Die „rote Rosa“? Zum 100. Jahrestag des Mords an Rosa Luxemburg

Der 15. Januar 2019, einhundertster Jahrestag des grausamen Mords an Rosa Luxemburg, zeigte einmal mehr, wie unterschiedlich die Aktivistin und Theoretikerin der polnischen, deutschen und internationalen Arbeiterbewegung sowie Kämpferin für Arbeiter‑ und Frauenrechte in Polen und Deutschland bewertet wird. In Polen erschienen einzelne Artikel, in Warschau eröffnete die nach ihr benannte Stiftung eine Freiluftausstellung und organisierte eine Kunstinstallation. Es lässt sich also ohne großes Risiko behaupten, der Jahrestag sei so gut wie unbemerkt geblieben. In Deutschland dagegen war er mehrere Tage lang Thema in allen seriösen Medien, es fanden Konferenzen und Podiumsdiskussionen statt und es ist eine neue, umfangreiche Biographie erschienen. Wie kommt es, dass Rosa Luxemburg in beiden Ländern so unterschiedlich behandelt wird? Wie ist ihr Image bei Polen und Deutschen?

 

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, ist es sinnvoll, bei den Schulgeschichtsbüchern anzufangen, die zurzeit in beiden Ländern benutzt werden. Da sie ein Metanarrativ bieten, sind sie ein Lackmustest dafür, welche Geschichtsbilder verbreitet werden; sie bieten einen raschen Einblick in die derzeitig verbindliche Geschichtspolitik des Staats bzw. der einzelnen Bundesländer. Sie sind in beiden Ländern sehr ähnlich, weil sie Geschichte hauptsächlich aus nationalem Blickwinkel betrachten. In den polnischen Geschichtsbüchern taucht der Name Rosa Luxemburg nur selten auf. Wenn sie überhaupt erwähnt wird, dann negativ und im Kontext des polnischen Unabhängigkeitskampfes des frühen 20. Jahrhunderts. Die polnischen Schulbuchautoren stimmen darin überein, sie sei gegen die Wiederherstellung des polnischen Staates gewesen, doch bezeichnenderweise nennen sie dafür nicht ihre Gründe. Umgekehrt übergehen die deutschen Schulbücher Luxemburgs Verbindungen zu Polen und seinen Kampf für die nationale Unabhängigkeit völlig. Sie wird im Kontext der deutschen Revolution und ihrer Ermordung am 15. Januar 1919 behandelt.

 

Diese hier skizzierte unterschiedliche Behandlung in den Schulbüchern ist wohl kennzeichnend für den generellen Stand der Dinge. In Polen ist bislang keine ernsthafte Debatte über die Arbeiterbewegung geführt worden. Nach der Wende von 1989 befand man dort, das Thema sei abgearbeitet und keines weiteren Interesses wert. Umgekehrt ist die Geschichte der Arbeiterbewegung, trotz der kritischen Bewertung des Staatssozialismus à la DDR, in Deutschland weiterhin ein wichtiger Diskussionsgegenstand und ein wesentlicher Bestandteil der historisch-politischen Traditionsbildung der Parteien links der Mitte.

 

Die negative Bewertung Rosa Luxemburgs in Polen hat dazu geführt, dass praktisch jedes Interesse an ihr erloschen ist. Es gibt keine Biographie, ihre Schriften sind so gut wie unbekannt. Das Wissen des Durchschnittspolen und selbst des Geschichtsstudenten beschränkt sich auf das, was in den Schulgeschichtsbüchern steht. Im Folgenden stelle ich ihre Lebensdaten kurz vor und setze einen Schwerpunkt auf ihr Verhältnis zu Polen.

