Wem gehört die Geschichte? Breslau als Fallbeispiel

Unter den vielen einschneidenden Veränderungen für die Gesellschaft brachte der Umbruch von 1989/90 auch eine Wiedergeburt des Regionalismus mit sich. Der Begriff des offenen Regionalismus, in dem polnische, deutsche, jüdische und andere Überlieferungen gleichwertig koexistieren, wurde förmlich zu einem geschichtspolitischen Leitmotiv. An vielen Orten in den polnischen West‑ und Nordgebieten setzte sich damit ein neuer Trend durch, der der sozialen Entwicklung starke Impulse verlieh.

 

So entstanden zahlreiche Initiativen zur Wahrung des historischen Erbes und der natürlichen Umwelt der Heimatregionen. Daran beteiligten sich frühere und gegenwärtige Einwohner, die bei der Gelegenheit oft alte Denkblockaden und Vorurteile überwanden. Es konnte der Eindruck entstehen, hier sei nach jahrzehntelangen regierungsoffiziellen Widerständen dieses Erbe dabei, sich in ein gemeinsames europäisches Gut zu verwandeln, gar in eine Grundlage für besonderen Lokalstolz, für eine Art von Verbundenheit mit den vorweggegangenen Generationen. Nur wenige stemmten sich gegen den Trend. Auf deutscher Seite waren dies diejenigen, die auf einer exklusiv deutschen Geschichte eines deutschen Ostens beharrten, die nur unter dem Gesichtspunkt ihres deutschen Nationalcharakters zu betrachten sei und niemandem sonst zur Nutzung und Traditionsbildung zustehe. Auf polnischer Seite gab es einige, wenn auch im damaligen Diskurs nicht besonders lautstarke Positionen, die es nicht für wünschenswert oder überflüssig hielten, sich sonderlich für die Geschichte dieser Gebiete vor 1945 zu interessieren, oder die darin gar ein Symptom neuerlicher Germanisierungsversuche sahen.

 

Auch wenn seither dreißig Jahre vergangen sind, ist deswegen die im Titel gestellt Frage keineswegs banal geworden. Viele werden darauf antworten, die Geschichte gehöre in erster Linie den jetzigen Einwohnern, schließlich würden sie bestimmen, wie diese Regionen heute aussehen, wobei sie auf dem historischen Erbe aufbauen, ungeachtet dessen, ob dieses nun erwünscht sei oder nicht. Doch verhält es sich tatsächlich so? Gehört die Geschichte als Bestandteil des Erbes einer Stadt oder Region ihren jetzigen Einwohnern? Wollen sie Geschichte als abgeschlossene Ganzheit betrachten und zur eigenen geistigen Rüstung benutzen? Aber was ist dann mit der Geschichte ihrer Vorgänger anzufangen? Wie ist diese zu behandeln, wenn es nicht möglich ist, sie ganz zu übernehmen, nicht allein aufgrund der nationalen Unterschiede?

 

Wrocław/Breslau kann in diesem Zusammenhang als Modellfall dienen. Die Odermetropole erlebte in ihrer tausendjährigen Geschichte zahlreiche dramatische Wendungen. Diese Geschichte hatte lichte und dunkle Seiten. Wie sind letztere zu behandeln? Welchen Stellenwert haben sie im historischen Gedächtnis der Breslauer, und welchen sollten sie haben? Das Konzentrationslager im Breslauer Stadtteil Dürrgoy (Tarnogaj) und die historische Erinnerung liefern ein gutes Studienobjekt für den Umgang mit den problematischen Seiten der Geschichte.

 

 

Städtische Geschichtspolitik

Die Idee zu diesem Text kam mir auf einer Reise. Vor einigen Wochen war ich in Berlin. Ich hatte ein Zimmer im Zentrum an der Kurfürstenstraße. Vor dem Eingang zum Hotel befand sich eine Bushaltestelle, die seit 1998 auch als Gedenkort fungiert. Denn an der Stelle des heutigen Hotels stand bis 1945 ein repräsentatives Bauwerk, das bis zu seiner Beschlagnahme dem jüdischen „Brüderverein“ gehört hatte.

