Ukrainer in Polen: Gastarbeiter, Studierende, Unternehmer

Ukrainische Arbeitsmigranten auf dem polnischen Arbeitsmarkt: Glück im Unglück

 

In den letzten Jahren veränderte sich der polnische Arbeitsmarkt sehr dynamisch. Ein Merkmal dieser Transformation ist die Aufnahme Hunderttausender Arbeitnehmer aus dem Ausland, hauptsächlich aus der Ukraine. Polens wachsende Wirtschaft muss sich mit einem Defizit an Arbeitskräften messen, denn ein bedeutender Teil von ihnen ist – die offenen Grenzen und günstige Konjunktur ausnutzend –  im ersten Jahrzehnt der Zweitausenderjahre in den Westen emigriert.

 

Seit 2014 dauert nun der Massenzustrom von Arbeitnehmern von jenseits der Ostgrenze nach Polen an. Obwohl dies von Spannungen begleitet wird, ist die Realität rücksichtslos: um sich zu entwickeln, braucht die Wirtschaft mehr Beschäftigte. Die entstandene Lücke lässt sich nicht mit lokalen Ressourcen auffüllen.

 

Laut dem polnischen Hauptamt für Statistik (GUS) hielten sich 2014 zeitweise über zwei Millionen Polen außerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes auf. Von ihnen waren 80% Langzeitmigranten, die länger als 12 Monate im Ausland waren (Quelle: www.stat.gov.pl). Unterdessen betrug im Januar 2018 die Arbeitslosenquote in Polen 6,9% und balancierte somit an der Grenze ihres historischen Minimums. “Keiner hat heute in Polen den geringsten Zweifel daran, dass wir einen Arbeitnehmermarkt haben”, sagte im Oktober vergangenen Jahres die Ministerin für Familie, Arbeit und Sozialpolitik Elżbieta Rafalska.

 

© Pemo2345, Granica polsko – ukraińska, farblich bearbeitet von DIALOG FORUM, CC BY-SA 3.0

Nach Meinung von Experten wird Polen in den kommenden Jahren noch mehr ukrainische Arbeitsmigranten aufnehmen müssen, und die gewagtesten Prognosen sprechen sogar von vier Millionen. Obwohl sich die meisten von ihnen auf eine kurzfristige Beschäftigung einschränken werden, um die finanzielle Situation ihrer Familien zu verbessern, ist es schwer einzuschätzen, wie viele sich dafür entscheiden werden, zu bleiben, und wie viele sich weiter auf den Weg nach Westen aufmachen werden. Die Zukunft dieser Statistiken hängt im hohen Maße vom Zustand der ukrainischen Wirtschaft und dem Ende des hybriden Krieges mit Russland ab.

 

Schon heute gehört der Anblick ukrainischer Ehepaare, die am Sonntag mit einem Kinderwagen durch den Park einer typischen polnischen Neubausiedlung spazieren gehen, oder an den Wochentagen ihre Kinder in den Kindergarten bringen, zum Alltag. In der Klasse meiner achtjährigen Tochter gibt es zwei ukrainische Kinder, in der Kindergartengruppe der jüngeren auch mehrere – die kleinen Vietnamesen und Weißrussen nicht mitgerechnet. Angeblich ist bereits jeder zehnte Einwohner von Breslau ein Ukrainer und an der Danziger Universität hat man sogar ein kostenloses Studium für Jugendliche aus dem Land am Dnjepr eröffnet. Das zweite Projekt ist ein Beispiel der Solidarität mit Nachbarn in Not. Das Paradoxe der Situation besteht darin, dass die Folgen der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahre 2014 günstige Umstände für die polnische Wirtschaft geschaffen haben, die man als „Glück im Unglück” bezeichnen könnte. Infolge der bedeutenden Abschwächung der Kaufkraft des ukrainischen Hryvnja sind bieten Arbeitsstellen, die aufgrund der geringen Löhne für die meisten Polen nicht attraktiv sind, eine Überlebenschance für viele Ukrainer. Und für die wachsende Wirtschaft an der Weichsel sind diese zu einer unersetzlichen Quelle verhältnismäßig billiger Arbeitskraft geworden.

 

Erfolge der Ukrainer in Polen: von der Wissenschaft bis zur Innovation

 

Entgegen der allgemein herrschenden Überzeugung sind die nach Polen kommenden Migranten aus dem Osten nicht ausschließlich Zeitarbeiter und oder unqualifizierte Kräfte. Ein nicht geringer Teil von ihnen wählt Polen sehr bewusst als ständigen Aufenthaltsort. Sie schicken ihre Kinder in polnische Schulen, investieren in den Sprachunterricht und bauen hier ihre Karrieren auf. Viele gründen ein Unternehmen und sind damit erfolgreich. Manche bleiben nach dem Studium da, weil sie nicht woanders noch einmal von Vorne beginnen wollen. Polen nutzt schon heute ihre Talente und ihr Wissen.