 

Rosa Luxemburg wurde in Zamość geboren, und zwar am 5. März 1870, nicht 1871, wie häufig irrtümlich angegeben. Sie kam aus einer seit langem in der Stadt ansässigen, assimilierten jüdischen Familie. Ihr Vater Eljasz Luksemburg war ein durchschnittlich vermögender Holzhändler, ihre Mutter Lina, geborene Loewenstein, kümmerte sich um Kindererziehung und Haushalt. Rosa hatte fünf Geschwister. 1873 zog die Familie nach Warschau. Kurz darauf erkrankte die kleine Rosa schwer und wurde falsch auf Knochentuberkulose diagnostiziert und behandelt, hatte aber tatsächlich ein verrenktes Gelenk, wovon ihr eine chronische Verletzung und lebenslange Behinderung zurückblieben.

 

 

Von klein an zeigte sie große Begabung. Ab 1880 besuchte Rosa das II. Warschauer Mädchengymnasium, das sie sieben Jahre darauf mit Auszeichnung abschloss. Sie zeigte außergewöhnliche Interessen und las polnische und deutsche Bücher aus verschiedenen Sachbereichen, interessierte sich aber besonders für Naturwissenschaften und Politik. Letzteres brachte viele junge Leute im russländischen Teilungsgebiet und unter den Verhältnissen der Autokratie dazu, sich illegal zu betätigen. Luxemburg war in sozialistischen Zirkeln aktiv. Nach Abschluss der Schule arbeitete sie als Hauslehrerin, ohne ihre politischen Aktivitäten zu beenden. Da ihr die Festnahme drohte, entschloss sie sich, zum Studium in die Schweiz auszureisen, zumal ihr Heimatland keine Möglichkeiten für eine junge, ehrgeizige und begabte Frau bot. Rosa Luxemburg wurde von ihrer Familie finanziell unterstützt, was ihr den Hochschulbesuch erleichterte.

 

Studium und Eintritt in die Politik

Nach Ankunft in der Schweiz nahm sie ein Studium an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich auf. Sie studierte Mathematik, Philosophie, Ökonomie und Jura. Außerdem hörte sie Vorlesungen zu Botanik und Zoologie. Ihr naturwissenschaftliches Interesse gab sie auch in späteren Jahrzehnten nicht auf, sie las Fachliteratur, abonnierte naturwissenschaftliche Zeitschriften und legte Herbarien an.

 

In der Schweiz nahm sie Kontakt mit polnischen und russischen Sozialisten auf. 1890 lernte sie Leo Jogiches kennen, der aus Wilna stammte und nicht nur ihr politischer Weggefährte wurde, sondern ihr einige Jahre auch persönlich nahestand. Sie ging immer mehr in ihrer politischen Tätigkeit auf und brach zuletzt das Studium ab. 1893 gründete sie gemeinsam mit Jogiches und Julian Marchlewski eine neue Partei, die Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP), im Jahr 1900 umbenannt zu Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL). Sie gab Broschüren heraus und redigierte die SDKP-Zeitschrift „Sprawa Robotnicza“ (Die Arbeitersache), die in Paris erschien. Darin veröffentlichte Luxemburg Artikel zu theoretischen Fragen, zum Programm der SDKP und politische Analysen, beispielsweise zur Lage der Industriearbeiter im russländischen Teilungsgebiet.

 

Trotz dieser aufreibenden Parteiarbeit nahm sie nach einiger Zeit das Studium wieder auf und beendete es 1897. Als eine der ersten Polinnen wurde sie promoviert. Sie schrieb ihre Doktorarbeit bei dem Ökonomen Julius Wolf zum Thema „Die industrielle Entwicklung Polens“, die ein Jahr darauf bei Duncker & Humblot in Leipzig erschien. Luxemburg lieferte darin eine historische und statistische Analyse des Industriekapitalismus in Kongresspolen.