 

Fot.: Krzysztof Ruchniewicz

Während des Zweiten Weltkriegs war hier das „Judenreferat“ untergebracht, das eine Abteilung des 1939 eingerichteten Reichssicherheitshauptamts (RSHA) war. Chef des Judenreferats war Adolf Eichmann (1906–1962). In den dreißiger Jahren war dieser mit der „jüdischen Emigration“ zuerst in Wien, anschließend in Berlin befasst. Ab 1941 war er einer der Hauptorganisatoren des Völkermords an den Juden. Er war der geradezu idealtypische Schreibtischtäter. Das Judenreferat übernahm ab 1941 die Organisation der Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten Ländern. Von dort wurden sie in die Ghettos im Osten, seit 1942 in die Vernichtungslager verschleppt.

 

An der Haltestelle gibt es eine Tafel mit Informationen zur Geschichte des Bauwerks, zu dem berüchtigten Referatschef, es gibt Hinweise auf Orte des Völkermords und Fotos aus Eichmanns Prozess in Jerusalem. Das ist zweifellos ein interessantes Beispiel, wie im städtischen Raum mit einer schwierigen Vergangenheit umgegangen werden kann. Es handelt sich um eine bewusste Anwendung von Geschichtspolitik, zusätzlich betont durch die Aufschrift „Never forget“.

 

 

Schwierige Geschichte

Mit den schwierigen Kapiteln seiner Geschichte muss sich auch Breslau auseinandersetzen. Die neue Grenzziehung nach dem Krieg ändert daran nichts. Um wessen Vergangenheit handelt es sich dabei? Die Geschichte der Zeit vor 1945 kann sehr selektiv behandelt werden. Unter dieser Voraussetzung interessieren uns dann nur die netten Anekdoten, die Tatsachen, die uns als Lokalpatrioten mit Stolz erfüllen. Doch was ist mit den Fakten, bei denen es um Gewalt, Leiden und Verbrechen geht, an denen wir selbst keinen Anteil hatten, weder in der Rolle des Opfers noch des Henkers?

 

Selbstverständlich ist bereits viel geschehen, um den Breslauern von heute diese Dinge näherzubringen. Ein Beispiel sind die Gedenktafeln zur Judendeportation oder auch die sogenannten „Stolpersteine“, also metallene Würfel, die im Kopfsteinpflaster eingelassen sind und an einzelne NS-Opfer erinnern. Es sind symbolische Würdigungen von Opfern vorstellbar, die nicht der eigenen Gruppe angehören, wie dies vor Jahren schon die Breslauer Universität für Personen tat, denen die Nationalsozialisten die Doktorwürde aberkannt hatten. Eine andere Möglichkeit ist, Autobiographien von einfachen Menschen zu sammeln und herauszugeben, die in den Sog der entfesselten Geschichte gerieten. Gerade in diesen Tagen gelangt in Polen und Deutschland der zweite Band mit Interviews mit vormaligen deutschen Einwohnern von Breslau in die Buchhandlungen („Breslauer Häuser. Geschichten aus der Vorkriegszeit“), ein Projekt der Journalistin Joanna Mielewczyk. Darin kommen zwölf deutsche Zeitzeugen zu Wort, großenteils Nachkommen früherer Breslauer, die in verschiedenen Teilen der Stadt in Mietshäusern wohnten. Die Geschichte dieser Mietshäuser ist für Mielewczyk der Hintergrund für die Geschichte der Menschen und auch der dunklen Seiten der deutschen und Breslauer Geschichte.

 

Doch immer noch gibt es im Stadtgebiet von Breslau viele Orte, die als Zeugen der NS-Geschichte praktisch vergessen sind. Um sie aufzufinden, sind keine aufwendigen wissenschaftlichen Forschungsprojekte nötig. Der flüchtige Passant geht an ihnen vorbei, ohne sich ihrer wahren Bedeutung bewusst zu sein. Verdienen diese Spuren der Geschichte das Interesse der heutigen Bewohner? Schließlich sind sie kein Teil der polnischen Nationalgeschichte. Sehen wir jedoch die Stadtgeschichte als einen bestimmten Bezugsrahmen, interessiert uns dabei nicht eine bestimmte nationale, eine polnische, deutsche oder andere Perspektive, sondern uns interessiert, inwiefern wir darin die allgemeinmenschliche Erfahrung in ihrem zeitlichen Wandel wiederfinden können.

