Małgorzata Szumowska: Porträt einer Frau und Regisseurin

„Ich glaube, auf diesem Filmfestival entdeckt worden zu sein. Das ist für mich ein sehr wichtiger Ort“, sagt die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska mit dem Silbernen Bären in der Hand, den sie einen Augenblick zuvor für ihren Film „Twarz/ Mug“ auf der Berlinale gewonnen hat. Szumowska hat eine Schwäche für die Berlinale, und die Berlinale hat eine Schwäche für Szumowska. So langsam wird es schwierig, sich das Filmfestival ohne sie vorzustellen. Um nur die letzten Jahre zu nennen: 2012 war die Regisseurin gemeinsam mit der Hauptdarstellerin ihres Films „Sponsoring“, Juliette Binoche, in Berlin. 2013 lief ihr Film „W imię…“ („Im Namen des…“) im Wettbewerb. 2015 gewann Szumowska den Silbernen Bären für ihren Film „Ciało/ Body“. Im Jahr darauf war sie Mitglied in der Festivaljury, die von Meryl Streep geleitet wurde. Der Preis für „Twarz“ unterstreicht Szumowskas Rang im europäischen Kino. Neben Agnieszka Holland ist sie zweifelsohne die im Ausland bekannteste polnische Regisseurin; ihre Filme sind auch in Deutschland zu sehen. Worauf beruht Szumowskas Erfolg und wieso stoßen ihre Filme in Deutschland auf mehr Publikumszuspruch als beispielsweise in Frankreich, wo sie Regie bei „Sponsoring“ geführt hat? Sie ist eine Künstlerin, die das polnische Kino auf internationaler Bühne vertritt; lässt sich in wenigen Worten beschreiben, was dieses Kino auszeichnet?

 

Małgorzata Szumowska kam 1973 in Krakau zur Welt; ihre Mutter war die bekannte Schriftstellerin Dorota Terakowska, ihr Vater der Journalist Maciej Szumowski. In ihrem Elternhaus gingen Künstler und Intellektuelle ein und aus. Nach zwei Jahren Studium der Kunstgeschichte entschloss sich Szumowska für ein Regiestudium an der Filmhochschule Lodz, und ihr Übungsfilm „Cisza“ („Die Stille“) aus dieser Zeit ging in die Liste der vierzehn besten Filme ein, die je an der Lodzer Filmhochschule gedreht wurden. Ihr Mentor war der polnische Regisseur Wojciech Has, der ihr auch zu ihrem Kinodebüt verhalf.

 

Szumowska, couragiert und ganz ohne Angst und falsche Bescheidenheit, meldete ihre Filme bei Wettbewerben im Ausland an und bekam bereits als Studentin erste Preise und Einladungen zu Filmfestivals. Die Früchte ihres Fleißes zeigte sie der ganzen Welt, sie knüpfte Kontakte und sammelte Erfahrung. Filme wie die erwähnte „Cisza“ (1998), „Szczęśliwy człowiek“ („Ein glücklicher Mensch“, 2000) und „Ono“ („Es“, in Deutschland unter dem Verleihtitel „Leben in mir“, 2005) fanden Anerkennung im Ausland in Gestalt von Auszeichnungen und verschafften der Regisseurin immer größere Möglichkeiten, doch die Anfänge waren ärmlich und voller Entsagungen: „Ich konnte es mir nicht leisten, eine europäische Regisseurin zu sein, weil ich nicht einmal das Geld für Anrufe ins Ausland hatte“ erinnert Szumowska sich in dem Interview „Kino ist die Kunst des Überdauerns“. Den Durchbruch brachte ihre Bekanntschaft mit dem deutschen Produzenten Karl Baumgartner, der half, sie bekanntzumachen, ganz so wie er es mit heutigen Kinostars wie Emir Kusturica oder Jim Jarmusch getan hatte. Ihr erster als deutsch-polnische Koproduktion entstandener Film war „Ono“ von 2004, der anrührend davon erzählt, wie eine junge Frau zur Mutter heranreift. Zusammen mit der Produktionsfirma Pandora Film und mit der bekannten Schauspielerin Julia Jentsch entstand der autobiographisch inspirierte Film „33 sceny z życia“ („33 Szenen aus dem Leben“). Julia Jentsch spielt darin eine junge Künstlerin, die in kurzer Zeit beide Eltern verliert. Auf die Frage, was sie an dieser Rolle verlockt habe, antwortete Jentsch: „Mich interessierte sehr, wie [das Drehbuch] menschliche Verhaltensweisen vorstellt. Ich war davon überrascht, dass es zwar vom Tod und Weggehen erzählt, aber doch voller Humor ist. Darin gibt es Szenen voller Tragik und Trauer, gleichzeitig aber voller Lachen. Ich fand auch die Gestalt der Julia faszinierend, manchmal ist sie sehr aggressiv und hart im Umgang mit ihrer sterbenden Mutter und ihrem betrunkenen und gebrochenen Vater. Diese Reaktionen waren für mich überraschend, andererseits spürte ich, dass sie sehr wahrhaftig, realistisch und aufrichtig sind.“