 

Umsiedlung nach Deutschland und Aktivität in der SPD bis 1914

Als Luxemburg ihr Studium beendete, zerschlug die zaristische Obrigkeit gerade die SDKP, und sie sah davon ab, nach Kongresspolen zurückzukehren. Stattdessen siedelte sie nach Deutschland über. Ihre Absicht war, die politische Arbeit unter den Arbeitern des preußischen Teilungsgebiets aufzunehmen. 1898 schloss sie eine Scheinehe mit einem deutschen Staatsangehörigen namens Gustav Lübeck, dem Sohn einer befreundeten Familie. Anschließend zog sie nach Berlin, wo sie mit kurzen Unterbrechungen bis zu ihrem Lebensende bleiben sollte.

 

Sie schaltete sich in den Wahlkampf der SPD für den Reichstag ein. Im Juni 1898 trat sie bei Wahlkampfveranstaltungen in Ober‑ und Niederschlesien auf. Schon bald wurde man auf sie als begabte Versammlungsrednerin aufmerksam und lud sie zu weiteren Veranstaltungen ein. Auch ihr schriftstellerisches Talent gewann Anerkennung. Sie veröffentlichte in kurzer Folge zahlreiche Artikel in der deutschen Presse, die viel diskutiert wurden. 1898 arbeitete sie als Redakteurin des in Dresden erscheinenden SPD-Blatts „Sächsische Arbeiter-Zeitung“. Später wurde sie Mitarbeiterin der ebenfalls der SPD gehörenden „Leipziger Volkszeitung“, für die sie bis 1914 schrieb. Daneben lieferte sie auch Beiträge für Karl Kautskys „Die Neue Zeit“.

 

Im Herbst 1898 nahm sie am SPD-Kongress in Stuttgart teil. Sie kritisierte Eduard Bernstein für seinen „Revisionismus“, womit sie sich in eine äußerst heftige Auseinandersetzung innerhalb der Arbeiterbewegung einschaltete. In ihrer Broschüre „Sozialreform oder Revolution“ (1900, 1908) verteidigte sie den revolutionären Standpunkt, lehnte Bernsteins Vorbehalte ab und sprach sich für den Parteiausschluss der „Reformer“ aus. Auf dem linken Flügel der SPD gewann sie rasch Anhänger. Diese waren dagegen, ihre revolutionär-marxistischen Positionen zugunsten eines „Hineinwachsens“ der sozialistischen Gesellschaftsalternative in die kapitalistischen Strukturen aufzugeben. In der zweiten Ausgabe der Schrift fügte sie Ausführungen zur Wirtschaft hinzu, ließ aber die Forderung nach Parteiausschluss fallen.

 

Von ihrer Position in der deutschen Linken aus interessierte sich Luxemburg auch für polnische Fragen. Im Jahr 1900 veröffentlichte sie in Posen die Schrift „W obronie narodowości“ (Zur Verteidigung der Nationalität), in der sie die Germanisierungspolitik Berlins im preußischen Teilungsgebiet kritisierte. Sie forderte dazu auf, sich dem Kampf gegen die Unterdrückung der deutschen Arbeiter anzuschließen. Sie nahm auch aktiven Anteil an der politischen Aktion zur Verteidigung der Kinder von Września/ Wreschen [wo es 1901 einen Schulstreik gegen deutschsprachigen Unterricht gab; A.d.Ü.]. Sie unternahm Versuche, die Polnische Sozialistische Partei (PPS) des preußischen Teilungsgebiets zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Dabei sprach sie sich gegen den organisatorischen Zusammenschluss der PPS aus dem preußischen und russländischen Teilungsgebiet aus.

