als zehn Hektor Nutzfläche umfassen. Das soll an ein System von Subventionen gebunden sein, dessen Reform – Zuerkennung von Subventionen für ökologische und qualitative Maßnahmen – aus Sicht des Umweltschutzes wünschenswert ist.

Als besonders kontrovers gelten dagegen diejenigen Maßnahmen, die darauf abzielen, die Treibhausgasemissionen zu senken und bis zum Jahr 2050 sogenannte Klimaneutralität zu erreichen. Der Hauptvorwurf lautet in medialer Vereinfachung: „Namens eines fiktiven Klimaschutzes will man die europäische Landwirtschaft liquidieren.“ Der Green Deal konzentriert sich überwiegend auf die Frage der Emissionssenkungen und das „Fit for 55“-Ziel (das heißt die Senkung der Emission von Treibhausgasen um mindestens 55 Prozent im Vergleich zum Stand von 1990). Das setzt ihn unvermeidlich dem Vorwurf des Realitätsmangels und der Beschädigung einer konkurrenzfähigen Landwirtschaft aus. Klimaschutz wird also auf Kosten der übrigen Ziele forciert.

Die Heuchelei der Politik der Emissionsbegrenzung

Es war mithin eine fehlerhafte Grundvoraussetzung der Klimapolitik, diesen von Umwelt‑ und Naturschutz abzukoppeln. Das ermöglichte einen inflationären Umgang mit dem Klimaschutz im Verhältnis zum Umweltschutz. Indem man den Emissionshandel (emission trading scheme, ETS) an der Börse handelbar machte, schuf man mit der Politik der Emissionsbegrenzung ein Instrument zur spektakulären Profitmaximierung, während man deren gegenwärtig von der Gesellschaft zu tragenden Kosten erhöhte. Darunter leidet der Umweltschutz insgesamt, da er durch die Auswüchse der übersteigerten Klimaideologie (Klimatismus) in Misskredit gebracht wird.

Das ist nur ein Beispiel mehr für die Degenerationserscheinungen des westlichen Spätkapitalismus, nämlich ein pathologischer Mechanismus der Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Kosten, wie er schon im globalen Maßstab funktioniert. Die Emission von CO2 und anderen Treibhausgasen sollte nicht von derjenigen anderer verunreinigenden Substanzen abgetrennt werden. Die Umwelt – die Biosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre und Anthroposphäre – ist eine ganzheitliche Einheit. Deren Aufteilung dient den Interessen eines Teils auf Kosten der Ganzheit. Ökologische Maßnahmen sind prinzipiell auf niedrige Emissionswerte orientiert und klimafreundlich. Es gibt keinen Grund dafür, dies voneinander zu trennen und zu differenzieren, zumal der Umweltschutz heute häufig mit dem Klimaschutz um Mittel, Aufmerksamkeit und Maßnahmen konkurriert und dabei des Öfteren den Kürzeren zieht.

Obwohl jede ökologische Maßnahme auf niedrige Emissionen abzielt, ist nicht jede Maßnahme zur Emissionssenkung ökologisch (und ökonomisch). Die Abkoppelung der Klimapolitik von der Umweltpolitik und der Niedrig-Emissions- und grünen Wirtschaft (einer ökologischen, im Umweltschutz innovativen Wirtschaft geschlossener Kreisläufe) ist daher unbegründet und dient nur dazu, die Partikularinteressen bestimmter Lobbys durchzusetzen, so der Technologielobby, die Technologien zur Emissionssenkung propagiert. Sie ist teuer, aber ökologisch und sozial völlig unausgewogen und geht auf Kosten der Interessen der Umwelt und der Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaften in der EU.

Ein Beleg für die Heuchelei der Emissionssenkungspolitik der EU sind allein schon die Pläne, eine Freihandelszone mit der lateinamerikanischen Wirtschaftszone Mercosur zu schaffen und beträchtliche Mengen von Lebensmitteln aus Südamerika zu importieren. Der Export und Import von Lebensmitteln geht nicht ohne Verbrennung von Treibstoffen, ist also emissionsintensiv und steht in eklatantem Widerspruch zu der von der EU postulierten Klimapolitik.

Wem schadet der Green Deal?

Alle Veränderungen im Interesse des Umweltschutzes schaden der großen Agrarindustrie, die an Maximierung ihrer Profite aus dem Verkauf von Lebensmitteln, agrochemischen Substanzen und Kunstdünger interessiert ist. Sie schaden ebenfalls den Interessen der Handelslobby und indirekt der pharmazeutischen Lobby, welche auch Veterinärmittel vertritt. Deren Gewinne wachsen proportional zu den Krankheiten und Gesundheitskosten, die von zunehmenden Zivilisations‑ und ernährungsbedingten Krankheiten verursacht werden (der für Gesundheit verausgabte Anteil am Bruttoinlandsprodukt wächst ständig).

