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„Eine Frau ist keine Matratze.“ Bericht vom filmPOLSKA Festival

Die dreizehnte Auflage des Festivals filmPOLSKA in Berlin war keineswegs von Pech verfolgt. Ganz im Gegenteil. Ein starkes Programm aus neuen, guten und couragierten, oft experimentellen Filmen stellte unter Beweis, dass das einwöchige Festival immer noch der Höhepunkt im Jahreskalender des Polnischen Instituts Berlin ist. Jenseits von internen Reibereien, politischen Auseinandersetzungen oder den neusten Personalwechseln in der Institutsleitung ist es gelungen, dem deutschen Publikum ein ehrgeiziges polnisches Kino zu zeigen, das oft die Fragen angeht, von denen die Politik in Polen nichts wissen will.

 

Das führten die Filme vom 25. April bis zum 2. Mai im Wettbewerbsprogramm vor Augen ebenso wie der Eröffnungsfilm „Książę i dybuk“ („Der Prinz und der Dybbuk“). Die Dokumentation setzt sich mit der Person Michał Waszyński auseinander, einem Filmproduzenten und Regisseur jüdischer Herkunft, der beim Versuch, seinen Wurzeln und seiner Kultur zu entkommen, sich ihnen erst recht auslieferte. Bis an sein Lebensende kam er mit seiner Vergangenheit nicht ins Reine. Er nannte sich selbst einen Prinzen, nahm die polnische Staatsangehörigkeit an und konvertierte zum katholischen Glauben. Und doch war das schillernde Leben Waszyńskis, der Freundschaften etwa mit Sophia Loren und Orson Welles pflegte, eine einzige große Lüge. Auszüge aus seinem Tagebuch offenbaren Leid, Trauer und den metaphorischen  Dybbuk, den ruhelosen Geist eines Verstorbenen aus dem jüdischen Volksglauben, der den Filmemacher bis an sein Lebensende verfolgte.

 

Im Kino Babylon in Berlin-Mitte wurde das 13. filmPOLSKA Festival am 25. April eröffnet © filmPOLSKA/Katarzyna Mazur

 

Ganz kam das Festival nicht ohne Patriotismus und polnischen Unabhängigkeitsdrang aus, doch es verzichtete auf allzu viel Pathos. Anlässlich der Einhundertjahrfeiern zur Wiedergewinnung der Unabhängigkeit wurden Klassiker des polnischen Kinos gezeigt, darunter viele Erstaufführungen bei filmPOLSKA, zum Beispiel: „Człowiek z marmuru“ („Der Mensch aus Marmor“), „Pianista“ („Der Pianist“), „Popiół i diament“ („Asche und Diamant“), „Ziemia obiecana“ („Das gelobte Land“). Historisch viel interessanter war jedoch eine Retrospektive von Werken aus der Stummfilmzeit, zum Beispiel „Ludzie bez jutra“ („Menschen ohne Morgen“) von 1919, „Janko Muzykant“ („Janko der Musikant“) von 1930 oder „Pan Tadeusz“ von 1928, musikalisch live begleitet von polnischen Künstlern.

 

In diesem Jahr befanden sich sieben Filme im Wettbewerbsprogramm, die fast durchweg im vorigen Jahr produziert wurden. Darunter waren Experimentalfilme wie der preisgekrönte Trickfilm „Twój Vincent“ („Loving Vincent“) über Vincent van Gogh, oder auch der aus Amateuraufnahmen montierte Streifen „Turyści“ („Tourists“) über den Massentourismus, der unter anderem im Club der Polnischen Versager gezeigt wurde. Dieser ist bereits seit vielen Jahren eine der Aufführungsstätten des Festivals und ein beliebter Publikumstreffpunkt. Adam Gusowski, einer der Clubgründer, machte keinen Hehl aus seiner Begeisterung für den Film von Mateusz Romaszkan und Marta Wójtowicz-Wcisło: „Das ist ein Film über uns alle, ein Film über das System der Differenzen, über die Lust an der Begegnung. Diese Begegnung findet allerdings niemals statt, denn so haben wir uns die Welt nun einmal eingerichtet,“ sagte Gusowski. Ebenso experimentell ist der Film des Videokünstlers Norman Leto „Photon“, der von wissenschaftlichen Theorien handelt und zum Beispiel zeigt, wie Materie entsteht. Zum Verständnis der komplizierten Thematik halfen der Begleittext, gesprochen von dem bekannten polnischen Schauspieler Andrzej Chyra, wie auch die originellen Aufnahmen und Schaubilder.

