Was Straßen und Denkmäler erzählen

So nahe sind sich Deutschland und Polen, seit Jahrhunderten. Man könnte denken, dies müsste sich in beiden Ländern eigentlich auf Schritt und Tritt widerspiegeln. Doch wenn man sich anschaut, welche Straßennamen sich hier auf den jeweiligen Nachbarn beziehen, zeigt sich ein durchaus disparates und sehr lückenhaftes Bild. Das ist bezeichnend, sind Straßenbenennungen doch eine besonderes augenfällige und aufgrund der relativ geringen Kosten auch wenig aufwändige Möglichkeit, Symbolpolitik zu betreiben. Das gilt auch im Umkehrschluss – wohlfeile Umbenennungen spiegeln ebenfalls die erinnerungspolitischen Absichten der jeweils Herrschenden wider. Noch größeres Gewicht erhalten sie, wenn sie in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen Plätze und Parks zieren: Denkmäler kosten nämlich Zeit und Geld, und wenn man sie stürzt, wird viel Staub aufgewirbelt.

© Zygmunt Januszewski

In beiden Ländern gibt es jeweils einen Hauptbefund. Polens deutschlandbezogene Erinnerungslandschaft ist auf eine ganz prinzipielle Weise durchdrungen von jener Geschichte, die Deutsche dem Land im Zweiten Weltkrieg aufgezwungen haben: Vernichtungslager, Ghettos und Gestapo-Gefängnisse, Gräber erschossener Partisanen im dichten Wald, Orte von Massenmorden, von Widerstand nicht-jüdischer und jüdischer Polinnen und Polen übersäten das Land, und überall wird durch Gedenkstätten, Denkmäler, Tafeln, Hinweisschilder, Straßennamen, Museen daran erinnert. Dies ist ein sehr fragmentarischer Ausschnitt aus der deutschen Geschichte, aber er prägt die polnische Beziehung zu Deutschland bis heute immens. Es wird Tausende und Abertausende solcher Orte geben, alleine in der mittelgroßen Stadt Kielce sind es rund 60.

 

In Deutschland überwiegt im öffentlichen Raum ein ganz anderes Bild: Polen tritt hier ein wenig versteckt in der Gestalt der Städtenamen „des deutschen Ostens“ auf, wie es einst hieß: Nicht weniger als 1.236 Straßen, Plätze oder Wege sind nach Breslau benannt („Breslauer Straße“ steht sogar auf Rang 47 der häufigsten deutschen Straßennamen), 1.257 Mal stand Danzig Pate, etwas seltener Stettin, Allenstein, Kattowitz, bis hinunter zu Kleinstädten und Dörfern, nur das neumärkische Posemuckel hat man dabei geflissentlich vergessen. Und so leben hunderte, ja tausende einstiger deutscher Siedlungsorte weiter in den deutschen Stadtlandschaften, werden täglich von Millionen von Menschen zur Kenntnis genommen. Viele dieser Bezeichnungen sind im ersten Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg vergeben worden, nicht wenige aber schon nach den Gebietsabtretungen des Ersten Weltkriegs oder in der NS-Zeit, und nicht immer wurden letztere rückgängig gemacht: So rief etwa der Danziger Senat nach der NS-Machtübernahme in der Freien Stadt im Sommer 1933 die deutschen Kommunen auf, zur Feier dieses Ereignisses Straßen den Namen „Danziger Freiheit“ zu geben. Bis heute dürfen sich Regensburg, Koblenz und Münster einer solchen Straße „rühmen“. Auch andere Merkwürdigkeiten gibt es: In den 1960er Jahren wurden auf ministeriales Geheiß einige Autobahnparkplätze nach ostdeutschen Städten benannt, weshalb man etwa bis heute auf dem Weg von Wiesbaden nach Köln in Landsberg an der Warthe einkehren kann. Im Lauf der Jahrzehnte verlor sich aber der offenkundige Erinnerungsauftrag der Namensgeber, und in der Gegenwart nehmen viele in Deutschland lebende Menschen diese Ortsnamen nicht mehr als Teil deutscher Vergangenheit, sondern als Verweis auf die polnische Gegenwart wahr. Ganz offensichtlich polnische Ortsnamen finden sich allerdings nur sehr selten in deutschen Städten – es gibt zum Beispiel (neben vielen Posener Straßen) nur eine Poznaner Straße (in Cottbus). Die 29 Warschauer Straßen, Plätze und Wege verweisen eindeutig auf Polen, genauso wie die Polnische Straße in Frankfurt (Oder) und die beiden Polenwege in Leipzig und Stuttgart.