Die auf Expansion drängenden großen Wirtschaftskorporationen und Industrie gelten berechtigterweise als Ursachen der ökologischen und gesundheitlichen Krise. Sie verursachen außerdem soziale Kosten, denn sie betreiben die Übernahme oder Liquidierung kleinerer Unternehmen, von Arbeitsplätzen, ihre Wirtschaftsweise führt zu Entvölkerung und übermäßiger Industrialisierung von ländlichen Gebieten. Die Überentwicklung von Großkonzernen wird gemeinhin als Krebsgeschwulst an der Weltwirtschaft gesehen, das um jeden Preis alles kommerzialisiert und technisiert.

Um sich auf dem Markt zu halten, dessen Regeln von den großen Akteuren, den transnationalen Korporationen und Konzernen diktiert werden, sind die Landwirtschaftsbetriebe gezwungen, ihre Produktion zu intensivieren, sich technisch aufzurüsten, ständig neue, teure und abhängig machende Technologien zu verwenden und zu diesem Zweck Kredite aufzunehmen. Ein eklatantes Beispiel ist die Einführung von genetisch modifizierten Organismen (GMO), für die biotechnische Unternehmen die Patente besitzen. Anstelle des Amazonas-Regenwaldes entstehen Plantagen genetisch modifizierter Soja und Mais, die als Futtermittel in die EU ausgeführt werden und dort den Markt erobert und einheimische Futtermittel verdrängt haben. Auch synthetische Lebensmittel stellen eine Gefahr für jede Landwirtschaft dar; sie werden im industriellen Maßstab biotechnisch hergestellt. Dazu gehören Zellkulturfleisch und perspektivisch Lebensmittel aus dem Drucker. Besitzer der Herstellungspatente sind wiederum die großen Technologiekonzerne.

Die zugunsten der Agroindustrie vorgebrachten Argumente, nämlich Produktivität und Bekämpfung des Hungers, können nicht überzeugen. Die Penetration der Länder des globalen Südens durch westliche Agroindustrie und Lebensmittel haben dort die lokalen, schon seit Jahrtausenden bestehenden Methoden der Lebensmittelproduktion zerstört. Folgen sind Überbevölkerung, Armut und Hunger.

Gibt es wirklich keine Alternative?

Die reale Alternative zur auf Großbetriebe gestützten Agroindustrie ist die ökologische Landwirtschaft, die der Natur und der menschlichen Gesundheit zuträglich ist. Sie verwendet keine Kunstdünger, betreibt Fruchtwechsel, kümmert sich um die Gesunderhaltung der Böden und das Wohlbefinden der Tiere und lässt keine Anwendung von GMO zu. Die ökologische Landwirtschaft ist um ein Vielfaches weniger energie‑ und emissionsintensiv als die industrielle Landwirtschaft. Sie ist dadurch weniger anfällig für Krisen und Preisschwankungen bei den Treibstoffen, was wohlgemerkt der Grund für die Proteste gegen den Green Deal in Deutschland und Frankreich war. Sie verbraucht überdies weniger Wasser und ist stärker gegen Klimaanomalien gefeit. Der Bestand einer ökologischen Landwirtschaft und ökologisch produzierter Lebensmittel bildet nicht nur eine Konkurrenz, sondern eine tödliche Bedrohung für die intensive Landwirtschaft, weil sie zeigt, dass eine Alternative möglich ist.

Für die polnische Landwirtschaft sind hochwertige, lokal, regional, traditionell und ökologisch produzierte, in kurzen Lieferketten hergestellte und verteilte Erzeugnisse eine Chance. Sie stützt sich auf ein biodiverses, lokales Naturkapital. Polen belegt laut Daten der EU zur Größe von ökologisch bewirtschafteten Agrarflächen unter den 27 Mitgliedsländern den vierten Platz – leider von hinten. An erster Stelle steht nach wie vor Österreich mit einem Anteil von 25 Prozent ökologischer Landwirtschaft an allen Agrarflächen.

