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Das Archiv der Region Donezk im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2014-2024

Das Archiv der Region Donezk im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2014-2024
Ein Archiv, dessen Bestände ebenso interessant sind wie seine eigene Rolle in der jüngsten Geschichte der Ukraine:
Bei der nächsten Veranstaltung der Reihe Festung Archiv Ukraine spricht die Direktorin des Archivs Iryna Shysholik über “Das Archiv der Region Donezk im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2014-2024”:
04.06, 18.00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin | Anmeldung: https://forms.gle/GtG1KS83Hsct6xqc9
Die Veranstaltung findet auf Ukrainisch und Deutsch statt.
Organisierende und Partner: Pilecki-Institut Berlin, Bundesarchiv, Viadrina Centre of Polish and Ukrainian Studies, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften
„Die Stadt der Millionen Rosen“, die in den 60er Jahren von Unesco zur grünsten Industriestadt ihrer Einwohnerklasse auserkoren wurde. Eine Kulturstadt, hoch geschätzt für ihr Ballett und Theater, die ihren Namen dem Fluss Siwerskyj Donez (oder auch Donezk-Kamm, wie eine andere Lesart nahelegt) verdankt und eine Fußballheimat, deren Verein Schachtar nach dem Uefa Cup Triumph 2009 die Herzen der Fußballfans in ganz Europa höher schlagen ließ. Und schließlich die Stadt der Schlacht um einen Flughafen – einen der meistgenutzten in der Ukraine, um den „die Cyborgs“ – die Streitkräfte der Ukraine und „prorussische Separatisten“ rangen zu einer Zeit, als noch kaum jemand in der internationalen Öffentlichkeit den russischen Angriffskrieg als solchen zu bezeichnen wusste.
Die Rede ist von Donezk, ehemals „Jusowka“ und dann „Stalino“ genannt, die größte und modernste Stadt in der gleichnamigen Region, in der Städte wie Mariupol, Kramatorsk und Bachmut liegen. Städtenamen, die in der internationalen Gemeinschaft stellvertretend stehen für den ukrainischen Kampf um Unabhängigkeit sowie eine freiheitliche Existenz und zugleich auch für die größten von Russland verursachten Verwüstungen und Zerstörungen im Krieg. Das stark industrialisierte Gebiet mit einem gut entwickelten Transport-Netz ist eine der wirtschaftlich bedeutendsten und am dichtesten besiedelten Regionen der Ostukraine mit über 4 Millionen Bewohnern.
Im Jahre 2014 hat hier die Russische Föderation einen hybriden Krieg gegen die Ukraine entfesselt: Nach einem Scheinreferendum wurde auf dem Gebiet der Oblast im Mai 2014 hinter vorgehaltener russischer Hand die Volksrepublik Donezk ausgerufen. Es folgten massive Menschenrechtsverletzungen, die gezielte Deukrainisierung und wirtschaftliche sowie politische Zugrunderichtung der gesamten Region.
Das Archiv bildet diese vielfältige Geschichte detailliert ab – bietet aber auch über die Zeitgeschichte hinweg eine breite thematische Palette an Dokumenten und Beständen, die bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen.
Dokumentiert wurde die Besiedlung der Region durch Kosaken, ukrainische Migrationsprozesse rund um Slobozhanshchyna und Chengivshchyna, die Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft, die Geschichte der Kirchen, bildungspolitische Bestrebungen wie der Kampf gegen den Analphabetismus in 19. und frühen 20. Jahrhundert, der Oktoberputsch (die Oktoberrevolution), etliche Aktivitäten lokaler Organisationen der Ukrainischen Volksrepublik und der Ortsverbände der OUN-UPA, die nationalsozialistische Besatzung, die UdSSR-Zeit und auch die Streikbewegungen der 90er Jahre.
Diese Bestände wurden während der Besetzung von Donezk von den russischen Truppen beschlagnahmt, doch das regionale Staatsarchiv setzte seine Tätigkeit auf ukrainischem Gebiet fort: Das Hauptaugenmerk wird nun auf den Kampf der Bewohner von Donezk gegen die russischen Invasoren gelegt.
Doch nicht nur die archivischen Sammlungen sind erkenntnisreich, sondern auch die Geschichte des Archivs an sich. Bei unserer Veranstaltung wird man erfahren können, wie die Evakuation nach 2014 verlief und welche Modernisierungsprozesse zugleich eingeläutet wurden. Die Mikrogeschichte des Archivs ähnelt in dieser Hinsicht der Makrogeschichte der Ukraine: Angriff, Verlust, Zerstreuung und gleichzeitig Entfachung eines enormen Reformeifers und Öffnung zur Außenwelt. Diese Parallelentwicklung umfasst auch das Schicksalsjahr 2022 und den neuen dramatischen Gegebenheiten, mit denen das Archiv nun zurechtkommen muss.
Mehr über die Panelistinnen und Panelisten:
Iryna Shosholik
Iryna Shysholik wurde in Nowohrodiwka, Donezk Region, geboren. Sie schloss ihr Studium an der Nationalen Universität Donezk im Jahr 2000 mit einem Diplom in Mathematik ab. Seit 2002 arbeitete sie als Archivarin der ersten Kategorie in der Abteilung für die Bestandserhaltung und Informationsabfragesysteme. 2008 wurde sie Leiterin der Abteilung und seit 2012 die stellvertretende Direktorin des Archivs. In der Abteilung arbeitete sie an der Digitalisierung von Dokumenten des Nationalfonds der Ukraine und der Erstellung von Informationsdatenbanken. 2014 schloss sie das Studium an der Staatlichen Universität für Management in Donezk mit einem Master-Abschluss im Staatsdienst ab und ist seit 2016 Direktorin des Staatsarchivs Donezk. Aufgrund des russisch-ukrainischen Krieges (2014-…) zweimal Binnenflüchtling: Das erste Mal im Jahr 2014, das zweite Mal im Jahr 2022.
Prof. Guido Hausmann
Guido Hausmann ist Professor für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Universität Regensburg und leitet den Bereich Geschichte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Er ist Co-Sprecher der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission und arbeitet zur Geschichte der Ukraine vom 18. Jahrhundert bis heute.Seine Forschungsschwerpunkte sind: Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte Mittel- und Osteuropas, Stadtgeschichte Mittel- und Osteuropas, Imperium und Nationalitäten, Gedächtnisgeschichte und Erinnerungskulturen, Natur und Umweltgeschichte Mittel- und Osteuropas.
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