Houellebecq und der Geist des Irrationalen

Anlässlich der Verleihung des Oswald-Spengler-Preises hielt Michel Houellebecq am 19. Oktober 2018 in Brüssel eine beeindruckende Rede. Der Preis wurde von der internationalen Oswald Spengler Society vergeben, die ihren Auftrag darin sieht, das Œuvre des deutschen Philosophen, der den „Untergang der Abendlandes“ voraussagte, zu erforschen und zu popularisieren. In der Rede des französischen Intellektuellen lassen sich Umrisse einer Gedankenwelt erkennen, die viel über die geistigen und emotionalen Schranken aufklärt, die Houellebecq umkreist. Anfänglich befragt er sich selbst nach dem Einfluss, den Spengler auf ihn ausgeübt hat, doch fast in gleichem Atemzug räumt Houellebecq Zweifel ein, die beinahe jeden ehrbaren Preisträger bei solch geweihräucherten Anlässen umtreiben: „Verdiene ich den Spengler-Preis überhaupt?“ Mit dieser Frage scheint er die Emotionen derjenigen aufs Korn zu nehmen, die an Schriftsteller mit Erwartungen herantreten, die diese vielleicht nicht erfüllen wollen oder schlicht überfordern.

 

Frappierend ist, wie distanziert Houellebecqs Auftritt daherkommt. Dabei verweist der Autor des Romans Serotonin auf Werke, die ihn inspiriert haben (Flaubert, Baudelaire, die Philosophen Schopenhauer und Comte – aber so, wie er die Bedeutung des Letzteren begründet, wirkt es etwas verstimmend). Wir erwarten, dass der Romancier in seiner schneidig-forschen, narzisstischen Art seine Schläge nach rechts und links verteilt; doch stattdessen unterstreicht er die grundlegenden Differenzen, die verschiedene Gattungen künstlerischen Ausdrucks voneinander trennen – vor allem die Unterschiede zwischen Roman und Essay. Natürlich führt er in aller Klarheit aus, ähnlich wie Flaubert, Baudelaire oder Dostojewski ein wertvolles Zeugnis seiner Zeit ablegen zu wollen. Da man aber darüber erst in hundert Jahren urteilen werde, müsse man davon ausgehen, dass der „Niedergang”, der „Untergang”, die „Krise” nicht generell als eine Haltung zur Verdammnis der Menschheit aufzufassen sei, zumindest nicht in der Perspektive unseres Daseins. Dies ist eine Botschaft, die alle Anhänger des Katastrophismus freuen dürfte.

 

Was bleibt nun übrig von diesem Propheten? Houellebecqs Leser, so meine Lesart, sind gut beraten, die Hinweise des Schriftstellers ernst zu nehmen, der an vielen Stellen – und nicht zuletzt in seiner Brüsseler Rede – klarstellt, dass der Roman für ihn weit wichtiger sei als das Prophetentum an sich. Er selbst betont: „Was also die Frage nach dem Einfluss betrifft, so habe ich sie bereits teilweise beantwortet, und ich habe auf jenen Teil der Frage geantwortet, der mir am Wesentlichsten erscheint, da die Personen eines Romans und sein Stil in meinen Augen viel wichtiger sind als die Ideen, die er enthält” (Schriftenreihe der Oswald Spengler Society for The Study of Humanity and World History, Band 2, S. 131).

 

Die Vereinsamung des modernen Menschen in einer vergnügungssüchtigen Welt, ja die Abstumpfung durch eine Welt, in der das Zwischenmenschliche auf eine konfuse Ichbesessenheit reduziert wird, beinhaltet Houellebecqs 1994 erschienener Debütroman Ausweitung der Kampfzone. Es ist erhellend, dem Grundton dieses Romans genauer nachzugehen. Der Romanheld, ein Informatiker und Houellebecqs Alter Ego als Ich-Erzähler, ist erschöpft und ausgebrannt. Lebensüberdrüssig mogelt er sich durch die Krisen seines Lebens. Als Mitarbeiter eines Unternehmens verkauft er „Unternehmenskultur“ für die Agrarwirtschaft. Dieses autobiographische Detail – der Schriftsteller ist studierter Agrartechniker – spielt im Hintergrund gleich mehrerer Romane Houellebecqs eine Rolle, nicht zuletzt auch in Serotonin.