 

Zurzeit studieren in polnischen Städten mehr als 35.000 Ukrainer, von denen die Hälfte parallel zum Studium arbeitet. Sie füllen die Lücke des noch immer andauernden demografischen Tiefs. Meistens zahlen sie für ihr Studium, das sie an privaten Hochschulen absolvieren. Die besonders motivierten unter ihnen erhalten wissenschaftliche Stipendien. Die schwierige Situation in ihrer Heimat bewirkt, dass sie zu weitgehenden Aufopferungen bereit sind. Sie müssen viel nachholen, um ihre polnischen Altersgenossen einzuholen: angefangen mit Polnischunterricht, bis hin zur fehlenden Möglichkeit, bei ihren Eltern zu wohnen. Ins tiefe Wasser geworfen, lernen sie zu überleben und das hilft ihnen, erfolgreich zu werden.

 

Zarema wollte nicht auf der Krim studieren. Sie ist ein weltoffener Mensch, der nicht in engen Kategorien denkt. Sie reist gerne, hat keine Angst vor Herausforderungen. Das russische Diplom von der annektierten Krim war für sie kein Passierschein in die Welt der Möglichkeiten. Sie beschloss, ein Sonderstudienprogramm für englische Philologie für ukrainische Staatsbürger in Danzig zu nutzen. Dort konnte sie zwar umsonst studieren, doch es gab keinen Sondertarif. Es war schwer, insbesondere am Anfang, als Unterschiede im Bildungsniveau zum Vorschein kamen. Doch sie absolvierte ihr Anglistikstudium mit sehr guten Noten und kehrte in die Ukraine zurück. Eine Zeit lang arbeitete sie als Assistentin einer Expertengruppe mit Leszek Balcerowicz und Ivan Mikloš an der Spitze in Kiew, die seit 2016 für die ukrainische Regierung in Sachen Reformen als Berater tätig waren.

 

Die relative kulturelle Nähe und die Ähnlichkeit der Sprachen bewirken, dass sich die Ukrainer in Polen nicht in Ghettos einschließen. Im Gegenteil, sie integrieren sich schnell und gehen in der Menge auf. Aber sie versuchen auch, zusammen zu halten. Diejenigen mit einem Händchen fürs Geschäft schätzen die polnische Bürokratie, die effizienter funktioniert als in der Ukraine. Sie eröffnen Restaurants, Cafés und Imbisse. Wie das in der Złota-Straße in Warschau, das „U sióstr“ („Bei den Schwestern“) heißt. Das Lokal serviert zu sehr günstigen Preisen Gerichte der ukrainischen Küche. Die Ausstattung der beiden Räume knüpft an die ukrainische Folklore an. Die Besitzerinnen sind zwei Schwestern, die beschlossen haben, hier einen Ort für ihre Landsleute zu schaffen. Nach Warschau kommen die beiden Schwester nur ab und zu, sie leben nicht in Polen. Im Alltag kümmern sie sich um ihre Geschäfte u.a. in Kiew. Sie sagen, dass sich die Kneipe als Erfolg erwiesen hat, weil die Kunden die authentische Küche zu schätzen wissen.

 

An der Narbutta-Straße in Warschau wurde vor kurzem ein weiteres Restaurant eröffnet, diesmal mit moderner ukrainischer Küche. Das ist ein Ort für experimentierfreudige Gäste und raffinierten Gerichten. Die gut durchdachte Innenausstattung mit passenden Möbeln verleiht den klassischen Innenräumen des alten Wohnhauses Eleganz, und die servierten Gerichte überraschen mit ihrer Originalität – etwa die schwarzen Piroggen.

Ableger von „Kanapa” gibt es auch in der Ukraine und Spanien. Bei den Gourmet- und Restaurantsforen kann man viele begeisterte Kritiken von Warschauern und Gästen der Hauptstadt über die Qualität der Bedienung und die Vorzüglichkeit der Gerichte lesen.

 

Der Unternehmergeist der in Polen lebenden ukrainischen Bürger hat nicht nur ein kulinarisches Gesicht. Aus der Verbindung von Geschäftstalent und wissenschaftlich-technischer Begabung entstand an der Weichsel ein von drei jungen Ukrainern gegründetes, einträgliches Start-Up-Unternehmen, das sich brisant weiterentwickelt. “CallPage”, denn so heißt die von ihnen entwickelte Dienstleistung, ist ein Instrument, das Firmen erlaubt, schnell Kontakt mit ihren potenziellen Kunden aufzunehmen. Die Chance für einen kommerziellen Erfolg ergab sich im April 2015 nach dem Besuch der Branchenmesse in Kattowitz, bei der einige potenzielle Investoren Interesse an der Idee zeigten. Heute wächst die Firma um 25 Prozent monatlich und plant, innerhalb der nächsten zwei-drei Jahre, ihre Kundendatenbank auf 25.000 Firmen auszubauen.