Portrait von Rosa Luxemburg, wahrscheinlich zwischen 1895 und 1905

Ab dem Jahr 1900 interessierte sie sich jedoch mehr für allgemeine Probleme des Sozialismus und entwickelte politische Strategien. Sie attackierte den deutschen Militarismus und Imperialismus. Beim Kongress der Zweiten Internationale in Paris war sie Koautorin der Resolution gegen Militarismus und Kolonialpolitik. Sie blieb ebenso mit dem weiteren Aufbau der SDKPiL befasst. Nach anfänglichem Zerwürfnis in der nationalen Frage nahm sie seit 1902 regelmäßig an der Parteiarbeit teil. Sie schrieb für den „Przegląd Socjaldemokratyczny“ (Sozialdemokratische Rundschau) und den „Czerwony Sztandar“ (Rote Fahne). Von Berlin aus bildete sie gemeinsam mit Jogiches die Auslandsleitung der SDKPiL. Im Februar 1904 wurde sie ständige Vertreterin der Partei im Internationalen Sozialistischen Büro der Zweiten Internationale, mit dem sie bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kooperierte.

 

Im Februar wurde sie wegen Majestätsbeleidigung zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt, die sie in Zwickau absaß. Kurz vor ihrer Inhaftierung erschien ihr Artikel zur russischen Sozialdemokratie, in dem sie Lenins Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ kritisierte. Ihre Meinung nach war Lenins Vorstellung von den Parteistrukturen zu zentristisch.

 

Nach Ausbruch der Revolution von 1905 begann sie, sich noch intensiver für polnische Angelegenheiten zu interessieren. Sie wollte gleich nach Warschau reisen, ließ sich aber davon abbringen. So sandte sie Zeitungsbeiträge und andere Schriften von Berlin aus nach Polen. Auf die Krawalle in Moskau hin änderte sie ihre Meinung. Unter dem Decknamen Anne Maschke reiste sie am 29. Dezember 1905 illegal nach Warschau. Sie hoffte, die Revolution würde die Zarenherrschaft beenden. Doch blieb sie nur wenige Wochen an der Weichsel. Am 4. März 1906 wurde sie gemeinsam mit Jogiches verhaftet und ins Gefängnis gesteckt; ihre Haftorte waren der Reihe nach das Rathaus, der Pawiak und Trakt 10 der Warschauer Zitadelle. Auch den Gefängnisaufenthalt nutzte sie zum Verfassen von Texten, die nach draußen geschmuggelt wurden. Nach Bestechung einiger Beamter wurde sie Ende November 1906 gegen Kaution entlassen.

 

Sie reiste jedoch nicht sofort nach Deutschland zurück, sondern hielt sich einige Wochen in St. Petersburg und in Kuokkala, einer finnischen Sommerfrische auf. Ihre Eindrücke aus dem russländischen Teilungsgebiet hielt sie in der Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ fest. Jogiches entkam ein Jahr später aus dem Gefängnis in Warschau-Mokotów. In der Zwischenzeit freundete sich Luxemburg mit Konstantin Zetkin an, dem Sohn der SPD-Politikerin Clara Zetkin, mit der sie befreundet war.

 

Zurück in Berlin engagierte sie sich in der Arbeit der SPD-Parteischule. Ab 1907 leitete sie Kurse zur politischen Ökonomie, später auch zur Wirtschaftsgeschichte. In dieser Zeit stabilisierten sich ihre Lebensverhältnisse. Sie verfügte über regelmäßige Einnahmen und hatte Zeit, ihren wissenschaftlichen Interessen nachzugehen. In kurzer Zeit entstanden ihre ökonomischen Hauptwerke: „Einführung in die Nationalökonomie“ (erschienen posthum 1925 in Berlin) und kurz vor Kriegsausbruch „Akkumulation des Kapitals“ (1913). Sie war bekannt für ihre Unnachgiebigkeit, polemische Gewandtheit und ihren großen Fleiß. Unter den deutschen und europäischen Marxisten erarbeitete sie sich eine hervorragende Position, wobei sie die Barrieren durchbrach, die auch die Vorkämpfer der sozialen Befreiung und Emanzipation des arbeitenden Volkes damals den Frauen errichteten.

