Was wollen die jungen Polen?

In der angelsächsischen Welt wird den Millennials vorgeworfen, dass sie „zu viel Toasts mit Avocado“ essen, weshalb sie sich keine Eigentumswohnung zusammensparen könnten. Auch in Polen wird die junge Generation in den Medien kritisiert. Die Liberalen tadeln sie für ihre nationalistischen Sympathien, die Rechte dafür, dass sie sich von der Kirche abwenden.

 

Dabei ist die polnische Jugend launenhaft, wenn es um politische Entscheidungen geht, und aus verschiedenen Meinungsumfragen lassen sich gegensätzliche Schlussfolgerungen über sie ziehen. Der Grund ist einfach: Jede neue junge Generation ist immer differenzierter. Deshalb ist es wesentlich schwieriger als früher, sie zu porträtieren; es verfehlt geradezu seinen Zweck.

 

Einer der Hauptgründe dafür ist die in den vergangenen dreißig Jahren wachsende gesellschaftliche Ungleichheit. Im kommunistischen Polen ist die Jugend aus verschiedenen gesellschaftlichen Klassen im Großen und Ganzen in den gleichen Plattenbauten aufgewachsen und hat die gleichen Schulen besucht. Wie unter anderem ein Ranking von Warschauer Grundschulen zeigt, in dem die Privatschulen eindeutig vorn liegen, beeinflusst heute die Tatsache, in welcher Familie du geboren bist, deine Zukunft immer stärker, und somit auch deinen Lebensstil, deine Bestrebungen und deine Sichtweise auf die Politik.

 

Natürlich kann man diesen Zustand auch als Folge der Demokratisierung des Landes wahrnehmen: Im kommunistischen Polen konnte von einer pluralistischen öffentlichen Debatte nicht die Rede sein, und der Zugang zur globalen Kultur war stark begrenzt. Heute, in Zeiten der späten Globalisierung und Informationsblasen, haben junge Menschen keine gemeinsamen kulturellen Codes, und so manche Studentin, die in einer Großstadt lebt, hat mehr mit ihrer schwedischen oder rumänischen Altersgenossin gemeinsam als mit ihrem Schulkameraden, mit dem sie die Grundschule in einer Kleinstadt besucht hat.

 

So ist es überall, aber im ehemaligen Ostblock gehen diese Veränderungen sehr dynamisch vor sich und manchmal sind sie unvorhersehbar. Sowohl die Liberalen als auch die Rechten haben bis zu einem gewissen Grad recht: Die polnische Jugend säkularisiert sich laut Untersuchungen des Pew Research Center am schnellsten (!) auf der Welt (kaum 26% der jungen Polen und Polinnen besuchten Gottesdienste, und nur für 16% ist Religion überhaupt wichtig), und gleichzeitig hat der noch in den zweitausender Jahren unter jungen Menschen verbreitete Liberalismus nationalistischen Begeisterungen Platz gemacht.

 

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn in der Altersgruppe 18 bis 29 erfreut sich sowohl die nationalistische Partei Konföderation als auch die linke Koalition wesentlich stärkerer Beliebtheit als in anderen Generationen. Weitaus weniger beliebt sind hingegen die liberal-konservative Bürgerplattform und die national-konservative Partei Recht und Gerechtigkeit, deren ewiger Konflikt den Rhythmus der politisch-medialen Debatte in Polen bestimmt. In dieser Debatte fühlen sich die jungen Menschen sicherlich deshalb nicht vertreten, weil sie zahlenmäßig viel weniger sind als die alten Wähler (die Geburtenrate sinkt seit Mitte der achtziger Jahre unaufhörlich und beträgt derzeit 1,32).

 

Die Polarisierung unter jungen Menschen betrifft vor allem Themen, die mit Identität zusammenhängen (Progressivismus versus Nationalismus) und verläuft deutlich entlang der Genderlinie: Die Linke wird eher von jungen Frauen gewählt, die Nationalisten von jungen Männern, was – ähnlich wie in Deutschland und den USA – mit dem höheren Bildungsniveau und der Mobilität junger Frauen zusammenhängt.

 

Diese Polarisierung schlägt sich auch im Verhältnis der jungen Menschen zur Europäischen Union nieder, das laut einiger Umfragen immer positiver ist, laut anderen – im Vergleich mit den europäischen Gleichaltrigen und älteren Generationen der Polen – ausgenommen schlecht ist. Aber selbst die Zugehörigkeit zu Europa wird von jungen Menschen unterschiedlich verstanden: Eine Stipendiatin an einer westlichen Hochschule hat andere Erwartungen und Vorstellungen von der EU als ein junger Mann, der in einem europäischen Land schwarz auf dem Bau arbeitet.

