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Helfen, Begegnen, Erinnern.

Fünfzig Jahre Maximilian-Kolbe-Werk

Die Tätigkeit des Maximilian-Kolbe-Werks war ein Glanzlicht der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das MKW hat tausenden von Insassen der deutschen Konzentrationslager und Opfern der Ghettos geholfen und feierte am 18. Oktober 2023 den fünfzigsten Jahrestag seines Bestehens.

Die Organisation entstand als eine Graswurzelinitiative einer Gruppe deutscher Katholiken, die aus Scham und innerem Bedürfnis den Wunsch verspürten, den Opfern des deutschen Nationalsozialismus eine wenigstens symbolische Wiedergutmachung zukommen zu lassen. Die Vorgeschichte und Gründung des MKW fiel in eine besondere Zeit. Noch achtzehn Jahre nach dem Krieg unterhielt die Volksrepublik Polen keinerlei diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland, Bonn erkannte seinerseits die Grenze an Oder und Neiße nicht an. Für eine Änderung dieser Situation gab es keinen wirklichen Rückhalt in der Gesellschaft, denn in Polen herrschte allgemeine Abneigung, ja Feindseligkeit gegenüber den Deutschen, und die Deutschen in der Bundesrepublik wie übrigens auch in der DDR sahen sich in keinerlei Verantwortung für die Verbrechen NS-Deutschlands.

Aus einem Gefühl von Scham und Schuld

Im Dezember 1963 begann in Frankfurt am Main der von den westdeutschen Medien mit viel Aufmerksamkeit bedachte zweite Auschwitz-Prozess. Auf der Anklagebank saßen zwanzig Mitglieder der Wachmannschaft des deutschen Konzentrations‑ und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Seine erschütterndsten Augenblicke erlebte der Prozess, wenn Zeitzeugen aussagten, die vormals Insassen des Lagers gewesen waren, darunter viele Überlebende aus Polen. Für viele Deutsche war dies die erste Gelegenheit, von der Bestialität der Konzentrationslager zu erfahren. Bei einigen entstand das Bedürfnis, mit einer symbolischen Geste um Verzeihung zu bitten. Dies war die Atmosphäre, in der sich eine Gruppe von 34 deutschen Mitgliedern der katholischen Friedensorganisation Pax Christi zu einem Besuch des vormaligen KL Auschwitz-Birkenau aufmachte. Die Reisegruppe wurde von Alfons Erb geleitet, vor dem Krieg katholischer Aktivist, der von dem nationalsozialistischen Regime inhaftiert und später in die Wehrmacht eingezogen worden war. Die Deutschen wollten nicht nur auf dem Lagergelände beten, sondern auch persönliche Begegnungen mit vormaligen Häftlingen haben. Sie sprachen mit zwei Häftlingen, was ihnen bewusst machte, dass die Leiden dieser Menschen im Krieg nicht geendet hatten. Viele lebten in Armut, mittellos, ohne medizinische Versorgung und Beistand. Die Deutschen entschlossen sich, aktiv zu werden. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik begann Erb, für die Unterstützung der vormaligen KL-Häftlinge in Polen zu sammeln. Die Spendengelder gingen über private Kanäle an die Empfänger.

Im Oktober 1973, ein Jahr nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen Warschau und Bonn, gründete Erb das Maximilian-Kolbe-Werk. Gründer waren das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dreizehn katholische Vereine in Westdeutschland. Erb leitete das Werk, nach seinem Tod übernahm seine Tochter Elisabeth die Aufgabe. Die Organisation verwandte viel Energie auf den Aufbau von Kontakten in Polen, um Hilfe direkt vermitteln zu können und keine offiziellen Institutionen einschalten zu müssen, zu denen in volkspolnischer Zeit nur geringes Vertrauen bestand. Wie sich Erzbischof Wiktor Skworc, emeritierter Metropolit von Kattowitz und lange für das MKW engagiert, erinnert, verliefen die Aktivitäten „von Mensch zu Mensch“ und wurden in beachtlichem Ausmaß von zahlreichen polnischen Gemeinden unterstützt. „Ich kannte Herrn Erb nicht, aber ich lernte seine Tochter Elisabeth kennen, die auch während des Kriegszustands [1981–1983] nach Kattowitz kam“, wie sich Skworc erinnert. „In dieser Zeit gab es eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen der Karitativen Kommission der polnischen Bischöfe und dem Maximilian-Kolbe-Werk, die es möglich machte, selbst unter diesen schwierigen Umständen Hilfe an die vormaligen Häftlinge weiterzuleiten.“

