Ein Tag in Wien

Das bis auf keltische Zeiten zurückgehende Wien war in der Neuzeit über Jahrhunderte das wichtigste Zentrum Mitteleuropas, erst für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dann für Österreich-Ungarn. Mit seinen gotischen Kirchen und Palais der Habsburger, mit seiner Ringstraße und seinen Repräsentationsbauten im Jugendstil, mit der Wiener Klassik und den Straßensängern, mit den Geistern von Siegmund Freud und Gustav Klimt, die in den Kaffeehäusern ihr Wesen treiben, ist Wien heute eine der lebendigsten und meistbesuchten Städte in Europa, noch dazu eine, in der sich den Statistiken zufolge am besten leben lässt. Mich interessieren in dieser großen und großartigen Stadt vor allem die Überreste aus römischen Zeiten wie auf dem Michaelerplatz und das Römermuseum am Hohen Markt, dessen Eingang etwas versteckt zwischen Ladengeschäften liegt, so dass der Besucher kaum durch Zufall dorthin finden kann. Das Museum ist nicht groß, vermittelt aber eine ausgezeichnete Vorstellung davon, wie einmal das Alltagsleben im römischen Vindobona ausgesehen hat.

Heute schlummert Vindobona unter der Oberfläche der Stadt und nur Reste ausgegrabener Mauern hier und da erinnern daran, während spätere Epochen weitaus sichtbarere Spuren hinterlassen haben; doch vor zweitausend Jahren, zur Zeit der Herrschaft der Antonier, handelte es sich um ein lebendiges urbanes Zentrum.

Anfangs entstand hier ein Militärlager, das ganz wie an anderen Orten längst des Rheins und der Donau, der natürlichen Nordgrenze des Imperium Romanum, die griechisch-römische Welt, also das, was wir als Wiege der europäischen Zivilisation betrachten, vor den Einfällen der Barbaren, der Germanen und Slawen schützte. Die Legionäre brachten ihre Familien mit. Daher entstand neben den Soldatenunterkünften kurze Zeit später ein Wohnviertel für aus Rom anlangende Nichtkombattanten. Ringsum gab es Läden, Werkstätten und Tavernen, in etwas größerer Entfernung ein gesondertes Viertel für die Armen und diejenigen, die keine römischen Bürger waren. In Erwartung der Ankunft der Barbaren blühte das Leben.

Während der Zeit der römischen Herrschaft lag hier die Provinz Pannonia, die wegen ihrer strategischen Lage an der Donau für Ruhe und Sicherheit des Imperiums wichtig war; aber das Gebiet lockte auch die Völker von außerhalb an und war deshalb ständigen Angriffen ausgesetzt. Von diesen Angriffen und dem, was sie an Gutem und Schlechtem mitbrachten, leitete sich seit dem zweiten und den folgenden Jahrhunderten das ab, woraus das mittelalterliche, das neuzeitliche und das moderne Europa entstand, ein Mosaik seiner griechisch-römischen, christlichen und germanischen (das heißt nördlichen) Ursprünge. Aber nicht nur.

Die römische Provinz Pannonien umfasst das heutige Ungarn, den nördlichen Balkan (Slowenien, Kroatien und Serbien) sowie Österreich bzw. dessen östlichen Teil. Am 17. März des Jahres 190 starb Marcus Aurelius, der Philosoph auf dem Kaiserthron, der seine letzten Lebensjahre eben hier in Pannonien verbracht hatte, obwohl er höchstwahrscheinlich einen Lebensabend in seiner römischen Bibliothek inmitten seiner Bücher vorgezogen hätte. (Diese Geschichte bildet den Hintergrund für Ridley Scotts bekannten und ausgezeichneten Film „Gladiator“ aus dem Jahr 2000.) Es besteht Unsicherheit darüber, ob der Kaiser in Sirmium aus dem Leben schied, wie die Serben behaupten, oder in Vindobona, wie es die Österreicher sehen wollen. Es ist jedoch bekannt, insofern wir das von Ereignissen von vor so langer Zeit überhaupt sagen können, dass die Ursache seines Todes eine geheimnisumwobene Epidemie war (Pest oder Blattern), die damals, im ausgehenden zweiten Jahrhundert, riesige Gebiete Eurasiens entvölkerte, China ebenso wie Europa. Dies war die erste uns bekannte, in chinesischen und römischen Schriftquellen überlieferte globale Pandemie. In Zentrum Wiens befindet sich heute jedenfalls als Verbindung zwischen Ring und Innerer Stadt die repräsentative Marc-Aurel-Straße, gleichsam im Gedenken an ein quasi überzeitliches römisch-österreichisches Bündnis.

