Die Brücken des Vaters

Als mein Vater auf dem Appellplatz in Auschwitz stand, dachte er nicht an das Bauen von Brücken. Er hasste die Deutschen. Er hasste sie, auch nachdem er Auschwitz verlassen hat. Darüber hat er offen gesprochen. Es ist daher außergewöhnlich, dass schon in den Jahren 1942-1943 in den konspirativen Lehrversammlungen der Warschauer Untergrunduniversität, an der mein Vater polnische Literatur studierte, junge Männer und Frauen anfingen zu überlegen, wie die Beziehungen mit den Deutschen nach dem Krieg aussehen sollten. Denn nicht alle Deutschen – so meinten sie – waren wie jene, die im besetzten Warschau oder in anderen Teilen Polens die unvorstellbarsten Gräueltaten begangen hatten. Wie kam mein Vater zu dieser Haltung? Ich denke, sie hatte drei Quellen.

Erstens, das Familienhaus – meine Großeltern waren äußerst tolerant. Mein Vater hat bis Oktober 1939 keinen Deutschen zu Gesicht bekommen, denn in Warschau spazierten die Deutschen ja nicht einfach so umher, und er stammte nicht aus Bydgoszcz [Bromberg] oder aus Schlesien. Weil er jedoch eine Zeitlang neben dem jüdischen Bezirk wohnte, traf er regelmäßig zunächst jüdische Kinder und später jüdische Freunde meiner Großeltern, die zu Besuch kamen. Für ihn war das also selbstverständlich, er beherrschte sogar in Grundzügen das Jiddische.

Zweitens, verdankte mein Vater diese Einstellung vor allem seiner Schule und seinen Lehrern. Er hatte sowohl am Gymnasium als auch am Lyzeum phänomenale Pädagogen – Jesuiten mit breiten und traditionellen Denkhorizonten, deren Weltbild natürlich christlich geprägt war. Sein beliebtester Lehrer der deutschen Sprache und Kultur [Tadeusz Mikułowski, Anm. d. Red.] brachte ihm die deutsche Literatur auf sehr hohem Niveau bei. Wie sich Jahre später in seinen Gesprächen mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker herausstellte, hatten beide dieselben Pflichtlektüren (wohlgemerkt war von Weizsäcker deutscher Aristokrat und mein Vater besuchte immerhin polnische, wenn auch private, Schulen) und beide lasen dieselben mittelalterlichen Texte, die mein Vater sogar noch im hohen Alter auswendig rezitieren konnte.

Und schließlich der dritte Punkt, in Polen zwar bekannt, woanders vielleicht weniger: der starke Einfluss eines sehr geistreichen Priesters Namens Jan Zieja.
Wie außerordentlich er war, zeigt folgendes Beispiel – seine Erfahrung als Seelsorger in Bauernbataillonen [einer Untergrundorganisation der polnischen Bauernpartei Stronnictwo Ludowe in den Jahren 1940–1945, Anm. d. Red.], in der Heimatarmee und als ehemaliger Teilnehmer am Warschauer Aufstand von 1944 kam Zieja 1945 als Geistlicher nach Vorpommern. Dort lehrte er in seinen Predigten den zugewanderten Polen, die deutschen Zwangsaussiedler anständig zu behandeln, denn die früheren Gräueltaten der Nationalsozialisten würden keine Rechtfertigung darstellen, sich an den Vertriebenen zu rächen.

Dieser Priester übte enormen Einfluss auf meinen Vater aus. Er kam bereits 1943 zu der Schlussfolgerung, dass die Verbrecher zwar bestraft werden und Gerechtigkeit siegen müsste, der Gedanke an Rache jedoch ein falscher Weg sei. Gerechtigkeit, nicht Rache. Dieser Gedanke prägte meinen Vater ein Leben lang. Nach Veröffentlichung des Briefs der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder [im November 1965, Anm. d. Red.] und dem breiten Echo, das er in der evangelischen Kirche Deutschlands (eher weniger bei der katholischen) hervorrief, ist in Polen eine kleine Gruppe von versöhnungsengagierten Menschen entstanden. Ihr gehörten u.a. Tadeusz Mazowiecki und Stanisław Stomma, Mieczysław Pszon und Stefan Kisielewski an.

Dr. Władysław Teofil Bartoszewski bei der Enthüllung des Denkmals für Władysław Bartoszewski, seinen Vater, in Zoppot.

In dieser Zeit reiste mein Vater zum ersten Mal als Journalist der katholischen Krakauer Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny“ 1965 und 1966 in die Bundesrepublik Deutschland. Er konnte mit eigenen Augen sehen, dass die Deutschen sehr unterschiedlich waren. Er blickte mit Hoffnung auf die junge Generation der Deutschen, die die bisherige historische Politik – wenn man sie so nennen darf – ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellten. Diese Jugend hatte eine ganz andere Sicht auf die aktuelle Politik und Geschichte. Mein Vater hat damals viel geschrieben, obwohl seine Texte von der Zensur nicht zum Druck zugelassen wurden – damals war es nicht erlaubt, positiv über Westdeutschland zu schreiben.