 

Das Konzentrationslager von Dürrgoy (Tarnogaj)

Dieses zu den kleineren seiner Art gehörende Konzentrationslager in Breslau entstand bereits am 28. April 1933 auf dem Gelände der Düngerfabrik „Silesia“ an der heutigen Bardzka-Straße (vormals Strehlener Chaussee). Es war bis zum 10. August desselben Jahres in Betrieb. Es war eine Einrichtung zur Isolierung von politischen Regimegegnern, euphemistisch bezeichnet als „Vorbeugearrest“. Nach dem Reichstagsbrand gab es in Deutschland Massenverhaftungen, darunter auch in Breslau und ganz Schlesien; Zielgruppen waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten. Zu Anfang wurden die Verhafteten im Gefängnis an der heutigen Łąkowa-Straße (damals Am Anger) untergebracht, dessen Kapazitäten jedoch bald nicht mehr ausreichten. Am 10. April 1933 gab es eine weitere Verhaftungswelle mir über 200 Verhafteten, für deren Unterbringung ein neuer Ort gefunden werden musste.

 

Der neue Polizeipräsident, SA-Obergruppenführer Edmund Heines, wurde mit der Organisation des Lagers betraut. Er erledigte sich des Auftrags mit großem Eifer und betrachtete das Ergebnis als sein „Privatlager“, in dem er auch seine persönlichen Feinde unterbrachte.

Die Gefangenen mussten das Lager selbst bauen. Keimzelle waren sechs alte Wellblechbaracken. Darin waren im Ersten Weltkrieg französische Kriegsgefangene untergebracht, später hatte sie die Düngerfabrik als Magazin benutzt. Die Gefangenen bauten darum einen Stacheldrahtzaun, der unter Strom gesetzt wurde. Schnell entstanden zusätzliche Baracken mit achtzig zweietagigen Pritschen. Die Gefangenen schliefen auf Strohsäcken. Die Baracken waren fensterlos, die Dächer leckten, die Türen schlossen nicht dicht. Von irgendwelchen sanitären Einrichtungen konnte keine Rede sein. Die Wachmannschaft hatte eine eigene Baracke. Eines der Objekte diente gleichzeitig als Latrine, Waschkau, Lager und Küche.

 

In dem Lager saßen mehrere hundert Personen ein; zum Zeitpunkt seiner Auflösung gab es 424 Gefangene. Zu den Insassen zählten etliche prominente Repräsentanten der Weimarer Republik, darunter Bürgermeister, Polizeipräsidenten, Angehörige von Parteivorständen und Landräte. Die bekanntesten Gefangenen waren Reichstagspräsident Paul Löbe und Hermann Lüdemann, Oberpräsident der Provinz Niederschlesien.

 

Was in dem Lager vor sich ging, blieb in der Umgebung kein Geheimnis. Die Lokalpresse berichtete darüber in langen Artikeln, die gar mit Fotos versehen waren. Das diente der Abschreckung der Regimegegner in Stadt und Region. Andererseits richtete sich die Propaganda auch an die Nazis selbst, um entschlossenes Vorgehen und die „Erfüllung von Versprechen“ zu demonstrieren. In der Tat verbreitete der Ort Angst und Schrecken. Walter Tausk, ein jüdischer Unternehmer, hielt Ende August 1933 in seinem Tagebuch fest: „Breslau bekam also auch sein ,Lager Dürrgoy‘, ein ehemaliges Lager kriegsgefangener Franzosen aus dem Weltkrieg, in dem lediglich die drei Wellblechbaracken stehengeblieben waren mit anderweitiger Verwendung. Nun wurde von ehemaligen Kriegsgefangenen dieses Lager wiederhergestellt, wobei diese betreffenden Leute alle selbstgesammelten Erfahrungen bezüglich der Umzäunungen und anderen Einrichtung verwenden konnten und mußten, und dann wurde […] das Lager erstmalig belegt. Es kamen etwa hundertzwanzig Mann hinein, und die Zeitungen überboten sich in langen Berichten: als zöge ein Zirkus in die Stadt mit lauter wilden Tieren, oder als hätten wir wirklich Krieg, und man brächte eine Musterkarte, von gefangenen Farbigen oder russischen Typen einhergeführt. […] Den Anblick vergesse ich nicht, er sollte der Nachwelt erhalten werden“ (Tausk, S. 106f.).