Ich betrachte häufig eine Europa-Karte aus der Hochzeit des Imperium Romanum, das heißt in seiner Ausdehnung im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als in Rom die Antonier herrschten; nicht um mich an dieser Machtausdehnung zu berauschen, sondern um sie immer wieder mit dem Europa anderer Epochen zu vergleichen, auch mit dem von heute, und um nicht zu vergessen, wie wandelbar doch Europas Binnengrenzen sind. Auf seinem Höhepunkt war der römische Staat gleichbedeutend mit der westlichen Zivilisation, als er nämlich von Portugal im Westen bis zur Türkei im Osten reichte, von Ägypten im Süden bis Britannien im Norden und das gesamte Mittelmeer wie einen Binnensee einschloss.

Das Römische Reich und seine Provinzen zur Zeit seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan in den Jahren 115–117. Quelle: Wikipedia

Städte blühten auf und verfielen, Provinzen änderten Namen und Territorium, je nachdem, ob der Senat oder der Kaiser das Sagen hatte, und Grenzen verschoben sich. Und doch stellte dieses Gebiet über lange Zeit eine gewisse kulturelle Einheit dar. Nach so vielen Jahrhunderten und Umwälzungen lassen sich das englische London (Londinum), Colchester (Camulodunum), das französische Paris (Lutetia Parisiorum) und Lyon (Lugdunum), das österreichische Wien und Carnuntum oder das serbische Sremska Mitrovica (Sirmium) und das kroatische Pula (Colonia Pietas Iulia Pola Pollentia Herculanea) trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Geschichte auf ihren gemeinsamen antiken Nenner zurückführen.

Es ist durchaus interessant, dass schon seit einigen Jahrhunderten die heutigen Germanen – nämlich die Deutschen und die Engländer – eine besondere Vorliebe für das Studium der Geschichte der griechisch-römischen Welt, der Sprachen und Literatur haben, und besondere Verdienste auf diesem Feld erbrachten, ob als Archäologen oder Entdecker (manchmal von der amateurhaften Sorte), als Althistoriker, klassische Philologen, als Literaten und Dichter; außerdem noch die Franzosen. Donau und Rhein sind wie schon zu den Zeiten, da sie die natürliche Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei bezeichneten, immer noch lebensspendend und zentral, auch wenn ihre Rolle sich verändert hat: Immer noch schützen sie, doch nunmehr das gemeinsame europäische Erbe.

Ich kehre nach Wien zurück, heute Hauptstadt Österreichs, einst des österreichisch-ungarischen Reiches der Habsburger. So sitze ich im Café, von Geburt ein Bürger der k.u.k.-Monarchie, durch hartnäckiges Ausharren ein Bürger Roms, nehme diesen Wiener Barock in mich auf, diese Raffinesse und Hochkultur, denke an Städte, die wie Wien jahrhundertelang politische, kulturelle und intellektuelle Metropolen waren und die Anziehungskraft von Magneten besitzen. Wie viele solcher Städte gibt es in Europa? Dazu gehören gewiss London und Madrid, Hauptstädte von Imperien, in denen die Sonne niemals unterging, selbstverständlich auch Rom, die Ewige Stadt.

Was Wien mit dem alten Rom und Österreich-Ungarn mit dem Imperium Romanum gemeinsam haben, ist eine Abneigung gegen nationale Unterscheidungen und Exklusion: Diese Staaten waren offen. In einem solchen Maße, dass es heute kaum mehr möglich ist, bestimmte Laufbahnen zu entwirren: mancher war gebürtig aus dem westukrainischen Kolomyja, studierte in Krakau und ließ sich in Wien oder Budapest nieder. Wer war ein solcher Mensch, wenn nicht ein Europäer? Und wer war, wer aus Karthago stammte, Studien in Athen nachging und im gesetzten Alter in Rom lebte? Wer sind wir, die mit einer Landkarte, auf der seit tausenden Jahren nur die Umrisse des Kontinents unveränderlich sind, auf fremden Spuren wandeln?

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

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