 

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Der jüngste Roman setzt ähnlich an wie der Debütroman: Der Protagonist Florent-Claude Labrouste beschließt einfach, sein bisheriges Leben aufzugeben – und genauer gesagt: alles Leben fallen zu lassen, wenn wir darunter soziale Bindungen und Pflichten verstehen. Der depressive Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums mit einem ansehnlichen Geldbatzen – 700.000 Euro in bar aus der Erbschaft seiner Eltern in der Hinterhand – gibt eine elegante Wohnung in Paris auf und zieht in ein Hotel, das überhaupt noch Raucherzimmer besitzt.

 

Für seine Depression, die ein Arzt als „Traurigkeit“ diagnostiziert, gibt es keinen besonderen Grund. Man könnte sagen, seinen lebensmüden Gemütszustand hat er von anderen Protagonisten aus Houellebecqs Vorgänger-Romanen, aber auch von vielen Hauptfiguren großer europäischer Romane des 20. Jahrhunderts geerbt, die vor dem geistigen Auge der Leser die Schattenseite des Lebens betreten – vom Leben so gebeutelt wie traurige Ausgeburten melancholischen Seelenzustands. Dieser Geisteszustand ist freilich eine Reaktion auf den gegenwärtigen Zustand der Zivilisation. Nicht umsonst sind Depressionen und deren Überwindungstherapien ein attraktives literarisches Thema – viele Menschen scheinen sich mit Patienten zu identifizieren, die von ihren Psychiatern Wunder wirkende Tabletten erschwindeln.

 

Florent-Claude will sich keiner Therapie unterziehen, er dröhnt sich mit einem Antidepressivum namens Captorix zu, raucht Zigaretten, trinkt Kaffee, stopft Sushi und Hummus in sich hinein – und das war’s auch schon. Wollte man in seinem Verhalten nach Krankheitssymptomen suchen, so erscheint seine Flucht vor Freunden, vor der Arbeit und vor seiner Geliebten als völlig nachvollziehbar, was dennoch Misstrauen sät. Ja, er ist eher ein Junkie als ein Mann am Rande eines Nervenzusammenbruchs, schließlich organisiert er seinen Alltag so, dass Arztpraxis und Apotheke in Reichweite bleiben.

 

Doch die Tablette, was eigentlich vorauszusehen war, lässt den Protagonisten im Stich. Hinzu kommt, dass das Medikament Nebenwirkungen befeuert – es lässt die Libido schwinden und führt zu Impotenz. Florent-Claude nimmt es in Kauf und entsagt jeder sexuellen Lust, die ihn nach all den zügellos verlebten Jahren und den vielen gescheiterten Beziehungen schlicht anwidert. Er verlässt seine letzte Geliebte, eine Japanerin aus gutem Haus, die in Paris in einer sozial engagierten Galerie arbeitet und deren Agenda der Ich-Erzähler mit sarkastischen Kommentaren in Grund und Boden verreißt, ähnlich übrigens wie den Nationalcharakter der Niederländer oder der Deutschen. Genauso nimmt er auch die Ernährungsgewohnheiten und die ökologischen Modeerscheinungen der Franzosen aufs Korn sowie allesamt linke und emanzipatorische Zukunftsentwürfe auseinander, für die sich westliche Gesellschaften einsetzen, vor allem wenn sie Teil der Europäischen Union sind.