 

Bei den Autorenfilmern ist der neuste Film von Bodo Kox „Człowiek z magicznym pudełkiem“ („The Man with the Magic Box“) besonders interessant, der in die Rubrik Science Fiction fällt. Die Geschichte eines Mannes (großartig in dieser Rolle Piotr Polak), der aus der Vergangenheit in das Warschau des Jahres 2030 gelangt, ist komplex, anspielungsreich und voller interessanter Effekte (Kostümbild Katarzyna Adamczyk). Die apokalyptische Vision einer gar nicht so fernen polnischen Zukunft wird mit einer simplen Geschichte von romantischer Liebe kombiniert und ist mit einer Prise absurden Humors gewürzt; so entsteht ein ungewöhnlicher Plot, der lange im Gedächtnis haften bleibt.

 

Ähnlich der Film „Cicha noc“ („Stille Nacht“) in der Regie von Piotr Domalewski, der vielleicht ohne Romantik auskommt, dafür aber die Sehnsucht nach Liebe, Akzeptanz und Geborgenheit in der Familie präsentiert. Domalewskis Film ist vor allem ein ungeschminktes Bild der polnischen Familie auf dem Lande, einer armen, verkommenen, kinderreichen, frommen und alkoholseligen Familie, deren Mitglieder des besseren Verdienstes halber auswandern. Der Film rankt sich um das Sujet des Fremden, eines Emigranten, der seine ganze Familie zurücklässt. Als er schließlich nach Hause zurückkehrt, fühlt er sich genauso fremd wie im Ausland. Ein anderer starker Beitrag war der Film „Plac zabaw“ („Playground“) von Bartosz M. Kowalski über das brutale Milieu Heranwachsender, die in ihrem Umfeld unter den Erwachsenen keine Autorität finden.

 

Die Festivaljury ließ sich jedoch am stärksten von Jagoda Szelc’ Film „Wieża. Jasny dzień“ („Tower. A bright day“) ansprechen. Dies ist ein düsterer, irritierender Film voller Rätsel und Anspielungen, ein für viele Deutungen offener psychologischer Thriller. Die Geschichte von Kaja (Małgorzata Szczerbowska), die zur Erstkommunion ihrer bei ihrer Schwester Mula (Anna Krotoska) aufwachsenden Tochter kommt, ist eine Geschichte über Frauen. Kaja und Mula sind gegensätzliche Persönlichkeiten, die sich ergänzen, doch ihre Begegnung lässt ein toxisches Gefühlsgemisch entstehen. Mula ist ein Kontrollfreak und will ein normales Leben führen. Kaja ist ein einziges großes Rätsel, eine durchgeistigte weise Frau, niemand versteht sie, obwohl sie doch nett anzuschauen ist und stets lächelt. Die Regisseurin mischt Genres, experimentiert, wiederholt Szenen, arbeitet mit wenig bekannten, aber ausgezeichneten Schauspielern. Auf die Frage, worauf weibliches Kino beruht, antwortet die mit diesem Film debütierende Jagoda Szelc (Jahrgang 1984): „Darauf, dass Frauen keine Matratzen für die Hauptfiguren sind. Das ist das größte Problem vieler Filme. Sie führen Frauen ein, nur damit sich der Held auf sie legen oder ihnen irgendeine Information mitteilen  kann. Dann blicken die weiblichen Figuren erschrocken oder sie weinen.“

 

Das Berliner Festival hat gezeigt, dass Frauen als Matratzen im Film der Vergangenheit angehören. Die Frauen emanzipieren sich nicht nur als Filmheldinnen, sondern vor allem als Regisseurinnen. Polnische Filmemacherinnen, deren Werke in Deutschland zu sehen sind, das sind nicht mehr nur Agnieszka Holland oder Małgorzata Szumowska, dazu gehören auch Anna Jadowska, Jagoda Szelc, Agnieszka Elbanowska, Urszula Antoniak, Joanna Kos-Krauze, Dorota Kobiela und viele andere. Es gab eine Publikumsbegegnung mit der Kamerafrau Małgorzata Szyłak, deren Filme „Komunia“ („Die Kommunion“) und „Dzikie róże“ („Wilde Rosen“) gezeigt wurden. Eine Vorführung war von Frauen produzierten Animationsfilmen gewidmet. Außerdem gab es einen Dokumentarfilm zu Frauen in der „Solidarność“ zu sehen („Solidarność według kobiet“, „Die Frauen der Solidarność“). Das Festival des polnischen Kinos war in diesem Jahr durchweg weiblich geprägt.