 

Wenige Absätze darauf heißt es: „Dann pilgerte ich an einem warmen Sonntagabend gegen fünf Uhr mal raus, um mir die bis dahin völlig unbekannte Gegend an der Strehlener Chaussee anzusehen. Ich ging gemächlich und war nach fünfundvierzig Minuten vor dem Konzentrationslager angelangt, um nicht vorbeizugehen, sondern bald wieder kehrtzumachen. Was ich sah, inmitten eines prachtvollen Sommersonntags, war kümmerlich. Das Lager sah aus wie ein ,Schützengraben in der Hauptstellung‘: ein Drahtverhau, als läge man vor Verdun. An der Chaussee und hinter dem Tor ein Haufen von Polizei und SA-Leuten, mit Karabinern und Revolvern, Wache stehend, aber dabei den Sonntag genießend. Drei alte Wellblechbaracken gleich vorn zur Linken in einer Reihe und im Hintergrund dieses ,Käfigs‘, der viel zu dunkel war, eine Wolke von grauem Zeug: die Gefangenen, die sich ausruhten oder eventuell ,Belehrung‘ hatten“ (Tausk, S. 108).

 

Die Nazis ließen die Gefangen auch im „Triumphzug“ unter musikalischer Begleitung mitten durch die Stadt marschieren. Auch dies diente Propagandazwecken und war daneben eine Form von Volksbelustigung. Die Gefangenen wurden öffentlich gedemütigt. Diese Vorführungen waren als Märsche der Schande gedacht, im Sinne der in der europäischen Zivilisation längst aufgegebenen Praxis, ergriffene Missetäter einer geifernden Öffentlichkeit zur Schau zu stellen.

 

Erster Lagerkommandant war SA-Sturmbannführer Heinze, ab Juli 1933 folgte auf ihn SA-Standartenführer Rohde. Die Lebensmittel im Lager wurden streng rationiert. Die Tagesration umfasste kaum 200 Gramm Brot, etwas Marmelade und Kunsthonig, manchmal ein kleines Stück Wurst. Die Gefangenen mussten neun bis zwölf Stunden am Tag arbeiten. Nachmittags erhielten sie eine Mahlzeit an ihrem Arbeitsplatz in Gestalt einer dünnen Suppe. Zum Abendessen bekamen die Gefangenen Getreidekaffee und die restliche Suppe vom Mittagessen.

 

Die Gefangenen wurden zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt. Zuerst waren sie beim Bau des Lagers beschäftigt, daraufhin außerhalb des Lagers auf verschiedenen Baustellen. Feste Arbeitszeiten gab es nicht. Das Wecken geschah oft um drei Uhr morgens. Sonntags war frei, doch die Insassen mussten ihre Wäsche waschen und Leibesübungen ausführen. Innerhalb des Lagers wurde ohne jede Hemmung körperliche Gewalt angewandt. Schlagen und Auspeitschen gehörten zum Alltag der Gefangenen. Daneben gab es weitere Formen körperlicher Tortur, etwa stundenlanges Habachtstehen oder sogenannte „Feueralarme“. Dabei handelte es sich lediglich um weitere erschöpfende Sportübungen. Nächstens wurde „Hasenjagd“ veranstaltet, wobei auf Gefangene geschossen wurde, die man zwang, einen Ausbruchsversuch zu unternehmen. Schließlich waren die Verhöre berüchtigt, die unter der Bezeichnung „zur besonderen Vernehmung“ bekannt wurden. Einzelne Gefangene wurden in das „Braune Haus“, den Parteisitz an der Bischofsstraße 13 (heute ul. Biskupia) gebracht, wo sie ebenfalls gefoltert wurden. So erinnerte sich Paul Löbe an seine Zeit im Lager: „In der Nacht kamen uniformierte Verbrecher, stießen einzelne Gefangene mit ihren Stiefeln wach und trieben sie hinaus. Man hörte diese in der ,Sanitätsbaracke‘ unter Schlägen schreien und wimmern, bis sie ohnmächtig herausgeschleppt und mit dem Kopf in die Regentonne gesteckt wurden, damit sie wieder zu sich kamen“ (Löbe, S. 226).

 

Nach einer durch Beschwerden von Familienangehörigen der Gefangenen bewirkten Inspektion wurde das Lager am 10. August 1933 aufgelöst. Das Regime befand sich zu diesem Zeitpunkt im Übergang von der Phase spontaner Verfolgungsmaßnahmen zur regulierten, systematischen Gewaltanwendung. Ein Teil der Gefangenen wurde in die Emslandlager nahe der niederländischen Grenze überführt, die übrigen im Polizeipräsidium von Breslau eingesperrt und im Verlauf der nächsten Monate freigelassen.