 

In Polen sind Straßennamen nach deutschen Städten selten. Manchmal folgen sie historischen Straßenbenennungen, wie die fünf „ul. Berlińska“ in Städten unweit der Grenze, oder sie ehren eine Partnerstadt, wie die „ul. Kolońska“ (Kölner Straße) in Kattowitz. Relativ häufig gibt es noch die „ul. Saska“ (Sachsenstraße), nämlich 14 Mal, was an die polnisch-sächsische Union erinnert. Deren Herrscher aber waren in Polen so unpopulär, dass einer von ihnen – August II. „der Starke“ – nur eine einzige Straße bekommen hat, und das auch noch im entlegenen Suwałki, während August III. überhaupt nicht vertreten ist. Dafür ist aber ein anderer August verewigt worden – Dr. August Oetker, nach dem im kaschubischen Ort Łebcz (deutsch: Löbsch) eine Straße benannt wurde. Hier spielte ganz klar das investierte Geld eine Rolle, denn an dieser Straße liegt eine große Fabrik für Tiefkühlpizzen.

 

Ansonsten könnte man sich in Polens Städten durchaus eine kleine Tour durch die deutsche Kulturgeschichte erlauben: Es gibt drei ul. Goethego und eine ul. Fryderyka Schillera, einzelne Straßen nach Gerhart Hauptmann, Martin Opitz oder Johannes Werner sind vorhanden, Johann Sebastian Bach hat zwölf, Beethoven sieben, Brahms zwei und sogar Richard Wagner drei. Erstaunlicherweise hat sich auch die ul. Brechta in Warschau bislang dem antikommunistischen Furor der nationalkonservativen Regierung entzogen, die alles, was an Dinge erinnert, an die man sich nicht gerne erinnern möchte, gerade vehement aus der polnischen Geschichte ausradiert: Gab es bis vor kurzem immerhin noch vier ul. Karola Marksa, so ist mittlerweile keine mehr übriggeblieben, und auch Rosa Luxemburg (resp. Róża Luksemburg) hat als Namenspatronin ausgedient. Wie diametral sich hier die nationalen Erinnerungskulturen unterscheiden, zeigt sich daran, dass es in Deutschland 441 Straßen und Plätze gibt, die nach dem bärtigen Herrn aus Trier, und 255, die nach der energischen Revolutionärin aus Zamość benannt sind.

 

Damit liegt sie kurz hinter einer anderen deutsch-polnischen und gewissermaßen internationalistischen Persönlichkeit: Nikolaus Kopernikus taucht auf 263 deutschen Straßennamen auf, aber nicht, weil er als Pole, sondern weil er zur Zeit der Namensgebung als Deutscher oder als großer Astronom gesehen wurde. In Polen gibt es übrigens 652 Kopernikus-Straßen, und zwar nicht, weil er als Deutscher, sondern natürlich, weil er als Pole gesehen wurde. 31 Straßen dürfen sich in Deutschland nach Fryderyk Chopin nennen (und vier weitere nach Frédéric Chopin), und eine nach Karol Szymanowski. In Pforzheim gibt es eine Arthur-Rubinstein-Straße (Pianist) und Erkrath hat der in Krakau geborenen Kosmetik-Pionierin Helena Rubinstein eine Straße gewidmet. Chemnitz rühmt sich der einzigen deutschen Mickiewicz-Straße und in Leipzig gibt es neben einem stolz „Poniatowskiplan“ bezeichneten Fußweg noch eine Jablonowskistraße. Dann haben es noch Curie (Madame oder Monsieur, meistens wahrscheinlich beide) und Janusz Korczak in größerer Zahl in die deutschen Stadtbilder geschafft, während Karol Wojtyła nur einmal in Hennef und Johannes Paul II. einmal in Aachen zugegen ist.