 

Die wachsenden internationalen Spannungen nährten Befürchtungen, es werde zu einem europäischen Krieg kommen. Luxemburg lehnte Krieg als Mittel der Politik ab, da er in völligem Widerspruch zu den Interessen der einfachen Bürger und insbesondere der Arbeiter stehe. Auf den Internationalen Sozialistenkongressen vom November 1912 und Juli 1914 sprach sie sich in deutlichen Worten gegen die Kriegsgefahr aus. Als die Reichstagsfraktion der SPD für die Kriegskredite und den „Burgfrieden“ stimmte, war sie strikt dagegen. Sie formulierte ihre Kritik in der Streitschrift „Junius“, die 1916 mitten im Krieg anonym erschien.

 

Vor Kriegsausbruch gab sie ihr Poleninteresse auf. Sie war die wichtigste Theoretikerin und Publizistin der SDKPiL. Sie polemisierte gegen die Nationaldemokratie, den Panslawismus und alle Erscheinungsformen von Nationalismus. Als letztes Ziel schwebte ihr die Befreiung des einfachen Volkes vor, wobei ein eigener Staat zu diesem Zweck nichts beitrage, sondern nur ein Mittel sei, die Kapitalisten an der Macht zu halten. Nachdem die SDKPiL sich 1906 der russländischen Sozialdemokratie angeschlossen hatte, suchte sie die Nähe zu deren radikalem Flügel. Sie ließ sich jedoch nicht auf ein vorbehaltloses Bündnis ein. Luxemburg unterstützte Lenin und die Bolschewiki, während sie den Menschewiki Opportunismus vorwarf. Dennoch war sie gegen die Zerschlagung der Bewegung, die Lenin anstrebte und 1912 auch Tatsache werden ließ. Ihrer Meinung nach sollte die Debatte innerhalb einer Partei geführt werden. Sie sparte keine Mühen, um über Vermittlung des Internationalen Sozialistischen Büros und der SPD die Wiedervereinigung der russländischen Sozialdemokratie zu erreichen. Dem stand Lenin ablehnend gegenüber; er unterstützte die Gruppe der sogenannten „Abspaltler“ innerhalb der SDKPiL.

 

Im Ersten Weltkrieg

Rosa Luxemburg verbrachte praktisch die gesamten mehr als vier Jahres des Weltkriegs im Gefängnis. Noch vor Kriegsausbruch hatte sie ein Gericht in Frankfurt am Main im Februar 1914 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie bei einer Arbeiterkundgebung in der Stadt dazu aufgerufen hatte, nicht die „Mordwaffe gegen unsere französischen Brüder“ zu richten. Für sie war der Krieg eine Barbarei, die sich nicht mit sozialistischen Vorstellungen vom Umbau der Gesellschaft vereinbaren ließ.

 

Noch bevor die höhere Gerichtsinstanz das Urteil bestätigt hatte, reichte der preußische Kriegsminister General von Falkenhayn eine Klage gegen Luxemburg wegen Beleidigung der Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der deutschen Armee ein. Bei einem öffentlichen Auftritt in Freiburg im März 1914 hatte Luxemburg sich zu dem sadistischen Umgang mit Rekruten der preußischen Armee geäußert. Dann geschah etwas Unerwartetes. Zur Verteidigung der Soldaten, die Opfer solcher Praktiken waren, meldeten sich mehr als eintausend Personen als Zeugen. Das weckte auch im Ausland Interesse. Allerdings wurde gegen die Proteste Rosa Luxemburgs aus der Befürchtung heraus, die militärische Führung könnte einen Rufschaden erleiden, kein Prozess angestrengt.