 

Gleichzeitig interessieren sich die jungen Menschen weniger als die älteren Generationen für Politik (die Wahlbeteiligung bei den letzten Parlamentschaftswahlen in der Altersgruppe 18 bis 29 betrug etwa 46,4%, während die durchschnittliche Wahlbeteiligung 61,7% betrug), aber gerade diejenigen, die sich für Politik einsetzen, sind auf polnischen Straßen zu sehen. Die größten polnischen alljährigen Demonstrationen – das ist auf der einen Seite die Gleichheitsparade, die Rechte für LGBT+-Personen einfordert, auf der anderen der nationalistische Unabhängigkeitsmarsch – werden von jungen Menschen organisiert.

 

Kann man angesichts dieser Unterschiedlichkeit der polnischen Jugend etwas Schlüssiges über ihre Probleme und Erwartungen sagen? Diese Aufgabe hat sich der Ökonom Jakub Sawulski gestellt, Autor des Buches Pokolenie ’89 Młodzi o polskiej transformacji [Generation ´89. Die Jugend über die polische Transformation.] Sawulski weist zurecht darauf hin, dass die junge Generation der Polen im Gegensatz zur älteren Generation – und damit im Gegensatz zum Mainstream in der öffentlichen Debatte – die polnische Transformation nicht durch das Prisma ihres Verlaufes bewertet, sondern anhand ihrer Folgen. Darüber hinaus vergleicht sie ihren Lebensstandart mit dem in wohlhabenderen Ländern, und nicht mit der Volksrepublik Polen, an die sie sich nicht erinnert.

 

Und hier beginnt es schwierig zu werden, denn die Bestrebungen der Generation, die mit dem hurraoptimistischen Narrativ über die Transformation und die Europäisierung Polens aufgewachsen ist, ist in dem Moment, da sie in das Erwachsenenalter eintritt, mit einem schwachen Staat konfrontiert, mit den Missständen des polnischen freien Marktes und den Möglichkeiten, die weit unter den einstigen Versprechnungen liegen. Es geht um „Dinge, die wir uns bei diesem Entwicklungsstand leisten können sollten, und trotzdem sind sie für uns kaum erschwinglich“. Der Autor vergleicht die Haltung junger Polen mit einer zweiten Einwanderergeneration, die sich nicht mehr über den gesellschaftlichen Aufstieg ihrer Eltern freut, sondern frustriert ist von der Diskriminierung, mit der sie in der Schule und auf der Arbeit seitens der „autochtonen“ Einwohner ihres Landes – in diesem Falle Europas – konfrontiert werden.

 

Sawulski gliedert sein Buch in sechs Themenbereiche: Wohnen, Arbeit, Demografie, Rente, Bildung und politisches Engagement. Aus seinen Untersuchnungen ergibt sich ein recht düsteres Bild für die Persepektiven, die junge Erwachsene in Polen haben. Obwohl die Arbeitslosenquote unter den jungen Menschen derzeit zu den geringsten in Europa gehört (was das Ergebnis der guten Wirtschaftskonjunktur ist, aber auch der massenhaften Auswanderungen in den 2000er Jahren), und hunderttausende Einwanderer in das Land geholt werden, fehlt es jungen Polen eigentlich in jedem Lebensbereich an Stabilität.

 

Die Prekarisierung der jungen Generation ist ein europaweites Problem, das seit der Wirtschaftskrise von 2008 in besonderer Weise die Länder Südeuropas betrifft, und in Polen beinahe eine pathologische Form angenommen hat. Die Wirtschaftszahlen Polens haben die Krise unbeschadet überstanden, aber das ging auf Kosten der Jugend. Einer der größten Alpträume des polnischen Arbeitsmarktes sind die sogenannten „Müllverträge“. Es handelt sich dabei um eine vorübergehende billige Form der Anstellung, die dem Mitarbeiter keine Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung oder arbeitsrechtliche Privilegien (zum Beispiel Urlaub) garantiert. Derzeit arbeiten fast 30% der Polen im Rahmen solcher Verträge – vor allem junge Menschen.

 

Sawulski bespricht auch Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass die Qualität polnischer Arbeitsplätze zu den geringsten in Europa gehört. Das hat nicht nur mit der Form der Anstellung zu tun, sondern auch mit der Lohnhöhe, den Arbeitsbedingungen und der Arbeitszeit, den Entwicklungschancen und der Work and Life Balance. Nur in Griechenland, Rumänien und Spanien ist es unter diesen Gesichtspunkten noch schlechter.