 

Zum Festivalprogramm gehörten auch Workshops für junge Filmkritiker; dabei ging es um Theorie, Filmgeschichte oder auch journalistische Arbeit für das Radio. Die Teilnehmer schauten sich gemeinsam Filme an, schrieben Kritiken dazu und besprachen sie. Gefragt nach ihrem Eindruck vom polnischen Kino anhand der Festivalbeiträge, meinte die Workshopteilnehmerin Elisabeth Müller: „Mir erscheint das polnische Kino vor allem sehr mutig, weil es sich traut, gesellschaftliche Probleme anzusprechen, sei es dokumentarisch oder in Form von Spielfilmen. Oft werden dabei aber die gleichen Themen angesprochen, wie beispielsweise Kommunion, Kirche und Rassismus. Dadurch erhalten die Filme aber eine besondere Authentizität.“ Festivalkurator Kornel Miglus sieht die Stärke des polnischen Kinos in den jungen Filmemachern. In einem Intervies mit dem Deutschlandfunk sagte er: „Die jungen Menschen sehen mehr als die Altmeister. Oder die Altmeister sind schon im System. Die Jungen sind keck, frisch und angstfrei.“

 

Welche Themen und Probleme beschäftigen heute das polnische Kino, wie es sich in Berlin präsentierte? Die Festivalbeiträge lassen einige Schlüsse zu. Ein Thema ist das Porträt der polnischen kleinstädtischen und dörflichen Gesellschaft („Twarz“ – „Mug“, „Cicha noc“, „Wieża. Jasny dzień“); in ihnen stehen Familie, gesellschaftliche Akzeptanz und Tradition im Mittelpunkt. Letztere ist eine besondere Domäne der katholischen Kirche, mittels derer sie die Familie eisern zusammenhält, selbst wenn darin toxische Beziehungen, Gewalt und Traumata herrschen und die Kirche mit den emotionalen Bedürfnissen des Menschen im 21. Jahrhundert so nicht schritthält. Dieses negative Image von Kirche und Klerus ist verwoben mit der dörflichen Tradition, die uns manchmal wiederum fehlt: Wir vermissen die heilige Kommunion, die eine geistliche Initiation vorstellt („Wieża. Jasny dzień“) oder auch die traditionelle Weihnachtsfeier („Cicha noc“), bei der die ganze Familie zusammenkommen soll.

 

Auch die Landschaft spielt im polnischen Kino eine Rolle. Das in fast jeder Fernsehserie gezeigte Warschau als wichtigste und schönste Metropole Polens, in der alle Hauptfiguren leben, interessiert die Filmschaffenden nicht so sehr wie die Naturlandschaften, die malerischen Berge oder Seen („Twarz“, „Wieża. Jasny dzień“, „Dzikie róże“). Im Gegensatz dazu ist Warschau bei ihnen eine Hölle der großen Unternehmen, in der es kein wirkliches Leben gibt („Człowiek z magicznym pudełkiem“). Dann gibt es noch das Motiv des Flüchtlings. In „Ptaki śpiewają w Kigali“ („Die singenden Vögel von Kigali“) hilft die Heldin einer jungen Frau, aus Ruanda zu entkommen, obwohl ihr klar ist, dass sie sich in Polen niemals einleben wird. In den Bergwäldern von „Wieża. Jasny dzień“ verbergen sich Flüchtlinge, die große Entfernungen zu Fuß zurücklegen. Auch die Erwerbsemigration ist in diesem Jahr ein wichtiges Thema. Die Figuren aus den Filmen „Pomiędzy słowami“ („Zwischen den Worten“) und „Cicha noc“ haben eine Chance auf ein besseres Leben außerhalb von Polen, aber sie zahlen dafür mit Einsamkeit und Entfremdung. Der polnische Film geht zwar schwierige Themen an und spart auch nicht an schonungslosen Bildern, doch schöpft er auch mit vollen Händen aus absurdem, schwarzen Humor („Twarz“, „Cicha noc“), der für das Publikum im Ausland vielleicht nicht immer verständlich ist. Seine Stärke ist die Distanz, die er wahrt, wenn er eine deprimierende, tragische und traurige Geschichte zu erzählen hat.

 

Wer beruflich mit dem Festival zu tun hatte, konnte sich höchstens über Organisationsprobleme beschweren. Das gedruckte Programm erschien mit Verspätung, die Kinos hatten nicht mehr ausreichend Zeit, Werbung zu machen, deshalb war die journalistische Präsenz bescheiden, und nur wenige Cineasten fanden den Weg in die kleinen Kinosäle. Doch was Programm und die Abwesenheit jeder Belastung durch das politische Klima des „guten Wechsels“ angeht, war das Festival in diesem Jahr ein voller Erfolg. Es gab keine Zensur, und es wurden Filme von Filmemachern gezeigt, die nicht unbedingt Anhänger der aktuellen polnischen Regierungslinie sind; beides gestattete dem Publikum und den professionellen Kinogängern, erleichtert aufzuatmen und sich an gutem Kino zu erfreuen.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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