 

Der Kriegsausbruch schien es möglich zu machen, den Antritt ihrer Haftstrafe zu verzögern. Doch das geschah nicht. Am 18. Februar 1915 wurde Luxemburg im Berliner Frauengefängnis an der Barnimstraße inhaftiert. In ihrer Gefängniszeit unterbrach sie ihre Arbeit nicht. Sie schrieb die Broschüre „Krise der deutschen Sozialdemokratie“, die von Ursachen und Charakter des Kriegs handelte, von der Unterstützung des Kriegs durch die SPD und von der Krise der Zweiten Internationale. Daneben setzte sie Thesen in Vorbereitung der für den Januar 1916 einberufenen Landeskonferenz auf, in denen sie unter anderem die Bildung einer neuen Internationale forderte. Sie wurde am 18. Februar 1916 aus der Haft entlassen.

 

Einige Monate darauf wurde sie erneut verhaftet, diesmal wegen einer Antikriegsdemonstration, an der sie gemeinsam mit Karl Liebknecht auf dem Potsdamer Platz am 1. Mai 1916 teilgenommen hatte. Die Verhaftung war vorbeugend, es fiel nie ein Gerichtsurteil in der Sache. Anfangs saß Luxemburg in verschiedenen Berliner Gefängnissen ein, dann wurde sie nach Wronki/ Wronke bei Posen überführt, schließlich nach Breslau. Dort kam sie erst nach Ausbruch der Revolution am 9. November 1918 frei. Am Tag darauf war sie zurück in Berlin.

 

Haftentlassung und Rückkehr nach Berlin

Am 15. Dezember nahm sie an einer Generalversammlung der USPD Berlin teil. Wenige Tage danach zählte sie zu den Gründern der KPD. Die deutsche Linke zerfiel in Sozialdemokraten und Kommunisten. Luxemburg trat für weitergehende revolutionäre Veränderungen ein. Die Frage war nur, wie das umzusetzen sei. Obwohl sie den Aufstand des Spartakusbundes im Januar für taktisch verfehlt hielt, unterstützte sie ihn. Am 15. Januar wurde sie im Berliner Stadtteil Wilmersdorf festgenommen und in das Hotel Eden gebracht, das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützendivision. Anschließend sollte sie ins Gefängnis überstellt werden, was aber nur zum Schein geschah. Auf dem Weg wurde Luxemburg ermordet und ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen. Karl Liebknecht wurde am selben Tag ermordet. Rosa Luxemburgs Leiche wurde erst am 31. Mai 1919 geborgen. Sie wurde auf dem Friedhof in Berlin Friedrichsfelde am 19. Juni 1919 beigesetzt; ihr Grab befand sich neben denen Liebknechts und 31 weiterer ermordeter Genossen.

Nach 1933 wurde Rosa Luxemburgs Grab zerstört und entfernt. Die Regierung der DDR ließ an dieser Stelle ein Denkmal setzen, das sich bis heute dort befindet.

 

Die Beisetzung von Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919. Foto © Bundesarchiv Bild 146-1976-067-25A, Beisetzung von Rosa Luxemburg, CC BY-SA 3.0 DE

 

Schwerpunktthemen in Rosa Luxemburgs Schaffen

Es lassen sich sechs hauptsächliche Schwerpunktthemen benennen, denen Rosa Luxemburgs theoretisches und politisches Interesse galt. Deren gemeinsamer Nenner ist die Emanzipation der Arbeiterklasse.

Erstens befasste sie sich mit der Lage der polnischen Arbeiter im russländischen Teilungsgebiet; zweitens mit der Auseinandersetzung zwischen Revolutionären und Revisionisten; drittens dem Kampf gegen den Militarismus; viertens der Kritik der Politökonomie des Kolonialismus und Imperialismus; fünftens der Polemik gegen Lenins Konzept der diktatorischen Parteileitung; schließlich sechstens mit der Unabhängigkeit Polens. Aus polnischer Sicht verdienen besonders die beiden letztgenannten Themen Aufmerksamkeit.