 

Fatal sieht es auch mit der Wohnsituation junger Polen aus, denn während sich die ältere Generation über die Wohnungen freuen kann, in denen sie breits zu Volksrepublik-Zeiten gewohnt hat, übersteigen die Mieten in Großstädten oft die Einkünfte. Menschen, die keinen unbefristeten Arbeitsvertrag haben, können auch nicht damit rechnen, einen Hypothekenkredit zu bekommen. Daraus folgt, dass 46% der Polen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren bei ihren Eltern wohnen, womit sich Polen in der unrühmlichen Spitze Europas platziert.

 

Hinzu kommt der schlechte Zustand von Institutionen für Pflege, Gesundheitswesen und Bildung. Während sich junge Polen – zumindest die, die in Großstädten leben – annähernd einen Lebensstandard wie gleichaltrigere Westeuropäer leisten können, was ihnen jahrelang versprochen wurde, fällt es ihnen schwer, sich dafür zu entscheiden, eine Familie zu gründen. Für die Krippe, den Kindergarten, Besuche bei Fachärzten und eine gute Schule muss man in der Praxis sehr viel Geld bezahlen. Die von der PiS-Regierung eingeführten Zuschläge für Kinder löst das Problem nur teilweise und „von hinten herum“.

 

Die dramatisch niedrige Geburtenrate kündigt Probleme mit den Renten an, denn nach Sawulskis Berechnungen werden Senioren im Jahr 2060 mit einer Rente in Höhe von höchstens 24% ihres Einkommens rechnen können.

 

Mit diesem und vielen anderen Analysen von Sawulski stimmen die erst kürzlich veröffentlichten Untersuchungen unter dem Titel Oswajanie niepewności [Die Zähmung der Ungewissheit] überein, die von Ökonomen der Haupthandelsschule in Warschau durchgeführt wurden. Sie ergaben – abgesehen von dem Widerspruch, der aus einem geringen ökonomischen Bewusstsein resultiert – dass die Mehrheit der jungen Polen sich mehr staatliche Kontrolle über den Kapitalismus wünscht: stabile Gehälter und den Schutz polnischer Firmen vor der Dominanz durch westliches Kapital.

 

Die jungen Polen haben mit Sicherheit weniger Komplexe als die Liberalen der älteren Generation, sie sind besser gebildet und fühlen sich auf natürlichere Weise Europa zugehörig, sehen aber die Globalisierung an der Peripherie und den Zustand der liberalen Demokratie wesentlich kritischer. Es gefällt ihnen nicht, dass sie in ihrem Land, das als Vorbild für die Transformation steht, wesentlich geringere Möglichkeiten und Löhne haben als westliche Gleichaltrige. Und auf jeden Fall weniger als die, die ihnen in ihrer Kindheit versprochen wurden, sprich noch vor der Plage der Prekarisierung von Arbeit und der Verschlechterung der Wohnsituation in ganz Europa.

 

Bei den einen – meistens sind es die besser Ausgebildeten, die in Großstädten leben – nimmt diese Kritik linke Tendenzen an, was sich im Übrigen deckt mit dem amerikanischen und europäischen Trend des Millenial Socialism. Andere – das sind mehr – fühlen sich vom rechten oder eher rechtsextremen Populismus angezogen, was bei den weniger privilegierten Gruppen ebenfalls eine europaweite Tendenz ist.

 

Natürlich gibt es bestimmte kulturelle Nuancen, die die Haltung der polnischen Jugend beeinflussen: der traditionelle polnische Trotz, das Misstrauen gegen Institutionen und die Mentalität, Polen im Kontext der Außenpolitik als „belagerte Festung“ wahrzunehmen. Aber die Enttäuschung über das europäische Establishment und die Angst vor der Zukunft angesichts des zusammenbrechenden Traumes vom Ende der Geschichte vereint die jungen Menschen der ganzen westlichen Welt. Sowohl die, die zu Klima- und Feminismusdemonstrationen rennen, als auch die, die Losungen gegen Einwanderer rufen, und die, die nicht an politisches Engagement glauben.

 

Solange Politiker keine Antwort auf die brennenden Herausforderungen finden, vor die die Globalisierung die jungen Menschen stellt – und solange diese die Dinge nicht in ihre eigenen Hände nehmen – ist es schwer vorstellbar, dass diese Jugend sich darum reißen wird, die liberale Demokratie in ihrer jetzigen Form zu verteidigen. Ob in Polen oder anderswo.

 

 

(aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller)

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Kaja Puto

Kaja Puto - Publizistin und Redakteurin, spezialisiert sich auf die Themenbereiche Osteuropa und Migration. Sie schreibt u.a. für die Zeitschrift "Krytyka Polityczna" und für n-ost - The Network for Reporting on Eastern Europe.

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