Der Green Deal postuliert die Erhöhung des Anteils ökologischer Landwirtschaft in der EU auf 25 Prozent der Agrarflächen bis 2030, also eine Erhöhung um 150 Prozent, ausgehend von den gegenwärtig zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Das ist aus ökosozialer Sicht ein positives, wenn auch sehr ehrgeiziges Ziel. Leider fördert die Forcierung dieses Ziels von oben im Kontext der umstrittenen Niedrig-Emissions-Politik und der weiteren Liberalisierung des Lebensmittelmarktes, wie sie von der Welthandelsorganisation (WTO) propagiert wird, nicht die Einleitung ökologischer Maßnahmen, obwohl genau dieser Teil des Green Deal unterstützt werden sollte.

Seit den 1990er Jahren wird von den Technokraten immer wieder der fatale Mythos aufgewärmt, überzählige Landwirtschaftsbetriebe seien aufzulösen, um die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen. Diese Denkweise stammt daher, dass sie inadäquate Modelle und ökonomische Kategorien auf die Landwirtschaft anwendet. Deren Besonderheiten verlangen einen anderen Ansatz. Eine adäquate ökonomische Theorie ist die Ökonomie der nachhaltigen Entwicklung, die nicht nur ökonomische Effizienz und Kosten berücksichtigt, sondern im gleichen Maße auch äußere soziale und ökologische Auswirkungen (Kosten) von Wirtschaftsunternehmungen. Leider haben viele polnische Ökonomen und Landwirtschaftsexperten diese Lektion noch nicht gelernt.

Die ordokonservative Landwirtschaft

Das Projekt einer ökologischen, nachhaltigen Agrarpolitik muss abgeleitet werden aus den ordokonservativen Grundprinzipien, wie sie Bartłomiej Radziejewski im „Manifest des Ordokonservatismus“ als Prinzipien des Holismus, der Homöostatik und der Mäßigung dargelegt hat. Dem wäre noch das Prinzip der Lokalität hinzuzufügen (Roger Scrutons „Oikophilie“, also die Liebe zur eigenen Heimat) und die Dezentralisation (Verteilung und Vernetzung), die zu dem neuen, nichtmechanistischen, holistischen Paradigma gehören.

Diese Prinzipien können von einem System der ökologischen Landwirtschaft erfüllt werden, deren Produkte in Familienbetrieben erzeugt und über kurze Lieferketten an die Konsumenten verteilt werden, sowie durch die Gemeinschaftlich Unterstützte Landwirtschaft (Rolnictwo Wspierane przez Społeczność, RWS). Diese beruht darauf, Verbindungen zwischen Bauern und Verbrauchern herzustellen, wobei letztere ihre Lebensmittel unmittelbar „vom Feld auf den Tisch“ erhalten. Gegenwärtig sind in Polen bereits einige Dutzend solcher Kooperativen tätig. In solchen Systemen wird die Vermittlung durch große Handelsunternehmen umgangen, an die im konventionellen Handel 75 bis 90 Prozent des Einzelhandelspreises des Produkts fallen. Im Direktverkauf bleibt diese Marge beim Produzenten.

In einem solchen System werden darüber hinaus verbraucherfreundliche Lösungen möglich: die Teilnahme von Konsumenten an der Produktion von Lebensmitteln durch die Unterstützung von Landwirtschaftsbetrieben bei den Feldarbeiten (Saat, Jäten, Ernte), was die Integration dörflicher und städtischer Gemeinschaften fördert. Ländliche Gebiete mit nachhaltiger Landwirtschaft können zudem eine Stütze der Energieproduktion für den lokalen Bedarf bilden. Erneuerbare Energien bestehen nicht nur aus den instabilen Energieformen Wind und Sonne, sondern auch aus Biogas (beispielsweise betreiben in Schweden die städtischen Nahverkehrsbetriebe ihre Fahrzeuge mit Biogas aus biologischen Abfällen), Biomasse, Wasserenergie und Geothermie. Eine verbraucherfreundliche Energieproduktion verstößt jedoch gegen die Interessen der zentralisierten Energiewirtschaft. Obwohl also die Abschaffung fossiler Energiequellen und die Entwicklung erneuerbarer Energieformen unumgänglich sind, ist es leichter, die Parole zu wiederholen, die polnische Energiewirtschaft fuße auf der Kohle, und das werde auch so bleiben.

