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Polen kann Deutschland einholen

Ein Gespräch mit den Ökonomen Andrzej Bratkowski und Cezary Wójcik: „Polen hat das Potential, Deutschland einzuholen“, meint Cezary Wójcik, Professor an der Szkoła Główna Handlowa (Warsaw School of Economics) in Warschau. „Sein größter Trumpf sind die besten Informatiker der Welt“, ergänzt Dr. Andrzej Bratkowski, vormals stellvertretender Chef der Polnischen Nationalbank (NBP). Doch er warnt: „Es ist nur alles dafür zu tun, damit sie nicht dorthin auswandern, wo bessere Gehälter gezahlt werden.“

 

Auf dem Wirtschaftsforum in Krynica haben Sie diskutiert, ob Polen so reich wie Deutschland werden kann. Aber muss sich den Polen überhaupt ständig mit Deutschland vergleichen?

Cezary Wójcik: Muss es nicht. Aber der Vergleich lohnt sich. Deutschland ist ein Vorbild, natürlich nicht das einzige. Eines, dem wir deswegen nacheifern können, weil es eines der reichsten Länder der Welt ist. Außerdem sind die Deutschen in vielen Bereichen einfach am besten. Das zu nutzen, lohnt sich.

 

Andrzej Bratkowski: Wenn wir ein ähnliches Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung erreichen wollen, wird sicher keine einfache Kopie ausreichen. Ich bin generell der Auffassung, besser als das deutsche ist das irische Modell, um Deutschland einzuholen.

 

Und das israelische Modell, das sich stark auf Wissenschaft stützt?

Wójcik: Hervorragende Bedingungen für Spitzentechnologie und ein großartiges System zur Unterstützung von Startups, darüber hinaus die Fähigkeit, Wissenschaftler aus der ganzen Welt ins Land zu holen, die dort innovativ tätig werden, das ist tatsächlich etwas, was wir von Israel lernen könnten.

 

Bratkowski: Ich wäre da vorsichtig. Für die Verteidigung gibt Israel ein Zwanzigstel seines Bruttoinlandproduktes aus [knapp fünf Prozent im vergangenen Jahr; fast sieben Prozent vor zehn Jahren; Anm. d. Autors]. Kein Land, das nicht unter einem solchen Druck durch Bedrohungen von außen steht wie Israel, kann es sich politisch erlauben, dafür so viel auszugeben. Und das hängt ganz eng mit dem Bereich Forschung und Entwicklung zusammen.

 

Polen muss da anders vorgehen. Wir sind nicht in der Lage, umgerechnet auf jeden Kopf der Bevölkerung so viel innovative Technik zu produzieren. Ich würde auch vor einer zu umfangreichen Einmischung des Staates in soziale Prozesse warnen, denn das führt dazu, organische Entwicklungen eher zu blockieren als zu fördern.

 

Ich erwähnte Israel, weil es schwierig sein könnte, dem deutschen Entwicklungspfad zu folgen. Deutschland hatte sehr viel mehr Zeit als das Land, das es einholen will. Vielleicht gibt es einen Bereich, der für Polen zum Entwicklungsmotor werden könnte, etwa Rüstung oder die Eroberung des Weltraums?

Wójcik: Eine gute Frage, aber ich denke, man sollte seine Ambitionen realistisch formulieren. Wir befinden uns noch nicht auf einer Entwicklungsstufe, um so ehrgeizige Pläne zu verfolgen. Vielleicht in einer gewissen Zeit.

 

Außerdem ist die Frage nicht, ob wir auf deutsche oder israelische Erfahrungen zurückgreifen sollten. Wir sollten uns an allen guten Vorbildern orientieren. Wir sollten sie aber nicht einfach übernehmen , sondern sie an unsere Kultur, unsere Verhältnisse und Strukturen anpassen.

Was die Eroberung des Weltraums anbelangt – da haben wir noch ein bisschen Zeit.

 

Aber die Biotechnik ist doch wohl schon im Bereich des Möglichen?

Wójcik: Biotechnik ja. Wir müssten allerdings eine schwere Hürde überwinden, die in Polen darin besteht, wie Wissenschaft und Universitäten organisiert sind. Wir haben großartige, talentierte Leute, die jedoch ihre Fähigkeiten im heutigen System nicht entfalten können. Daher verlassen viele das Land. Und die, die bereits im Ausland sind, betreiben Spitzenforschung und werden nicht nach Polen kommen, solange sich nichts ändert. Wir müssen dieses System wirklich völlig umbauen und besser finanzieren.

 

Und sehen Sie ein Gebiet, auf dem die Polen über Mittelmaß hinausgelangen könnten?