 

Eine toughe Patriotin

Neben den eigenen Erfahrungen und Emotionen ist für Szumowska auch Polen ein wichtiges Thema für ihre Arbeit. Sie porträtiert das Land mit Zärtlichkeit, Humor und mit allen seinen Extremen. Tom Tykwer, Jurypräsident  bei der diesjährigen Berlinale, sagte ihr, am meisten habe ihn bei „Twarz“ die Tatsache angesprochen, dass die Regisseurin sich über ihre Helden nicht lustig macht. Polen ist in diesem Film ein armes, bröckelndes, ewig betrunkenes Land, ahnungslos, was Kapitalismus und Demokratie eigentlich sind und fanatisch katholisch. Aber es ist auch ein Land voller Naturschönheiten (Kamera: Michał Englert), das seine Traditionen liebt. Małgorzata Szumowska ist eine Patriotin, allerdings keine nach den Vorstellungen der Rechtsnationalen oder Konservativen. Die Laster der Polen stellt sie in ein scharfes Licht. Sich selbst beschreibt sie so: „Wenn ich mir diese Leute im Ausland so anschaue, mit denen ich in Frankreich oder in Deutschland arbeite, sehe ich, wie für sie die kapitalistisch-demokratische Gesellschaft zur Normalität gehört, und gerade daher tragen sie eine Art Schwäche in sich. Ich halte mich für sehr viel stärker. Ich bin auf jede Art von Hardcore vorbereitet, sie nicht. Wenn ich also von Patriotismus spreche, dann ausschließlich so, wie ich ihn durch meine Toughheit wahrnehme. Es gibt eine spezielle Art von Angriffslust, ich würde sogar sagen Dreistigkeit, die in den Polen steckt.“ Auf die Frage, was ihre politische Einstellung ist, behauptet sie zuerst, sie habe keine. Doch dann fügt sie hinzu, ihre eigene Weltsicht definiere sie als links, und sie bezeichne sich als „Kaviarlinke“. Sie engagiert sich für die Frauenbewegung in Polen, zum Beispiel den „schwarzen Protest“ [der sich in öffentlichen Demonstrationen gegen eine restriktive Regelung des Abtreibungsrechts wendet; A.d.Ü.], für Aktionen zugunsten der Sexualerziehung (zum Beispiel das von dem Fotomodel Anja Rubik initiierte #sexedpl), sie ist Mitglied im Verband Polnischer Regisseure. Sie kritisiert lautstark das Patriarchat in Polen, sie lehnt die Vorstellung von der „Mutter Polin“ (Matka Polka) ab, die sich ausschließlich ihren Kindern widmet, sie betont, welches Gewicht es hat, in einer von Männern dominierten Welt zu existieren und erfreut sich schlicht ihres Frauseins. In der Dankesrede bei Entgegennahme ihres Silbernen Bären sagte sie: „Ich bin glücklich damit, eine Frau und Regisseurin zu sein.“

 

Sie ist mutig, unberechenbar, charismatisch und eloquent. Sie hat keine Komplexe und behandelt in ihren Filmen Tabuthemen und äußerst intime Fragen. Sie bewertet ihre Helden nicht und behandelt sie nicht von oben herab. Die Mädchen aus „Sponsoring“ sind keine Nutten, sondern junge Frauen, die ein bequemes, lebenswertes Leben führen möchten. Der Priester aus „W imię…“ hat sich in einen Mann verliebt, ist aber trotzdem ein tiefgläubiger Mensch und ein ausgezeichneter Seelsorger. Die exzentrische Therapeutin aus „Ciało/ Body“ hat die besten Absichten und zieht die Leute nicht über den Tisch und Julka aus „33 Szenen aus dem Leben“ durchlebt den Aufruhr einer heranreifenden jungen Frau, die gerade beide Eltern verloren hat. Szumowska arbeitet mit ausgezeichneten Schauspielern zusammen, mit Stars des polnischen Kinos wie Janusz Gajos, Andrzej Chyra und Maja Ostaszewska, die gern unter ihrer Regie arbeiten, selbst in kleinen Nebenrollen. Weltstars wie Juliette Binoche und Julia Jentsch vertrauen ihr ebenso und lassen sich auf ihre Experimente ein. Sie hat ein Talent für die Arbeit mit Naturbegabungen, oft wählt sie ihre Schauspieler ganz intuitiv aus. Die Schauspielerin Agata Trzebuchowska , welche die Titelrolle in „Ida“ spielt, einem Film von Paweł Pawlikowski, traf sie zufällig in einem Café und bat sie, dem Regisseur Fotos von sich zu schicken. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit immer denselben Leuten zusammen, die ihr festes Filmteam bilden.