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Die westliche (post)kapitalistische Wirtschaft leidet aufgrund ihrer Monetarisierung aufgrund der Loslösung von Geldflüssen und des spekulativen Kapitals von der Realwirtschaft und der Produktionsbasis an pathologischen Entwicklungen. Dieses Wirtschaftssystem wird von der Ideologie, ja dem Fetisch ständigen Wachstums auf Kosten von Gesellschaft und natürlicher Umwelt beherrscht, faktisch auf Kosten zukünftiger Generationen. Ihre Rückbindung an die Realität muss eben bei Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion beginnen und von den wirklichen Bedürfnissen des Menschen ausgehen; wobei das Bedürfnis, sich gesund zu ernähren, Priorität hat. Der Preismechanismus einer gesunden Wirtschaft muss die wirklichen Kosten einschließlich der sozialen und ökologischen widerspiegeln. Dann nämlich werden die als teuer verschrienen ökologischen Produkte sich als preiswerter denn die konventionell produzierten erweisen, die durch Nachfolgekosten in Umwelt und Gesundheit belastet sind, welche die konventionelle Ökonomie nicht sieht, die sich nur am BIP orientiert. Umso höher die Ausgaben für die Konsumtion ungesunder Lebensmittel und folglich für die Behandlung von ernährungsbedingten und zivilisatorischen Krankheiten, desto größer das BIP.

Solange der globale Lebensmittelmarkt von großen Akteuren beherrscht wird, welche diese in großen Mengen und schlechter Qualität produzieren, sollte Polen für sich ein asymmetrisches Übergewicht in der Produktion von Lebensmitteln hoher Qualität und der Unterstützung von nachhaltigen Familienbetrieben finden. Die noch in Polen bestehenden 700.000 kleinen Landwirtschaftsbetriebe können die soziale Basis für die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft bilden.

Leider erinnert die Art und Weise, in der der Green Deal auf EU-Ebene konzipiert und eingeführt wurde, an das polnische Projekt der „Fünfer für die Tiere“, bei dem der Fehlschlag garantiert war und das nur die Bauern auf die Barrikaden bringen konnte. Wir müssen die Krankheit übermäßiger Industrialisierung und Profitgier auf Kosten von Umwelt und Gesundheit heilen. Kurze Lieferketten und Produktion ökologischer Nahrung bedeuten die Rückkehr der Landwirtschaft zu ihren Wurzeln und die Anbindung der Wirtschaft an die Realität. In diesem Punkt wie beim Protest gegen Globalisierung, Monopolisierung und Oligarchisierung der Landwirtschaft können konservative und progressive Umweltschützer Übereinstimmung finden. Wirklicher Umweltschutz verbindet. Initiativen wie die für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, wie sie im Green Deal propagiert werden, müssen aufgegriffen und nicht pauschal durch die vom Agrobusiness übervorteilten Bauern und über ihre eigenen Interessen im Unklaren befindlichen Verbraucher torpediert werden. Statt jedoch konstruktive Lösungen zu finden, stecken wir in unfruchtbaren und hysterischen Flügelkämpfen fest. Und Bauernhöfe wie Arten der Flora und Fauna gehen Tag für Tag verloren…

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Anmerkung: Es gibt bereits viele Konzeptionen für eine im Geiste des Ordokonservatismus betriebene Landwirtschaft, dargelegt etwa in: Mieczysław Górny: Eko-filozofia rolnictwa [Ökophilosophie der Landwirtschaft], Krosno, Toruń: Centrum Edukacji Ekologicznej Wsi „Ekoland“, 1992, 2002; Carlo Petrini: Slow Food. Genießen mit Verstand, Zürich: Rotpunktverlag, 2003 (italienisch 2001); Julian Day Rose: In Defence of Life. Pragmatic Proposals for a Planet in Distress, Winchester, Washington: Earth Books, 2013. Mit diesen Büchern sollte sich jeder Konservative vertraut machen, der die aktuelle Problematik der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung besser verstehen und gesunde Anleitungen zur eigenen Orientierung finden will.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann


Der Text entstand dank finanzieller Unterstützung der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit im Rahmen des Projekts “Polens Perspektive”. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem polnischen ThinkZine Nowa Konfederacja realisiert.

Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit

Mikołaj Niedek

Mikołaj Niedek

Mikołaj Niedek studierte Philosophie und Soziologie an der Universität Warschau. Er promovierte an der Fakultät für Wirtschaft und Management der Universität Białystok mit einer Arbeit über nachhaltige Produktions- und Konsummuster. Er ist Autor von über 40 wissenschaftlichen Artikeln. Er arbeitete in Nichtregierungsorganisationen und führte Projekte im Bereich der Umweltbildung und Sozialwirtschaft durch. In den Jahren 2018-2020 arbeitete er am Institut für Umweltschutz PIB an einem Projekt, das sich mit Pionierforschung zum Thema Lebensmittelverschwendung in Polen beschäftigte.

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