In der Glut der Unendlichkeit

Kulturaustausch: Die Oper Frankfurt zeigt erstmals Karol Szymanowskis Oper „König Roger“ auf Polnisch

 

Alles bleibt dunkel, der Bühnenvorhang unten – fünf lange Minuten. Aus der Stille schält sich ein Choral, unisono, angelehnt an gregorianische Gesangslinien, zuerst auf Latein, gefolgt von polnischen Lauten. Als sich der Vorhang hebt und dem Publikum im fast ausverkauften Opernsaal am Main den Blick auf die Bühne frei gibt, formiert sich dort der als Volk und Hofstaat agierende, uniform schwarz eingekleidete Chor auf einer ebenso schwarz eingefassten Bühne, unterbrochen nur von einem weißen Strahlenband in vertikaler Ausrichtung. Der auf gleiche Weise in Tuch gehüllte Titelträger – ein christlich-sizilianischer König aus dem 12. Jahrhundert namens Roger – hebt sich zunächst nicht von seinen Untertanen ab. Einziger „Lichtblick“ ist zu Beginn der historisch belegte arabische Berater der Königs, Edrisi, der strahlend weiß gekleidet im Rollstuhl sitzt, begleitet von einer Eule, dem Symbol der Weisheit.

 

Es sind diese wenigen, aber ausdrucksstarken Regieeinfälle von Johannes Erath, die den Zuschauer in das fremde Szenario der Oper des hierzulande lange zu Unrecht übergangenen polnischen Nationalkomponisten Karol Szymanowski (1882-1937) einführen: Eine durch die Kirche uniformierte Gesellschaft zur Zeit des „dunklen Mittelalters“ wartet förmlich darauf, ans Licht geführt zu werden. Wie dies geschieht, und wie unterschiedlich die Wege dahin für Volk und Herrscher sind, zeigt Szymanowski in seinem sehr persönlich inspirierten – ursprünglich als Mysterium betitelten – Musiktheater von 1926.

 

Łukasz Goliński (König Roger) © Monika Rittershau (www.monikarittershaus.de)

 

Das Werk, das u.a. Euripides’ Bakchen zu seinen literarischen Vorlagen zählt, zeigt einen Helden im Zwiespalt zwischen der strengen christlichen Kirche und einer den Genüssen des Lebens zugewandten Lebensart. Letztere entspricht der Sicht auf die mediterrane Welt, der Szymanowskis stete Aufmerksamkeit galt. Ein junger Hirte, Anhänger des Gottes Dionysos, sorgt für Verwirrung am Hofe König Rogers. Schon bald sieht sich der Herrscher in einen Konflikt zwischen dem Festhalten am christlichen Glauben und der Hingabe an die Lebenslust hineingezogen. Weder Volk noch Königin Roxana können sich den Reizen der Verführungskunst des Hirten einer neuen Religion der Liebe und des Hedonismus entziehen. Die Gefühle brechen sich in einem wilden Tanz Bahn – der in Frankfurt einer Massenorgie oder gar Vergewaltigung gleicht – bei Euripides euphemistisch Bacchanalien genannt.

 

Filip Niewiadomski (Kind) und Gerard Schneider (Der Hirte) sowie Ensemble (v.l.n.r.) © Monika Rittershau (www.monikarittershaus.de)

 

Trotz seiner Niederlage im argumentativen Ringen mit dem Hirten um die wahre Religion widersteht Roger der Neigung, dem neuen dionysischen Kult zu folgen wie es ihm sein arabischen Berater Edrisi rät, welcher immer mehr zu einer „inneren Stimme“ des Königs mutiert. Stattdessen – allein zurückgelassen von Volk und Königin, als ein König ohne Reich – singt Roger eine Hymne an die aufgehende Sonne mit den Worten: „Einsam und am Abgrund meiner Macht entreiß ich mein reines Herz und bring’s als Opfer dar der Sonne“.

 

Inhaltlich spaltet sich das Werk in drei Akte auf, die tatsächlichen Einflüssen Siziliens entsprechen und zugleich mit spezifischen Konnotationen im Hinblick auf Freiheit, Lebensführung und Liebe stehen: zunächst das Byzantinische, gefolgt vom Arabisch-Indischen und schließlich dem Griechisch-Antiken. Lange legten die Inszenierungen den Focus auf die religiös-philosophische Botschaft, in dem die heidnische Erotik auf christliche Askese stößt: ein Loblied der Sinne und ihrer Schattenseiten. Man machte auf den Konflikt zwischen Verstand und Instinkt aufmerksam, der sich in der Seele von König Roger abspielt und sich aus der Philosophie Nietzsches mit dem apollinischen und dionysischen Prinzip ableitet. Zum Erkennen der höchsten – weil sinnlichen – Wahrheit über die Existenz konnte nur Dionysos führen. In diesem Sinn gestaltete Szymanowski seinen Hirten als Verbindung von Christus und Dionysos – ein damals häufig anzutreffender Topos. Roger wählt mit seinem Opfer an die Sonne das entgegengesetzte Prinzip: Apollo.