 

Mit Lenins Parteitheorie hatte sich Luxemburg schon früh beschäftigt. In ihrem Artikel „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie“ kritisierte sie 1904 Lenins Auffassung, die Sozialdemokratie sei eine mit der Arbeiterklasse verbundene jakobinische Organisation. Diese Art von „Zentrismus“ sei typisch für bürgerliche Revolutionen, sei aber nicht auf die Arbeiterbewegung anzuwenden. Ihr „Selbstzentralismus“ müsse während ihres gesamten Verlaufs ausgerichtet sein auf die „selbständige, unmittelbare Aktion der Massen“.

 

In den Folgejahren ließ sie in ihrer Kritik an Lenin nicht nach. Zum letzten Mal äußerte sie sich dazu in der Schrift „Zur russischen Revolution“, die sie im Gefängnis in Warschau schrieb. Natürlich wurde sie von Leninisten und später Stalinisten dafür angegriffen, ihre wichtigsten Thesen sind aber immer noch aktuell. Luxemburg kritisierte die Auflösung der Duma und die Aufhebung der demokratischen Freiheiten:

„Hingegen  ist es eine offenkundige, unbestreitbare Tatsache, daß ohne freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar ist.

Lenin sagt: der bürgerliche Staat sei ein Werkzeug zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, der sozialistische zur Unterdrückung der Bourgeoisie. Es sei bloß gewissermaßen der auf den Kopf gestellte kapitalistische Staat. Diese vereinfachte Auffassung sieht von dem Wesentlichsten ab:

die bürgerliche Klassenherrschaft braucht keine politische Schulung und Erziehung der ganzen Volksmasse, wenigstens nicht über gewisse enggezogene Grenzen hinaus. Für die proletarische Diktatur ist sie das Lebenselement, die Luft, ohne die sie nicht zu existieren vermag.“

 

Für sie war die Frage der Freiheit und ihrer Achtung durch die Machthaber zentral; ihr wohl berühmtestes Zitat stammt aus einer Randnotiz des Manuskripts der „Russischen Revolution“ :

„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

 

Lenin habe die Klassendiktatur mit den technischen Mitteln diktatorischer Herrschaft verwechselt. Man könne eine reaktionäre Regierung mit Gewalt beseitigen, damit aber keine neue Gesellschaft aufbauen: „[…] der Sozialismus [läßt] sich seiner Natur nach nicht oktroyieren […], durch Ukase einführen. […] Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlossenen Eingriffen in die wohlerworbenen Rechte und wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich die sozialistische Umwälzung nicht verwirklichen läßt. Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse, und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h. sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen.“

 

Dies war für ihre Überlegungen die Schlüsselfrage. Im Anschluss tat Luxemburg eine prophetische Äußerung, für die sie, kaum verwunderlich, immer wieder angegriffen werden sollte: „Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt.“ Nicht nur in Fragen der Parteiführung oder auch der Rolle der Partei in der neuen Gesellschaft unterschieden sich Luxemburgs Ansichten von Lenins Linie. Sie unterschieden sich auch in ihrer Herangehensweise an die Nationalitätenfragen.

 

Auffassungen zu Polen

Luxemburg war Marxistin. In der polnischen Frage war sie Realistin und bewertete die Chancen des Landes auf staatliche Unabhängigkeit sehr skeptisch. Romantisches Denken war ihr fremd. In der nationalen Frage ging sie von bestimmten Vorüberlegungen aus: Ihrer Meinung nach war die europäische Landkarte nur durch einen Krieg zu verändern. Doch sie war wegen seiner ungeheuren Kosten an Zerstörung und Menschenleben gegen den Krieg. Dem polnischen Proletariat schrieb sie konkrete Aufgaben zu. Sein Kampf werde geführt auf dem „bestehenden historischen Boden“ und unter den „bestehenden staatlichen Bedingungen“ (Luxemburg, Geschichte der Arbeiterbewegung ). Unter den Bedingungen des Kapitalismus sah sie mithin als Hauptaufgabe, die volle nationale Gleichberechtigung zu erreichen, was Bestandteil des Kampfes um die Demokratisierung der Teilungsmächte sei. Die Proletariate der drei Mächte sollten sich zu diesem Zweck verbünden. Erst nach Formierung einer internationalen sozialistischen Gesellschaft, in der es keine Staatsgrenzen mehr geben werde, sei die Aufhebung der multinationalen Staaten möglich.

