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Nachruf auf Kazimierz Kutz

Am 18.12.2018 ist der oberschlesische Filmregisseur, Literat und Politiker Kazimierz Kutz im Alter von 89 Jahren gestorben.

 

Künstlerische Moden, thematische Konjunkturen und formale Konventionen waren Kazimierz Kutz schon immer zuwider – genau wie kollektive Denkschemata und nationale Mythen, was ihm den Ruf eines Unangepassten und widerborstigen Zeitgenossen eingebracht hatte, der undiplomatisch und zuweilen provokativ in der Öffentlichkeit agiert. Kutz scheute weder Irritationen noch Eklats, als er etwa feministisch motivierte Kritik an seinen Filmen mit einer verbalen Provokation quittierte. Extreme Situationen reizten ihn nach eigenem Bekunden, da sie unverfälschte Reaktionen erzwingen. Kein Wunder, dass Authentizität ein Begriff ist, der am häufigsten im Zusammenhang mit seinem Werk fällt. Als Erneuerer der Filmsprache erlangte er mit der vielfach preisgekrönten schlesischen Trilogie: „Das Salz der schwarzen Erde“ (1969), „Eine Perle in der Krone“ (1971), „Perlen eines Rosenkranzes“ (1979) internationales Renommee.

© The Chancellery of the Senate of the Republic of Poland , Kazimierz Kutz Kancelaria Senatu, CC BY-SA 3.0 PL

Dass Trotz, Kratzbürstigkeit und Selbstbehauptungswille zu seinem eigenen Selbstverständnis gehörten, davon konnte man sich immer wieder überzeugen – zuletzt in Kutz´ wöchentlichen Beiträgen für die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“, mit denen er das tagespolitische Geschehen in Polen scharfzüngig kommentierte. In Polen war er geradezu gefürchtet wegen dieser spitzzüngigen, boshaft entlarvenden Feuilletonbeiträge, die ihm ebenso viel Ehre wie Feinde eingebracht hatten. Mit exzellenten Fernsehadaptionen zeitgenössischer Theaterstücke sorgte Kutz in den 1980er und 1990er Jahren gar für kulturpolitische Debatten in seinem Land. Kutz löste nicht wenige „nationale“ Skandale aus, etwa als er nach den letzten beiden Volkszählungen in Polen seine Lanze für die Wertschätzung der mehr als 800.000 Oberschlesier (mit teils deutscher, teils polnischer, aber stets starker regionaler Identität) brach und vehement dafür eintrat, diese zahlenmäßig stärkste Minderheit in Polen als eine ethnische Gruppe anzuerkennen. Seine Argumente wurden fast immer überschattet von alten Gespenstern der Intoleranz und vaterländischen Phrasen, die einem Oberschlesier – und Kutz war ein wahrlich eingefleischter Zeitgenosse seiner Heimatregion – in der Regel leer und verlogen erschienen. Nachdem das Oberste Gericht 2013 in seinem Urteil befunden hatte, Oberschlesier dürften sich keine eigenständige Nation nennen, kommentierte Kutz es mit den Worten: „Das sollte den Oberschlesiern jetzt so richtig auf den Sack gehen.“ Er bezeichnete seine Heimat einmal als Schuhsohle eigener Phantasie, die ihm eine Art innerer Authentizität garantiere. Die Topografie seiner Kindheit entspricht auch der seiner `schlesischen Trilogie´, deren Drehbücher er selbst schrieb, um die zwiespältige Beziehung Oberschlesiens zu Polen mit viel Stolz und Einfühlungsvermögen zu schildern.

 