Nicht nur materielle Hilfe

„Seit Beginn seiner Tätigkeit hilft das Maximilian-Kolbe-Werk vormaligen Insassen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der Ghettos in Form materieller Unterstützung wie auch bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben, zum Beispiel durch die Vermittlung medizinischer Versorgungsleistungen und von Krankenhausaufenthalten oder Rehabilitationsmaßnahmen. Diese Hilfe ist natürlich eher symbolischer Art, aber für die Menschen ist das ganz wesentlich, um ihre Lebenssituation zu verbessern“, erklärt Peter Weiß, vormaliger Bundestagsabgeordneter und seit zwei Amtszeiten Präsident des MKW. Die materielle Unterstützung sei jedoch kein Zweck an sich, sondern ein Mittel auf dem Weg zur Versöhnung. Daher habe die Arbeit des MKW zwei Aspekte: Sie ermögliche konkrete Hilfsleistungen für frühere Häftlinge und Überlebende der Shoah, bemühe sich aber auch um die Bewahrung ihrer Erfahrungen und ihres Überlebens vor dem Vergessen. Auf die Frage nach der Zahl der Menschen, denen das MKW im Laufe seines Bestehens geholfen hat, antwortet Weiß, es gebe keine detaillierten Statistiken, doch hätten gewiss hunderttausende von Menschen Hilfe erhalten, hauptsächlich aus Polen, nach 1992 aber auch aus Gebieten der früheren Sowjetunion, aus der Ukraine, Belarus und Russland. Die meisten Mittel, über die das MKW verfüge, stammten aus privaten Spenden. „Wir haben einen weiten Kreis von Personen, die uns seit Jahren unterstützen und an unseren jährlichen Spendenaktionen teilnehmen. Die übrigen Gelder erhält das MKW von der Deutschen Bischofskonferenz oder aus anderen kirchlichen Mitteln.“

Durch die Tätigkeit des MKW haben tausende Menschen materielle Hilfe und die Möglichkeit zu speziell für sie eingerichteten Kur‑ und Sanatoriumsaufenthalten bekommen, die zuerst in der Bundesrepublik, später auch in Polen organisiert wurden. Das MKW unterhält Seniorenheime, sorgt für medizinische Hilfe und Beratung sowie Erholungsaufenthalte in Deutschland für die Opfer der Konzentrationslager, wodurch es diesen auch Gelegenheit gibt, sich kennenzulernen und persönliche Kontakte zu schließen. Die Mitarbeiter und Freiwilligen des MKW leisten darüber hinaus bettlägerig Kranken Hilfe in ihrem Zuhause.

Bei der Jubiläumsveranstaltung des MKW am 18. Oktober 2023 in Berlin wurden die polnischen Bischöfe durch Erzbischof Skworc vertreten. Er ist auch Vorsitzender des Stiftungsrats des MKW, der 2007 von der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz eingerichtet wurde. Skworc betonte, Aufgabe des Stiftungsrates sei es, weltweit verfeindete Menschen zur Versöhnung zu bewegen. Diese Tätigkeit ist nicht auf Osteuropa begrenzt, sondern umfasst auch den Balkan, wo die Stiftung gleichfalls aktiv ist. Dabei kommt den Arbeitstreffen ein wichtiger Stellenwert zu, die auf dem Gelände des vormaligen KL Auschwitz-Birkenau stattfinden. Im Jahr 2023 fand die 14. Begegnung dieser Art statt. Zwei Wochen lang verbringen die Teilnehmer miteinander und müssen sich emotional den Realitäten des Konzentrationslagers aussetzen. In dem Maße, wie sich die aufgewühlten Emotionen beruhigen, öffnet sich ein Raum für den Dialog, um den es eigentlich gehe. Ohne Dialog und Öffnung füreinander sei keine Versöhnung zu erreichen, meint Skworc.