 

Es ist schwer, sich einen Überblick über die Denkmallandschaft zu verschaffen, aber in Polen habe ich neben dem Martin-Luther-Denkmal in Bielitz und der Günter-Grass-Bank in Danzig zumindest im öffentlichen Raum keine größeren Objekte mit explizitem Deutschlandbezug gefunden. Allerdings gibt es am Fassadenschmuck zahlreicher öffentlicher Gebäude im einst deutschen Teilungsgebiet noch Porträts deutscher Persönlichkeiten (Komponisten, Minister usw.), und von den Glasfenstern nicht weniger einst protestantischer Dorfkirchen schauen Luther oder Zwingli auf die katholische Gemeinde herunter. Außerdem erinnern in vielen Städten im Westen des Landes Gedenktafeln oder Gedenksteine an einstige deutsche „große Söhne“ (selten an „große Töchter“) der Stadt. Diese Städte sind überhaupt so etwas wie Denkmäler deutscher Vergangenheit im gegenwärtigen Polen.

 

In Deutschland beziehen sich, wie in Polen, zahlreiche Gedenkorte auf den Zweiten Weltkrieg und erinnern – meist als eine von vielen Opfergruppen – an polnische bzw. häufiger noch an polnisch-jüdische Opfer, während das 1972 im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain fertiggestellte „Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten“ eher die Waffenbrüderschaft in den Mittelpunkt rückte. Gewissermaßen eine Gegenerinnerung bilden die vielen hundert, größtenteils westdeutschen Vertriebenendenkmäler, die teils nur aus den Wappen der einst deutschen Provinzen bestehen, teils aber mit Texttafeln oder Kartenskizzen ganz deutlich aufzeigen, wo sich polnische und deutsche Geschichte schmerzhaft überschnitten. Darüber hinaus besitzt Weimar seit 1956 in einem seiner Parks eine Mickiewicz-Büste, und im Münchener Finanzgarten steht seit 2010 eine Bronze-Statue von Chopin.

 

Wie gesagt – angesichts der engen Nachbarschaft von Deutschen und Polen ist es erstaunlich, wie einseitig auf den Zweiten Weltkrieg bezogen und wie lückenhaft insgesamt die Erinnerungslandschaft beider Länder in Bezug auf den Anderen ist. Überhaupt sind die Erinnerungskulturen, wie sie in Straßennamen oder Denkmälern zum Ausdruck kommen, hochgradig durch den engen Rahmen der Nationalkultur beschrieben; es hat fast den Anschein, als seien wir dabei nicht über das 19. Jahrhundert hinausgekommen. Wäre es nicht an der Zeit, hier einmal ein Zeichen zu setzen, wie damals in den 1960ern, als per Order pro Bundesland drei Autobahnrastplätze nach „ostdeutschen“ Städten benannt wurden? Könnte man nicht drei Straßen pro Stadt oder drei Parkplätze pro Autobahn nach wichtigen polnischen Orten oder Persönlichkeiten benennen (und vice versa in Polen nach Deutschen)? Auch dies wird allerdings nicht ganz unproblematisch sein: Wenn man sich, wie der „Bund der Polen in Magdeburg“, gerade dafür einsetzt, einer neuen Elbbrücke den Namen „Josef-Pilsudski-Brücke“ zu geben (bekanntlich saß Piłsudski im Ersten Weltkrieg in Magdeburg in bequemer Festungshaft), so kommt man um eine Diskussion über Licht- und Schattenseiten nationaler Heldenfiguren nicht herum. Zweifellos eine hervorragende Idee ist indes die Initiative, in Berlin ein zentrales Denkmal für die polnischen Opfer deutscher Gewalt im Zweiten Weltkrieg zu errichten. Kriegserinnerung gibt es doch schon in Hülle und Fülle, könnte man einwenden, aber manchmal braucht es angesichts der Größe (und des Grauens) der verübten Taten zusätzlich zu verstreuten Erinnerungsstätten auch ein großes Symbol. Eine so aus Groß und Klein langsam zusammenwachsende deutsch-polnische Landschaft der Zeichen und Symbole, eingebettet in eine kluge, das enge nationale Korsett sprengende europäische Erinnerungskultur, das wäre eine wirkliche Bereicherung für unseren Kontinent.

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Peter Oliver Loew

Dr. Peter Oliver Loew ist Historiker, Direktor des Deutschen Polen-Instituts.

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