Musik und deutsch-polnischer Dialog. Zum Werk von Krzysztof Penderecki

Der weltberühmte Komponist Krzysztof Penderecki ist am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren verstorben. Trotz Krankheit und vorgerückten Alters war er immer noch aktiv: Er reiste, gab Konzerte und hatte viele Pläne für die Zukunft. Im März sollte er ein Konzert in der Dresdener Philharmonie dirigieren. Vor nicht ganz einem Jahr erzählte er einem Journalisten der Deutschen Welle, er überlege, eine neunte Sinfonie zu komponieren. Auch wenn ihm das nicht mehr gelang, hat er doch ein musikalisches Œuvre hinterlassen, das bereits zu seinen Lebzeiten als meisterhaft galt.

 

Bei allem Weltruf widmete Penderecki doch einen beträchtlichen Teil seiner künstlerischen Arbeit Deutschland, weil ihm die Verbesserung der Beziehungen zwischen Polen und dem westlichen Nachbarn am Herzen lag. Seine Leistungen sollen an dieser Stelle besonders im Hinblick auf seine Erfolge in Deutschland vorgestellt und der Frage nachgegangen werden, inwieweit ihm tatsächlich ein Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Ländern gelungen ist.

 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier richtete im Kondolenzbuch folgende Worte an die Witwe des Komponisten: „Unser Land verliert mit Ihrem Mann einen treuen Freund. Durch sein Engagement und sein gesamtes Lebenswerk, dank seiner ungeheuren Schaffenskraft, Kreativität und Energie hat Krzysztof Penderecki die deutsch-polnischen Verbindungen auf künstlerischem Gebiet unterstützt. Seine Kompositionen und auch sein Beitrag zur Realisierung internationaler musikalischer Ereignisse unter Beteiligung deutscher und polnischer Künstler zeugen von seinem außergewöhnlichen persönlichen Engagement. Er wandte die Aufmerksamkeit auf das, was unsere Länder miteinander verbindet. Mit seinem Schaffen gab er Musikern und Hörern Gelegenheiten, Polen und Deutschland durch die Musik kennenzulernen.“ Was verbanden also Penderecki mit Deutschland und die Deutschen mit Penderecki?

 

Krzysztof Penderecki, aufgenommen am 6. Juli 2008 während des XIII. Festivals der Stars in Danzig. © https://de.wikipedia.org/wiki/Krzysztof_Penderecki#/media/Datei:Krzysztof_Penderecki_20080706.jpg

Penderecki erinnerte sich mit Hochachtung an seinen Großvater, einen evangelischen Deutschen, der ihm die Liebe zur Natur und ganz besonders zu den Bäumen einimpfte. Im Garten vor seinem Haus legte der Komponist ein unvergleichliches Arboretum an, in dem er über die Jahre hinweg 1.700 Pflanzen ansammelte. Doch der Großvater und auch der Vater interessierten sich ebenso für die Musik. Die ganze Familie Penderecki mit ihren multinationalen, armenisch-deutsch-polnischen Wurzeln war tolerant, weltoffen und verständnisvoll. Als sich der kleine Krzysztof in den Kopf gesetzt hatte, ein Virtuose zu werden, versuchte niemand, ihm das auszureden, ganz im Gegenteil. Penderecki studierte Komposition unter anderem an der Staatlichen Musikschule Krakau, deren langjähriger Rektor er später war. Als 28-jähriger Assistent an der Abteilung für Komposition gewann er auf sensationelle Weise den Zweiten Wettbewerb Junger Komponisten, der vom Verband Polnischer Komponisten veranstaltet wurde. Er sandte drei mit Wappen versehene Partituren ein, die den ersten, zweiten und dritten Platz belegten. Im Anschluss daran nahm Pendereckis Karriere rasante Fahrt auf. „Strophen“, eines der ausgezeichneten Werke, gelangte in den Besitz des deutschen Verlegers Hermann Moeck, Penderecki erhielt eine Einladung zu den Donaueschinger Musiktagen, es entstand das avantgardistische Werk „Anaklasis“, das ihm Zugang zur zeitgenössischen deutschen Kunstmusikszene verschaffte. Penderecki war regelmäßiger Gast in Deutschland, war Dozent an der Folkwang-Hochschule Essen und bekam ein Stipendium für Berlin. Weitere Werke wie „Threnos für die Opfer von Hiroshima“, „Fluorescences“, „Polymorphia“ und „De natura sonoris“ gehörten der avantgardistischen Musik an, die im Westen noch erfolgreicher war als in Polen. Es handelte sich um experimentelle Musik, die häufig ungewöhnliche Instrumente einsetzt, beispielsweise eine Schreibmaschine, Glasscherben oder Metallstücke; oder die traditionelle Instrumente auf unkonventionelle Art einsetzt, eine vor allem in Polen als Sonorismus bezeichnete Musikrichtung. Die Phase dauerte bis 1966, als im Dom von Münster Pendereckis Lukaspassion uraufgeführt wurde (das Werk ist online zugänglich auf der Internetseite Digital Concert Hall in einer Einspielung der Berliner Philharmoniker unter der Leitung des Penderecki-Schülers Antoni Wit). Das war Pendereckis Beitrag zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Lukaspassion entstand zum 700. Jahrestag des Doms, doch spielte auch die Tausendjahrfeier der Christianisierung Polens darin eine Rolle. Beginnend mit diesem Monumentalwerk, begann Penderecki, sich von der Avantgarde abzuwenden. Er beendete seine Experimente mit dem Sonorismus, komponierte Sinfonien, Konzerte, Opern und dirigierte. Der Journalist Manuel Brug nannte ihn in seinem Nachruf in der „Welt“ den „traditionellsten Avantgardisten“ der zeitgenössischen Musik. Nicht nur in der deutschen Musikszene wurde Pendereckis Stilwechsel enthusiastisch aufgenommen. Penderecki dirigierte die bekanntesten Orchester der Welt, aber er verbrachte besonders viel Zeit in Deutschland und Polen.