Von Angesicht zu Angesicht

Für die Arbeit des MKW engagierten sich viele Freiwillige in Deutschland und Polen, so Weiß. Auf deutscher Seit seien achtzig Personen für die Durchführung verschiedener Programme zuständig. Diese Mitarbeiter seien ständig für Hilfsleistungen wie Genesungs‑ und Erholungsaufenthalte in der Bundesrepublik tätig. Das erfordere großes Engagement, denn an solchen Veranstaltungen hätten bereits 14.000 Personen in erster Linie aus Polen, aber auch aus der vormaligen Sowjetunion teilgenommen. Auch Skworc verweist auf die Unverzichtbarkeit der Freiwilligen für die Arbeit des MKW: „In der Vergangenheit war es eine große Herausforderung, die Überlebenden zu erreichen, sie überhaupt zu finden. Dabei waren zahlreiche Freiwillige behilflich, die vermittels der polnischen Gemeinden in Aktion traten, die halfen, zu den Menschen zu gelangen. Sie konnten den Kontakt mit den am schwersten durch das Naziregime traumatisierten Menschen herstellen. Sie gewährten ihnen materielle Hilfe, versuchten aber auch, ihre Biografien kennenzulernen. Diese Menschen kamen aus verschiedenen christlichen Konfessionen, aber es gab daneben auch Freiwillige, die nur aus humanitärer Motivation aktiv wurden. Das war eine Gelegenheit für eine Begegnung, bei der Verzeihen und Versöhnen wirklich gelingen konnten. Und das ist meiner Überzeugung nach das Größte, was das MKW vollbracht hat, obwohl die Sachhilfe natürlich auch ganz wichtig war, vor allem in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Das war eine Aktivität für die Versöhnung von unten her. Für Menschen, die ein Konzentrationslager durchgemacht hatten, war es ganz außergewöhnlich, dass sich plötzlich ein Deutscher ganz von sich aus für sie interessierte und ihnen Hilfe anbot.“

Weiß betont, dass mit dem 50. Jubiläum das MKW seine Aufgabe nicht als beendet ansehe. Es werde seine Tätigkeit im gleichen Umfang fortsetzen, so lange dies nötig sei. In Polen allein lebten immer noch mehr als 2500 vormalige KZ-Insassen und Überlebende der Ghettos. Diese würden weiterhin Hilfe und Unterstützungsleistungen erhalten. Natürlich werde diese Hilfe heute in geringerem Umfang gewährt, weil diejenigen auf natürliche Weise abtreten, die vom MKW über die Jahre betreut wurden. Das MKW werde weiter im Sinne seines Mottos „Helfen – Begegnen – Erinnern“ aktiv bleiben. Das MKW versuche schon lange, frühere Häftlinge nach Deutschland zu Begegnungen mit jungen Menschen einzuladen, mit Schülern oder Studierenden, damit sie als Zeugen der Geschichte von ihren Erlebnissen in den Konzentrationslagern und Ghettos berichten. Diese Aktivitäten würden fortgesetzt, da ihr Zeugnis wichtig für die Heutigen sei. Wenn die Zeitzeugen jedoch nicht mehr da seien, müsse das MKW neue Formen für seine Aktivitäten entwickeln, aber getreu seiner Tradition, wie sie in den fünfzig Jahren seines Bestehens erarbeitet worden sei.

Dazu Skworc: „Die Arbeit des MKW ist kaum zu überschätzen. Es war eine stille, systematische Hilfe, die für viele der Empfänger ganz wichtig war. Ganz entscheidend war, dass es sich nicht um eine einzelne, spektakuläre Aktion handelte, sondern eine fünfzig Jahre lang konsequent und systematisch betriebene Arbeit. Betrieben nicht von staatlichen Einrichtungen, sondern von Privatpersonen, die nur von ihrem Gewissen angeleitet waren.“

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

Andrzej Grajewski

Andrzej Grajewski

Dr. Andrzej Grajewski (geb. 1953) - Politikwissenschaftler, Historiker, Redakteur der Wochenzeitschrift "Gość Niedzielny". Er war aktives Mitglied der "Solidarność" sowie ihrer Untergrundstrukturen. Autor zahlreicher Bücher und Veröffentlichungen.

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