 

Während Themen wie Homosexualität, Alkoholismus, katholischer Glaube, der Tod eines nahestehenden Menschen und seine Bewältigung oder käuflicher Sex in Polen immer noch tabuisiert oder kontrovers diskutiert werden , haben sie in Deutschland die Leute in die Kinos gelockt, auch wenn sie hier weniger starke Emotionen auslösen. Deutschland hat eine politisch korrekte Gesellschaft, die offener und toleranter ist als Polen, Szumowskas Filme sind hier eher von universeller Aussagekraft und auch wenn ihre Geschichte im Nachbarland spielt, geht sie auch die Deutschen selbst an, wenn auch vielleicht mit ein wenig mehr Abstand. Die Regisseurin meint, die Polen seien völlig anders als die Deutschen; diesen fehle die Verrücktheit und der schwarze Humor, dessen sich die Polen in ganz unterschiedlichen und alles andere als komischen Situationen bedienen. Dagegen seien die Deutschen glänzend organisiert.  Sie seien gewöhnlich daran interessiert, was ein polnischer Filmemacher heute über sein Land zu sagen hat.

 

Die Regisseurin sagt ganz offen, welches Rezept es braucht, um einen Film auf der Berlinale unterzubringen; dazu paraphrasiert sie Festivaldirektor Dieter Kosslick: So ein Film müsse sich als Kunstwerk präsentieren, er müsse auf höchstem künstlerischen Niveau gemacht sein. Er müsse eine universelle Geschichte erzählen, die weltweit verstanden werden könne, doch müsse er andererseits seine Geschichte in den für das jeweilige Land charakteristischen Kontext einbetten. Treffender lassen sich Szumowskas Filme nicht beschreiben.

 

Der „charakteristische Kontext“ ist für das Polen des Jahres 2018 in „Twarz“ die Errichtung des größten Christusstandbilds in Europa, nachempfunden der tatsächlich in Świebodzin aufgestellten Figur. Die Geschichte des Mannes, der durch einen Unfall beim Bau des Standbilds sein Gesicht verlor und dem ein neues transplantiert wurde, beruht ebenfalls auf Tatsachen. Nachdem er wieder zuhause ist, muss er feststellen, dass nicht seine Narben und Sprachschwierigkeiten das Problem sind, sondern dass ihn Familie und Gesellschaft nicht akzeptieren. „Twarz“ setzt sich mit verschiedenen Dämonen der polnischen Gesellschaft auseinander: mit der Heuchelei, der Homophobie, der Angst vor der Andersartigkeit, der Macht der Kirche. „Es ist eine Art Pflicht zu beschreiben, wie Polen heute ist, mit den Problemen, die wir haben. Ich will nichts verbergen“, sagte die Regisseurin bei einer Pressekonferenz auf der Berlinale.

 

Die 45-jährige Małgorzata Szumowska hat noch viele Filme zu drehen, die couragierte, ein wenig dreiste Regisseurin der jüngeren Generation wandelt sich zu einer reifen Künstlerin voller Energie und Ideen, der viele Freiheiten und Möglichkeiten zu Gebote stehen. Die Tatsache, dass sie zuerst eher draußen in der Welt als in Polen zu dem geworden ist, was sie ist, hat mit der Geschichte des polnischen Kinos zu tun, mit der patriarchalen Gesellschaft und ihrem eigenen Draufgängertum, Charisma und ihrem Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Sie repräsentiert das polnische Kino im Ausland, indem sie bis an die Schmerzgrenze ein ehrliches, oft unbequemes Bild von Polen zeigt, als ein Land mit Problemen und Komplexen, das sie jedoch mit einer satten Dosis schwarzen Humors, wunderbaren Landschaften und ehrlichen, universellen Geschichten verschönt. Sie ist Frau und Regisseurin, was, wie sie selbst hervorhebt, in der Filmwelt gelegentlich schwierig ist, durch ihren Verdienst aber ein wenig mehr zur Normalität wird.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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