 

Penderecki war stark an historischen Themen interessiert, ganz besonders an den Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts und an der Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Polen und Deutschen. Das spiegelt sich in Werken wider, die seit den 1960er Jahren in Deutschland und Polen entstanden und aufgeführt wurden. Die Uraufführung der Lukaspassion fand kurz nach dem Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen statt, dessen Thema die wechselseitige Vergebung war. Werke wie „Die Todesbrigade“, „Threnos“ und „Dies Irae“ bildeten gewissermaßen einen Vorwand zum Gespräch über die Versöhnung. „Krzysztof Pendereckis Musik ist nicht der erhobene Zeigefinger – sie ist die ausgestreckte Hand“, sagte Rolf Beck in seiner Laudatio auf den Komponisten, als dieser im Mai 2012 den Viadrina-Preis der Universität Frankfurt/Oder für sein Eintreten für die deutsch-polnische Versöhnung entgegennahm. In seiner Dankesrede sagte Penderecki, er habe sich sein ganzes Leben lang um die Verständigung zwischen Polen und Deutschland bemüht. Das lässt sich kaum übersehen, wenn man seine Laufbahn verfolgt, bei der es eine große Zahl wichtiger Auftritte in Deutschland und die Zusammenarbeit mit führenden deutschen Orchestern wie den Münchner Philharmonikern, dem Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunkes in Hamburg, dem Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundkfunks in Leipzig und den Berliner Philharmonikern gab. Mit der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter verband ihn eine in vielen Jahren der Zusammenarbeit geschlossene künstlerische Freundschaft. „Seine Art zu schreiben war außergewöhnlich. Im Herzen bleiben diejenigen Werke am stärksten haften, die vom menschlichen Unglück sprechen. Diese Musik war etwas in der Art einer Lektion über die Menschheitsgeschichte, aus der wir Lehren ziehen sollten. Er legte seine ganze Seele in seine Kompositionen. Er liebte die Menschen und die Natur,“ sagt Mutter. In den achtziger Jahren hörte die junge Geigerin erstmals das große „Polnische Requiem“, das wichtigen Themen der polnischen Geschichte gewidmet ist: den Opfern des Dezember 1970 („Lacrimosa“), Kardinal Wyszyński („Agnus Dei“), dem Warschauer Aufstand („Dies Irae“) und den Opfern von Katyn („Libera me, Domine“). Mutter war von den Werken des Maestros fasziniert, und mit ihrer Aufführung seines zweiten Violinkonzerts „Metamorphosen“ von 1995 begann eine 25-jährige Freundschaft, die sie rund um die Welt zu vielen gemeinsamen Konzerten führte.