 

Die deutlich jüngere Freundin Yuzu tritt als ein stummes, vom Konsum zerfrästes Modepüppchen auf, wie eine vollkommen gleichgültige Touristin, die während ihres Aufenthalts in Frankreich den unabwendbaren Augenblick einer arrangierten Eheschließung in ihrem Heimatland auf die lange Bank schiebt. Sie beschäftigt sich mit allem, was heutzutage als prestigeträchtig gilt. Sie umsorgt sich selbst auf eine geradezu pathologisch anmutende Weise, lebt Offenheit und Multikulti vor. Wir vermuten, dass sie für so gut wie nichts steht, außer ihren Körper zu pflegen, Coolness vorzutäuschen und natürlich ein tolles Sexleben zu haben.

 

Eine Vorstellung davon, was für Yuzu Sex bedeutet, liefert der Erzähler, der uns eine Videoaufnahme von ihren Sexorgien verfolgen lässt. Die detailreichen Beschreibungen dessen, was dem Protagonisten zu der Entscheidung verhilft, ohne weitere Erklärungen aus Yuzus Leben zu verschwinden, sind ausgesprochen pornografisch gefärbt. Wie immer beschreibt Houellebecq versiert, in naturalistischer und technischer Manier und auf aufregende Art und Weise alles, was einen mit Ekel überhäufen soll, aber zunächst einmal nur pure Erregung erzeugt. In Serotonin verfolgt er eine ähnliche Strategie, indem er einen Pädophilen und ein Mädchen, das diesen besucht, auf den Plan ruft. Es ist schwer zu übersehen, dass Yuzu in den Akten völlig unzensiert erotische Fantasien von Männern verkörpert. Gleichzeitig geraten diese Akte zu einer Parodie auf all die Träume von einer emanzipierten, aber willigen Asiatin.

 

Für Labrouste bedeutet der Moment, in dem er seine Geliebte – nicht ohne einen Hauch von Selbstzufriedenheit – in einem vornehmen Apartment zurücklässt (aus dem sie bald ausziehen muss, sobald das Geld für die Miete nicht fließt), einen melancholischen Rückzug in die ausgelassene Möglichkeit des Glücks. Labrouste liegt in verrauchten Hotelzimmern rum, weint nun seiner alten Liebe Camille nach, die er aus einem nicht mehr nachvollziehbaren Grund verraten hat, und beschließt am Ende, sie zu besuchen. Man könnte meinen, Houellebecq konfrontiert bloße Körperlichkeit mit Liebe, sexuelle Freiheit mit Beziehung und kommt zu dem Schluss, dass eine Partnerschaft, die auf Vertrauen und Treue aufbaut, das höchste Ziel des Menschen sei. Natürlich ist eine solche Beziehung so gut wie unmöglich, auch wenn der Protagonist sie in seiner Kindheit erfahren durfte – so liebten einander seine Eltern. Doch rings herum fehlt es an Menschen, die in guten Beziehungen leben. Permissivität, sexuelle Revolution, Tourismus und der Markt für käuflichen Sex täuschen Freiheit lediglich vor, aber sie sind es, die die Liebe restlos zerklüftet und zersetzt haben. Nun, dafür sind wir alle verantwortlich, aber Frauen – hier bleibt der Schriftsteller bei seiner Meinung – wären es gleich im doppelten Sinne, weil sie ihre wichtigste Mission aufgegeben hätten – Mütter zu sein. Ja, es gibt sie noch vereinzelt – fürsorgliche Frauen, die bereit sind, für andere Opfer zu bringen. Doch gelingt es Yuzu immer wieder mit Erfolg, Männer von Camille wegzulocken. So in etwa ließe sich die houellebecqsche Lesart auf den Punkt bringen.