Bratkowski: Das sind wir doch schon. Wir haben einige der weltbesten Informatiker und das ist unser wichtigstes Potential. Wenn wir schon nach bestimmten Spezialisierungen suchten, sollten dies solche sein, die dieses Potential nutzen – und nicht ein Land reindustrialisieren, das die besten Informatikstudenten der Welt hat.

 

Und andere Entwicklungswege?

Bratkowski: Es ist viel vom koreanischen Modell die Rede, das es übrigens so auch in Japan gibt. Aber dort ist die Expansion der großen Konzerne auf Kosten der kleineren Firmen und des Lebensstandards gegangen. Wunder gibt es also keine. Große Ergebnisse lassen sich nicht per politischen Beschluss erreichen. Gelegentlich gelingt das, dann ist das auch erfolgreich. Aber man sollte alle jene Fälle nicht vergessen, in denen das nur zu Fehlschlägen führt.

 

Kommen wir nochmal darauf zurück, wie Deutschland einzuholen wäre. Vielleicht doch nicht Deutschland, sondern zuerst einmal Spanien und Italien? Besteht dafür Ihrer Meinung nach eine Chance, und wenn ja, über welche zeitliche Perspektive reden wir hier?

Wójcik: Ob eine Chance besteht, Spanien und Italien einzuholen? Aber klar doch. Das wird natürlich nicht in den nächsten zehn Jahren gelingen, aber diese Länder liegen Bereich unserer Möglichkeiten. Übrigens liegt auch Deutschland im Bereich von Polens Möglichkeiten. Es liegt alles in unserer Hand. Was nicht bedeutet, dass das einfach werden wird. Aber es ist möglich.

 

Müssen wir uns nur an den besten Vorbildern orientieren und versuchen, so viel wie möglich zu erreichen?

Wójcik: Ganz genau. Man muss sich stets die besten Vorbilder suchen und sich darum bemühen, dass die besten Leute das umsetzen.

 

Bratkowski: Das Problem besteht darin, dass diese Vorbilder schwer direkt zu übertragen sind. Tatsächlich reicht es nicht mehr aus, gut qualifizierte Arbeitskräfte zu haben. Es braucht auch ein hervorragendes Topmanagement, in der Politik wie in der Wirtschaft.

 

Und hier, sagten Sie, haben wir schon hervorragende Informatiker. Also auf ihnen müssen wir jetzt unser Wirtschaftswachstum aufbauen, oder wie?

Bratkowski: Es ist nur alles zu tun, damit nicht die meisten dorthin gehen, wo sie besser bezahlt werden. Obwohl ich viele Fälle polnischer Informatiker kenne, die Arbeitsangebote in Deutschland ausgeschlagen haben. Denn hier verdienen sie vielleicht etwas weniger, haben dafür aber größere Entwicklungsperspektiven.

 

Aber Tatsache ist, wer in der Wissenschaft ein gewisses Niveau erreicht, muss fort aus Polen, um noch weiterzukommen, denn hier kann ihnen ihr Milieu schon allein deswegen zusetzen, weil sie erfolgreich sind.

 

Wójcik: Ich möchte noch darauf zu sprechen kommen, dass die Qualität des Managements gesteigert werden muss. Wir sind in Polen wirklich an den Punkt gekommen, an dem wir es uns nicht mehr leisten können, einfach andere Länder nachzumachen; wir müssen unsere eigenen Lösungen finden. Daher ist das Management in privaten wie öffentlichen Organisationen wirklich, wirklich wichtig.

 

Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

 

 

Das Gespräch führte Aureliusz M. Pędziwol am 6. September 2018 auf dem 28. Wirtschaftsforum in Krynica.

 

 

Cezary Wójcik, Ökonom, ist außerordentlicher Professor am Weltwirtschaftskolleg an der Szkoła Główna Handlowa (Warsaw School of Economics). Er war Gründer und erster Direktor des Büros für die Integration mit der Eurozone an der Polnischen Nationalbank (2007/08). Er ist Gründer und Direktor des Center for Leadership, das als eines seiner Ziele versteht, in Polen eine Universität von Weltniveau aufzubauen.

 

Andrzej Bratkowski, Ökonom, war von 2001 bis 2004 stellvertretender Präsident der Polnischen Nationalbank, von 2010 bis 2016 Mitglied des Rats für Geldpolitik derselben Institution. Anfang der 1990er Jahre handelte er mit dem Londoner Club der Senkung der polnischen Staatsschulden aus und war Berater des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Finanzministers Leszek Balcerowicz.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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