Ob als Vertreter aufklärerischer Schlesien-Barde, unbequemer Solidarność-Chronist oder streitbarer Politiker und Vorzeige-Oberschlesier, verwurzelt in der kulturell doppelt kodierten Grenzregion – Kutz war schon immer ein unsteter Geist und seiner Zeit weit voraus. Das konnte Kazimierz Kutz so überzeugend leisten, weil seine Biografie exemplarisch für die deutsch-polnische Zeitgeschichte, seine Heimatregion Oberschlesien und den mitteleuropäischen Topos einer nicht vergehenden Geschichte als Determinante im Leben des Individuums ist: 1929 im oberschlesischen Schoppinitz in einer Bergarbeiterfamilie geboren, die an den oberschlesischen Aufständen teilnahm, beendete er nach Kriegsausbruch eine deutsche Grundschule (1944), wurde danach zu Zwangsarbeit ins „Dritte Reich“ verschickt, wo er bei einem Bauer in der Nähe von Bunzlau eingesetzt war; nach dem Krieg besuchte er ein polnisches Gymnasium in Myslowitz und studierte von 1949 an der neu eingerichteten Filmhochschule in Lodz; er wurde zum Miturheber der sogenannten „Polnischen Filmschule“. Das Trio aus Lodz – Andrzej Wajda, Roman Polański und Kazimierz Kutz – hat in den 1950er Jahren das Weltkino geprägt. Mit 40 Jahren, schon als anerkannter Regisseur, ereilte ihn die Rückbesinnung auf seine Heimat in der ‘schlesischen Trilogie’: mit all ihrer historischen Ambivalenz und kulturellen Doppeldeutigkeit. Später war er ein Exponent der „Solidarność“-Bewegung, interniert im Kriegszustand; nach 1990 wurde Kutz Senator und Politiker, war dabei stets ein medialer und politischer Befürworter der europäischen Integration und des Beitritts Polens zu EU. Und sein Bekenntnis zu Europa begründete er stets mit den historischen und kulturellen Erfahrungen Oberschlesiens. Gradlinigkeit und Vertrauen in elementare ethische Grundsätze, die Kutz seiner oberschlesischen Herkunft zuschrieb, sind charakteristisch für alle seine filmischen Figuren.

 

Durchschnittsmenschen, die in konkreten Bewährungssituationen einen hohen Preis zahlen müssen für ein Leben im Einvernehmen mit sich selbst. Aus dieser Perspektive wirken all die Konflikte, die die Traumata jüngster polnischer Geschichte widerspiegeln (etwa vor dem Hintergrund des romantischen Paradigmas in Filmen eines Andrzej Wajda), banaler und beraubt jedweder Eindeutigkeit. Die Helden von Kutz sind weder nationale Heroen noch gebrochene Idole in einer nicht enden wollenden Serie nationaler Niederlagen, Katastrophen und Tragödien. Sie handeln in greifbaren, beinahe prosaischen Zusammenhängen ohne Pathos und große romantische Gesten, dafür aber mit affirmativem Ethos und Stolz, lebensbejahend und in Opposition zu dem so polnischen Topos des Leidens.

 

Kein anderer hat in Polen so viel zum Verständnis Oberschlesiens – dieses, wie Kutz zu sagen pflegte, „Irrenhauses, in dem Grenzen verwischen und Menschen wie Nationen zum Spielball der Weltgeschichte werden“ – beigetragen wie er. Und zwar jenseits der Geschichtskittung und im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass Oberschlesien, nachdem der Zweite Weltkrieg und die Ereignisse der Nachkriegszeit die gewachsenen ethnischen Strukturen umgeschichtet haben, nicht mehr das Oberschlesien aus seiner Trilogie ist. Das Besondere an Kutz war, dass er als Oberschlesier stets eine Distanz zu „polnischen Anliegen“ hatte – also zu einer Art nationalistischem Patriotismus, in dem es keinen Platz gab für andere ethnische oder kulturelle Minderheiten. Kutz stand für eine andere Auslegung des Polnischseins als die, die in der polnischen Literatur der Romantiker oder der späteren Geschichtschreibung verbürgt ist. Deshalb wollte er dieses Anderssein Oberschlesiens filmisch erzählen; seine andere Auffassung vom Patriotismus, die Kritisches nicht ausspart. „Man muss Menschen das erzählen, was sie nicht gerne hören“, sagte Kutz vor ein paar Jahren bei seiner Autorenlesung in Krakau.

 

Als ihm das Bundesland Niedersachsen 1995 den Kulturpreis Schlesien zuerkannt hatte, befand sich Kutz mit dem ebenfalls aus Oberschlesien stammenden Dirigenten-Weltstar Kurt Masur und der renommierten FAZ-Journalistin und Schriftstellerin Maria Frisé in bester Gesellschaft. Ein Vorzeige-Oberschlesier eben, dessen Filme in Deutschland noch ihrer wahren Entdeckung harren.

 

Kazimierz Kutz hinterlässt uns einen (Wach)Ruf: Seid misstrauisch gegenüber jeglichen Zeilen und Bildern, ob in Literatur, Schulbuch oder Film, die „Geschichte“ oder Geschichten erzählen. Aber lasst Euch auf die Kunst ein, die manchmal eine Geschichte „hinter der eigentlichen Geschichte“ erzählt. Lest zwischen den Zeilen, schaut hinter die Bilder. Sucht immer und immer wieder nach der „einen Perle in der Krone“.

 

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Marcin Wiatr

Dr. Marcin Wiatr, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Georg-Eckert-Instituts – Leibniz-Instituts für internationale Schulbuchforschung, studierte Germanistik, Geschichte, Erziehungs- und Übersetzungswissenschaften und promovierte über den oberschlesischen Politiker Wojciech Korfanty.

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