 

Führt man sich nun eines der Interviews mit dem französischen Romancier und seine anderen Aussagen über Sex und Liebe vor Augen, wäre möglicherweise der Schluss naheliegend, dass jeglichen partnerschaftlichen Beziehungen vor allem ein ausgesprochen evolutionärer Sinn abzugewinnen sei. Wenn Paare keine Nachkommenschaft haben, also kinderlos bleiben, werde ihr genetischer Wert, so Houellebecq, gleich null sein. Die Fixierung der Frauen auf Kinder, so sehr sie auch notwendig ist, bedeutet für deren Partner das Ende ihrer Fortpflanzung. Der Eifersucht um ein Kind, die in Serotonin mit dem geplanten Mord an Camilles Sohn zum Ausdruck gebracht wird, liegen natürlich psychoanalytische Ursachen zugrunde, doch man ist gut beraten, ihre Wirkung im evolutionären Kontext zu deuten. Labrouste „begnadigt“ das Kind und macht sich einfach davon, denn das ist alles, was er für den Genpool tun kann. Dieser treibt Menschen wie Tiere gleichermaßen an. In dieser Hinsicht spielt das Leiden eines Einzelnen absolut keine Rolle.

 

Es scheint, dass der Rückgriff auf evolutionäre Begründungen ein gemäßigt positives Programm ist (und nicht nur eine derzeit recht häufig anzutreffende Modeerscheinung, die sich etwa darin zeigt, Bücher von Yuval Noah Harari zu lesen), und zwar in einer Situation, wo die reiche französische Tradition ebenso wie der globale Kapitalismus von Krisen erschüttert werden. Übrigens ist beides längst schon gescheitert. Wenn nun Houellebecq die Rolle eines Propheten zugeschrieben wird, ist dies mit hoher Wahrscheinlichkeit einem ähnlich evolutionär gearteten Reflex zuzuschreiben, der ganz danach ausgerichtet ist, die Weltdeuter mit einem hoheitlichen Nimbus zu versehen. Darüber schreibt Denis Dutton in seinem Werk Der Kunst-Instinkt: Schönheit, Vergnügen, und die menschliche Evolution (Oxford University Press USA, 2009). Das Bedürfnis danach, in einer Beziehung zu leben, Geschichten zu erzählen und diesen selbst zu lauschen, habe unseren Vorfahren dabei geholfen, sich in der Welt zurechtzufinden, vor allem aber habe es einer natürlichen Selektion gedient. Dutton glaubt – und folgt in seiner Einschätzung Immanuel Kant –, dass wir über einen angeborenen Instinkt für Kunst, ein Gen für Schönheit oder eine permanente Anpassungsfähigkeit verfügen, die es uns ermöglichen, Künstler und Kunst zu bewundern. Daraus folgt, dass es in der Kultur wichtig ist, zwischen Original und Kopie, Kitsch und Meisterwerk zu unterscheiden. Entscheidend aber ist nach wie vor ein universelles Bedürfnis nach Vergnügen und Genuss. Am Ende sind es nur Kunstschaffende – diese Erbschaftsverwalter großer Erzähler in der Geschichte unserer Menschen-Spezies – die dieses Bedürfnis stillen können. Nur deshalb wünschen wir uns, dass der Schriftsteller an unserer statt „vorausahnen“ möge, was wir zu tun oder zu lassen haben, wenn mit einem jeden Nachrichtenschub eine Katastrophe nach der anderen in unser Zuhause Einzug hält.

 

Zwar ist Houellebecq nach der Spenglerschen Lesart mitnichten ein Optimist. Aber war Spengler angesichts des sich abzeichnenden Weltuntergangs nach dem Ersten Weltkrieg nicht etwa von der außerordentlichen, messianischen Rolle der Deutschen überzeugt? Und lässt der Autor von Serotonin, der so genüsslich die Konzeptkünstler verspottet, nicht doch einige Maler, Fotografen, Schriftsteller gelten, die er für echte Künstler hält?

 

Doch nun zurück zur Diagnose, laut der der Serotoninspiegel sinkt, obwohl nicht bekannt ist, ob damit der Cortisolspiegel erhöht wird: Die postsäkulare Befreiung beschleunigt den Untergang der Gattung, während große Konzerne mit einer Überdosis Zerstörungswut natürliche Ressourcen ausbeuten, die damit für wüste Zustände in der Umwelt sorgen und sich dabei an Menschen wie Zecken festsaugen. Selbst Aristokraten verlieren ihre Vermögen, weil sie gezwungen sind, sich in den Kreislauf der globalen Weltwirtschaft einzureihen.

