Liebe ist immer nur ein Versuch

Bei dem diesjährigen filmPOLSKA Festival in Berlin wurde der Film „Wild roses“ gezeigt, der das Leben der Mutter und Ehefrau Ewa in der polnischen Provinz porträtiert. Regisseurin Anna Jadowska und Kamerafrau Małgorzata Szyłak waren anwesend und sprachen nach der Vorführung über ihren Film.

 

Auf dem obligatorischen Familienfoto kennt jeder seinen Platz. Die Mundwinkel werden im richtigen Moment zu einem Lächeln hochgezogen, doch so flüchtig, wie es erschien, verschwindet es auch wieder und die zerrüttete Familie kehrt zurück in ihr zwischenmenschliches Chaos.

In Wilde Rosen (Dzikie róże) zeichnet die Regisseurin Anna Jadowska das Bild einer Familie, die durch kaum mehr zusammengehalten wird als die Rollenmuster, die jedes Familienmitglied erfüllt. Ewa lebt mit ihrer Mutter und zwei Kindern die meiste Zeit allein in einem polnischen Dorf. Ihr Mann Andrzej arbeitet im Ausland und kommt nach langer Abwesenheit nur für ein paar Tage zu seiner Familie, finanziert ansonsten ihr aller Leben. Er ahnt nichts von den Gerüchten, dass seine Frau eine Liebschaft mit einem 16-jährigen gehabt haben soll, von dem sie schwanger geworden sei.

© Alter ego pictures

Ewa steht im Zentrum des familiären Konfliktes, den sie selbst verursacht hat. Das scheint jedenfalls die vorrangige Meinung aller anderen Charaktere zu sein. Jeder begegnet ihr mit Vorwürfen, Erwartungen, Bedürfnissen. Ihre Verzweiflung steigert sich ins Unerträgliche. Die Schauspielerin Marta Nieradkiewicz scheint mit ihrer Rolle eins geworden zu sein. Ihre Verzweiflung findet in Worten kaum Ausdruck, sie zeichnet sich eher in ihrem Gesicht ab.

„Es ist ein Film über unperfekte Liebe“, sagt Anna Jadowska im Gespräch nach der Vorstellung. So sehr wir auch ein bestimmtes Ideal in unseren Beziehungen und im Leben anstreben, bleibt Liebe immer nur ein Versuch. Das Scheitern an ihr gehört dazu und darf, ja muss sogar gezeigt werden. Auch wenn sie nicht möchte, dass ihr Film als ein feministischer gesehen wird, problematisiert sie mit ihm doch die Überforderung, die aus all den gesellschaftlichen Erwartungen und Strukturen entstehen können – aus einer weiblichen Perspektive.

Statt Erklärungen liefern zu wollen, nimmt der Film Ewas Charakter und ihr Umfeld unter die Lupe. Die präzise bildliche Atmosphäre ist der Kameraarbeit von Małgorzata Szyłak zu verdanken. Ab der ersten Minute drängt aus jeder Einstellung die trostlose Durchschnittlichkeit von Ewas Leben hervor: das appetitlose, schweigsame Mittagessen mit den Kindern und ihrer Mutter, das alleinstehende Haus im Rohbau inmitten von Feldern, die zur Pflicht verkommenen, sonntäglichen Kirchgänge mit ausdruckslosen Gesichtern. Mehr scheint das Leben nicht herzugeben. Nur in den Naturaufnahmen gibt es Platz für größere Emotionen. Die Kamera verbleibt oft lange, mit wenigen Schnitten in einzelnen Szenen und beobachtet kommentarlos. Szyłak hat bisher vor allem Dokumentarfilme gedreht, was auch an diesen Aufnahmen zu merken ist. Sie wirken so real und nah, dass viel Platz für Wiederkennung und Identifikation entsteht.

Anna Jadowska (li.) und Małgorzata Szyłak (re.) beim 13. filmPOLSKA Festival © filmPOLSKA/Katarzyna Mazur

Im Publikumsgespräch nach der Vorführung betonen Regisseurin und Kamerafrau immer wieder, dass die Zusammenarbeit sehr symbiotisch war – nicht nur zwischen ihnen, sondern auch mit der Hauptdarstellerin Marta Nieradkiewicz. Leise und unaufdringlich stehen sie ein für Kino, das behutsam das Leben beobachtet. Vor allem Szyłak schwärmt von der Arbeitsweise, in der sie genügend Freiraum verspürte, sodass in dem gemeinschaftlichen Prozess Ungeplantes entstehen konnte. Sie spricht von Magie, die in diesem Film real geworden ist.

Die einzige kritische Nachfrage kommt von einem Mann aus dem Publikum, der fragt, warum der Ehemann Andrzej, der hier zwar ebenfalls hilflos und als Opfer dargestellt wurde, so viel weniger Tiefe bekommen hat als die Frau – ob das der Realität polnischer Männer entspräche? Allerdings werden innerhalb der Familie alle Beteiligten – auch die beiden Kinder – als Opfer der Situation dargestellt. Genauso wie aber auch Andrzej unter den Ansprüchen leidet, die er an sich selbst stellt, kennt er auch keinen Weg aus seiner Situation.

Anna Jadowska allerdings wollte nicht jede Ebene des Konflikts darstellen. Sie hat sich auf eine weibliche Perspektive konzentriert. Von dieser Perspektive gibt es gerade auch im polnischen Kino noch zu wenige. Bei dem Filmfestival in Cottbus gewann sie dafür zuletzt den Hauptpreis für den besten Film.

Mit „Wild roses“ hat Jadowska das Porträt einer Frau gezeichnet, die der biblischen Tradition nach den Namen der ersten Frau trägt. Ob dieser Name nun auf eine stereotype Rolle der Frau in der (polnischen) Gesellschaft schließen lässt, kann nur Spekulation bleiben. Das Scheitern dieser Ewa und ihrer Familie ist sehenswert, es ist universell und doch höchst persönlich. Ihren schmerzlichen Wendepunkt nimmt die Entwicklung im Feld der wilden Rosen, der Ewa aber auch zu dem Schritt verhilft, ihrem Leben eine unerwartete Richtung zu geben. Endlich erfüllt sie nicht mehr die vorgefassten Erwartungen. Endlich kommt sie in ihrem Leben an, steht dafür ein. Endlich bricht ein befreites Lachen aus ihr hervor.

 

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Ricarda Fait

Ricarda Fait ist Slawistin, Übersetzerin und Redakteurin bei DIALOG FORUM.

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