Im November letzten Jahres fand in Warschau der zweite Kongress der Liga Ukrainischer Studierender statt. Es ist kein Zufall, dass er dem Verein Ukrainischer Unternehmen angegliedert ist, was auf die Zukunftspläne dieses wachsenden Gremiums hinweist. Management und internationale Beziehungen, sowie Natur- und Technikwissenschaften gehören zu den beliebtesten Studiengängen unter ausländischen Studierenden, daher nimmt es kein Wunder, dass viele ukrainische Studenten bereits während ihres Studiums ihre Geschäftsideen austesten wollen.

 

Das Internet und die Social-Media-Portale stellen ein hervorragendes Werkzeug dar, mit dessen Hilfe junge Ukrainer in Polen Geschäftserfolge feiern können. Eine gut bezahlte Büroarbeit zu finden ist für viele von ihnen keine attraktive Lösung. Statt mühevoll Anzeigen zu studieren, Dutzende von Bewerbungen abzuschicken und dann an stressigen Bewerbungsgesprächen teilzunehmen, bei denen sie noch zusätzlich hervorragende Polnischkenntnisse unter Beweis stellen müssen, verwirklichen sie lieber ihre eigenen Ideen. Wie es im Geschäft so ist, reichen manchmal – um seine Träume zu erfüllen – eine gute Idee, die entsprechende Nische und viel Leidenschaft.

So war es im Fall der beiden Absolventinnen der Studienrichtung Internationale Beziehungen, Krystsina i Daria aus Belarus und der Ukraine, die ein Rezept für gesunde Süßigkeiten erarbeitet haben und ihre veganen Pralinen in Warschau zu verkaufen begannen. „Zu 100% aus den besten natürlichen Bestandteilen gefertigt, mit “Super-food” gefüllt, glutenfrei, laktosefrei, also Schuldgefühlfrei” – so bewerben sie ihr Produkt auf ihrer Website “Oh My Goji”.  “Menschen, die diese Süßigkeiten probieren, staunen, dass sie so gut schmecken, und doch vegan sind” – lacht Krystsina in einem Interview für das Portal warszawa.naszemiasto.pl. Das Geschäft blüht und es würde mich nicht wundern, wenn die jungen Unternehmerinnen in Kürze aufgrund der Entwicklung ihrer Firma nach neuen Mitarbeitern suchen müssen.

 

Fazit

 

Der Zustrom von Hunderttausenden oder gar Millionen ukrainischer Bürger in den letzten Jahren birgt nicht nur Herausforderungen, sondern auch enorme Chancen für Polen. Mögliche Schwierigkeiten hängen vor allem mit den Spannungen zusammen, die aus dem Unvorbereitetsein eines Teils der Bevölkerung auf das schnelle Tempo der stattfindenden Veränderungen folgen. Die Nachbarschaft einer bisher nicht alltäglichen Menge von Ukrainern und die immer größer werdende Präsenz der ukrainischen Sprache und Kultur im öffentlichen Raum werden Unruhe sowie Angst um Arbeitsplätze und Lebensstabilität bei vielen Polen hervorrufen.

 

Jedoch darf man auch die Möglichkeiten, die diese Migration mit sich bringt, nicht unterschätzen. Das Ausmaß positiver Veränderungen, die Polen in Zukunft erwarten, könnte die potenziellen und realen Gefahren übersteigen. Die wenigen oben beschriebenen Beispiele stellen nur einen Bruchteil der wachsenden Zahl von Unternehmen da, die von ukrainischen Staatsbürgern in Polen gegründet werden. Immer mehr Gäste von jenseits der Ostgrenze werden hier ihre Firmen eröffnen, also auch Arbeitnehmer einstellen und Steuern bezahlen. Es lohnt sich, sie dazu anzuspornen.

 

Letztendlich hängt viel von einer klugen Migrationspolitik der Regierung in Warschau ab und der Schaffung, zum Beispiel nach dem Vorbild des amerikanischen oder australischen Modells, günstiger Bedingungen für die Ansiedlung, berufliche Entwicklung und kulturelle Integration der Migranten aus der Ukraine. Leider läuft es damit bisher nicht besonders gut.

 

Die für das Portal “Ukraińska Prawda” schreibende Journalistin Olena Babakowa beurteilt die Arbeiten des entsprechenden Ministeriums an den Vorschriften zur Migrationspolitik skeptisch. Sie behauptet, dass die neuen Regulierungen nicht an die Realität des Arbeitsmarktes angepasst seien. Es bleibt nur darauf zu vertrauen, dass die kollektive Stimme der polnischen Unternehmer, die Erleichterungen bei der Beschäftigung von Ausländern fordern, von der polnischen Regierung wahrgenommen wird. Schließlich sind doch beide Seiten daran interessiert, das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung Polens beizubehalten.

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Nedim Useinov

Nedim Useinov ist Mitglied des Koordinationsrates des Weltkongresses der Krimtataren in Polen. Er studierte Politologie an der Universität Danzig. Seit 2003 arbeitet er im Nichtregierungssektor in Polen und der Ukraine.

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