 

Erst in jüngerer Zeit mehren sich Interpretationsversuche, die auch persönliche Motive des Komponisten wie seine Homosexualität verstärkt in den Blick nehmen, zu der er sich nur wenige Jahre vor der Fertigstellung der Oper bekannte. Inzwischen wird König Roger oft als „Gay-Oper“ tituliert, wobei Szymanowski hier seine Homoerotik ebenso kunstfertig als „Verführung“ sublimierte, wie in seinem zuvor verfassten Roman „Ephebos“. Mittel dieser Verführung war laut Szymanowski das „geheimnisvolle Lächeln“ des Hirten gewesen. Generell war für ihn die Handlung gegenüber den von den Helden erlebten Gefühlen in seiner Oper immer zweitrangig.

 

König Roger entstand zu einer Zeit, als Szymanowski mit seiner viele europäische und ein paar orientalische Einflüsse aufnehmenden Musik große Erfolge beiderseits des Atlantiks feierte. Aufgewachsen in Tymoszówka, einem Ort in der heutigen Ukraine, studierte er zunächst an der Musikakademie in Warschau deutsche Kultur- und Musikgeschichte, als ihn bei einer Reise nach Bayreuth der Besuch der Wagner-Oper Lohengrin tief beeindruckte. Ideengeschichtlich faszinierte ihn damals Nietzsches „Geburt der Tragödie“ über das Wesen der Kunst. Später kamen Anregungen französischer Komponisten wie Ravel und Debussy sowie von slawischen Einflüssen geprägte wie Bartók und Strawinsky hinzu.

 

Berühmt wurde seine Musik durch seine frühen Violinkonzerte, Klavierwerke und Lieder, die nicht selten von ihm und nahen Verwandten (wie seiner Schwester Stanisława Korwin-Szymanowska) und Grzegorz Fitelberg aufgeführt wurden, bevor der fünf Jahre jüngere Artur Rubinstein und Vladimir Horowitz wiederholt mit seiner Musik sehr erfolgreich an den ersten Häusern Europas und Amerikas konzertierten. Der renommierte Geiger Paweł Kochański trat mit Szymanowskis Violinkonzert 1924 in Philadelphia, Paris, Prag, New York, Cleveland und Chicago auf. Zeitlebens gefördert durch zumeist weibliche Gönner, eröffneten ihm diese Unterstützungen bereits seine ganz frühen Karrieresprünge wie bspw. 1906 die Uraufführung seiner 1. Symphonie in der Berliner Philharmonie, komplett finanziert durch Fürst Lubomirski.

 

Wie war es möglich, dass ein zu seiner Zeit international derart geachteter und erfolgreicher Komponist, der nach Chopin gleich an zweiter Stelle polnischer Musikgenies gehandelt wurde, hierzulande in so große Vergessenheit geraten konnte? Tatsächlich ist Szymanowski in den Konzerthäusern heute kaum präsenter als in den Opernhäusern. Dabei ist die Bilanz seiner deutschland- und weltweiten Aufführungen, geschichtlich gesehen, weniger schwach als vermutet. So war die am 2. Juni als „Frankfurter Uraufführung“ vom Premierenpublikum groß gefeierte Oper König Roger bereits kurz nach ihrer Uraufführung am 19. Juni 1926 im Teatr Wielki in Warschau auf dem Spielplan der Opernhäuser in Duisburg (1928) und Prag zu finden. Nach dem Krieg konnte man das Werk sogar in Palermo unweit vom Palast des historischen König Roger verfolgen. Hierzulande kam das polnisch-sprachige Werk erst wieder in den 1980er Jahren in Dortmund und Bremen auf die Bühne, bevor in jüngerer Zeit die Spielstätten in Mainz, Bonn, Wuppertal und Nürnberg folgten. International präsentierten Montreal, New York, London, Amsterdam, Tokyo, Barcelona, Paris, Santa Fe, Bilbao, Bregenz und Edinburgh das knapp 90-minütige Werk.

 

Dennoch rangiert Karol Szymanowski bis heute eher als Randnotiz im öffentlichen musikgeschichtlichen Bewusstsein. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass sich seine Musik ständig verändert hat, keine eindeutig zuzuordnende Sprache gefunden hat. Lyrik, Ekstase und Schmerz sind die Eckpfeiler seiner Musik, nicht Systematik. Indem er sehr offen für immer neue musikalische Einflüsse war, versagte er sich der Herausbildung einer strengen, abgrenzbaren Musiksprache, wie sie zu Beginn der Moderne von einem modernen Komponisten erwartet wurde. Er gründete keine Schule, hatte keine Nachfolger, blieb auf seiner musikalischen Reise ein Einzelgänger – wie auch in seinem Leben. Mit dem heutigen Abstand zu den ehemals streng postulierten Musikschulen und ihren Regelwerken sind wir (Publikum und Kritiker) wieder offen für seinen ganz bewusst emotionsgeladenen Musikausdruck.