 

Für den deutschen Hörer ist Pendereckis Musik vielleicht weniger avantgardistisch oder patriotisch als vielmehr sakral. Eine solche Musik fand im ausgehenden 20. Jahrhundert in Deutschland kein allzu großes Publikum; in Polen dagegen wurde sie, milde gesagt, von der Regierung nicht sonderlich geschätzt. „Beim Hören von Sakralmusik scheint der Mensch ein anderer, besserer zu sein,“ erklärte der Komponist und schrieb noch weitere religiöse Werke, darunter die monumentale 7. Sinfonie „Die sieben Tore Jerusalems“, die zum 3000-jährigen Jubiläum der Stadt entstand. Dagegen war seine 8. Sinfonie „Lieder der Vergänglichkeit“ von 2005 eine große Geste der Freundschaft zur deutschen Kultur; sie besteht aus zwölf Liedern nach ausgewählten Texten von Dichtern wie Goethe, Rilke, Brecht und Hesse. Die Uraufführung fand in der Philharmonie Luxembourg statt.

 

In der deutschen Musikszene hatten auch Pendereckis Opern ihren festen Platz, die als Kommissionswerke entstanden; z.B. wurde „Die Teufel von Loudun“ 1969 in der Hamburger Oper uraufgeführt; „Die schwarze Maske“ wurde für die Salzburger Festspiele 1982 geschrieben; „Ubu Rex“ für die Münchner Oper 1991. Dem breiteren Publikum dürfte Penderecki durch seine in Filmen eingesetzten Werke bekannt sein, etwa in Stanley Kubricks „Shining“ oder auch in Andrzej Wajdas „Katyn“.

 

Krzysztof Pendereckis Laufbahn bestand nicht nur aus Konzerten, Reisen und Partituren, vielmehr war er international auch musikpädagogisch tätig. Den Höhepunkt dieses Aspekts seiner Tätigkeit erreichte er 2012 mit der Eröffnung der Europäischen Krzysztof-Penderecki-Musikzentrums in Lusławice (Kleinpolen). Junge Musiker aus Polen haben hier beispielsweise Gelegenheit zu Meisterkursen mit Orchestermitgliedern der Berliner Philharmonie oder zu einem Konzert mit Anne-Sophie Mutter. Auch dies ist ein Beitrag zur deutsch-polnischen Annäherung, der noch und vielleicht gerade heute von Bedeutung ist.

 

Die deutschen Medien sparten in ihren Nachrufen auf Krzysztof Penderecki nicht an großen Worten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte ihn den „Monarchen des polnischen Musiklebens“, die „Welt“ schrieb vom „gegenwärtig berühmtesten Polen“ und „großen Komponisten“. In der Tagesschau war die Meldung über seinen Tod eine von ganz wenigen, in denen es nicht um das Coronavirus ging. Auf der Internetseite der Berliner Philharmonie verabschiedet sich das Orchester von dem Komponisten, der deutsch-französische Fernsehsender ARTE macht in seiner Mediathek die Aufzeichnung eines Konzerts mit Werken Pendereckis im Großen Theater in Warschau zugänglich.

 

Es ist nicht zu bezweifeln, dass Deutschland Krzysztof Penderecki und seine Musik in Zeiten weltweit bekannt gemacht hat, als dies in Polen weder einfach noch überhaupt möglich war. Kompositionsaufträge für Werke, die in bedeutenden deutschen Konzertsälen uraufgeführt wurden, verliehen seiner Musik einen besonderen Rang; von hier aus konnten seine Werke ihren Weg in die Welt nehmen. Die Motive des Holocaust, der Vergebung und der deutsch-polnischen Beziehungen tauchen in seiner Musik häufig auf. Doch Penderecki hält keine Fehler vor, kommentiert nicht. Er war weltoffen, fasziniert von der deutschen Kultur, sprach fließend deutsch und kooperierte mit deutschen Künstlern, denen er etwas von seiner „polnischen Seele“ mitteilte. Das deutsche Publikum und die Musikwelt wussten das sehr zu schätzen.

 

„Meine Musik ist ehrlich. Sie spricht zu den Menschen, selbst wenn sie sie nicht immer verstehen. Ich möchte nicht in der Isolation leben. Ich möchte zeitgenössische Musik schreiben, aber man soll sie jetzt spielen können, nicht erst nach meinem Tod,“ sagte er 2013 in dem deutsch-polnischen Dokumentarfilm „Wege durchs Labyrinth“ der Regisseurin Anna Schmidt. Nur wenige Tage nach dem Tod des Maestros bekommen diese Worte eine noch tiefere Bedeutung.“

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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