 

Mit dem Motiv eines alten Freundes aus der Studienzeit, Aymeric, der, selbst ein adeliger Großbauer, bei einem Bauernprotest stirbt, führt uns Houellebecq in Serotonin die Folgen des globalen Kapitalismus vor Augen. Auch Aymeric wird Opfer einer Frau – seiner eigenen Gattin. Diese ist es leid, ihr Geschäft unentwegt zu modernisieren und verrät Aymeric – natürlich, indem sie mit einem Künstler fremdgeht. Dies ist ein paralleler Erzählstrang zur Geschichte des Erzählers, der – auch er von Yuzu mit Vertretern der Bohème (wenn auch nicht nur) verraten – nicht einmal mehr versucht, sein Vermögen zu retten. Stattdessen investiert er es nach allen Regeln des Kapitalismus. Von dieser Logik bezwungen, schlägt er den Weg eines Märtyrers ein. Als Einziger lenkt er die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verzweifelten, die französische Gasthöfe blockieren, um so ihrem Frust über weitere EU-Abkommen Ausdruck zu verleihen. Ich möchte hier hinzufügen, dass es sich dabei um keine Vorahnung der nahenden Gelbwestenbewegung handelt, sondern um eine schlichte Beschreibung dessen, was seit Jahren in vielen Ländern, auch außerhalb der Europäischen Union, zwischen Landwirten und Regierungen vor sich hin brodelt und sich immer dann zuspitzt, wenn die EU eine Debatte über Quoten- und Produktionsregelungen lostreten will.

 

Der Kontostand, der ein Soll aufweist, fügt sich in das katastrophale Bild der misslichen Lage, in der Florent-Claude sich befindet, seitdem er in einer peripher gelegenen Wohnsiedlung für die Armen lebt. Es stellt sich heraus, dass das Soll sich auf etwas mehr als 200 000 Euro beläuft, denn das Leben in einer Wohnsiedlung, die angeblich billiger sei als das Wohnen zur Miete in der Innenstadt, birgt viele versteckte Kosten. Es ist schlicht unmöglich, länger das Leben eines „Rentiers“ zu führen, es sei denn man bewegt sich innerhalb des Systems, will heißen: man nimmt Kredite auf oder lebt in einem Haus, das erneuerbare Energien nutzt. Armut kommt teuer zu stehen – sie verschlingt das gesamte Einkommen der hart arbeitenden Einwanderer. Gut, dass der Schriftsteller dies bemerkt hat, auch wenn er kein alternatives, geschweige denn utopisches Programm anbietet wie es etwa Maria Despentes in Das Leben des Vernon Subutex tut, einer Roman-Trilogie, die mit einer katastrophalen Vision ansetzt. Despentes` Protagonist, ein Obdachloser, reift zum Anführer einer großen Revolte heran, die zwar in der Politik auf eine gewaltsame Abneigung stößt, aber immerhin die Welt verändert. Florent-Claude hingegen schluckt seine Pillen und wartet lediglich das nahende Ende ab.

 

Michel Houellebecq hegt keine Illusionen, was ihm wohl viele Anhänger verschafft. Er sagt uns geradeheraus, dass es schlicht vorbei ist. Dabei glaubt er wohl selbst nicht wirklich, dass das Ende unabwendbar naht. Seine Aussage, er werde mal als Autor einer Vision von der Krise gelesen, entlarvt ihn geradezu.