 

Auch wenn Szymanowskis Musik naturgemäß in Polen über die Jahre präsent geblieben ist, haben verschiedene Faktoren dazu geführt, dass seine Biographie in seiner Heimat heute nur verzerrt präsent ist. War zu seinen Lebzeiten das offene Leben seiner Homosexualität kein Anstoß, so verschwand dieser wichtige und seine Musik prägende, wenn auch nicht dominierende Aspekt später aus den Biographien. Stattdessen entwickelte sich ein „gefakter“ Märtyrer-Status, demzufolge er keinerlei Förderung durch offizielle Stellen erhielt. Beide „blinde Flecken“ in der polnischen Betrachtung seines Nationalkomponisten deckte kürzlich Danuta Gwizdalanka mit ihrer „Der Verführer“ betitelten Biographie auf, die zu großen Teilen auf dem umfangreihen Briefwechsel Szymanowskis mit zahlreihen Zeitgenossen fußt.

 

Gwizdalanka zeigt Szymanowski als liebenden Sohn und fürsorglichen Bruder in seiner Familie, mit seinen Freunden – von denen er stets Interesse und Hilfe erwartete –, mit ihn (vergebens) anhimmelnden Frauen und im dionysischen Gefolge „wunderbarer Jünglinge“. Diese Porträtgalerie wird ergänzt durch eine Darstellung seiner bedeutendsten Werke (u.a. Stabat Mater und Harnasie beide von 1929) sowie einer Beschreibung seines künstlerischen Wegs, der vom Wiener Expressionismus über orientalisch inspirierte Sensibilität und in Byzanz wurzelnden Pathos bis hin zu einer Vitalität führte, die er bei den Bergbewohnern der Tatra gefunden hatte. Man erfährt ganz nebenbei vom Leben eines europäisch bestens vernetzten Bohemiens, der diesem Lebensentwurf besonders gerne in Zakopane nachging. Neben den vielen zeitgeschichtlichen Einblicken begegnet uns hier ein sehr persönlicher, nicht immer umgänglicher, überaus charismatischer Künstler, der von seiner Außergewöhnlichkeit durchaus überzeugt war.

 

Der Fundus dieser biographischen Details, durch das Deutsche Polen-Institut in der Buchreihe Polnische Profile des Harrassowitz Verlags zunächst nur auf Deutsch veröffentlicht (übersetzt und herausgegeben von Oliver Loew), bevor die noch umfangreichere polnische Originalausgabe demnächst publiziert werden soll, legte für die Frankfurter Inszenierung die Grundlage.

 

Łukasz Goliński (König Roger; in der Bildmitte auf dem Tisch kniend) und Ensemble © Monika Rittershau (www.monikarittershaus.de)

Licht (Joachim Klein), Bühne (Johannes Leiacker), Videoinstallation (Bibi Abel) und Regie (Johannes Erath) verschmelzen hier förmlich zu einem Ganzen, getragen durch den zentralen Akteur des Abends: Szymanowskis Musik. AJ Glueckert singt den an die historische Figur des Forscher al-Idrisi angelehnten Edrisi mit markantem Tenor, Sydney Mancasola ist als leichter, mühelos wirkender Sopran ideal für die melismatische Partie der Roxana. Mit einer nächtlichen, traumartigen Arie im zweiten Akt, die sich später als Konzertstück für Violine und Klavier verselbstständigt, darf sie mit der stark orientalisch stilisierten Melodie brillieren. Einzig Łukasz Goliński hatte seinen König Roger, welcher bis auf die extatische Hymne am Schluss eher rezitativisch angelegt ist, zuvor sehr erfolgreich in Warschau, Stockholm, Rom und London bereits gesungen – bei seinem Deutschlanddebüt in Frankfurt trat der Bassbariton zugleich sehr beweglichen wie auch empfindlich auf. Gerhard Schneiders Hirte verführte Bühnenvolk und Publikum gleichermaßen mit seinem lichten Tenortimbre, das vom intim-schwelgenden Ausdruck im Ersten Akt über Orientalismen im Zweiten bis hin zu Tatraklängen (Podhale-Musik) im letzten Akt changiert. Hinzu gesellten sich Alfred Reiter als sonorer Erzbischof und Judita Nagyová als kühle Diakonissin sowie jeweils Opern- und Kinderchor, die ihre Partien in gut verständlichem Polnisch singen und sich nicht nur in dem an die Musik von Ravel angelegtem Ballet ausgesprochen akribisch in Szene setzen. Überragend zeigte sich das Frankfurter Opernorchester unter Sylvain Cambreling, seinem früheren Generalmusikdirektor und Künstlerischer Intendanten (1993 bis 1997).

 

Mit insgesamt sieben Aufführungsterminen im Juni von König Roger hat die Oper Frankfurt, die 2018 bereits zum vierten Mal durch das Fachmagazin „Opernwelt“ zum Opernhaus des Jahres gewählt wurde, nicht nur eine musikalisch höchst spannende, intellektuell anregende Auseinandersetzung mit einem entdeckungswürdigen Werk aus den Tiefen der europäischen Musiktradition begonnen, sondern auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für den polnisch-deutschen Kulturaustausch geleistet.

 

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Detlev Lutz

Detlev Lutz publiziert immer wieder über deutsch-polnische Themen mit kulturellen, verkehrspolitischen oder touristischen Aspekten.

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