 

Ein Teil der polnischen Gebiete, nämlich Kongresspolen, war mit Russland ökonomisch eng verwoben. Daher meinte Luxemburg, die kongresspolnische Bourgeoisie gehöre zur herrschenden Klasse Russlands, das polnische und jüdische Proletariat dieses Teils Europas zur russischen Arbeiterklasse. Die jüdische Bevölkerung Russlands sei durch ihre kulturellen und religiösen Eigenarten sozial marginalisiert. Gemeinsames Handeln könne diese Marginalisierung überwinden. Daher befürwortete sie nicht die Bildung einer separaten jüdisch-sozialistischen Partei wie des Bunds, ebenso war sie gegen die zionistische Bewegung.

 

Allerdings kritisierte sie auch den Antisemitismus in Polen und Deutschland: „Es ist eine der Einrichtungen der modernen Zivilisation, daß die Volksmassen, wenn sie der Schuh aus diesem oder jenem Grunde drückt, von Zeit zu Zeit Angehörige eines anderen Volkes oder einer anderen Rasse, Religion, Hautfarbe zum Sündenbock machen, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen, um darauf erfrischt zum gesitteten Tagewerk zurückzukehren. Es versteht sich, daß sich zur Rolle des Sündenbocks nur schwache, historisch mißhandelte oder sozial zurückgesetzte Nationalitäten eignen, an denen sich, weil sie eben schwach oder von der Geschichte einmal mißhandelt worden sind, auch jede weitere Mißhandlung straflos vornehmen läßt. […] Das beliebteste Objekt für diese Blitzableiterpolitik war freilich im Osten seit jeher die jüdische Bevölkerung, und es kann noch fraglich erscheinen, ob sie diese dankbare Rolle ganz ausgespielt hat“ (Luxemburg, Einleitung zu Wladimir Korolenko, Die Geschichte meines Zeitgenossen) .

 

Der Tod hinderte Rosa Luxemburg daran, Stellung zur polnischen Unabhängigkeit als politischer Tatsache der Zeit oder auch zu den Folgen des bolschewistischen Umsturzes in Gestalt von Lenins Staat zu nehmen, der den Massenterror anwandte und Marx auf den Fahnen führte. Sie kann also schwer für politische Entscheidungen verurteilt werden, die zu treffen sie niemals Gelegenheit hatte. Gewiss wäre sie aber weiterhin Marxistin geblieben, die sich ganz auf das in ihren Augen übergeordnete Ziel der allgemeinen sozialen Befreiung konzentriert hätte.

 

Ein abschließendes Urteil?

Ihr Freund Karl Kautsky schrieb 1921  in Erinnerung an sie: „Meisterin des Wortes und der Feder, belesen, mit starkem theoretischen Sinn, scharfsinnig und schlagfertig, mit einer geradezu fabelhaften Unerschrockenheit und Respektlosigkeit, die sich vor niemandem beugte, – den einzigen Jogiches ausgenommen – erregte sie schon bei ihrem ersten Auftreten allgemeine Aufmerksamkeit und gewann sie begeisterte Zustimmung, ja stellenweise geradezu schwärmerische Bewunderung derjenigen, deren Sache sie vertrat, sowie den bittersten Haß derjenigen, gegen die sie den Kampf aufnahm“ (Kautsky, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches, 1921).

Offenbar verdient die Gestalt Rosa Luxemburgs gerade aus polnischer Sicht erneutes Interesses und kritischer Bewertung, um ihr den ihr gebührenden Platz im Panorama der hervorragenden politischen Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts zu gewähren.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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