Mein Vater glaubte immer an den Dialog, der jedoch stets auf Ehrlichkeit und Wahrheit beruhen müsse. Er ließ sich von dem berühmten Grundsatz leiten: „Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sie liegt dort, wo sie liegt“. Er war kein Anhänger der Symmetrie, wie man das in der heutigen polnischen Politik so nennt. Und weil er die Wahrheit und Ehrlichkeit schätzte, war er durchaus in der Lage, beim Abendessen im privaten Kreis trotz Meinungsunterschieden ausgiebig mit Herrn Herbert Czaja zu diskutieren – dem langjährigen Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, bekannten CDU-Bundestagsabgeordneten, Zwangsaussiedler aus Polen, früherem Wissenschaftler an der Jagiellonen-Universität Krakau, der auch fließend Polnisch sprach. Zugleich sah mein Vater aber keine Gesprächsmöglichkeit mit Erika Steinbach, die seiner Meinung nach der Wahrheit widersprach.

Zurück zu den Brücken – das ist ein Thema, das auf nahezu greifbare, physische Weise in der Biografie meines Vaters immer wieder auftauchte. Im Jahre 1999 erhielt Frau Freya von Moltke den Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec. Sie sagte damals, sie würde den Preis annehmen, allerdings nur unter der Bedingung, dass Władysław Bartoszewski die Laudatio hielte. Mein Vater kam damals tatsächlich in der Rolle des Laudators nach Görlitz. Drei Jahre später bekam er selbst den Preis, die Laudatio zu Ehren des Preisträgers hielt ein wunderbarer Schriftsteller und Publizist, Arno Lustiger. Freya von Moltkes Sohn, Helmuth Caspar von Moltke, gründete jüngst zusammen mit mir in Warschau das Władysław-Bartoszewski-Institut. Das ist ein schönes Beispiel der generationsübergreifenden Arbeit am Brückenbau zwischen Deutschen und Polen.

Mein Vater nahm auch an einem anderen Brücken-Unternehmen teil. Im Jahre 1990 und etwas später gehörte er nämlich zu den Organisatoren der sogenannten Aktion „Brücke“, in deren Rahmen Juden aus der Sowjetunion nach Tel Aviv ausreisen konnten. Das machte er in Wien [als polnischer Botschafter, Anm. d. Red.] zusammen mit seinem gewissermaßen Amtskollegen, dem israelischen Botschafter bei der OSZE mit Hauptsitz in der österreichischen Hauptstadt.

Über das Bauen von Brücken könnte man noch eine überraschende Sache erwähnen. Von meinem Vater wird immer im Kontext der deutsch-polnischen und polnisch-israelischen oder etwas breiter verstandenen polnisch-jüdischen Beziehungen gesprochen. Dabei wurde er als wahrscheinlich einziger Diplomat der Republik Polen mit einer Goldenen Medaille des Außenministeriums der Russischen Föderation gewürdigt. Er mag zwar ein harter Gegner gewesen sein, aber trotzdem als Gegner sogar zur Verständigung mit dem russischen Außenminister fähig. Das ist wohl das beste Zeugnis seiner Kompetenzen als Brückenbauer.

Władysław Bartoszewski war ein gemäßigter Optimist. Er glaubte nicht an plötzliche, unerwartete Umbrüche und Erfolge ohne vorausgehende harte Arbeit. Er selbst arbeitete bis zum Lebensende und starb Zuhause, wenige Stunden nach der Rückkehr aus der Premierministerkanzlei, wo er noch zuvor die bevorstehenden deutsch-polnischen Regierungsgespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbereitete. Das war am Freitagabend, am Montag kam die Bundeskanzlerin nach Warschau. Mein Vater glaubte daran, dass steter Tropfen den Stein höhle.

Den Ende Oktober 2020 verabschiedeten Beschluss des Deutschen Bundestages, in dem die Bundesregierung aufgefordert wurde, im Zentrum Berlins einen würdigen Gedenkort für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu errichten, sehe ich mit großer Genugtuung als einen posthumen Erfolg meines Vaters an. Für diesen Gedenkort setzte er sich schon 2011 ein. Die Entscheidung, dass etwas Derartiges tatsächlich möglich sei, reifte in Berlin allmählich heran. Es ist für mich besonders wichtig, dass es in dem Beschluss des Deutschen Bundestages – gegen den kein Abgeordneter und keine Partei gestimmt hat – gleich im ersten Absatz heißt: „Polen ist und bleibt für Deutschland neben Frankreich der zentrale europäische Partner.“ Darin sehe ich das Testament des Weimarer Dreiecks, das meinen Vater sehr freuen würde – als eine Brücke zwischen drei sehr wichtigen Staaten in Europa.


Der Text entstand im Rahmen des Symposiums „Brücken bauen“ (November 2020), organisiert von der Bartoszewski-Initiative und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin in Kooperation mit der Europa-Universität ViadrinaKardinal-Stefan-Wyszyński-Universität WarschauKarl-Dedecius-Stiftung, dem Pan-Tadeusz-Museum, Fundacja Służby Rzeczypospolitej, dem Pilecki-Institut unter finanzieller Unterstützung durch das BKM und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

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Władysław Teofil Bartoszewski

Dr. Władysław Teofil Bartoszewski ist Manager, Universitätsdozent, Historiker und Sejm-Abgeordneter.

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