 

Aber worin besteht eigentlich die Ankündigung einer optimistischeren Lösung als die, der wir am Ende des postapokalyptischen Romans Die Möglichkeit einer Insel begegnen, in dem der Protagonist Daniel25 zwar am Leben bleibt, dieses Leben aber keines ist, das jemand wirklich vermisst? Ich komme noch einmal auf Houellebecqs Rede zum Spengler-Preis, die mit einem Zitat von Dostojewski endet. Es komme darauf an zu begreifen, so beide Schriftsteller, dass die Geschichte, ähnlich wie das menschliche Wesen, nicht vernünftig sei. Die Überzeugung, dass die Geschichte hier eine Rolle zu spielen hat (weil sie zum Beispiel doch nicht tot ist), bezeugt einmal mehr, dass der französische Schriftsteller im Grunde der Tradition der Aufklärung treu bleibt. Das Irrationale am Menschen – am Menschen als dem Zerstörer – hat gelegentlich auch durchaus positive Auswirkungen, auch wenn wir diese nicht sofort erkennen. Vielleicht geht es darum, wie ein Seiltänzer zu sein, der hart an der Sturzgrenze balanciert, aber kurz vor der Selbstzerstörung doch umzukehren weiß? So wie es im Roman Unterwerfung geschieht, dessen Helden es lieber vorziehen zu überleben, anstatt für die Ideen ihrer eigenen Kultur zu kämpfen.

 

Es gibt noch viele weitere Motive, die von Anfang an in Houellebecqs Werk auftauchen und in Serotonin erneut aufgegriffen werden. So etwa die Frage der Tierzucht, der Genetik und der Fürsorge, die Menschen (hier Camille, die Tierärztin) den Haustieren entgegenbringen. Das Letztere ist ein eigenes, großes Thema des zeitgenössischen Romans, denke man etwa an die Prosa des Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee. Bei diesem Thema ist Houellebecq nicht frei von Ironie, besonders wenn er über die Leidenschaft spricht, die Yuzu mit Hunden verschiedener Rassen verbindet. Zugleich aber tritt der Autor als ein feinfühliger Analytiker der Vorrangstellung der Menschen gegenüber der Natur in Erscheinung.

 

Serotonin, vielfach besprochen, spaltet das Lesepublikum in zwei Lager: dem einen fühlen sich Leser zugehörig, die den Roman für eine pessimistische Bestandsaufnahme der Gegenwart halten, den anderen Kreis bilden all diejenigen, die das Buch als blanke Satire betrachten. Das eine schließt das andere nicht aus, denn Leser wollen in der Literatur ihre eigenen Neigungen und Ansichten wiedergespiegelt sehen. Ich selbst bin natürlich für den ironischen und satirischen Tonfall des Schriftstellers empfänglich; ich kann nachvollziehen, auf welche Debatten er anspielt, mit wem und womit er sich dabei auseinandersetzt, von welchen Obsessionen er gesteuert wird, die ihn schon in seinen Vorgänger-Romanen umtreiben. Der von Depressionen geplagte Protagonist kommt mir sehr nahe. Aber geradezu abstoßend wirkt auf mich Houellebecqs etwas in Mode gekommene, evolutionstheoretisch untermauerte Misogynie, die sich in dem Bestreben manifestiert, nach einem nicht existierenden, idealen Frauentyp zu suchen und dabei den Kommunikationsraum in den zwischenmenschlichen Beziehungen strikt abzulehnen. Vor allem aber rufe ich mir in Erinnerung, dass ich einen Roman lese und dass sein Autor immer wieder erklärt, sein eigentliches Ziel sei jenseits jeglichen ideologischen Überbaus zu verorten. Er bemühe sich einfach um eine geeignete literarische Form, um die gegenwärtige, von Krisen geschüttelte Zeit in Worte zu fassen. Houellebecq rechnet hier mit Polemik ebenso wie mit übertriebenem Zuspruch oder gänzlich ausufernder Empörung. Alles gut also, solange ihm keine künstliche Gleichgültigkeit in Form einer Pille verabreicht wird.

 

 

Übersetzt von Marcin Wiatr

 

 

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Inga Iwasiów

Prof. Dr. Inga Iwasiów leitet den Lehrstuhl für Polnische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts an der Universität zu Szczecin, darüber hinaus ist sie Historikerin und Literaturtheoretikerin. Sie ist außerdem als Literaturkritikerin, Publizistin und Autorin von zahlreichen Monographien, Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten tätig.

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