 

Der Lagerort heute

Dort, wo sich früher einmal das Lager befand, erinnert heute nichts mehr daran. Ein entsprechendes Gedenken befindet sich nicht einmal in der Planungsphase. Auch ist über die Lagergeschichte so gut wie nichts bekannt: Beispielsweise fehlt auf der in seinem Geburtsort Legnica/Liegnitz befindlichen Gedenktafel für Paul Löbe jeder Hinweis auf dessen Gefangenschaft in Dürrgoy.

Sollte dieser Zustand der Dinge korrigiert werden? Aus meiner Sicht ja, und zwar aus verschiedenen Gründen. Es handelt sich um eine Episode aus der Stadtgeschichte ebenso wie um einen Aspekt von Aufbau und Vorgehensweise eines totalitären Regimes, der als solcher der Universalgeschichte angehört. Daher sollte dieser Erinnerungsort auf der historischen Karte der niederschlesischen Metropole wieder sichtbar gemacht werden. Wie sollte das geschehen? Die übliche Gedenktafel würde dem Zweck nicht gerecht. Es gäbe dafür übrigens auch keine geeignete Stelle. Vielleicht ließe sich das Berliner Beispiel als Vorbild nehmen?

 

Fot.: Krzysztof Ruchniewicz

In der Nähe des Ortes, an dem sich das Lager befand, befindet sich eine überdachte Bushaltestelle, gegenüber dem Friedhof an der Bardzka-Straße. Es wäre kein hoher Kostenaufwand, für diese Haltestelle eine Informationstafel zu erstellen. Auch praktisch wäre das leicht zu machen. Die Öffentlichkeit würde auf eine solche Informationstafel sicher stärker reagieren als auf eine konventionelle Gedenktafel am Ort des Konzentrationslagers.

 

Wie ist die im Titel gestellte Frage zu beantworten? Vielleicht ist sie auch schlecht gestellt? Kann sie vielleicht Zweifel daran nähren, wer zur Zeit das Sagen hat, was im öffentlichen Raum in der Stadt geschehen soll? Wenn wir jedoch die Breslauer selbst als diejenigen sehen, die über die symbolischen Repräsentationen entscheiden und sie kreieren, also die heutigen Einwohner, dann ist das Gedenken an eines der ersten NS-Konzentrationslager in Schlesien auch ihre Pflicht. Dessen Sinn kann nämlich sein, etwas von den Begleiterscheinungen einer Politik des Hasses gegen als Fremde oder Regimefeinde definierte Menschen zu vermitteln. Das Lager in Breslau gehörte zu den ersten von den Nazis in Deutschland eingerichteten Lagern. Während seines kurzen Bestehens zeigte es alle Charakteristika, die später die großen Konzentrationslager kennzeichneten: Baracken, stromführende Stacheldrahtumzäunung, Zwangsarbeit, Hunger und Angst, gezielt eingesetzte Grausamkeiten und Verfahren, die gegen alle rechtlichen und menschlichen Normen verstießen. Besonders wichtig ist, dass die eigenen Mitbürger und Landsleute ohne Bedenken solchen Verfolgungen ausgesetzt wurden, und eine hinreichende Begründung dafür war, ihre politische Haltung ideologisch zu bewerten und den politischen Willen über das Recht zu setzen. Hier sind die Anfänge des späteren Völkermords zu beobachten.

 

Für diesen Text herangezogene Literatur:

Andrea Rudorff: Breslau Dürrgoy, in: Wolfgang Benz/ Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 2: Frühe Lager, Dachau, Emslandlager, München 2005, S. 83–86

dies.: „Privatlager“ des Polizeipräsidenten mit prominenten Häftlingen. Das Konzentrationslager Breslau-Dürrgoy, in: Wolfgang Benz/ Barbara Distel (Hg.): Instrumentarium der Macht. Frühe Konzentrationslager 1933–1937, Berlin 2003, S. 147–170

 

Zitate aus:

Paul Löbe: Der Weg war lang. Erinnerungen, Berlin 1954

Walter Tausk: Breslauer Tagebuch (1933–1940), Berlin 1988

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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